Berlinale 2005: 7 shades of Panorama

Empfehlungen aus dem Filmprogramm des Panorama

 

Don McKellar hat mit Childstar eine ebenso intelligente, wie unterhaltsame Satire auf das kommerzielle Filmgeschäft inszeniert. Der kanadische Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler spielt selbst die Rolle des experimentellen Filmemachers Rick, der aus Existenznot als Limousinenfahrer des zwölfjährigen Hollywood-Kinderstars Taylor Brandon Burns (Mark Rendall) anheuert. Als dieser, frustriert vom Filmgeschäft, den beruflichen Verpflichtungen entflieht, spürt Rick ihn auf und wird dem Heranwachsenden zum Tutor in Sachen Leben. Das große Plus an McKellars Komödie ist, dass sie ihre Figuren niemals verlacht, sondern stets ernst nimmt und somit nicht nur die komischen, sondern auch die tragischen Aspekte der Geschichte betont. In seiner Thematisierung der fließenden Grenzen von Komik und Tragik, Fantasie und Wirklichkeit, Kindsein und Erwachsensein stellt Childstar die Unwägbarkeiten und Ambivalenzen des Lebens dar.

Einen gänzlich tragischen, weitaus düstereren Blick auf das Filmbusiness wirft The Dying Gaul von Craig Lucas. Peter Sarsgaard spielt den mittellosen Drehbuchautoren Robert, dem es gelingt, sein persönlichstes, über den Tod seines Liebhaber handelndes Werk an ein Hollywood-Studio zu verkaufen – unter der Bedingung, er möge die homosexuelle Komponente des Buches in eine heterosexuelle umschreiben. Als er beruflich, wie sexuell den Verführungen des Studio-Executive Jeffrey (Campbell Scott) erliegt, entsteht eine intrigenhafte, fatale Dreiecks-Konstellation zwischen den beiden Männern und Jeffreys Ehefrau (Patricia Clarkson). Regie-Debütant Lucas gelingt ein inszenatorisch beeindruckender Hollywood-Noir, der bildsprachlich ebenso überzeugt wie mit seinem präzisen, bitter-ironischen Plot und den subtilen schauspielerischen Leistungen seiner Darsteller.

Aus den Figuren heraus entwickelt Ira Sachs in Forty Shades of Blue die Geschichte um die russische Immigrantin Laura (Dina Korzun), dessen alternder amerikanischer Partner Alan (Rip Torn), ein erfolgreicher Musiker, sie vernachlässigt. Der erwachsene Sohn Michael (Darren Burrows) begegnet der jungen Frau mit Distanz, aus der Verletzlichkeit beider entsteht eine kurzlebige und faszinierend zu beobachtende Affäre. Gerade das Unspektakuläre der Inszenierung, geprägt von der spärlichen und gezielten Musikuntermalung und von den Leinwand füllenden Gesichtern der jederzeit überzeugend gespielten Protagonisten bleiben einem in Erinnerung wenn andere Regisseure durch ihre technischen Mittel zu beeindrucken versuchen. Ira Sachs gelingt eine in sich ruhende Erzählung, die durch die Kraft der persönlichen Geschichte aufwühlt.

In Dumplings, dem wahrscheinlich verstörendsten Werk des diesjährigen Panoramas, bleiben einem die Figuren merklich fern. Doch gerade die entrückte, undramatische Inszenierung überzeugt in Fruit Chans Film über die innere Erzeugung von Schönheit. Qing möchte ihren Ehemann wieder glücklich machen und sich hierfür verjüngen. Die üblichen Methoden reichen ihr aber nicht aus, so sucht sie die Köchin Mei auf, die das gewünschte Ergebnis anhand von schwer verdaulichen kleinen Portionen serviert. Die teure Therapie mit toten Föten beschreibt Chan mit Hilfe der beeindruckenden Bilder des Kameramanns Christopher Doyle, bekannt für seine Arbeit an Filmen von Wong Kar Wai. Ein intensives Erlebnis bietet Dumplings ebenso durch seine unübliche Erzählhaltung, die die Motivationen der Reichen fast vollkommen unausgesprochen lässt und die Handlungen als Zustand und nicht als Entwicklung einfängt.

