Berlinale 2006: Der Wettbewerb

Wer hätte gedacht, dass man einmal ohne rot zu werden behaupten könne, gleich drei deutsche Filme hätten zu den aufsehenerregendsten und besten des Berlinale-Wettbewerbs gehört?

Zu Recht am umstrittensten war sicherlich Matthias Glasners Der freie Wille. Der Film über einen Vergewaltiger ließ viel Freiraum für Eigeninterpretation – zu viel für manchen. Die Kamera nimmt weder die Perspektive der Opfer, noch des Täters ein. Das Drehbuch entwickelt auch keine Dramaturgie, die zielstrebig auf ein zwangsläufiges Ende hinsteuert. In den beinahe drei, zum Glück oftmals quälenden, Stunden, die eine reine Konsumentenhaltung verunmöglichen, scheinen sich vor den Protagonisten oftmals Weggabelungen aufzutun und ihre Entscheidungen sind genauso frei wie zwanghaft, aber was sich gerade Bahn bricht, ist nie vorhersehbar. Über die weibliche Hauptfigur erfährt man über Andeutungen hinaus nicht viel, was die Projektionsfläche umso größer macht. So entwickelt Glasner parallel die Geschichte zweier Personen, die Probleme mit dem eigenen und dem anderen Geschlecht haben, mit Körperlichkeit und Aggression. Das Problem, die Krankheit des Vergewaltigers ist dabei konkret, die Ursachen der Psychose der weiblichen Hauptfigur mit Borderline-Ähnlichkeiten bleiben abstrakt.

Ebenso einfühlsam und unaufdringlich arrangiert Hans-Christian Schmid seine weibliche Hauptfigur in Requiem. Michaela ist ebenfalls psychisch gestört, die Gründe – ein anachronistisches, erzkatholisches Umfeld, eine tyrannische Mutter und die sozialen wie körperlichen Schwierigkeiten infolge einer Epilepsie-Erkrankung werden angedeutet, aber nicht als herkömmliches Erklärungsmuster missbraucht. Diese Totenmesse beklagt vielmehr die Unfähigkeit des Umfeldes der Kranken zu helfen, sowie deren eigenen Unwillen, sich helfen zu lassen. So entzieht sich auch dieser deutsche Film einfachen Schuldzuweisungen und öffnet seinen Kontext ins Algemeingültige.

Den vielleicht überraschendsten Beitrag des Wettbewerbs stellte Valeska Grisebachs Sehnsucht dar. Mit Teleoptik und der entsprechend reduzierten Tiefenschärfe fängt sie die Laiendarsteller ein, als handele es sich um einen Dokumentarfilm. An anderen Stellen, wenn sich die Protagonistin verbal entblößt und später, wenn die Geschichte zu einem dramatischen Höhepunkt gelangt, wird das Drehbuch offenbar und wirkt dennoch nicht konstruiert. Angeregt wurde auf der Berlinale darüber debattiert, ob die Dialoge authentisch oder aufgesetzt wirken.

Oskar Roehlers Elementarteilchen sorgte schon alleine durch seine deutschen Stars für Aufmerksamkeit. Zwar überrascht seine konservative Inszenierung vielleicht nicht, wenn man um die Produktionsbedingungen weiß, erwartungsvolle Kenner Roehlers bisheriger Filme und Michel Houellebeqs Romane werden aber zuhauf enttäuscht. Die positive Überraschung in der Adaption von Houellebeqs Roman ist die Glaubhaftigkeit Moritz Bleibtreus als Loser. Im Gegensatz zu seiner Verkörperung eines sexhungrigen verklemmten Bibliothekars in Roehlers letztem Film Agnes und seine Brüder wirkt er in der Rolle des knapp 40jährigen Bruno nicht mehr gegen den Strich besetzt. Bleibtreu und Martina Gedecks Darstellung als einer aus der Verzweiflung heraus befreiten Frau sind die starken Momente des viel zu braven Films zu verdanken.

Aus der internationalen Szene ließen sich in diesem Jahr wieder viele alte Bekannte in der Bundeshauptstadt blicken. Michael Winterbottom war bereits zum fünften Mal im Wettbewerb vertreten, vor drei Jahren hatte er für In this World den goldenen Bären erhalten. Auch dieses Jahr trat er mit einem Dokudrama an. Dieses Sujet, von den deutschen Filmemachern Heinrich Breloer und Horst Königstein in Projekten wie Das Todesspiel (1997), Die Manns (2001), sowie Speer und Er (2005) voran- und wahrscheinlich bereits auf die Spitze getrieben, wirkt in The Road to Guantanamo wenig überzeugend eingesetzt. Ohne Zwischenfragen schildert eine Gruppe Pakistani-Briten ihre Erlebnisse in Kabul, Kandahar und Guantanamo Bay. Die starren Intervieweinstellungen sind mit Spielszenen, sogenanntem Reenactment, unterschnitten. Der Film ist in seiner politischen Haltung derart eindeutig und unkritisch, dass er jegliches Mobilisierungspotential verspielt. Dass Guantanamo Bay eine mehr als problematische Einrichtung ist, war uns auch ohne diesen Film klar. Die allgemeine USA-Feindlichkeit übertrifft allerdings gar den Enthusiasmus linksradikaler Protestbewegungen zu Zeiten der Irak- und Afghanistankriege. Die Berliner Jury lernte jedoch nicht aus Michael Moores Triumph 2004 in Cannes mit Fahrenheit 9/11 und zeichnete den tumben undifferenzierten Politdokureißer mit dem silbernen Bären für die beste Regie aus.

