achtung berlin 2013

Der Drehort ist der Protagonist: Das achtung berlin-Festival zeigt Filme aus der Hauptstadt und ihrer Umgebung. In diesem Jahr setzen viele Beiträge vor allem auf Improvisation.

Staudamm 05

Am 17.4.2013 startet die neunte Ausgabe des achtung berlin – new berlin film award-Festivals. Die Spielfilmsektion des Wettbewerbs „Made in Berlin-Brandenburg“, des Herzstücks des Festivals, bietet neuen deutschen Film satt – und die Chance, sich neben brandneuen Produktionen auch einige bereits vielversprechend ins Festivaljahr gestartete Werke noch vor ihrem (nie gesicherten) Kinostart oder einer Fernsehauswertung auf großer Leinwand anzusehen.

Der spezifische Blickpunkt von achtung berlin, die Konzentration auf Produktionen, die direkt mit der Hauptstadt und dem umgebenden Bundesland assoziiert sind, macht zumeist schon das Setting der Filme zu einer Art eigenständigem und oftmals selbstbezüglichem Protagonisten – ein Großteil des deutschen Filmnachwuchses lebt und arbeitet in Berlin. Bemerkenswert ist dabei die beinahe ausschließliche Bearbeitung des (inner)städtischen Raums, kaum ein Film kommt über die Grenzen der besonders hippen, aber irgendwie auch auserzählten Bezirke Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln hinaus. Thomas Siebens kluge Annäherung an das Thema Schul-Amoklauf Staudamm (2012) nimmt sich da angenehm aus, ist doch der vielschichtige Hybrid aus Kriminalfilm und Romanze beinahe ausschließlich in den bayerischen Bergen verortet (siehe Kritik).

Kohlhaas oder Die Verhaeltnismaessigkeit der Mittel  01

Bildsprachlich bietet der aktuelle Jahrgang sicher keine außergewöhnlichen Experimente, dennoch werden seit geraumer Zeit zu beobachtende formale Entwicklungen hin zu einer, was Drehbuchentwicklung und Schauspiel angeht, mehr auf Improvisation beruhenden Arbeitsweise fortgeführt. Aron Lehmann nimmt diesen durchaus situationistischen Ansatz in seiner heterogenen und bissigen Film-im-Film-Spielerei Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel (2012) direkt auf. Der bei der diesjährigen Berlinale in der Sektion  Perspektive Deutsches Kino gelaufene Film Silvi überzeugte bereits dort mit einer Mischung aus  dokumentarischem Interview-Material und einer fiktionalisierten Handlung als eines der interessantesten Beispiele dieser Bewegung. Regisseur Nico Sommer erzählt in der unabhängig produzierten Tragikomödie von den Irrungen und Wirrungen seiner gleichnamigen Protagonistin, die sich knapp fünfzigjährig und nach einer gescheiterten langjährigen Ehe auf Partnersuche begibt.

Kaptn Oskar 02

Ähnlich wie Sommer arbeitet auch Schauspieler und Jungregisseur Tom Lass vermehrt mit einer freieren Werkentwicklung, wenngleich er dabei thematisch mehr die eigene Generation in den Blick nimmt. Nach seinem Debüt Papa Gold (2011) präsentiert achtung berlin nun auch sein neustes Werk Kaptn Oskar (2013), in dem er das ziellose Beziehungsleben aufgekratzter Großstadt-Kids in den 1920ern fragmentarisch seziert. Ebenfalls zu ihren verdienten Berliner Festivalwürden kommt Moritz Laubes improvisierte Aussteiger-Utopie Freiland (2013), der zusammen mit Kaptn Oskar und Kohlhaas bereits ins Rennen um den diesjährigen Max Ophüls Preis in Saarbrücken ging.

Woyzeck 01

Deutlich enger als Lehmann, aber nicht weniger gelungen hält sich Nuran David Calis mit seiner Woyzeck-Adaption an die literarische Vorlage eines anderen deutschen Originalstoffes der Revolutionsepoche (siehe Kritik).

