Berlinale 2005: Der Wettbewerb hat keine Chance

Retrospektiven sind unfair. Sie zeigen nach Jahren der Reife in Archiven Filme, die ihre eigene Zeit überlebt haben und bereits fester Bestandteil der Filmgeschichte sind. Bei den frischen Jungspunden im Wettbewerb kann man immer nur von ersten Eindrücken sprechen. In den Jahren 1999 und 2000 allerdings, als Der schmale Grat (The thin red line) und Magnolia jeweils verdient den Berlinalebären zugesprochen bekamen, ahnte man als Zuschauer instinktiv sofort, Filme gesehen zu haben, die auch in Dekaden noch auf Leinwänden zu sehen sein sollten. In den vergangenen Jahren allerdings, als der Wettbewerb zunehmend an Niveau einbüßte, fiel die Diskrepanz zwischen ihm und der Retro immer deutlicher auf. Ein Barometer dafür sind die amerikanischen Produktionen. In den Jahren 2001 und 2002 konnten Steven Soderberghs Traffic und Wes Andersons The Royal Tenenbaums noch Glanzlichter setzen. In diesem Jahr nun war wieder Anderson angereist, diesmal mit Die Tiefseetaucher (Steve Zissou and the life Aquatic) im Gepäck. Doch es scheint, als habe er bereits alles gesagt, nicht nur die Themen innerhalb seines Oeuvres erscheinen redundant, auch der neue Film als solcher. Nach einer durchtrieben hintersinnig-witzigen Anfangsviertelstunde setzt der Film zu oft auf dieselben Praktikantenwitze und was die eine Anti-Actionsequenz des Kinos hätte werden können, findet hier gleich zweimal statt.

Während Anderson jedoch zumindest über einen originären Stil verfügt, erinnert Mike Mills´ Thumbsucker an eine krude Melange sämtlicher Independent – Coming-of-age – Filme –und Komödien, angefangen von Sofia Coppolas Das Geheimnis ihres Todes (The Virgin Suicides, 1999), was schon die melancholisch-ironische Retromusik und die Pastellfarben evozieren.

Aus amerikanischer Sicht lief dann auch noch der seichte Unterhaltungsfilm In good Company, so dass jene Überseefilme in diesem Jahr durchaus als Seismograph für den Wettbewerb gelten konnten. Scheinbar war Festivalleiter Kosslick ebenfalls stark an Alexander Paynes Sideways interessiert, der sich wunderbar in das brave amerikanische Programm gefügt hätte. Clint Eastwoods wagemutiges Meisterwerk Million Dollar Baby war jedenfalls nicht zu sehen.

So mussten diesmal die Franzosen, womöglich erleichtert, ausnahmsweise Mal nicht Claude Chabrol an Bord zu haben, retten, was zu retten war. Régis Wargniers Eröffnungsfilm Man to Man strotzte zwar vor Belanglosigkeit, verärgerte aber wenigstens nicht wie vor vier Jahren Jean Jaques Arnauds Duell - Enemy at the Gates. In Erinnerung bleiben wird hingegen André Téchinés Les Temps qui changent, eine unkonventionell erzählte und subtile Liebesgeschichte, deren Hauptdarsteller vor Kraft strotzen und einen trotz kleinerer dramaturgischer und stilistischer Mängel in eine strukturell eigene Geschichte mitreißen. Die Auszeichnung von Audiards De battre mon coeur s’est arrêté für die beste Musik war eine Notlösung, entstanden durch die Fehlentscheidung in den Hauptkategorien, ist aber keine Entschädigung für einen der besten Filme des Wettbewerbs. Das fesselnde Remake des 70er-Jahre-Mafia-Films Fingers von James Toback wäre eher mit bester Regie oder dem Spezialpreis zu bedenken gewesen und dessen Hauptdarsteller Romain Duris beeindruckte mehr noch als der neu erstarkte Depardieu und die überzeugende Deneuve.

