Berlinale 2006: Filmempfehlungen aus den Sektionen

 

Panorama

 

In einer Auswahl an insgesamt eher mittelmäßigen Filmen in der Panorama-Sektion der diesjährigen Berliner Filmfestspiele, stechen natürlich besonders die wenigen ungewöhnlichen hervor. Einer von ihnen ist Forgiveness (Melichot) des israelischen Filmemachers Udi Aloni. Er erzählt die Geschichte des amerikanisch-israelischen David Adler, der auf der Suche nach der eigenen Identität freiwillig beim israelischen Militär Dienst ableistet. Während eines Einsatzes erschießt er ein kleines palästinensisches Mädchen und landet traumatisiert in einer Nervenheilanstalt. Der Film verhandelt vielschichtig die komplexen Emotionen und Gedanken einer neuen Generation von Israelis, die sich in einem beständigen Dazwischen zu befinden scheinen: zwischen Kriegszustand und exstatischem Partyleben, zu Hause in der Welt und im eigenen Staat und dennoch auf der Suche nach eigener Identität, Söhne von Holocaust-Überlebenden, die schwer bewaffnet in Palästinensergebieten kontrollieren und in Kauf nehmen müssen, ein unschuldiges Mädchen zu töten. Dabei verweigert sich Aloni einer realistischen Herangehensweise an das Thema. Er verbindet Davids Realität mit einer mythischen Geisterwelt, in der es allein ihm möglich scheint, sich selber zu vergeben, vereint Vergangenheit mit Gegenwart und zeigt mögliche Konsequenzen in der Zukunft auf.

Um Gerechtigkeit geht es in dem australischen Western The Proposition. Sänger Nick Cave schrieb das Drehbuch und die Musik zu dieser Geschichte über die filmisch bislang kaum betrachtete Zeit der Kolonialisierung des fünften Kontinents. In der kargen Landschaft des australischen Outbacks im ausgehenden 19. Jahrhundert, bemüht sich der britische Captain Stanley (Ray Winstone) um Gesetz und Ordnung. Als er eines Tages Charlie (Guy Pearce) und seinen 14jährigen Bruder Mikey, Mitglieder der berüchtigten Burns-Gang, schnappt, macht Stanley Charlie ein Angebot: er soll seinen brutalen älteren Bruder Arthur (Danny Huston) töten und rette somit seinen jüngeren Bruder Mikey vor dem unmittelbaren Tod. Regisseur John Hillcoat stellt nicht einfach Gut und Böse gegeneinander, sondern zeigt die Grauzonen menschlicher Existenz, zeigt die Abhängigkeit von einer unerbittlichen Natur und den Versuch, die unbarmherzige Landschaft nach europäischem Vorbild zu domestizieren. Gegen die Landschaftsaufnahmen schneidet er Großaufnahamen der Gesichter der Menschen, gezeichnet von der harten Arbeit, der Angst vor Überfällen und Tod.

Ruhig und still erzählt der indische Regisseur Buddhadep Dasgupta in Memories in the Mist (Kaalpurush) über und aus der Perspektive von Ashwini und seinem Sohn Sumanta, zwei Männern der indischen Mittelklasse, deren Lebensgeschichten sich ähneln. Beide sind verheiratet mit Frauen, die sie zwar lieben, deren Ansprüchen sie aber nicht gerecht werden können. Unfähig, mit ihnen zu kommunizieren, erleben sie den Zusammenbruch ihrer Ehe- und Familiensituation. Unaufdringlich, mit einfachen visuellen Kommentaren, verwebt Dasgupta verschiedene Themenkreise, weist zum Beispiel darauf hin, dass der soziale Druck, der durch die Flut an Bildern schöner, reicher und erfolgreicher Menschen auf Werbeplakaten und in Bollywood-Filmen auf die einfachen Bürger ausgeübt wird, droht, das Mitgefühl gegenüber anderen zu zerstören.

Um Bilder und den Druck, ihnen zu entsprechen, geht es auch in Nachbeben der Schweizerin Stina Werenfels. Mit beißendem Humor erzählt sie die Geschichte von Hans-Peter (Michael Neuenschwander), dem erfolgreichen Investmentbanker, der zum Grillabend in seine luxuriöse Villa lädt. Dabei hat er eigentlich nur ein Ziel: seinen Chef und gleichzeitig besten Freund zu überzeugen, einen Deal abzusegnen. Tut er dies nicht, steht der Banker vor dem Ruin. Sein Haus steht bereits zum Verkauf. Zwar kann die Katastrophe zunächst abgewendet werden, doch dann folgt das Nachbeben. Ein hervorragendes Schauspielerensemble - fast alle auch in Deutschland bekannte Theaterdarsteller - spielt mit offensichtlicher Freude am guten Drehbuch. Werenfels seziert mit feinem Gespür für entlarvende Dialoge diese Gesellschaft egozentrischer Enddreißiger und erinnert dabei ein bisschen an Woody Allen, wenngleich sie ihren Figuren gnadenlos die Masken vom Gesicht reißt und in ihrem verantwortungslosen Egoismus bloßstellt.

