Alte Meister
Notizen vom Filmfest München 2010 - Teil 1
Keine Berlinale ohne Chabrol, kein Filmfest München ohne Soderbergh. So fühlt es sich zumindest an. Festivals bieten gerne einen Überblick der Arrivierten neuester Werke. An der Isar sind Werner Herzog, 2007 mit einer kompletten Retrospektive geehrt, und Francis Ford Coppola gern gesehene Gäste. Wobei Letzterer nie kommt.
Beide sind nach äußerst unterschiedlichen Wegen an einem recht ähnlichen Punkt angelangt: Aus den USA heraus drehen und produzieren sie niedrig budgetierte Filme mit Stars, die Mainstream und Genre entweder von innen aushöhlen oder aber direkt daran vorbeizielen. Ohne dabei das Arthouse-Kino zu bedienen. Wobei Coppola auf dem besten Weg ist, wenn auch nicht besonders erfolgsversprechend. Das ist vielleicht, bei allen ästhetischen Differenzen, die sinnfälligste Gemeinsamkeit: Beide Regisseure sind dem relativ nahe, was bei einem hochkommerziellen Produkt wie Film fast unmöglich scheint – sie schielen auf keinerlei Zielpublikum. Gewissermaßen leisten sie es sich im hohen Alter, das zu realisieren, wonach ihnen ist – und wie sie es wollen. Was bei beiden auf unterschiedliche Weise äußerst experimentelle Formen annehmen kann. Herzog schreibt seine Phänomenologie der skurrilen Außenseiter mit My son, my son, what have ye done fort und knüpft recht nahtlos, auch was das Faible für exotische Tiere betrifft, an Bad Lieutenant: Port of New Orleans an. Wieder gibt es ein Kapitalverbrechen und einen ermittelnden Cop an einem Ort in der kinematografischen Peripherie – jenseits der amerikanischen Filmstädte Los Angeles und New York. Herzog deutet eher an als aus und erfreut sich daran, Dialogklischees aufzubrechen. Was dazu führt, dass der Zuschauer zumindest etwas sieht, dass es so noch nicht im Kino gegeben hat. Recht ungewöhnlich inmitten der Post(post)moderne.
Auch Francis Ford Coppola bleibt sich treu und erkundet das Kino für sich dennoch neu. Sein Blick gilt, wie so oft, den familiären Bindungen und dem jungen Mann an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Eine ganze Reihe solcher Initiationsfilme hat der Zoetrope-Chef gedreht, Rumble Fish 1983 in Schwarzweiß (mit einer berühmten Ausnahme). Auch Tetro ist in weiten Teilen in Schwarzweiß gehalten, rückt aber stärker als der frühere Film an die Wurzeln des Kinematografischen. Er hebt die Grenzen von Raum und Zeit auf, spielt mit vexierartigen Bildern, mit der Körnigkeit und Belichtung des Materials, mit Kontrasten. Coppola spürt seiner Liebe für die Oper nach, was nicht nur den Plot und die Musik anbelangt, sondern ganze Sequenzen. All das fügt sich nicht immer zusammen, aber einige Bilder lassen den Zuschauer nicht mehr los. Und eines kann man keinem der beiden Veteranen vorwerfen: Sie würden sich nur selbst reproduzieren.
Veröffentlicht am 28.06.2010
Fotos: Filmfest München
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