Ben Rivers: Scope Trilogy

Welt der Dinge: In Ben Rivers’ experimentellen Doku-Fiktionen über apokalyptische und utopische Szenarien wird der Mensch zur Nebensache.

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Nichts wurde in rund 115 Jahren Filmgeschichte häufiger gezeigt als der menschliche Körper. Anders als im Theater, ist es in der Kinematografie möglich, ganze Werke ohne die Präsenz von Menschen zu produzieren – und doch ist der Film im wesentlichen eine anthropozentrische Kunstform geblieben, ein Prozess, mit dem die Menschheit sich selbst reflektiert. In Ben Rivers’  Scope Trilogy (2008-2010) spielen Menschen nur eine untergeordnete Rolle, seine Filme eröffnen eine Welt der Dinge. Die Arbeiten des britischen Künstlers lassen sich am ehesten als dokumentarische Science-Fiction beschreiben – mit primär dokumentarischen Bildern erschafft er fiktionale Szenarien, die allerdings so sehr an die Realität erinnern, dass Abbildung und Erfindung fast ununterscheidbar werden. Als hybride Kunstwerke operieren Rivers’ Filme auch narrativ in zwei Modi – dem der Apokalypse und dem der Utopie.

I know where I’m going (2009) zeigt verlassene, gespenstisch entvölkerte Landschaften. Wiesen, Wälder und Berge sind mit Schnee überzogen, die Welt ist eingefroren wie in Patrick Bernatchez’  atmosphärisch beeindruckendem Video I feel cold today (2007). Autoleichen rotten an den Wegesrändern vor sich hin, die auf Bewegung und Mobilität beruhende Welt des 21. Jahrhunderts ist zum Stillstand gekommen. Eine antike Statue verwittert, die Natur erobert jene Bereiche zurück, die sie an die Kultur verloren hatte. Langsam werden alle Spuren menschlichen Einflusses getilgt, die fortschreitende Zeit unterstreicht die Nichtigkeit unserer Spezies im großen kosmischen Zusammenhang. Die wenigen Menschen, die der endzeitlichen Auslöschung entkommen konnten, widmen sich Handarbeit und Landwirtschaft in nahezu totaler Isolation. Bereits hier, in der ökologischen Eschatologie, wird das utopische Moment von Rivers’ Oeuvre deutlich. Wenn Vernunft, Technologie und die daraus entstehende Hybris der Natur-Beherrschung zum Untergang sowie zum Rückzug in das selbst-genügsame Landleben führen, dann erinnert dies an Thoreaus Walden (1854) oder auch das davon inspirierte Manifest des UNA-Bombers Ted Kaczynski.

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In der Kunst ist die Apokalypse oft unauflöslich mit der Utopie verbunden, schließlich warnen endzeitliche Werke zumeist nicht nur vor dem vermeintlich bevorstehenden Zusammenbruch der Gesellschaft, sondern bieten zugleich auch Visionen möglicher Korrekturen menschlichen Verhaltens, die die Katastrophe noch verhindern könnten. Die Warnung von I know where I’m going gilt der Umweltzerstörung – so sind es hier und in anderen Werken des Regisseurs immer wieder Einsiedler-Figuren, mit der Natur in Einklang lebende Hippies, die als Gegenentwurf zur auto-destruktiven Industriegesellschaft dienen. Die vielen dunklen, mitunter vom Feuer eines Weltenbrands überzogenen Bilder wirken wie ein Abgesang auf die Moderne, von der aus es kein Vorwärts, sondern nur noch ein Zurück zu geben scheint. Bedrohlich wie im Science-Fiction-Genre dröhnt und brummt die Musik, als Kontrast fungiert die Stille der Natur. Kontemplativ-poetische Voice-over-Kommentare beschwören den Niedergang, mitunter trennen sich Ton und Bild. Auch die visuelle Ebene nutzt Science-Fiction-typische Motive: Der Ganzkörperanzug eines Imkers erinnert an die Schutzkleidung von Wissenschaftlern bei Epidemien. Obwohl das Bildmaterial zumeist mit dokumentarischen Aufnahmen arbeitet, wirkt I know where I’m going durch die kontextuelle Entfremdung – das Spielfilm-typische Scope-Format (2,39:1), die Komplementierung durch diegetisch passende Musik – oft wie fiktionales Kino.

Widmet sich I know where I’ m going vor allem dem apokalyptischen Moment des Rivers’schen Schaffens, so legt Slow Action (2010) den Schwerpunkt auf das Utopische. Nach einem Prolog aus Zeitungsbildern voller Leid-verzerrter Gesichter, stellt der Film vier Areale vor, die in weitgehender Ermangelung menschlicher Protagonisten als eigenständige Akteure fungieren. Es sind allesamt Inseln – die archetypischen Orte utopischer Visionen. Wechselnde Erzähler berichten von den Bräuchen der dortigen Gemeinschaften und zitieren dabei einen ominösen „Kurator“, der die Orte zu Freilichtmuseen werden lässt – eine Idee, wie man sie auch im dys- statt utopischen Visitor of a Museum (Posetitel muzeya, 1989) des Tarkowski-Schülers Konstantin Lopushanski findet.

