Afrikamera 2012: Geschichten im Wasser

Beim diesjährigen Afrikamera-Festival in Berlin (Kino Arsenal, 13. bis 18. November) geht es um Zeiten und Gezeiten.

Afrikamera 2012

Afrika – wie viele Begriffe suggeriert dieser Name eine Einheit und Übersichtlichkeit, die sich bei näherem Hinschauen als Trugschluss erweisen muss. „Afrika“ ist mehr als ein Ort, bezeichnet aber auch keine Identität, definiert keine Gemeinschaft. Und dennoch vermeinen wir etwas zu treffen, wenn wir von Afrika sprechen; exotische Fantasmen, eine spezielle Befindlichkeit vielleicht, oder ein gewisses historisches Schicksal. Wir verwenden den Begriff ständig und konkret, aber was er bezeichnet, ist so vielgestaltig wie wandelbar.

Die bei der fünften Ausgabe des afrikanischen Filmfestivals Afrikamera versammelten Filme haben eine starke Metapher für diesen geheimnisvollen Begriff gefunden, für etwas, das sich ständig wandelt und doch immer eins bleibt: das Wasser. Auf unserem blauen Planeten wurden die Menschen Afrikas von der lange Zeit durch die Europäer in Geiselhaft genommenen Geschichte über den gesamten Globus gespült, und mit ihnen wanderte und wandelte sich, was mit „Afrika“ gemeint sein könnte. Afrika ist überall auf der Welt, und so sind seine Geschichten. Vier von ihnen hat critic.de schon vor Festivalbeginn anschauen dürfen.

Otelo Burning 02

In Sara Blechers Otelo Burning (2011) aus Südafrika wird der Ozean zum idealen, idyllischen Bild jener Freiheit, um die in den Straßen des Townships Lamontville mit Gewalt und Schmutz gekämpft wird. Kurz vor Ende der Apartheid entfliehen die Jugendfreunde Otelo (Jafta Mamabalo) und New Year (Thomas Gumede) dem harschen Alltag in die Wellen, statt Schule und Familie gibt es für sie nur noch Surfen. Aber ihr Eskapismus wird ihnen von der Geschichte nicht gegönnt: Anders als beim kurzen Kick der Freiheit, der einen beim Rasen ins Wellental begleitet, muss man sich in der Realität anstrengen, um wirklich frei zu werden.

Otelo Burning orientiert sich stilistisch und narrativ sehr deutlich am brasilianischen Emanzipationsepos City of God (Cidade de Deus, 2002): Erzähler New Year schildert die Ereignisse per Voice-over aus einer ähnlich distanzierten, rückblickenden Haltung wie seinerzeit Buscapé (Alexandre Rodrigues), wie dieser ist er als Fotograf Garant einer gesteigerten Objektivität. Und beide Filme teilen ein farbensattes, musikgetriebenes Bild des vergangenen Lebens im Armutsviertel. Aber wo der brasilianische Film mit stilistischen Extravaganzen protzte, bleibt Otelo Burning bis auf die im Sonnenuntergangsorange schwelgenden Surfszenen recht bodenständig.

Otelo Burning 01

Regisseurin Blecher, eine Weiße, ist sichtlich um die Suggestion einer schwarzen Binnenperspektive bemüht. Der Film ist komplett auf Zulu gedreht, und es gibt nicht wenige Szenen, in denen er sich über die Hellhäutigen lustig macht. Das mag manchmal selbstverleugnend wirken, aber im Ganzen funktioniert Otelo Burning als Coming-of-Age-Studie, die Charakterentwicklung und politisches Geschehen ineinander verzahnt, gut. Im Herzen ist dies ein lebensbejahender, zukunftsoffener Film, der im glitzernden Ozean schon während der düsteren Vergangenheit die Verheißung erkennt, dass der Horizont endlos ist. Und dies scheint eine wichtige Erinnerung zu sein für ein Südafrika, das gerade wieder an seiner in Arm und Reich gespaltenen Gesellschaft zugrunde zu gehen droht.

Ramata 02

Wo in Otelo Burning der Ozean für Freiheit und Zukunft steht, da repräsentiert er in Léandre-Alain Barkers Ramata (2011) Vergangenheit und den Tod: Gleich in der Eröffnungsszene dieses strengen, fast hermetischen Charakterdramas begeht eine Frau (Katoucha) mit langen, blondierten Haaren mit einem Sprung aus der Höhe auf die Felsen der Brandung Selbstmord. Ein Fremder kommt kurz darauf am Tatort an und lässt sich von einem nur von hinten zu sehenden Mann die Lebensgeschichte der schönen, einsamen Selbstmörderin erzählen.

Mit klaren Verweisen auf modernistisches europäisches Autorenkino erzählt Barker eine vertrackte Geschichte um Untreue, Stolz und Klassenunterschiede. Die geheimnisumwitterte Hauptfigur Ramata ist eine Wiedergängerin der entfremdeten Heldinnen Antonionis, und in der Dreiecksgeschichte zwischen ihr, ihrem reichen Ehemann und ihrem Kleinganovenliebhaber (Ibrahima Mbaye) hallen die diversen Verfilmungen von Cains Roman Wenn der Postmann zweimal klingelt wider. Doch statt eines kriminalistischen Plots dominiert hier existenzialistisches Unbehagen.

Ramata 01

Ramata ist ruhig, aber mit klarer und kräftiger Hand inszeniert, seine bleichen Farben, sein entrücktes Schauspiel und die verfremdende Szenenauflösung werden nicht wenige Zuschauer überraschen, die mit westafrikanischem Kino eher folkloristische Geschichten und einen etwas lauteren Ton verbinden. Aber in seinem Minimalismus öffnet Regisseur Baraka weite Assoziationsräume, in denen die zwischen verwestlichter Dekadenz und bodenständiger Grobheit hin- und hergerissene Figur der Ramata, die durch das in Rückblenden erzählte Leben schon wie eine Tote wandelt, zu einer Stellvertreterin Afrikas wird. Und am Meer findet sie ihr Ende, und den Beginn ihrer Wiedergeburt in den Geschichten.

