Berlinale 2005: Das milde Klima des Panoramas

Zum 20. Mal wollte die Berlinale dieses Jahr einen Rund- und Ausblick auf das Weltkino bieten: In der Panorama-Sektion, eine Erweiterung des offiziellen Wettbewerbs, die neben dem Forum ein zwar eher konventionelles aber dafür ebenso vielfältiges Programm bietet, ließen sich vorrangig Themenkomplexe von Sexualität, Medien und Politik erkennen. Zudem traten zwei Bewegungen, die mitunter auch der Politik zuzuordnen sind, ostentativ in den Vordergrund: die der Integration und der Desintegration. Im Folgenden skizzieren wir einen Rückblick auf das diesjährige filmische Angebot des Panoramas.

Sex

Eine Reihe von Dokumentar-, wie Spielfilmen der Panoramasektion beschäftigte sich mit dem Thema Sexualität. Dabei gab es komödiantische (Crustacés et coquillages), wie tragische fiktionale Auseinandersetzungen (The Dying Gaul) mit Homo-, bzw. Bisexualität. Der Gewinner des Preises für den besten schwulen Panorama-Dokumentarfilm Katzenball bot einen eher faden Einblick in die Entwicklung der lesbischen Bewegung innerhalb der Schweiz; Rosa von Praunheim ging mit Männer Helden und schwule Nazis einmal mehr seiner Lieblingsbeschäftigung des Outings nach, indem er die Doppelmoral homosexueller Faschisten entlarvte.

Einige wenige Filme griffen „exotischere“ Themen wie Transvestismus und Transsexualität auf. Indem sie die Grenzen zwischen Männlichem und Weiblichem verschwimmen ließen, verwiesen Gender X und Transamerica auf die Relativität der Geschlechtlichkeit.

Ein Schwerpunkt der Panorama-Sektion lag auf der Präsentation von Werken, die sich mit dem Porno-Business auseinandersetzten. Der herausragende Dokumentarfilm Inside Deep Throat von Randy Barbato und Fenton Bailey untersuchte das Phänomen des Porno-Meilensteins Deep Throat, der die sexuelle Revolution in den 60er/70er Jahren prägte und einen wahren Kulturkampf in den USA auslöste. Aktuellen Pornoproduktionen ist jene politische Sprengkraft und künstlerische Ambition verloren gegangen. Cycles of Porn – Sex/Life in L.A. – Part 2 zeigt den Zynismus und die Kälte der gegenwärtigen Pornoindustrie, die technologische Errungenschaften wie das Internet oder VHS/DVD nutzen, um den Artikel Sex weltweit zu verkaufen.

Medien

Einen andern Blick auf das Filmemachen boten einige Spielfilme, die sich ebenfalls ausdrücklich mit dem eigenen Medium befassen. Der bereits in unseren Panorama-Empfehlungen besprochene kanadische Filmfilm Childstar von Don McKellar beschäftigt sich ganz explizit mit der Frage nach der anvisierten Zielgruppe. Durch seinen kritischen aber leichten und humorvollem Umgang mit der amerikanischen Leitkultur dürfte er mehr Leute ansprechen als der grundlegend andere kanadische Spielfilm, dem grotesk-trashigen The Love Crimes of Gillian Guess (Regie: Bruce McDonald). Der vorwiegend anstrengende Mix aus modernster Theater-Inszenierung, filmischer Referentialität und übelster Fernseh-Freakshow mit mittelmäßigen Darstellern wirkt aufgrund seiner Absurdität komisch, ist dabei aber nur aus Masochismus zu ertragen.

Der einzige deutsche Spielfilm - die Koproduktionen ausgenommen – Keine Lieder über Liebe bezieht sich auf das Filmmedium zuallererst durch sein dokumentarisches Konzept. Ein Dokumentarfilm über die eigene Dreiecksbeziehung entsteht im Film, aber auch die „objektive“ Kamera wird von Hand gehalten und ist ebenfalls digital – was, von der spärlichen Lichtsetzung abgesehen, überraschend gut aussieht. Lars Kraume (Viktor Vogel - Commercial Man, 2001) gelingt mit Florian Lukas, Jürgen Vogel und Heike Makatsch ein sowohl thematisch als auch rhythmisch musikalischer Film. Im ebenfalls wohlklingenden italienischen La vita che vorrei (The Life I Want) lieben sich die Hauptdarsteller des Films im Film. Dabei schafft es Regisseur Giuseppe Piccioni die in die Haupthandlung eingeschobenen Filmszenen unaufdringlich als Spiegel der anfangs versteckt flirtenden und später sich ausweichenden Protagonisten zu inszenieren.

Politik

Insbesondere die Dokumentarfilme der diesjährigen Panorama-Sektion widmeten sich dem Thema Politik, wobei der Schwerpunkt auf der Schilderung von Tätern und Opfern des Krieges, Terrors und Nationalsozialismus lag.

Bei der Aufarbeitung der deutschen Geschichte machte sich jene aktuelle Tendenz des hiesigen Kinos bemerkbar, sich nationalsozialistischen Tyrannen von ihrer privaten Seite zu nähern. Lutz Hachmeisters Das Goebbels Experiment ist dabei ein interessanter, jedoch zwiespältiger Ansatz, den „Menschen“ Goebbels anhand seiner Tagebuchaufzeichnungen zu porträtieren, bei dem die Gefahr der Verharmlosung stets präsent ist. Wesentlich kritischer und zugleich persönlicher geht Malte Ludin in seiner Dokumenation 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß mit der Vergangenheit des eigenen Vaters, einem SA-Führer im Hitler-Staat, ins Gericht.