Die erste Episode (Eleven) weist wiederum starke Konvergenzen mit Science-Fiction-Produktionen auf. In einer surrealen Wüstenlandschaft stehen futuristische, aber verlassene Gebäude. Über diese beeindruckenden Bilder legt Rivers bläulich glimmende CGI-Kompositionen geometrischer Figuren, lässt die Erzählerin aber vermerken, die ehemaligen Insel-Bewohner hätten Technologie verachtet. Die Menschen sieht man nur einmal als Upside-down-Spiegelung auf der Wasseroberfläche – ein Bild, das im dunklen Rot des Sonnenuntergangs auch im zweiten Part (Hiva – The Society Island) wiederholt wird. Im dritten Teil (Kanzennashima), der auf einer verkommenden Gefängnisinsel spielt und mit seinem elegischen Kommentar viel Wert auf das gesprochene Wort legt, kommen Menschen überhaupt nicht vor.

ah-liberty

In allen Berichten des Kurators werden abweichende Verhaltensweisen und alternative Formen des menschlichen Miteinander beschrieben: Auf Eleven geschieht Flirten über die Verwendung mathematischer Formeln, die üblichste Todesart ist das Fallen in Erdlöcher aufgrund des beständig in den Himmel gerichteten Blickes. In Hiva, wo Autoskelette die Umwelt verschandeln und anderenorts ausgestorbene Tiere eine Zuflucht finden, wird von den Bewohnern in einem bestimmten Alter der selbstbestimmte Suizid erwartet. Ausgerechnet auf der „Gesellschaftsinsel“ interessiert sich niemand für Politik. Auf Somerset, dem vierten Eiland, vollzieht sich hingegen Trotzkis „permanente Revolution“, jegliche Formen von Religion sind ausgelöscht. In diesem Abschnitt geht Rivers zurück an den Ursprung sozialer Organisation, zurück zur Urgesellschaft. Die Mitglieder eines wilden Stammes vollführen Rituale, um der Welt, in der sie leben, Sinn zu geben, das Schicksal magisch zu beeinflussen. Den mit Masken bedeckten Ureinwohnern gelingt die Erzeugung von Feuer, damit öffnet sich ihnen der Jahrtausende lange Weg in die heutige Kultur. Die letzte Einstellung zeigt die Sonne – Feuer der Erde und Gegenstand zahlreicher Mythen.

Slow Action Teaser

Auch das Szenario von Ah, Liberty! (2008) entstammt der Vergangenheit, diesmal jedoch stehen individuelle statt kollektive Erinnerungen im Vordergrund. Die Kindheit, eine im Nachhinein oft zum paradiesischen Zustand maximaler Freiheit verklärte Zeit, läuft wie ein Film (samt dem Rattern des Projektors) vor dem geistigen Auge ab. Die schwarzweißen Bilder kennzeichnen die Eindrücke als einer unerreichbaren, längst vergangenen Lebensphase zugehörig – die pseudo-amateurhafte Mischung aus mal über-, mal unterbelichteten Aufnahmen verleihen ihnen den Charme eines Privatvideos. Rivers nutzt hier die ganze Bandbreite von schwarzen, weißen und grauen Schattierungen – bald ist die Leinwand zu hell, bald zu dunkel, um etwas zu erkennen, manchmal sind nur Schemen sichtbar. Dass die Bilder horizontal verzerrt sind und durch Wassertropfen auf und Nebel vor der Linse verfälscht werden, kann als Kommentar zum menschlichen Umgang mit Erinnerungen verstanden werden. Auch in Ah, Liberty! tauchen wieder die Autofriedhöfe auf, ebenso die Naturelemente Feuer und Wasser sowie die von Schnee überzogenen Wälder und Berge, die sich durch sämtliche Arbeiten des britischen Regisseurs ziehen.

Ben Rivers beweist mit seinem Gespür für die Erhabenheit von Landschaften, dass Locations nicht nur atmosphärisch prägend sind, sondern auch – anstelle des Menschen – zum zentralen Subjekt von Filmen avancieren können. Inseln und Wüsten dienen ihm als Protagonisten, Schnee, Wasser, Nebel und Rauch als Nebendarsteller. In stilistischem Eklektizismus vermischt Rivers schwarzweiße, farbige und Sepia-getönte Bilder. Flecken und Löcher fressen sich in das körnig-altmodische 16mm-Material, das gelegentlich in Negativaufnahmen kippt oder zu brennen scheint. So oszillieren Rivers’ Werke zwischen dem Look des Stummfilms, der Verspieltheit des Experimentalfilms und den unendlichen Möglichkeiten der CGI-Ära. Die Narration springt zwischen Urgeschichte, der 68er-Epoche mit ihren ökologischen und zivilisationskritischen Paradigmen sowie der in die Zukunft projizierten Endzeit hin und her. Dies lässt Rivers’ Filme wie aus der Zeit gefallen, ja zeitlos wirken – so zeitlos wie die von ihnen transportierten Vorstellungen von Apokalypse und Utopie.

Titel: Scope Trilogy: Ah, Liberty! / I know where I`m going / Slow Action

Land: Großbritannien

Jahr: 2008-2010

Laufzeit: 20 Min. / 29 Min. / 45 Min.

 

Regie: Ben Rivers

Drehbuch: Ben Rivers

Produktion: Lux

Bildgestaltung: Ben Rivers

Montage: Ben Rivers

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