„Anton steht eine Traktorfahrt bevor“ – Duisburger Filmwoche 2017 (1)

Ein Film wird eins mit einer AfD-Gegnerin und bleibt dabei hilflos. Ein Porträt eines alten Bauern nimmt dagegen durch seine ehrliche Distanz ein. Und Shopping Malls entpuppen sich in ihrem Wesenskern als Filmstreifen: Erster Teil unseres Festivalberichts.

Egal gibt es nicht 2

Eine junge Frau, Paulina Fröhlich, 25, möchte etwas gegen den gesellschaftlichen Rechtsruck unternehmen und engagiert sich deshalb bei <5. „Kleiner Fünf“, weil die 2016 gegründete Initiative den Einzug der AfD in den Bundestag verhindern will. Das Wissen des Kinopublikums darum, dass es am Ende nicht <5, sondern 12,6 % geworden sein werden, sorgt zu Beginn der Vorführung für ein paar zögerliche Lacher, die in ihrer Hilflosigkeit ganz gut zu Florian Hoffmanns Film Egal gibt es nicht passen.

Irgendwie raus aus der Filterblase

<5 setzt zunächst auf Social-Media-Kampagnen mit Fröhlich als Galionsfigur, man sieht sie bei Strategiebesprechungen, bei Fototerminen, zwischendrin immer wieder im ICE. Ein Transitfilm, ein Gesichtsfilm. Dabei werden ein paar Vermittlungsschritte übersprungen: Der Film ist Fröhlichs Gesicht ist die Kampagne ist der Widerstand gegen die AfD. Deutlich wird das zum Beispiel daran, dass der persönliche Reifungsprozess der Hauptfigur ununterscheidbar ist von einem Strategiewechsel von <5: Sowohl die Protagonistin als auch die Bewegung und irgendwie wir alle müssen raus aus der Filterblase.

Deshalb fahren Fröhlich und ihre Mitstreiter in der zweiten Hälfte von Egal gibt es nicht mit einem roten Bus durch die (ost-)deutsche Provinz, um in diesem Fall nicht mit Rechten, sondern mit Hartz-IV-Empfängern und Sozialarbeitern zu reden. Man muss kein bösartiger Zyniker sein, um darauf hinzuweisen, dass das nicht in jeder Hinsicht eine Neuorientierung ist: Der Aufstieg der politischen Rechten wird weiterhin als eine Art Kommunikationsstörung begriffen, die auch nur durch Interventionen auf dieser Ebene, der kommunikativen, behoben werden kann. Es geht lediglich darum, dass wir Linksliberalen die kommunikative Selbstentfremdung der Filterblase eintauschen sollen gegen eine authentische Weltzugewandtheit. Ich halte das für politisch naiv, aber das tut nichts zur Sache, da mag ich falsch liegen; das Problem ist eher, dass es dem Film nicht gelingt, dieser Idee ästhetische Prägnanz zu verleihen, weil er sich gar nicht für die Kommunikation selbst interessiert, sondern nur für deren Abglanz im Gesicht der Hauptfigur.

Porträt einer utopischen Gemeinschaft

Anton und ich 1

Direkt danach ein weiterer Porträtfilm, der ganz anders funktioniert. Ein Film, der mit dem Porträtierten, dem alleinstehenden Bauern und Pensionswirt Anton, eben nicht in eins fällt. Stattdessen geht es, wie schon der Titel verrät, um ein Verhältnis: Anton und ich. Das „Ich“ ist das von Hans-Dieter Grabe, einem legendären Fernsehdokumentaristen, der inzwischen pensioniert ist, aber weiter Filme dreht, für seinen alten Sender, das ZDF. Grabe hatte sich mehrere Jahrzehnte lang in dem Bauernhof eingemietet, der heute nur noch von Anton geführt wird. Anton und ich entstand als Langzeitminiatur während Kurzbesuchen in den letzten sieben Jahren. Anton, der keine Ärzte mag, kann sich nur noch mithilfe von Krücken bewegen, im Zeitlupentempo, und dennoch versorgt er weiter seine Kühe und bereitet seinen Gästen das Frühstück eigenhändig zu.

Dennoch geht es nicht um Verfall, sondern ums Weitermachen, nicht nur das verbindet den Film mit dem ebenfalls in Duisburg programmierten, ebenfalls, aber ganz anders großartigen Aus einem Jahr der Nichtereignisse (Regie: Ann Carolin Renninger & René Frölke), der einen anderen einsamen Bauern, offensichtlich einen Bruder im Geiste von Anton, porträtiert. Entschieden auseinander treten die Filme in ihrer Perspektivierung. Zwar vollziehen beide eine Art Dezentrierung nach: Das körperliche Altern wird nicht als Niedergang oder gar als Niederlage beschrieben, jedoch schon als Entmächtigung, vor allem in Bezug auf die alltägliche Arbeit auf dem Hof. Aber wo es in Aus einem Jahr der Nichtereignisse die Natur ist, die sich gegen ihre Einhegung auflehnt und den Hof zurückholt, tauchen in Anton und ich andere Menschen auf, die Antons schwindende Kräfte substituieren. Es geht dabei nicht um familiäre Unterstützung oder organisierte Sozialarbeit; die Helfer haben eigentlich keinen Grund zu helfen, aber sie tun es trotzdem, und so wird Anton und ich am Ende auch zum Porträt einer utopischen Gemeinschaft.

