Angenehm verarscht

Und plötzlich steht man im Gerichtssaal aus dem Film Abschied von gestern. In der Fondazione Prada in Venedig zeigt eine ausgezeichnete Multimedia-Ausstellung mit Arbeiten von Alexander Kluge, Thomas Demand und Anna Viebrock, welch inspirierendes Potenzial Täuschungen und Irritationen haben können.

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Man fühlt sich ein bisschen unbehaglich, wenn man durch den venezianischen Renaissance-Palast Ca’ Corner läuft, in dem die Mailänder Fondazione Prada ihren zweiten Ausstellungsort eingerichtet hat. Die Angestellten tragen dort Uniformen aus schwarzen Hosen und dunkelgrauen Shirts, die vermutlich aus den Werkstätten des Modehauses selbst stammen, und wirken darin für Museumspersonal nicht nur ungewöhnlich stylish, sondern auch ein wenig martialisch. Wahrscheinlich sollen die Wärterinnen so unauffällig wie möglich sein. Wenn man ihnen begegnet, spürt man ihre Präsenz kaum – sucht man allerdings Augenkontakt, wird man sofort freundlich angelächelt. Ist man dann einmal unbeobachtet, hört man schon, wie sich leise Schritte nähern. Hat man sich jedoch umgedreht, sind die Aufpasserinnen auch schon wieder verschwunden.

Erdrückender Neobiedermeier

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Diese leicht beunruhigende Atmosphäre, die aus dem Spannungsverhältnis zwischen der Freiheit des Besuchers und der Kontrolle der Institution entsteht, passt gut zur Gemeinschaftsausstellung „The Boat is Leaking. The Captain Lied“, die dort noch bis Ende November zu sehen ist. Man fühlt sich hier irgendwie beobachtet, manipuliert, manchmal auch angenehm verarscht. Aufgrund des Facettenreichtums, mit dem das Werk jedes Künstlers vorgestellt wird, liegt es nahe, die von Udo Kittelmann kuratierte Schau zunächst als drei Einzelausstellungen zum Preis von einer zu begreifen. Vereint sind Werke des Filme- und Fernsehmachers Alexander Kluge, des Fotografen Thomas Demand und der Bühnenbildnerin Anna Viebrock.

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Kluge ist vor allem mit seinen Produktionen für das unabhängige Fernsehformat dctp vertreten, in denen er Wissenschaftlern, Künstlern oder auch einem verkleideten Helge Schneider bohrende philosophische Fragen stellt und dabei oft mehr redet als die Interviewten. Thomas Demand spielt in seinen Fotografien mit einem Unbehagen, das durch den Einzug des Fremdartigen ins Vertraute entsteht. Und Anna Viebrock hat für die Räume verschiedene Bühnenbilder aus ihrer Theaterkarriere – allen voran den Kollaborationen mit Christoph Marthaler – nachgebaut. Bekannt geworden ist sie vor allem wegen ihres Faibles für eine gestrige Piefigkeit, die zu uncool ist, um Retro-Chic zu sein, und stattdessen eher wie eine Art erdrückender Neobiedermeier wirkt, der seine eigene Biederkeit gleich mitreflektiert.

Alles durchdringt sich

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Die eigentliche Qualität der Ausstellung liegt aber darin, wie gelungen die Arbeiten der drei Künstler miteinander kombiniert werden. Sie funktionieren nicht nur eigenständig, sondern verweisen immer auch aufeinander und darüber hinaus. Man fühlt sich wie in einem Labyrinth aus Referenzen und Täuschungen, fragt sich regelmäßig, was noch reales Gebäude und schon Kulisse ist, und trifft auf Türen, die mal ins Unbekannte führen, dann wieder reine Attrappen sind. Man steht plötzlich in einem detailgetreuen Nachbau des Braunschweiger Gerichtssaals aus Kluges Abschied von gestern (1966) oder bewundert barocke Fresken, die sich bald als Teil eines Bühnenbildes erweisen. Ähnlich irritierend wie Viebrocks Bauten wirken auch die Bilder von Demand. Auf den ersten Blick sind es sachliche, etwas sterile Fotografien von leeren Büroräumen, Parkgaragen oder einem mit Efeu verhängten Fenster. Doch irgendetwas stimmt hier nicht. Demand fotografiert nicht die Wirklichkeit, sondern baut sie als Miniaturmodell aus Papier nach. Der Augenblick, in dem klar wird, dass die von ihm gezeigte Welt keine echte ist, hat etwas Beängstigendes.

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„The Captain Lied“ zeigt Parallelen und Unterschiede der verschiedenen Positionen, taucht in die Biografien der Künstler und in die Geschichte des Ausstellungsortes ein; präsentiert etwa ein von Viebrock nachgebautes Schaufenster aus Kluges Heimat Halberstadt oder beschäftigt sich mit der historischen Persönlichkeit Caterina Cornaro, die im Ca’ Corner aufgewachsen ist und später Königin von Zypern wurde. Die Ausstellung demonstriert beispielhaft, wie eine Multimedia-Installation im besten Fall aussehen kann: Alles durchdringt und bereichert sich, ohne voneinander abhängig zu sein. Und obwohl durch die Konzeption die Wege des Besuchers vorgegeben oder versperrt werden, ist das Besondere doch auch, wie unterschiedlich man sich der Ausstellung nähern kann: Als Rundgang, bei dem alles nur angeschnitten wird, funktioniert sie ebenso wie als Möglichkeit, sich einmal in Ruhe Kluges Videos zu widmen und die Zeit dabei zu vergessen. Zumindest fast. Denn der ohrenbetäubende Klang eines Schiffshorns erinnert einen an jede verstrichene Stunde. Zu gemütlich soll es eben auch nicht werden.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 26. November. Mehr Infos gibt es hier

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