Während diese und weitere Filme eine neue Perspektive auf die Rolle von Tätern eröffnen und das Menschliche im „Monstrum“ suchen, handeln andere Dokumentationen von Opfern des Krieges und des Terrors. Einer der beeindruckendsten Filme ist dabei Lost Children von Oliver Stoltz und Ali Samadi Ahadi, der den Bürgerkrieg im Norden Ugandas anhand der Schicksale verschleppter Kindersoldaten schonungslos zeigt. Was dieser wie auch der andere hervorragende Politik-Dokumentarfilm der diesjährigen Panoramasektion Weiße Raben – Albtraum Tschetschenien leistet, ist nicht weniger als die ansonsten medial kaum stattfindenden Kriegs- und Terrorereignisse Ugandas und Tschetscheniens ins Bewusstsein des Zuschauers zu rücken und unseren Blick für die Opfer zu schärfen.

Integration

Entfernt man sich ein wenig von rein thematischen Einordnungen, fielen im diesjährigen Panorama besonders zwei Bewegungen auf, die von einander kaum zu trennen sind und sich häufig bedingen: die Integration und die Desintegration. Das Positive und das Negative, wie es rein von der Wortbildung her scheint, waren in vielen, gerade auch politischen Filmen zu finden.

Der dieses Jahr verdiente – wenn auch sehr unsicher ermittelte – Publikumspreis der Sektion ging an den französichen Va, vis, et deviens (Live and Become). Regisseur Radu Mihaileanu (Zug des Lebens, Train de vie, 1998) inszeniert die Integrationsversuche des jungen Äthiopiers Schlomo, der sich des Überlebens willen als Jude ausgibt und in Israel in einer Adoptivfamilie aufgenommen wird. Er möchte ein neues Leben in Sicherheit führen, wird aber immer wieder seiner Herkunft wegen verurteilt. Die Rückkehr zu den eigenen Ursprüngen – in Mihaileanus Film steht sie am Ende der Erzählung - ist in Dallas Pashamende (Dallas Among Us, Regie: Robert Adrian Pejo) der Ausgangspunkt der Geschichte und einer Form der Reintegration. Radu kehrt anlässlich des Todes seiner Vaters in seinen Heimatort zurück, ein ärmliches Zigeunerdorf, das er, trotz geordnetem Leben zu Hause, gar nicht mehr verlassen möchte. Der Ungarisch-Deutsch-Österreichischen Koproduktion gelingt es dabei, eine Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung zu den Roma zu bewirken. In Les mauvais joueurs, einem weiteren französischen Höhepunkt der Filmreihe, geht es um die Integration von Immigranten in einem segregierten Viertel und im bereits besprochenen Glanzlicht des Panoramas Dumplings (Hongkong 2004, Regie: Fruit Chan, Kamera: Christopher Doyle) folgt eine reiche Frau dem Wunsch, sich zur Anpassung an die Begierden des Ehemanns einem jugendlichen Schönheitsbild – auf extreme Weise - zu nähern.

…und Desintegration

Die Integration hat bei Fruit Chan dabei durch die Entwicklung der Frau zugleich eine Entfernung von der Welt zur Folge. Diese vollziehen auch die Protagonisten vom finnischen Eläville Ja Kuolleille (For The Living And The Dead, Regie: Kari Paljakka), die nach dem Tod des jungen Sohnes keine Rückkehr zur Normalität und zu ihrer Umgebung finden. Auf beeindruckende Weise zeigt auch Ira Sachs in Forty Shades of Blue eine zunehmende Entfremdung vom eigenen Leben in der Gesellschaft. Die Entfernung von den kulturellen Wurzeln ihrer immigrierten pakistanischen Familien ist das Thema des doch sehr gewöhnlich erscheinenden britischen Love + Hate (Regie: Dominic Savage), dem gegenüber der andere Beitrag aus Großbritannien mehr überzeugen konnte. Sally Potters Yes zeichnet mit großartigen Schauspielern und Dialogen auch eine Desintegration nach, vor allem aber eine Loslösung aus gesellschaftlichen Zwängen. Im irischen Beitrag Adam & Paul (Regie: Lenny Abrahamson) stehen zwei zu Obdachlosen und Drogenabhängigen gewordene Freunde im Mittelpunkt, die im Laufe des Films immer wieder mit ihrer fehlenden Integration konfrontiert werden.

In der dieses Jahr besonders politischen und ernsten Panorama-Sektion fanden sich - hoffentlich nicht als Spiegel des begonnenen Kinojahres – eine hohe Anzahl an mittelmäßigen, konventionellen Filmen, denen es an Mut zu Radikalität und Innovation fehlte. Die einigen wenigen außerordentlichen Filme gehörten mit Sicherheit zu den besten des Festivals und hätten die vielen Schwächen des Wettbewerbs gut ersetzen können - sie lassen uns gespannt auf das 21. Panorama 2006 blicken.

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