Man fühlt sich in guten Händen als Zuschauer, nicht nur deshalb, weil Anton und ich von einer offensichtlichen Sympathie für den alten, sturen Bauern durchdrungen ist, sondern auch, weil Grabe seine eigenen Blick- und Sprechbedingungen offenlegt. Schon im filmisch nachgestellten Blick aus dem Pensionszimmer, in dem der Filmemacher einquartiert ist, steckt eine kommunikative Ehrlichkeit, die es einem erlaubt, von Anfang an Vertrauen in die Bilder zu fassen. Fast noch wichtiger ist der wundervolle Off-Kommentar, der in den Film die reale Distanz zwischen Pensionswirt Anton und filmendem Gast Grabe einschreibt. „Anton steht eine Traktorfahrt bevor“, heißt es einmal, und schon die Art, wie Grabe liebevoll, Silbe für Silbe, das Wort „Traktorfahrt“ artikuliert, nimmt mich für den Film ein.

In der ersten Hälfte allgegenwärtig ist Antons Pfeifen. Diese repetitive, nur minimal variierte Tonfolge, eher alltagsbegleitender Rhythmus als gestaltete, auf ein Inneres verweisende Melodie, ist im Film nicht komplett in Antons Körper verankert, eher legt sie sich über die Bilder als eine eigene, autonome Ebene.

Romantische Denaturalisierung des Blicks

Final Stage

Seitdem ich eine Obsession fürs analoges Kino entwickelt habe, entdecke ich überall Analogien, Metaphern, die auf den Zelluloidfilm verweisen. In Duisburg hat mir Final Stage von Nicolaas Schmidt die Augen dafür geöffnet, dass auch Shopping Malls, besonders ihre in Deutschland weit verbreiteten langgestreckten Varianten, im Kern ihres Wesens Filmstreifen sind: Die Ladenfronten rechts und links sind die Perforation und gleichzeitig die Ab/Teilungen der einzelnen Bildkader, die Passanten in der Mitte der photochemische Eindruck, den die Welt auf der filmischen Emulsion hinterlässt.

Final Stage ist ein (sehr) digitaler Film, aber seine zentrale Operation besteht doch darin, einen besonders spektakulären Filmstreifen der Konsumkultur auszurollen. Die gut halbstündige Arbeit ist um einen lateralen tracking shot herum gebaut, der die „Hamburger Meile“ durchquert, laut Eigenwerbung (und man glaubt das sofort nach diesem Film) die „längste Shopping Mall Europas“. Die Kamera ist dabei nicht autonom, sondern folgt einer Figur, die aber ihrerseits eine gewisse Autonomie gegenüber ihrer Umgebung behält: Ein junger Mann, der gerade eine Beziehungskrise durchlebt, läuft mit tränenüberströmtem Gesicht durch die Mall, die Kamera fährt seitlich neben ihm her, wodurch auch zahlreiche Passanten sowie eine der beiden seitlichen Ladenzeilen/Perforationen sichtbar werden.

Im Gespräch nach dem Film, das weitgehend ungünstig verläuft, weil das allzu starre geisteswissenschaftliche Begriffsregister der Moderatorin an der kunststudentischen Arroganz von Regisseur und Kameramann abprallt, taucht immerhin ein Gedanke auf, der mir gefällt: Es geht eben gerade nicht darum, die angedeutete schwule Liebesgeschichte mit Lebenswelt „aufzuladen“. Sondern, darauf verweist der Regisseur, genau anders herum: Gerade der künstlich erzeugte Affekt, der weniger in der Geschichte als in der Präsenz des Darstellers, in einem irritierend dezenten Zeitlupeneffekt und vor allem in der Musik, einem geloopten und verlangsamten Streicherthema, zu verorten ist, ermöglicht einen neuen Blick auf die Welt. Die romantische Denaturalisierung des Blicks wird zur einer dokumentarischen Operation. (Zwei Filme, an die ich gedacht habe: Chantal Akermans D’Est und Leos Carax’ Mauvais Sangue, die „Modern Love“-Szene.)

Der Rest von Final Stage interessiert mich dann nicht mehr, ärgert mich sogar ein bisschen, aber das ist nicht schlimm, diese eine Einstellung wird bleiben.

Kommentare zu „„Anton steht eine Traktorfahrt bevor“ – Duisburger Filmwoche 2017 (1)“


Frédéric

Wir haben den Kommentar entfernt, da er überwiegend persönlich beleidigend war. Selbstverständlich sind wir an einer Diskussion interessiert, wenn sie auf sachlicher Ebene geführt wird.






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