Angenehme Überforderung – Il Cinema Ritrovato 2015

Jedes Jahr im Sommer wird Bologna zum Pilgerort der cinephilen Welt. Zu Recht! Neben Retrospektiven über Leo McCarey und den frühen japanischen Farbfilm glänzt das Festival Il Cinema Ritrovato mit seinem Bewusstsein für den analogen Film.

Renato Castellani

Mittagspause in der brütenden Hitze. Während Kollege Foerster und ich Eis essend eine Straße am Rande des Bologneser Stadtzentrums entlangflanieren, werden wir Zeuge eines kleinen Beziehungsdramas: Auf dem Gehweg tragen ein Junge und ein Mädchen einen Streit aus, bei dem es vermutlich um alles geht. Sie weint, schimpft und will sich davonmachen, worauf er ihr sich in den Weg stellt und sie mit durchdringendem Blick fixiert. Ein paar Sekunden später haben wir die beiden hinter uns gelassen. Doch für einen Moment wirkte es, als hätte sich das Kino seinen Weg in die Wirklichkeit gebahnt. Noch kurz davor flackerten die neorealistischen Dramen von Renato Castellani über die Leinwand, in denen die meist proletarischen Helden den Widrigkeiten der italienischen Nachkriegszeit trotzen. Dabei gehen sie – den beiden jungen Liebenden nicht unähnlich – keiner Konfrontation aus dem Weg und brüllen ihren Unmut und ihre Leidenschaft schon mal mit allem, was die Stimme hergibt, heraus. In Bologna wundert man sich über die Durchlässigkeit zwischen filmischer und realer Welt nicht sonderlich. Mit seiner musealen Altstadt wirkt es ohnehin, als befände man sich an einem irrealen Sehnsuchtsort für die schwere deutsche Seele. Dass ausgerechnet hier der Schauplatz für das Festival Il Cinema Ritrovato ist, das mit seinen ausschließlich historischen Filmreihen einmal im Jahr zum Pilgerort der Cinephilen wird, könnte passender kaum sein.

Gebrochener Patriotismus

The Cow

Im Gegensatz zu den meisten Festivals behandelt Il Cinema Ritrovato Filmgeschichte nicht stiefmütterlich, sondern erhebt sie zur Hauptattraktion. Ganz ohne Wettbewerb, ohne Stars und überhaupt ohne jeden Anflug von Aufregung konzentriert man sich hier auf das Wesentliche. Schon das Publikum ist ein anderes: Im immer etwas zu warmen und zu feuchten Cinema Jolly sind ungewöhnlich viele ältere Herren in kurzen Hosen anzutreffen, die eine Menge zu erzählen haben und sich anscheinend alle kennen. Inmitten dieser eingeschworenen Gemeinde kommt man in den Genuss von kuratierten Retrospektiven, die nichts von den beliebig zusammengestellten Klassiker-Reihen aus Cannes oder Venedig haben. Begleitet werden sie von Vorträgen, die etwa der Frage nachgehen, wie man das filmische Erbe bewahren kann. Und obwohl sich Bologna keineswegs der Moderne verschließt (zumindest in technischer Hinsicht; das Gros der gezeigten Filme ist tatsächlich vor den 1960er Jahren entstanden), herrscht hier doch ein Bewusstsein für die Traditionen des Kinos, das sich nicht zuletzt im Einsatz von analogem Material niederschlägt. Sogar 2015 wird etwa noch die Hälfte des Programms auf 35mm bestritten. Wer es darauf anlegt, kann hier eine Woche im Kino sitzen, ohne einen einzigen digitalen Film zu sehen.

The Awful Truth

Il Cinema Ritrovato ist ein Festival, an dem man angenehm überfordert wird. Während selbst in den meisten Großstädten selten mehr als zwei oder drei interessante Retrospektiven parallel laufen, wird hier so viel gezeigt, dass man selbst mit gutem Willen nur einen Teil davon abdecken kann. Allein die Reihe, die dem amerikanischen Regisseur Leo McCarey gewidmet war, umfasste 15 verschiedene Programme. Bereits einige davon waren genug, um sich davon zu überzeugen, dass McCarey, der vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Komikern wie den Marx Brothers, mit Laurel und Hardy sowie Harold Lloyd bekannt ist, eine Sensibilität besitzt, die weit über bloßes Komödien-Handwerk hinausgeht. Es ist schon eine Kunst für sich, von versöhnenden Paaren und christlichen Weltverbesserern zu erzählen, einem Faible für singende Waisenkinder und treudoof dreinblickende Hundewelpen nachzugehen und bei alldem doch derart fein gezeichnete soziale Welten zu entwerfen, die sich fast immer gegen die Last der Sentimentalität zu behaupten wissen. Handlungsökonomisch sind die Filme mit ihrer episodischen Struktur und dem Hang zu ausgespielten Nummern nur bedingt. Doch gerade in der Freiheit der Inszenierung liegt oft ihre Stärke.

Ruggles of Red Gap

Ein Butler in Amerika (Ruggles of Red Gap, 1935) war einer der stärksten Beiträge der Reihe – eine nur auf den ersten Blick ungebrochen patriotische Reflexion über das Einwanderungsland Amerika. Ein großartiger Charles Laughton, der als englischer Butler das stille Erleiden zum Beruf gemacht hat, sucht darin sein Glück in der amerikanischen Provinz. McCarey macht daraus eine Erzählung über die Utopie eines Landes, in dem alle gleich sind. Dass es sich dabei um die Wirklichkeit handelt, glaubt er natürlich selbst nicht, sehr wohl aber, dass so eine Wirklichkeit möglich ist. In einem ergreifend pathetischen Moment rezitiert Laughton bei einem Kneipenbesuch Lincolns Gettysburg-Rede und legt all seine Hoffnung an eine bessere Zukunft in diese Worte. Dass keiner der anwesenden Amerikaner die Rede wirklich kennt, zeigt schon, wie wenig der Film auf den Patriotismus seiner Landsleute vertraut.