Der damalige Fernsehregisseur Sidney Lumet hatte 1957 mit seinem ersten Kinofilm Die 12 Geschworenen (12 Angry Men) den Silbernen Bären gewonnen. Fast ein halbes Jahrhundert später führte der Meister des Justizfilms nun seinen wiederum im Gericht angesiedelten Film Find Me Guilty mit Vin Diesel in der Rolle eines gleichzeitig zurückgebliebenen und gewitzten Mafiosi vor. Wenn Matthew Bright 2002 beim Londoner Filmfestival über seinen Ted Bundy sagte, dies sei der erste Pro-Todesstrafe-Film, dann bleibt von Find Me Guilty nur der gleichfalls irritierende Eindruck, Altmeister Lumet habe hier die erste Pro-Mafia-Komödie gedreht. Ein Staatsanwalt, die unsympathischste Figur des Films, bringt es während eines Wutanfalls auf den Punkt: die Angeklagten sind Drogenhändler, Zuhälter, Diebe und bringen ganz nebenbei ab und zu auch mal Leute um. Doch alles, was der Staatsanwalt erntet, ist Gelächter. Die Sympathien gelten den Gangstern, allen voran Vin Diesels Jackie, der es dann auch schafft, dass alle, zur großen Freude, freigelassen werden. Am Ende ist dieses Riesenbaby, von den Zellengenossen gefeiert, glücklich: Sie lieben ihn. Der Abspann belobigt dann noch einmal Jackies unkooperatives Verhalten, seine gesamte Haft lang, der Staatsanwaltschaft gegenüber. Es lebe die Gangstersolidarität!

Alte Bekannte der Berliner Filmfestspiele sind auch Robert Altman und Claude Chabrol. Beide verschreiben sich in ihren aktuellen Filmen dem Humor und dem Alltäglichen. In A Prairie Home Companion hat Altman fast in Echtzeit eine besondere Live-Radioaufzeichnung der erfolgreichsten amerikanischen Radiosendung inszeniert. Die letzte Sendung vor dessen Einstellung wird von anekdotenhaften, mehr oder weniger belanglosen Szenen begleitet, die die fiktionalisierte Interaktion der Musiker hinter der Bühne zeigen. In seiner romantisierenden Darstellung der Country-Musik und dessen Machern wirkt A Prairie Home Companion wie eine Fan-Huldigung ohne Story, bemerkenswert ist dabei, dass Altman selbst die Sendung vor Dreh kaum kannte, weshalb umso unverständlicher ist, wieso er sich dem handlungsarmen Drehbuch annahm. Eine Antwort darauf gab er auf der Pressekonferenz: Seine Frau habe ihm versichert, in den USA gäbe es dafür ein Publikum.

Chabrols Staatsaffären (L’ivresse du pouvoir) huldigt wiederum dem zynischen Pariser Humor. Isabelle Huppert darf sich in der Rolle einer blasierten Staatsanwältin daran versuchen, die Korruptionszusammenhänge von Wirtschaft und Regierung aufzudecken. Der Spaß, den sie beim Hochnehmen jedes einzelnen Mannes zu haben scheint, überträgt sich auch auf den Zuschauer. Chabrols Konzept, die Alltäglichkeit der Veruntreuung von Steuergeldern durch den Verzicht auf Suspense und dramaturgische Höhen zu spiegeln, geht jedoch leider nicht vollends auf, weil er zugleich an Pointiertheit und Schärfe einbüßt.

Ernsthafter, aber filmisch noch konventioneller und stilloser als Sidney Lumet in Find Me Guilty beschäftigte sich Michele Placidos Crime Novel (Romanzo Criminale) mit einer Verbrecherorganisation. Drei Vorstadt-Straßen-Kleinkriminelle mausern sich zu den Köpfen einer ungewöhnlichen Verbrecherorganisation, die Italiens Hauptstadt in Angst und Schrecken versetzt. Als erster muss der Jähzornige dran glauben. Just in diesem Augenblick wollte sein bester Freund, der scheinbar nie an den verbrecherischen Machenschaften beteiligt ist und vor lauter Liebe offenbar keiner Fliege was zu Leide tun kann, die Organisation verlassen. Nun muss er nicht nur die Führung des Unternehmens übernehmen, sondern auch noch Rache üben und dabei eigenhändig anpacken. Das klingt nicht nur nach Sonny und Michael, das ist tatsächlich italienischer Westentaschen-Aufguss von Coppolas Paten-Trilogie. Auch alle anderen amerikanischen Gangster- und Mafiafilme scheint Placido gesehen zu haben, von seinen europäischen Kollegen und nationalen Kollegen wie Francesco Rosi hat er jedenfalls nichts gelernt. Zu schematisch und eintönig lenkt er seine Geschichte in die Sackgasse eines öden Unterhaltungskinos.