Neben den französischen Exporten wartete der 55. Wettbewerb mit drei deutschen Beiträgen auf. Ob man dem von Dieter Kosslick so ostentativ gepushten Deutschen Film und vor allem dem Festival damit einen Gefallen tut, steht zur Debatte. Die Ehrungen für Marc Rothemunds Regie und Julia Jentschs Darstellung in Sophie Scholl – Die letzten Tage kamen jedenfalls wohl auch durch die in der Jury in Form von Roland Emmerich und Franka Potente vertretene rosarote deutsche Brille zustande. Hannes Stöhrs Episodenfilm One Day in Europe wusste bis zum letzten Viertel mit Witz, Esprit und einem gut harmonierenden internationalen Ensemble zu überzeugen, doch am Ende schloss sich die Klammer nicht so wie bei einem wirklich großen Film. Deswegen gilt für diesen deutschen Beitrag dasselbe wie für Gespenster, der trotz visuell ansprechender Sequenzen und einer exakt kalkulierten Struktur nicht an Die innere Sicherheit (1999), das Opus Magnum im noch jungen Oeuvre des Regisseurs Christian Petzold, anknüpfen konnte. Im Forum oder Panorama wären diese Beiträge Entdeckungen gewesen, so wie Andreas Dresens Willenbrock. Im Wettbewerb ordneten sie sich lediglich ein in die Reihe überdurchschnittlicher aber nicht restlos überzeugender Stoffe.

In dieser Linie stand auch Raoul Pecks Sometimes in April. Der Regisseur, spätestens mit Lumumba (2001) zu Ehren gekommen, geriert sich ein wenig als Chronist und engagierte Stimme des afrikanischen Kontinents. Dies ist seinen immer souverän gestalteten aber am eigenen Anspruch oft scheiternden Filmen generell keine Hilfe. Wesentlich entschlossener, wenn auch mit Konzessionen an ein breiteres Publikum, zeigte sich Hotel Ruanda. Wäre Terry Georges Beitrag nicht außerhalb des Wettbewerbs gelaufen, hätte ihn zumindest ein Gros der Journaille auf den Bärenthron hissen wollen. Nicht zu Unrecht, denn der Film bot dramatisches Emotionskino mit bravourösen Darstellern und einem stringenten Buch.

Ein ebenso großes Interesse brachte die Presse dem taiwanesischen Beitrag The Wayward Cloud (Tian bian yi duo yun) entgegen. Interessanterweise war es gerade nicht das preisgekrönte Drehbuch, welches überzeugte, sondern die kontemplativen Szenen verlorener Menschen in urbanem Setting, verkettet mit pornographischen Szenen, deren Maßlosigkeit den Film fast unerträglich werden ließ. Selten war der Drang das Kino zu verlassen so groß, wie hier.

Der chinesische Peacock (Kong que) strahlte dann als einziger Gewinnerfilm in einer Hauptkategorie tatsächlich eine Aura von Bedeutsamkeit aus. Distanziert beobachtet er drei Geschwister und deren Handlungen, die nur nach und nach Erklärungen offenbaren. Um die Herausstellung von Motivationen in der Politik ging es Alexander Sokurov in Die Sonne (Solnze). Mit seinem Portrait des japanischen Kaisers Hirohito in der Zeit kurz vor dem Kriegsende 1945 ist ihm im Stillen ein großer Wurf gelungen. Das Gros der Wettbewerbsbeiträge war aber bereits gelaufen an diesem Donnerstag, den 17. Februar 2005, und da hatte sich bei der Vorführung des kleinen stillen Films bereits eine Stimmung der Enttäuschung breit gemacht: Den Wettbewerb würde auch dieser Film nicht mehr aus seiner Mittelmäßigkeit reißen.

Mit der Retrospektive hingegen blieb man nach wie vor gut beraten, da lief noch am Sonntag, ein Tag nach der für hiesige Standards durchaus glamourösen Preisübergabe, Stanley Kubricks Meisterwerk Barry Lyndon.

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