Afrikamera 2013: Sehtagebuch

Kino aus Afrika, gestern und heute. Ein Streifzug durch das Festival.

The Pardon (Imbabazi; Regie: Joel Karekezi; Ruanda 2013)

The Pardon

Das Festival Afrikamera kann vor allem eines leisten: Filme zu zeigen, die nicht nur von Afrika handeln, sondern auch aus afrikanischer Perspektive erzählt werden. Ähnlich wie die internationalen Produktionen Hotel Ruanda (2004) und Shooting Dogs (2005) geht es etwa auch in The Pardon um den Völkermord an den Tutsis. Regiedebütant Joel Karekezi braucht in seinem Film jedoch keine ausländischen Entwicklungshelfer, um Empathie aufkommen zu lassen. Er bleibt konsequent innerhalb der ruandischen Gesellschaft und erzählt anhand der Freundschaft zwischen einem Hutu und einem Tutsi von blindem Fanatismus, aber auch von dem Wunsch zu vergessen. Denn der eigentliche Konflikt des Films setzt dann ein, als der einst Macheten schwingende Schlächter nach fünfzehn Jahren reumütig aus dem Gefängnis kommt, ein Bewusstsein für die Gräuel der Vergangenheit schaffen will und dabei nur auf taube Ohren stößt. Karekezis Ambitionen laufen dabei häufig ins Leere. Nicht, weil die technische Ausstattung sehr bescheiden ist, sondern weil jeder Konflikt zur Seifenoper überzeichnet wird und die wirre Montage dem Zuschauer immer wieder die Orientierung raubt. Ein schönes Schlussbild findet der Regisseur aber trotzdem: Ohne einen Blick auszutauschen, bauen die einstigen Freunde gemeinsam ein Haus: das Fundament einer friedlichen Zukunft, in der die Vergangenheit unvergessen bleibt.

 

Yema (Regie: Djamila Sahraoui; Algerien, Frankreich 2012)

Yema

Der Unterschied zwischen einem unabhängig produzierten Beitrag wie The Pardon und der französischen Koproduktion Yema könnte größer kaum sein. Mit seinen getragenen Kamerafahrten und durchkomponierten Bildern hat Regisseurin Djamila Sahraoui einen Film gedreht, dem man handwerklich kaum etwas vorwerfen kann. Inmitten der algerischen Wüste, zwischen den Fronten von Militär und islamistischen Gruppierungen, inszeniert sie ein Kammerspiel über die Folgen des Krieges im Privaten. Die Sonne hat dabei nicht nur die Erde vertrocknet, sondern auch die Gefühle der Figuren verkümmern lassen. Unter größter körperlicher Anstrengung versucht die von Sahraoui verkörperte Mutter, Tomatensträuche am Leben zu halten, überlässt ihre Söhne aber dem Schicksal. Yema ist ein Film, wie man ihn auch oft auf größeren Festivals zu sehen bekommt: solide, mit künstlerischem Anspruch, aber auch ziemlich behäbig. Auffällig ist, dass selbst bei Afrikamera immer wieder Außenstehende das Wort ergreifen. Sahraoui etwa lebt bereits seit 1975 in Frankreich. Das heißt zwar nicht, dass sie nichts Relevantes über die Lage in ihrer früheren Heimat zu sagen hat, ihr Blick erfolgt aber notgedrungen von außen.

 

Gito, the Ungrateful (Gito, l'ingrat; Regie: Léonce Ngabo; Burundi, Frankreich 1993)

Gito 01

Auch Léonce Ngabo zog es zwischenzeitlich ins Ausland, anschließend aber auch wieder in seine Heimat Burundi. Sein bekanntester Film Gito, the Ungrateful – der einzige ältere Film bei Afrikamera – erzählt auf unaufgeregte Weise von der Rückkehr eines Migranten in seine Heimat. So undankbar wie der Titel nahelegt, ist die Hauptfigur Gito dann tatsächlich auch. Mit einem französischen Juradiplom in der Tasche wimmelt er nach seiner Ankunft erstmal Freunde und Familie ab, nistet sich in einem schicken Hotel ein und bereitet sich darauf vor, Minister zu werden. Wie ihn die Wirklichkeit schließlich eines Besseren belehrt, inszeniert Ngabo mit präzisem Blick und trockenem Humor. Toll ist auch, wie es dem kongolesischen Hauptdarsteller Josef Kumbela mit einem Minimum an Mimik gelingt, die Schwächen seiner unmöglichen Hauptfigur auf den Punkt zu bringen. Wie in der volkstümlichen Komödie wird am Ende dem überheblichen Gockel von seinen gehörnten Liebhaberinnen eine Lektion erteilt. Dass der fehlerhafte Protagonist letztlich zu einer neuen Bescheidenheit zurückfindet, lässt sich dann jedoch nicht, wie so oft, auf eine moralische Läuterung zurückführen, sondern auf reinen Pragmatismus.

 

Le Président (Regie: Jean Pierre Bekolo; Kamerun/Deutschland 2013)

Le President

Im Gegensatz zu vielen anderen Regisseuren auf dem Festival ist der Kameruner Jean Pierre Bekolo nicht daran interessiert, eine Geschichte zu erzählen. Sein neuer Film Le Président, der in Afrika aus Angst vor staatlichen Repressalien bisher kaum aufgeführt wurde, braucht keine Handlung, sondern lediglich ein wirklichkeitsnahes Szenario, das als Ausgangslage für ein Gedankenspiel über eine mögliche Zukunft Kameruns dient. Ein Präsident, der, genau wie das tatsächliche Staatsoberhaupt Paul Biya, seit vier Jahrzehnten mehr schlecht als recht das Land regiert, verschwindet von einem Tag auf den anderen und überlässt das Volk seinem Schicksal. Mit vielen formalen Spielereien wie falschen Nachrichtensendungen, Split Screens und einem Rap über das revolutionäre Potenzial der Jugend feiert Bekolo die neu gewonnene Freiheit. Sein Film bleibt zwar eine Kopfgeburt, gibt dem Zuschauer dabei aber immer wieder seine Dringlichkeit zu spüren. Wenn Bekolo am Schluss ein wenig ins Träumen kommt und eine engagierte Präsidentin mit den Missständen im Land aufräumen lässt, dann nur, um uns mit einer Einblendung wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen: „1982 – 20??. When will it end?“. Paul Biya jedenfalls regiert weiterhin.

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