Achtung Berlin 2014: Sehtagebuch (3)

Überbordende Kunstphilosophie im Spielfilm-Wettbewerb, deutsches Anti-Wohlfühl-Kino aus den Neunzigern in der Retrospektive und ein Dokumentarfilm, der dem Begriff des Arischen nachgeht.

Art Girls

Art Girls 01

Zu Beginn stellt sich Frust ein. Bitte nicht noch eine die Berliner Kunstwelt hochnehmende Karikatur! Doch Robert Bramkamp wendet sich schnell ab von einer faden, nur die eigene Kultiviertheit präsentierenden Bloßstellung der sich ohne Zweifel bisweilen absurd ausnehmenden Kämpfe des künstlerischen Individuums in der Hauptstadtblase. Stattdessen fährt er mit einer spielerischen Breitseite auf, die in einen Katastrophenfilm mündet und in ihrem Überschwang doch irgendwie beeindruckt – eine toll animierte Actionszene, bei der ein aus Baugerüsten bestehendes Monster in bester King Kong-Manier den Berliner Funkturm emporklettert und diesen zum Einsturz bringt ist mein Roland-Emmerich-Erlebnis des Festivals. Bramkamps Thema ist die räumliche Entgrenzung der Kunst, ihr Übertritt in die „echte“ Welt, das „wirkliche“ Leben außerhalb der zu Beginn so ironisch überzeichneten Galeriewelt. „Kunst, die wirkt“, so der Wunsch der Hauptfigur Nikita Neufeld, die sich zusammen mit ihrer Künstlerfreundin Una Queens an einer von einer BioTech-Firma finanzierten Ausstellung beteiligt. Diese missbrauchen die Wissenschaftler-Zwillinge Peter und Laurens Maturana (Peter Lohmeyer) für eine Art Gleichschaltungs-Experiment, sowohl von Mensch und Mensch als auch von Kunstwelt und Realität (die technischen Hintergründe des Labels „BioSync“ bleiben verworren, es wird aber fleißig bestrahlt, gemessen und destabilisiert). Als das Ganze aus dem Ruder läuft, steht plötzlich die Katastrophenkunst Queens gegen das stabilisierende Wir-Gefühl der Arbeiten Neufelds, die zum „neuen Neo“ (Matrix, die vielfachen Filmanspielungen sind zumeist wenig subtil) werden muss. Die Fragen nach der Grenze, der Messbarkeit und dem Einfluss von Kunst, die Art Girls aufnimmt, sind natürlich keine neuen, und über eine Länge von zwei Stunden bringt mich das collagenhafte Dauerfeuer – Bramkamp spielt mit allerlei veraltet wirkenden Bild-im-Bild-Videotricks, kommt über Dinge wie Diaprojektionen und Tarotkarten aber auch immer wieder zu analogen Bild-Ästhetiken zurück – mitunter schon auf die Palme. Trotzdem ist gerade gegen Ende der Versuch einer filmischen Umsetzung aktueller politisch-philosophischer Überlegungen zu so etwas wie einer Wir-Intelligenz, die sich (auch im Film) abgrenzt von individualpsychologischen Konzepten, interessant. Und auch die Einbettung des ganzen Films in ein „cross-mediales“ Projekt, wie es auf der Seite des Instituts Forschender Film Hamburg heißt, klingt erst einmal nicht unspannend, unter anderem hatte die (fiktionale) Medienkünstlerin Nikita Neufeld 2011 auch schon eine Ausstellung in der Kunsthalle Göppingen.

 

