Achtung Berlin 2014: Sehtagebuch (2)

Selbstmord als Option, ein poetisches Mallorca und der jüngste Berlin-Film von Klaus Lemke.

Willkommen im Klub

Willkommen im Club 01

Der Klub, das ist in Andreas Schimmelbuschs Festival-Beitrag die Gruppe der Selbstmordgefährdeten, die die raumzeitlich stark abstrahierte Erzählwelt bevölkern, oder aber auch das Suizid-Hotel, in dem alles seinen Ausgang und sein Ende nimmt. Kate (Patrycia Ziolkowska) checkt zu Beginn dort ein, entscheidet sich für die Variante „aufgeschnittene Pulsader in der Badewanne“. Der Portier (Wolfram Koch) besorgt Wein und legt die Rasierklinge bereit, erfüllt Kate aber dann doch noch jenen Wunsch, den sie im bühnenartig aufgelösten Prolog ihrem Psychiater in aller Eindringlichkeit deutlich gemacht hat und der den geplanten Selbstmord erst einmal überflüssig macht oder zumindest aufschiebt: „Liebe mich.“ Es wird wieder ausgecheckt, und eine undurchsichtige Dreiecksgeschichte – die Hotelbesitzerin und Selbstmord-Seminarleiterin zieht mehr Strippen als gedacht – kommt ins Rollen. Schimmelbuschs Film ist am Theater geschult, reduzierte Räume werden mit Choreografien und dramatischer Rede eines skurrilen Figurenensembles bespielt. Die in den ersten zwanzig Minuten im Hotel (gedreht wurde im geschichtsträchtigen Hotel Bogota in Berlin-Charlottenburg, das im letzten Jahr endgültig schließen musste) erzeugte düstere Stimmung erinnert in ihrer Intensität ein wenig an David Lynchs Mullholland Drive (2001). Dazu passt die leicht schräge Nüchternheit der weiblichen Hauptfigur, die für den Zuschauer nur schwer zu fassen bleibt, auch weil angedeutete Psychologisierungen immer wieder ins Leere laufen oder absurd abdriften. Dann aber geht Willkommen im Klub ein wenig die Puste aus, weicht das Kryptische doch immer mehr einer spielerischen Beliebigkeit: Figuren, die die Option Selbstmord ernst nehmen, sind hier schließlich doch nur mit ironischem Witz oder mit einer dunklen Familienvergangenheit zu haben.

 

Die Geschichte vom Astronauten

Die Geschichte vom Astronauten 01

Raus aus Berlin geht es mit Schauspieler Godehard Giese, der sein sehr behutsam erzähltes Regiedebüt aufs Land verlegt, dafür allerdings nicht, wie so viele Festivalbeiträger, im Brandenburgischen, sondern in Spanien gedreht hat. Die Geschichte vom Astronauten spielt in und um eine Villa auf Mallorca (in einem der wunderschönen steppenartigen Gebiete der Insel abseits vom El-Arenal-Tourismus) und ist erst einmal auch nur Fiktion in der Fiktion. Die Schriftstellerin Charlotte hat sich in der Residenz von Renate (Ruth Diehl, die die Villa auch im echten Leben bewohnt) niedergelassen, um an ihrem neuen Buch weiterzuarbeiten. Ihre Suche nach Ruhe und Inspiration in der Natur verkehrt sich allerdings schnell in eine vielfach gespiegelte Auseinandersetzung mit den wenigen Mitmenschen der Umgebung und in der Folge den eigenen Wünschen und Ängsten. Da ist Robert (Giese), dessen Frau unter nie ganz offengelegten Umständen gestorben ist, seine neue Freundin Carolin (Ursula Renneke), die ältere Dame Renate, deren Mann sie vor vielen Jahren sitzen gelassen hat, und der geheimnisvolle Sal (Hubertus Hiess). In poetischen Bildern schichtet Giese die Identitäten übereinander und lässt sie relativ frei flottierend miteinander kommunizieren, die individuellen Zeitlichkeiten der Figuren (de)stabilisieren sich immer wieder und bilden so schillernde Reflexionen aus – Charlottes allmähliche Abkehr von einer anfangs betont kühlen Souveränität etwa wird erst in Anwesenheit von Roberts Tochter auch als eine Art umgekehrtes Coming-of-Age erfahrbar. Die Geschichte vom Astronauten ist so auch ein sich von jeglicher Linearität befreiendes Generationenstück, ein Film über das Freimachen von der Vergangenheit und deren Heimsuchungen. Giese ist da sehr nah bei Christian Petzold, nicht nur weil der Film auch eine Geistergeschichte ist, sondern vor allem auch auf visueller Ebene: wie er seine Protagonisten in stimmungsvollen Bildern in die Umgebung einpasst, wie er dabei das Meer und die Landschaft von Beginn an zu sprechenden Reliefs werden lässt.

 

Kein großes Ding

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Kein großes Ding ist der jüngste Berlin-Film, vom ältesten Regisseur im Wettbewerb (der dazu auch noch aus München stammt). Es ist schon beeindruckend, wie nah Klaus Lemke mit seinen beizeiten sinnentleerten, aber nie ironiefreien Zuspitzungen dran ist an jener Berliner Welt zwischen Neo-Dandytum und abgefucktem Hängerleben, zwischen Jutetasche und Lidltüte, einer Welt, die einem schon als Endzwanziger manchmal so fremdartig erscheint (erscheinen will, sich exkludieren zu wollen ist ja auch Teil der Sache; auch daran, an der Diktatur des Andersseins, arbeitet sich der Film ganz nebenbei ab). Vieles, und in Kein großes Ding ist es vor allem die Sprache bzw. das Sprechen, holt sich Lemke dabei von seinen immerzu jungen Schauspielern. Wie abhängig seine Low-Budget-Improvisationsarbeit von den Darstellern ist, macht auch der Vergleich mit seinem eher krampfigen, von allzu viel Abziehbildlichkeit beherrschten ersten Berlin-Film, dem vor zwei Jahren entstandenen Berlin für Helden deutlich. In Kein großes Ding ist es vor allem Hauptdarsteller Thomas Mahmoud, der mit seinen Sprechtiraden und James-Brown-Imitationen (gewissermaßen die Antithese zur Sprechtirade) die Show an sich reißt und Meister Lemke im Sprücheklopfen (ein sehr unterhaltsames Interview aktuell im Berliner Stadtmagazin tip) in nichts nachsteht: „Sieht aus wie ein Sack Muscheln und macht hier auf Fotzenkaiser!“ Ausgehend von einer in den ersten zehn Minuten durchaus straight etablierten Rahmenhandlung – Mahmoud, eben aus dem Gefängnis entlassen, muss an Geld kommen und gerät gleich wieder in die illegalen Machenschaften der bösen Filmvorführer –, verliert sich Kein großes Ding mit seinen Figuren für einige Zeit, um sich dann immer mehr um die von absurden Abhängigkeiten durchzogene Beziehung von Mahmoud und seinem Agenten/Freund/Partner (Henning Gronkowski) zu zentrieren. Das hat Charme und vor allem zu Beginn viel Witz, wirklich einnehmend sind für mich dann aber eben doch immer nur (einige wenige) leuchtende Momente dieser Art von situationistischem Kino. „Kein großes Ding“ trifft es eben irgendwie ganz gut.

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