Unterhaltend zu sein, das kann man dem thailändischen Beitrag Invisible Waves nun wirklich nicht vorhalten. Die Geschichte um einen Killer auf Reisen kann trotz Christopher Doyles Kameraarbeit keine erinnerungskompatiblen Bilder schaffen. Ganz im Gegensatz dazu stand der iranische Wettbewerbsbeitrag It’s Winter (Zemestan), dessen Kraft allein aus der visuellen Umsetzung der Motive des Ab- und Anreisens und des Flüchtenwollens aus der trostlosen Landschaft strömt. Wie in wenig anderen Filmen der 56. Edition des Filmfestivals werden die Dialoge fast überflüssig. Im zweiten iranischen Film des Wettbewerbs, Offside, wird die gesellschaftliche Misere, in der Frauen im Iran leben, überraschend leichtfüßig, gar fröhlich, dargestellt. Der Film behandelt die Schwierigkeiten von fußballliebenden jungen Mädchen, denen aufgrund ihres Geschlechts der Eintritt ins Stadion verwehrt bleibt. Explizit und unaufdringlich verhandelt er die Diskriminierung von Frauen und die Angst der Militärdienst leistenden Soldaten gegenüber ihren Vorgesetzten.

Einen vor allem wegen seiner Ausstattung, der Lichtsetzung und Kameraführung in Erinnerung bleibender Film stellte der chinesische Isabella dar, der vom Finden und Verlieren des eigenen Vaters und der Autoritätslosigkeit der Polizei in Macao handelt. Grbavica, eine Koproduktion aus Österreich, Bosnien-Herzegowina, Deutschland und Kroatien, portraitiert wiederum in teilweise elegischen Bildern das Verhältnis einer Mutter zu ihrer erwachsen werdenden Tochter, die sich in der Gewissheit um den heldenhaften Tod ihres Vaters wähnt.

Der von Barbara Albert co-geschriebene Slumming inszeniert Gesellschaftskritik durch die Fokussierung auf einen Obdachlosen, eine einfache Grundschullehrerin und einen Rebellen mit reichen Eltern. Michael Glawoggers Spielfilm variiert unterhaltsam die bekannten Beobachtungen einer kaputten Gesellschaft, wie man sie bereits im radikaleren Struggle, ebenfalls von Albert co-geschrieben, verfolgen konnte. Einen disparateren Eindruck hinterließ der dänische En Soap, der die beginnende Freundschaft einer einsamen Transsexuellen und einer einsamen Heterosexuellen zum Thema hat. Das Kennenlernen und die Beziehung der zwei Nachbarinnen wird schlicht erzählt und mit vielen Nuancen dargestellt. Die simple narrative Ebene wird jedoch in Kapitel unterteilt und ergänzt durch nach „Konzept“ schreienden Einschüben eines allwissenden Erzählers, angelehnt an Lars von Triers Dogville und Manderlay.

Eine wesentlich konventionellere Liebesgeschichte erzählte der australische Beitrag Candy, in dem Heath Leadger und Abbie Cornish ein voneinander und von Drogen abhängiges Paar spielen. Von der Berlinale selbst mit finanziert und später auch noch ausgezeichnet worden (!) ist der argentinische Beitrag El Custodio. Wie Homo Faber begleitet man den Leibwächter Ruben in seinem leidenschaftslosen, quälenden, repetititiven Alltag ohne Höhepunkte. Dies kann man gleichzeitig als gelungenes Filmkonzept und ab einem gewissen Punkt ermüdend empfinden.

Snow Cake hatte einen verheißungslosen Aufgalopp zu den 56. Filmfestspielen gegeben. Nach einem überzeugenden Beginn hatte die Geschichte um einen entlassenen Vigilante-Mörder und eine Autistin jegliche individuelle künstlerische Handschrift vermissen lassen und sich gleichzeitig in Drehbuchuntiefen verloren.

Der mit Abstand beste Film in der Wettbewerbssektion lief außer Konkurrenz. Michel Gondrys neuestes Werk The Science of Sleep lässt mit Hilfe von Bastelmaterial in Verbindung mit eben doch nicht antiquierter Tricktechnik die Träume und die Realität eines jungen Künstlers, gespielt von Gael García Bernal, miteinander verschmelzen. Nur wurde der Film, dessen Konzept Gondry stringenter, abwechslungsreicher und weniger explizit als in Vergiss mein nicht! (Eternal Sunshine of the Spotless Mind, 2004) gestaltete, bereits in den USA gezeigt, und konnte daher in Berlin keinen Preis mehr gewinnen.

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