Die Arier

Die Arier 01

Einfache Fragen, veranschaulichende Bilder, wenig Raum zur Interpretation – Mo Asumangs Dokumentarfilm verfährt vor allem zu Beginn betont didaktisch und ist immer wieder auf simple Rhetoriken hin konstruiert. Das ist einerseits der oft betonten Grundsätzlichkeit ihres Ansatzes geschuldet: Es geht ihr um den Begriff des Arischen, dessen Herkunft, Geschichte und (missbräuchliche) Verwendung. Sie möchte Klarheit und verlangt das auch von ihrer Filmsprache. Dieser Hang zum Basalen und Eindeutigen erzeugt bei mir erst einmal widerwilliges Stöhnen, belehrt mich aber im Verlauf des Films eines Besseren und entfaltet tatsächlich eine ungeheure Kraft. Dann nämlich, wenn sich Asumang in die direkte (dabei aber immer sehr sanfte) Konfrontation mit den von ihr interviewten Rassisten begibt, wenn diese auf die simpelsten Fragekonstruktionen keine Antworten finden oder nur noch mit ausgemachtem Blödsinn das Gespräch am Leben erhalten können. Asumang führt auch die klassischen Expertengespräche – es kommt etwa der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit zu Wort –, im Zentrum ihres Films steht aber eindeutig die Auseinandersetzung mit den Rechtsradikalen selbst. Und Asumang begnügt sich da nicht mit dem Besuch einer Demo oder dem Interviewen einiger (peinlich hilfloser) Burschenschaftler in Deutschland. Sie denkt von Beginn an global, sucht die ‚Ur-Arier’ im Iran auf, reist in die USA. Dort trifft sie Tom Metzger, eine der größten Neo-Nazi-Ikonen des Landes und kommt in einer unheimlichen Nacht-und-Nebel-Aktion mit zwei Mitgliedern des Ku-Klux-Clans zusammen. Dieser Mut zur Nähe präsentiert die radikalen Protagonisten gerade nicht als emotionslose Aggressoren und entlarvt den rechten Hass als fehlgeleitete (hochgradig hierarchische und ökonomisierte) Gemeinschaftskonstruktion. Die Einfachheit des aufklärerischen Gestus wirkt auch in die Bildsprache hinein und macht Die Arier damit nicht unbedingt zu einer visuellen Offenbarung. Als Methode wirkt das aggressive Offenlegen des eigenen Vorgehens aber sehr eindrücklich, auch weil es jeglichem Weltverbesserer-Pathos entbehrt.

 

Nah am Wasser

Nah am Wasser 01

Eine Perle entdecke ich in der von Hajo Schäfer, Regina Kräh und Sebastian Brose kuratierten Retrospektive „Berlin im Film der 90er Jahre“, von der ich leider viel zu wenig gesehen habe. Marc Ottikers kantige, dabei aber auch unglaublich zärtliche Tragikomödie Nah am Wasser entstand 1994 mithilfe des Kleinen Fernsehspiels und spielt in einem historischen Neukölln, das entgegen dem Aufmacher im Programmtext dem heutigen – nimmt man einige wenige Trendbezirke einmal aus – eigentlich gar nicht so unähnlich ist. Vor allem die Heterogenität in Sachen Bevölkerungsgruppen ist hier schon voll angelegt: ein englischsprachiger Straßenmusiker, süddeutsche Berlin-Exilanten, Türken, der Schweizer Yuppie, die Arbeiterklassen-Familie und ein Verrückter im pinken Hasenkostüm – alle da. Mittendrin der übergewichtige Möbelpacker Günther (Sven Pippig, der 2003 für seine Darstellung in Petzolds Fernsehfilm Toter Mann den Grimme-Preis erhielt und im letzten Jahr verstarb, in seiner ersten Filmrolle), ein junger Mann auf dem Standstreifen des Lebens: ohne Freunde, dafür mit einem tristen Familienleben. Seine Glücks- und Machtgefühle speisen sich aus Pornofilmen, Modellschiff-Rennen und einem Parteibeitritt bei den rechtsradikalen Republikanern. Doch plötzlich ist da die schöne Bankangestellte Franziska, und für eine kurze Zeit scheint alles möglich. Ottiker versteht und verstand laut eigener Aussage seinen Film als Anti-These zum mittelständischen Wohlfühlkino Mitte der 1990er Jahre aus dem Eichinger-Wortmann-Kosmos (Der bewegte Mann, 1994; Das Superweib, 1996). Und das trifft es ganz gut, geht er, als Schweizer Wahlberliner damals selbst in Neukölln wohnhaft, doch wortwörtlich und auch metaphorisch in die dunklen Keller eines Nachwende-Ostdeutschlands statt in die durchgestylten Maisonette-Wohnungen von München oder Köln (heutzutage hat sich diese lokale Differenz ja insoweit erledigt, dass die Nachkommen des Eichinger-Kinos namens Schweiger, Schweighöfer und Co. auch in Berlin entsprechende Drehorte finden). Ottiker erzählt seine Liebesgeschichte mit einer jederzeit ins Tragische, Morbide abzugleiten drohenden Offenheit, immer wieder schlägt die Erzählung einen Haken, scheinen die Figuren sich umzuentscheiden. Genial, wie Ottiker die gerade stattfindende Fussball-Weltmeisterschaft als in Bild und Ton immer wieder präsentes Damoklesschwert über seiner Geschichte schweben lässt (wenn Klinsmann nicht trifft, dann geht es nicht gut aus).

Kommentare zu „Achtung Berlin 2014: Sehtagebuch (3)“

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