 

 

Perspektive Deutsches Kino

 

Kurz nach der Abschlussfeier, bevor die Wege der Abiturienten sich verzweigen, wirft Dietrich Brüggemanns Spielfilmdebüt Neun Szenen mit meist unerbittlich starrer Kamera einen schwarzhumorigen, peinlich entblößenden Blick auf die Familien- und Liebesbande der beiden Schulkameraden Rudi und Magdalena. In scharfsinnig konstruierten Dialogen und neun fein austarierten Plansequenzen holt Brüggemann aus der schon so oft im Film thematisierten Abitursituation einen kritisch-augenzwinkernden Generationenkonflikt heraus.

Bericht der kompletten Reihe

 

 

Forum

 

Das Forum setzt auch dieses Jahr den Schwerpunkt auf Erstlingswerke und Zweitfilme junger Regisseure. Außerdem werden Werke von Filmemachern gezeigt, die bereits öfter im Programm vertreten waren wie Chantal Ackerman, James Benning und Shion Sogo. Zusätzlich präsentiert das Forum eine kleine Retrospektive des japanischen Genreregisseurs Nobuo Nakagawa.

Die europäischen Forumsfilme sind äußerst heterogen, sowohl inhaltlich als auch qualitativ. Empfehlenswert ist unter anderem das Werk des Belgiers Patrick Carpentier. Combat beschäftigt sich auf experimentelle Weise mit der ambivalenten Beziehung zweier Männer. Tief in den Wäldern tragen die beiden einen Kampf aus, der sie in einem ständigen Wechselspiel aus Zärtlichkeit und Gewalt mit tief sitzenden Ängsten und Sehnsüchten konfrontiert. In düsteren und atmosphärischen Bildern beobachtet Patrick Carpentier die körperlichen Auseinandersetzungen seiner Protagonisten und kombiniert sie mit einer flüsternden, persönliche Ereignisse rekapitulierenden Stimme aus dem Off. Zudem liefert Combat den höchst seltenen Beweis, dass man das Medium Video nicht nur dokumentarisch nutzen kann, sondern sehr wohl auch ästhetisch.

Auch das asiatische Kino ist dieses Jahr wieder mit vielen sehenswerten Werken vertreten. Vor allem der komplexe chinesische Beitrag Before Born (Jie guo) sticht hervor. In einem nahezu menschenleeren Badeort begeben sich ein Mann und eine Frau aus unbekannten Beweggründen auf die Suche nach dem geheimnisvollen Li Chonggao. Before Born beginnt wie ein Krimi, jedoch lässt Regisseur Ming Zhang schnell sämtliche Spannungselemente ins Leere laufen, um sich der undurchschaubaren Beziehung seiner beiden Figuren zu widmen. Mitten im Film unterbricht Zhang die Suche seiner schweigsamen Protagonisten, nur um dieselbe Geschichte in Form einer Variation zu wiederholen. Durch seine Zerstörung des Zeitkontinuums thematisiert der Film die scheinbar endlose Wiederholung menschlichen Begehrens.

Während die beiden koreanischen Forumsbeiträge Peter Pan Formula (Peterpan-eui gongsik) und Host and Guest (Bangmunja) wenig inspiriert erscheinen, überrascht das Erstlingswerk einer Exilkoreanerin durch emotionale Tiefe. Amie verliebt sich in ihren besten Freund Tran, der ihre Gefühle zumindest manchmal zu erwidern scheint. Dennoch finden die beiden nicht zueinander. In wunderschönen Bildern erzählt die in Korea geborene und 1979 in die USA immigrierte So Yong Kim eine autobiographisch gefärbte Geschichte. Wie ein Großteil des Forumsprogramms mit digitaler Technik produziert, ist In Between Days ein sehr intensives Portät zweier junger Menschen, die man nach dem Verlassen des Kinosaals nicht so bald wieder vergisst.

Das Dokumentarfilmprogramm des Forums ist sehr umfangreich und bietet viele explizit politische Werke. Es sind jedoch vor allem die persönlicheren, leiseren Filme, die überzeugen können. Nach zwanzig Jahren kehrt der deutsch-türkische Regisseur Thomas Arslan (Dealer) für seine Dokumentation Aus der Ferne in das Land seiner Eltern zurück. Seine Reise führt ihn von Istanbul bis an die Grenze zum Iran und zeichnet ein landschaftlich und sozial vielschichtiges Bild der Türkei. Durch den fast vollständigen Verzicht auf Musik und belehrende Kommentare aus dem Off kann der Zuschauer das Land vor allem durch Bilder erfahren, in denen Arslan fast beiläufig Momente des türkischen Alltags einfängt.

Viele Dokumentationen des diesjährigen Forums behandeln kulturelle Spannungen. Besonders gelungen erscheint der Beitrag der in Japan lebenden Koreanerin Yang Yong-hi. Der sehr persönliche Dokumentarfilm Dear Pyongyang porträtiert den Vater der Regisseurin, einen in Japan lebenden Koreaner, der seine Loyalität zum totalitären nordkoreanischen Staat Zeit seines Lebens nie in Frage stellte. Mit ihrer Kamera verfolgt Yang Yong-hi die zwischen zwei Kulturen lebende Familie auf mehreren Reisen nach Pjöngjang. Es sind vor allem die Bilder aus dem dämonisierten, jedoch hierzulande kaum sichtbaren Nordkorea, die Dear Pyongyang zu einem herausragenden Filmerlebnis machen.

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