Wie weit das Meer Afrika in die Welt getragen hat und mit welcher Brutalität die Kolonialmächte seine Menschen ihrer Heimat entrissen, davon berichtet der großartige Indochina, Traces of a Mother (Indochine, sur le traces de ma mère , 2010) von Idrissou Mora Kpai. Er beginnt und endet mit Bildern von Wasser, von verrosteten, zerstörten Docks und Brücken. Christoph, ein schwarzer Mann mit schmalen Augen, wandert durch die belebten Straßen Vietnams, aus dem Off berichtet seine Stimme, dass er auf der Suche nach seiner vietnamesischen Mutter sei, die er nur als Baby kannte.

Indochine sur les traces de ma mere 01

Mit rigoroser Informationsökonomie und einem fast kriminalistischen Gespür für Timing entblättert Regisseur Kpai aus diesem Porträt eine schreckliche Facette kolonialer Allmachtspolitik: Als die Franzosen im damaligen Indochina Krieg führten, zwangen sie Menschen aus ihren Kolonien in Nord- und Westafrika, an ihrer statt zu kämpfen. Ein unterdrücktes Volk wurde auf das andere gehetzt. Dabei kam es während der jahrelangen Besatzung selbstverständlich auch zu sexuellen Kontakten zwischen Soldaten und Einheimischen, und so ist Christoph nur eines von hunderten Kindern, die aus Affären und Liebschaften zwischen afrikanischen Männern und vietnamesischen Frauen resultierten. Doch die Franzosen verweigerten den Vätern, die Mütter mit zurück in die Heimat zu nehmen, und so hat sich in den globalen Halbwaisen die Geschichte eingeschrieben.

Kein einziger Franzose kommt hier zu Wort, auch wenn die Kolonialmacht sprachlich immer anwesend ist. Aber Kpai erzählt keine reine Opfergeschichte, sondern berichtet ebenso von Verbrüderungen zwischen den kommunistischen Kämpfern der Viet Minh und ihren afrikanischen „Gegnern“. Dieser Zug, der den Protagonisten eine von den Europäern unabhängige Perspektive und Handlungsmacht zugesteht, zeichnet Indochina, Traces of a Mother aus. Die Montage baut derweil ein imaginäres Land, indem kommentarlos Panoramaaufnahmen aus dem Benin mit ähnlichen Aufnahmen aus Vietnam verknüpft werden: Motorräder fahren hier wie dort über Straßen und Brücken, ähnliche Boote durchpflügen zweierlei Brandung. Oft weiß man als Zuschauer nicht, wo man sich gerade befindet, und diese kontrollierte Ungewissheit zeichnet eine kleine Utopie in die dunkle Vergangenheit. Am Ende kann man immerhin zuordnen, dass das Bild des Anfangs an der afrikanischen Küste aufgenommen wurde, und Christoph entsteigt in Taucherausrüstung dem Meer, zurück aus Vietnam. Das endlose Zwischenreich des Ozeans, dieses imaginäre Viet-Afrika, ist sein wahres Zuhause.

Here we drown Algerians 01

Das Bild des Wassers und die Erinnerung an französische Kolonialgeschichte charakterisieren in ganz anderer Weise auch Here We Drown Algeriens, October 17th, 1961 (Ici on noie les Algériens 17 OCTOBRE 1961, 2011) von Yasmina Adi. Diesmal ist es nicht der Ozean, sondern die Seine, mitten in Frankreichs Hauptstadt, in der sich die Historie abgelagert hat.

Der Titel macht bereits deutlich, dass hier ein ganz spezifischer historischer Moment thematisiert wird, namentlich die brutale Niederschlagung der Proteste algerischer Demonstranten in Paris im Oktober 1961. Angefacht von restriktiven Ausgangssperren und der Freiheitsbewegung in ihrem Heimatland, gingen sie für ihre Rechte auf die Straßen, doch die französischen Obrigkeiten trieben sie auseinander, verprügelten und ermordeten sie, sperrten sie ein und warfen sie zum Ertrinken in die Seine.

Regisseurin Adi ist von Wut getrieben, der Ton ihrer Dokumentation ist anklagend und düster. Hier wird eine Episode der französischen Geschichte rekonstruiert, die der Staat gerne wie die Leichen der Demonstranten dem Schweigen des Flusses übergeben hätte. Aber das Wasser treibt die Vergangenheit wieder an die Oberfläche, und Witwen berichten mit zitternden Stimmen, wie sie bis heute bei jeder Überquerung der Seine an vergangenes Unrecht und ihre toten Ehemänner erinnert werden.

Here we drown Algerians 02

Adi mischt Interviewfragmente mit aus Archivmaterial und reinszenierten Radio- und Polizeidurchsagen zusammengesetzten Sequenzen, die ein dystopisches, fast Orwell’sches Bild Frankreichs als Kontroll-und Überwachungsstaat zeichnen. Der Film ist ein notwendigerweise unangenehmes, sicherlich auch einseitiges Dokument, aber eines, das uns daran erinnert, wie sich das Drama Afrikas auch mitten in den Herzen unseres Kontinents abspielte. Am Anfang und am Ende sehen wir die Wellen der Seine, die aus einer dunklen Vergangenheit einer ungewissen Zukunft entgegenströmt. Im Wasser wandern die Zeiten der afrikanischen Geschichte, über Grenzen hinweg und rund um den Globus.

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