Das Gegenteil ist der Fall in Sally Potters Yes, in dem die Engländerin zwar nicht die pedantische Putzfrau, gespielt von der wunderbaren Shirley Henderson, in den Mittelpunkt stellt, sondern dessen attraktive Arbeitgeberin (Joan Allen), die sich in einer lieblosen Ehe mit einem Politiker (Sam Neill) eingerichtet hat, aus der sie vor allem physisch durch einen aus Beirut stammenden, deutlich jüngeren Mann herausgerissen wird. Selbst im Bett pflegen die beiden noch intellektuelle Diskussionen und so sind es auch die Dialoge, die den Film ausmachen: mal in Reimen, mal humorvoll überspitzt, politisch- und gesellschaftskritisch sowie sinnlich-sensibel, aber vor allem immer spannend zu verfolgen und nie theatralisch. Leider bleibt auch die überaus anstrengende und genauso bewegliche Kamera in Erinnerung, trübt diese aber nur zeitweise. Die Integration vielfältiger Einflüsse aus dem Theater und dem Film, die unterschiedlichen Diskurse und die grandiosen Schauspieler machen die Auseinandersetzung mit dem Film lohnenswert.

Aus den vielen konventionalisierten Mittelmäßigkeiten der Panorama-Sektion ragt auch der Debütspielfilm Ultranova von Bouli Lanners heraus. Der belgische Regisseur und Drehbuchautor verweigert sich einer klassischen Narration: Er erzählt mit einem lakonischen Stil von einem lakonischen Anti-Helden – der bewusste Verzicht jeglicher dramatischer Höhepunkte, visueller Spielereien oder darstellerischer Extravaganzen korrespondiert mit der tristen, zum Teil absurd-komischen Lebenssituation der Figuren. Mit seinen zwei Kollegen verkauft der introvertierte, lebensfremde Dimitri (Vincent Lecuyer) Häuser inmitten seelenloser Landschaften. Karg, einsam und leer stehen sie da wie Dimitri selbst, der durch die Liebe zu einem jungen Mädchen versucht, dem Vakuum des eigenen Daseins zu entkommen. Ultranova ist ein kleiner, radikaler und mutiger Film, der das gestörte Verhältnis des modernen Menschen zu sich und seiner Umwelt in genauen Beobachtungen des Alltags entlarvt.

Das Thema der Entfremdung von der Umwelt findet sich auch in Weiße Raben – Alptraum Tschetschenien wieder, einem der beeindruckendsten Dokumentarfilme der diesjährigen Panorama-Sektion. Ohne Pathos oder Polemik gelingt den deutschen Filmemachern Johann Feindt und Tamara Trampe das differenzierte, zugleich ergreifende Porträt junger, russischer Kriegsheimkehrer aus dem Tschetschenien-Krieg. Physisch, vor allem aber psychisch verkrüppelt gelingt es den traumatisierten Männern nicht mehr, sich in die Gesellschaft zu integrieren; vom Staat mit ihren Problemen allein gelassen, bleiben sie perspektivlos und emotional von allem abgeschottet zurück. Weiße Raben ist die längst fällige Anklage gegen einen von den Medien und der Welt verdrängten Krieg und dessen Folgen.

Vorführungen während der Berlinale:

Childstar:
Sa, 12.02. 19:00 Zoo Palast 1
So, 13.02. 11:30 CinemaxX 7
Mo, 14.02. 14:30 International
So, 20.02. 19:00 Zoo Palast 1

The Dying Gaul:
Fr, 11.02. 20:00 CinemaxX 7
Sa, 12.02. 12:30 CineStar 3
So, 13.02. 18:00 CineStar 3
Mi, 16.02. 23:00 Colosseum 1

Forty Shades of Blue:
So, 13.02. 23:00 Colosseum 1
Do, 17.02. 19:00 Zoo Palast 1
Fr, 18.02. 13:30 CinemaxX 7
Sa, 19.02. 14:30 International

Dumplings:
Sa, 12.02. 21:30 Zoo Palast 1
So, 13.02. 13:30 CinemaxX 7
Fr, 18.02. 23:00 Colosseum 1
Sa, 19.02. 21:30 Zoo Palast 1

Yes:
So, 13.02. 20:00 CinemaxX 7
Mo, 14.02. 13:00 CineStar 3
Di, 15.02. 17:00 International
So, 20.02. 21:00 CinemaxX 7

Ultranova:
So, 13.02. 17:00 International
Mo, 14.02. 15:30 CineStar 3
Di, 15.02. 20:30 CineStar 3
Fr, 18.02. 22:30 CinemaxX 7

Weiße Raben – Alptraum Tschetschenien:
Sa, 12.02. 17:00 CineStar 7
So, 13.02. 14:30 CineStar 7
Mi, 16.02. 15:30 Colosseum 1

Kommentare zu „Berlinale 2005: 7 shades of Panorama“

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