Achtung Berlin 2014: Sehtagebuch (1)

Ein fataler Lottogewinn, neue Interview-Fiktionen von Nico Sommer und der obligatorische Kreuzberg-Film: Die ersten Beiträge des Spielfilmwettbewerbs von „Achtung Berlin“.

Millionen

Millionen 01

Lottogewinn ist nicht gleich Lottogewinn. Hunderttausend sind schnell mal ausgegeben, aber was macht man mit 22 Millionen? „Du arme Sau“, meint Thorstens Freund Carsten ironisch, als dieser erst einmal recht offen seine Überforderung gesteht – und sogar darüber nachdenkt, seinen Gewinn gar nicht erst abzuholen. Und er soll Recht behalten in seinem Zaudern. Nach dem schließlich doch entgegengenommenen finanziellen Zugewinn stellt sich keineswegs eine freudige Entspanntheit ein, vielmehr bricht das Leben des bis dahin glücklichen und beliebten Vorstadtbürgers nach und nach auseinander. Das ganze Unglück beginnt mit einer Kindermoden-Boutique im Prenzlauer Berg. Gott sei Dank bleibt das aber der einzige wirklich platte Witz im ansonsten sehr nuanciert arbeitenden Film von Fabian Möhrke. Viel davon ist dem Schauspiel von Andreas Döhler (Deutsches Theater) zu verdanken, der den Konflikt seiner Hauptfigur zumeist für sich behält, um dann mit subtilen Kippbewegungen zu überraschen. Auch Möhrke erzählt die einzelnen Szenen kaum einmal aus, verfährt stattdessen mit Ausfransungen und kreiert so immer wieder falsche Sinnanschlüsse für den Zuschauer – ein Sprung aus dem Fenster endet zwar im Krankenhaus, allerdings nicht wegen gebrochenen Beinen, sondern aufgrund eines Vollrausches. Auch auf visueller Ebene scheut Millionen sich nicht vor Fragmentierung, mit einer zumeist starren Kamera kommen die streng auf Breite getrimmten Bildkompositionen oft erst langsam zu sich. Um dann die sich zunehmend fremd werdenden Protagonisten verloren im Kader stehen zu lassen.

 

Familienfieber

Familienfieber 01

Nico Sommer arbeitet wie in seinem letztjährigen Langfilm-Debüt Silvi und seinem unvergessenen Kurzfilm Vaterlandsliebe (2012) erneut mit ‚dokumentarischem’ (gerade Sommers Filme führen immer wieder vor, wie unbrauchbar dieser Begriff eigentlich ist) Interview-Material, mit dem er seine Geschichte aufbricht. Das nicht nur formal reflektierende Moment dieser Methode ist bei Familienfieber noch einmal stärker ausgeprägt, speisen sich die entsprechenden Passagen doch direkt aus den (‚fiktionalen’) Geschehnissen der Handlungswelt und dienen sehr unmittelbar auch deren Aufarbeitung. Aufzuarbeiten gibt es einiges, und die ungewollte Schwangerschaft der frisch verliebten Jugendlichen Alina und Nico steht dabei noch nicht einmal im Zentrum der reichlich absurden Story. Bei der arrangierten Familienzusammenführung in der Brandenburger Villa von Nicos Eltern stellt sich unverhofft eine bereits bestehende Verbindung heraus: Nicos Vater (Jörg Witte) ist die Affäre von Alinas Mutter (Kathrin Waligura). Nachdem der erste Schock von allen Beteiligten halbwegs verdaut ist, besteht der geschasste Ehemann – die gefühlvolle Lakonie Peter Trabners und dessen alles beherrschender (nackter) Körper sind ein Geschenk für diesen Film – auf gegenseitige Befragungen vor einer Kamera. Sommer ist seinem Ansatz des situativen Filmemachens treu geblieben: Familienfieber wurde im letzten Jahr in nur sieben Tagen und mit gekonnter Dialogimprovisation abgedreht. Das lohnt in der Hinsicht, dass seine starken Schauspieler das in diesem Ansatz enthaltene Potenzial komödiantischer Leichtigkeit voll ausspielen können, geht aber dieses Mal auch ein wenig auf Kosten einer allzu durchschaubaren, wenig schillernden Storyline.

 

Vergrabene Stimmen

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Den obligatorischen Kreuzberg-Film liefert Numan Acar mit Vergrabene Stimmen. Viel Neues hat er nicht zu erzählen: Unter der hippen Oberfläche des Viertels regieren Drogenhandel und Prostitution, ausgespuckt werden dabei allerlei prekäre Existenzen. Acar übernimmt die Hauptrolle selbst: Der aus dem Gefängnis entlassenen Kaan versucht in seinem Kiez wieder Fuß zu fassen. Seine Mutter ist mittlerweile gestorben, sein Vater empfindet nur Abscheu für ihn und so geht es mit den (semi-)kriminellen Freunden gleich wieder auf die schiefe Bahn. Ein allzu gewollter Sozialrealismus, den Amateur-Schauspieler mit ihrem Hang zu Gestiken der Übertreibung ja dann oftmals noch viel schlimmer erscheinen lassen, wird aufgebrochen von lyrischen Strategien: rückwärts ablaufende Bilder von Kaan beim Verwischen einer Wandmalerei funktionieren als Segmentierung, die Ich-Erzählung der Hauptfigur wird über mit einem Diktiergerät hergestellten Tonaufnahmen einer weiblichen Stimme (einer jungen Frau, die Kaan auf dem Friedhof beobachtet) gleich doppelt gebrochen vermittelt. Im unergründlichen Dunkel Kreuzbergs verschwindet dabei aber leider gar nichts, all diese Kniffe schreien nach Bedeutsamkeit und bleiben so als lediglich formalistische Spielereien zu beliebig und zusammenhangslos. Ganz ähnlich ergeht es mir mit den ständigen Location-Shots von Vergrabene Stimmen rund ums Kottbusser Tor, deren Motive nur leere (weil zigfach filmisch reproduzierte) Signatur bleiben.

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