Die Last der Familie

Vasili s Return - Poster

Die Entscheidung zwischen armenischen Stummfilmen, Werken der Neuen Iranischen Welle und einer Hommage an den finnischen Dokumentaristen Peter von Bagh fällt nicht leicht. Gelegentlich wünscht man sich, das Festival würde sich in noch weniger erforschte Regionen wagen, aber als kanonisch kann man das Programm trotzdem nicht bezeichnen. Ein Schwerpunkt lag in diesem Jahr etwa auf dem frühen Farbfilm. Neben einer Technicolor-Reihe und einer Sektion, in der die ersten Werke des Tauwetter-Kinos in den delirierenden Farben von Magicolor schimmerten, beeindruckte vor allem eine Sektion mit frühen japanischen Farbfilmen. Zwar begegnete man hier immer wieder ähnlichen Handlungsmotiven, doch gerade durch deren Gegenüberstellung zeichneten sich die inszenatorischen Eigenheiten der Filme ab. Thematisch ging es immer wieder um familiäre Verpflichtungen, unter denen besonders die sich mal fügenden, dann wieder leise aufbegehrenden Heldinnen zu leiden hatten. Im Zentrum stand dabei meist die Frage, was mehr wiegt, das Glück der Eltern oder das eigene.

KONJIKI YASHA

Kajirô Yamamoto erzählt in Girls Amongst the Flowers (Hana no naka no musumetachi, 1953) etwa mit trügerischer Heiterkeit von zwei Schwestern aus der Provinz, die beide für sich das Privileg einfordern, im nahen Tokio wohnen zu dürfen. Doch letztlich ist es nur einer gegönnt, weil jemand die Birnenfarm der Eltern übernehmen muss. Yamamoto siedelt seinen Film zwischen farbenfrohem, aber ödem Landleben und der anonymen und futuristisch anmutenden urbanen Welt an. Dass die Sehnsucht nach dem Anderen vor allem eine romantische Vorstellung ist, hindert den Film nicht daran, die Bedürfnisse seiner Figuren ernst zu nehmen. Am Schluss versteckt sich die Enttäuschung über einen verpassten, vielleicht auch besseren Lebensweg hinter demonstrativem Pragmatismus und einem bitteren Lächeln.

Die mangelnde Durchsetzungskraft des Festivalleiters

Ein Film, der die Qualen seiner Figuren dagegen nach außen stülpt, ist Golden Demon (Konjiki Yasha, 1954). Regisseur Koji Shima hat ein überbordendes Melodram inszeniert, das er in symbolisch aufgeladenen Natursettings ansiedelt. Auch hier geht es im Groben wieder darum, ob man den Mann mit Geld heiraten sollte oder doch den, den man liebt. Der Schwerpunkt verschiebt sich dabei jedoch auf eine fast queere männliche Figur. Der von seiner Geliebten zurückgewiesene Kanichi pendelt ständig zwischen den traditionellen Geschlechterrollen, zwischen männlicher Aktivität und weiblicher Passivität. Oft filmt ihn Shima wie eine Frau: von oben, in devoter Körperhaltung und den Blick auf den Boden gerichtet. Endgültig in die Opferrolle getrieben wird er, als ihn eine forsche Kollegin zu verführen versucht. Neben dieser sexuellen Ambivalenz ist das Tolle an Golden Demon vor allem, dass er nicht vor den gesellschaftlichen Zwängen einknickt, sondern die unter ökonomischen Bedingungen unvernünftige Liebe um jeden Preis verteidigen will. Als Kanichi am Schluss seine tote Geliebte in einem vernebelten Märchenwald in die Arme nimmt, erwecken sie die Strahlen der aufgehenden Sonne wieder zum Leben.

Great Day in the Morning 2

Obwohl man solchen Bildern noch ihre farbliche Brillanz ansah, brauchte man dabei auch ein wenig Fantasie. Wie der Zahn der Zeit am Zelluloid nagen kann, sieht man regelmäßig an alten Eastmancolor-Kopien, die einen unangenehmen Rotstich bekommen. Die japanischen Filme bewegten sich dagegen überwiegend im gelben Farbspektrum. Das ist besonders bei einer Reihe bedauerlich, bei der die Farben das eigentliche Spektakel sein sollten, aus Mangel an Alternativen war es aber die richtige Entscheidung, die Kopien trotzdem zu zeigen. Dass die Filme gesehen werden sollten, steht außer Frage – nicht zuletzt weil die meisten von ihnen im Westen völlig unbekannt sind. Dass sie dabei auf einem Material präsentiert werden, das zwar Mängel hat, aber immer noch das befriedigendste Ergebnis liefert, was Tiefenschärfe und Kontraste angeht, ist ein wichtiges Statement. Bologna ist eben ein Ort für Liebhaber (auch wenn die Qualität der Projektionen manchmal zu wünschen übrig lässt). Wo sonst werden Filme wie Jacques Tourneurs großartig stilisierter Bürgerkriegs-Western Great Day in the Morning (1956) noch stolz als Vintage-Print angepriesen, der zwar noch im originalen Technicolor-Verfahren entstanden ist, aber schon ganz schön mitgenommen aussieht. Seltsamerweise munkelt man, das Festivalleiter Gian Luca Farinelli am liebsten ganz auf digital umrüsten würde. Bleibt nur zu hoffen, dass er sich weiterhin so schlecht durchsetzen kann.

Zur Website des Festivals geht es hier 

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