In Der Jäger ist die Beute (2013) des Regieduos Tim Staffel und Fabian Spuck dauert es eine ganze Weile, bis man sich auf das obskure Figurenensemble einlassen kann. Begründet liegt das nicht nur in der Tatsache, dass mindestens die Hälfte der Protagonisten ganz offensichtlich mit reichlich Persönlichkeitsstörung ausgestattet ist, sondern auch an der eher fragmentierten Erzählweise des Films. Ohne große Einführung und in konsequenter Parallelmontage platzen wir mitten in den Alltag von Melanie (Nina Kronjäger) und Moira (Jule Böwe). Erstere ist Schriftstellerin, führt eine oberflächliche Beziehung mit dem deutlich jüngeren Möchtegern-Tyson und wird seit neuestem gestalkt. Moira ist ihr Gegenentwurf, eine verstört wirkende Einzelgängerin, ein gescheitertes Talent, das sich zwischen Realität und eigener Fiktion zu verlieren droht: Ständig monologisiert sie vor sich hin, diktiert tagebuchartig (mögliche Passagen eines zukünftigen Textes?) in ein Aufnahmegerät. Durch frei flottierende Überlagerungen auf der Tonebene und der damit einhergehenden unsicheren Verfassung der Erzählinstanz wird die offene Struktur des Films zusätzlich verstärkt. Das dramatische Karussell beginnt sich so richtig zu drehen, als Melanie die Polizei hinzuzieht. Der Stalking-Beauftragte ist ihr Ex Enno (Bruno Cathomas), der alles andere als über die gescheiterte Beziehung hinweg ist und zusammen mit seinem traumatisch gestörten Macho-Kollegen Torge (André Szymanski) zuweilen eine Art zeitgenössischer Laurel & Hardy-Version verkörpert. Das immer wieder unerwartet sich verändernde Schauspiel und die improvisiert wirkenden Dialoge schlagen wirre Risse in einen Mikrokosmos der Beziehungen, in dem sich nach und nach immer mehr Abgründe auftun. Staffel und Spuck schaffen einen tragikomischen Raum, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt.

Silent Youth 01

Sehr wörtlich ist der Titel von Silent Youth (2012) zu nehmen. Besonders viel reden die beiden Hauptfiguren Marlo (Martin Bruchmann) und Kirill (Josef Mattes), die sich beim frühmorgendlichen Schlendern durch Berlin begegnen, nämlich nicht. Die beiden jungen Männer fühlen sich zueinander hingezogen, bleiben aber durchweg verschlossen und geheimnisvoll. Je länger man sich kennt, desto weniger gibt man von sich preis, so scheint es. Auch das Zuschauerwissen wird klein gehalten: Marlo studiert eigentlich in Lübeck Maschinenbau, besucht eine Freundin und mag Zahlenspiele, Kirill erzählt von einer Schlägerei in Moskau, seinem Kind in einer anderen Stadt und der Mutter, die ihn nicht mehr sehen will. Zusammen spazieren sie durch ein seltsam leeres Kreuzberg, hängen auf dem Flugfeld Tempelhof ab und essen Toast mit Nutella im Wohnheim. Dann wird geduscht, und man kommt sich (zumindest körperlich) näher. Anflüge von Souveränität wechseln leise zwischen dem Darsteller-Duo hin und her. Zwei signifikante, mit Musik unterlegte Zeitlupenszenen – sie markieren die erste Kontaktaufnahme und das gemeinsame Schreiten in die Zukunft zum Ende hin – rahmen die ansonsten in langen, naturalistischen Einstellungen erzählte und über weite Strecken uninspirierte Coming-out-Geschichte. Anderen bei der Überwindung ihrer Verklemmtheit zuzuschauen ist zumeist einfach nicht faszinierend, sondern schlichtweg langweilig.

Rona und Nele 01

Erfrischender geht es in Rona & Nele (2013) der italienisch-stämmigen Regisseurin Silvia Chiogna zu. Auch hier ein gleichgeschlechtliches Filmpaar, zwei Lebenskonzepte, die aufeinanderprallen und sich langsam annähern. Nele ist Architektur-Studentin, genervt vom Uni-Druck, vom Leben nach Plan mit ihrer zur tiefen Depression neigenden Mutter. Sie trifft auf Rona, Hausbesetzerin, Gelegenheitsdiebin, Berliner Lebenskünstlerin. Diese nimmt sich, was sie will, und hat allerlei Tricks auf Lager, ohne Geld in der Großstadt ein bescheidenes, aber selbstbestimmtes Leben zu führen. Nele beneidet sie um ihre Unabhängigkeit und schließt sich ihr fasziniert an. Doch auch das Leben in absoluter Freiheit hat seine Kehrseiten. Chiogna hat ein modernes Märchen konstruiert, webt immer wieder romantisch entrückte Passagen, in denen die Fantasie der Protagonistinnen mit ihnen durchgeht, in die Erzählung mit ein: Eine Hose beginnt zu tanzen, ein Zeichnungsentwurf mutiert zum Papierflieger. Im letzten Drittel, vor der finalen Katharsis, werden die dramatischen Stellschrauben dann plötzlich nochmal überraschend stark angezogen und das fragwürdige Männerbild des Films vollends in den Graben gefahren: ein schmieriges Dating-Opfer, ein Bauerntölpel aus Südtirol und ein emotionsbehinderter Stromtechniker. Come on! Zu guter Letzt, und unabhängig vom Einzelbeispiel Rona & Nele, eine sich aufdrängende Frage an die Statistiker: Gibt es eigentlich einen hinreichend bekannten Zusammenhang zwischen (jungdeutschen) Filmemacherinnen und dem Stilmittel subjektives Tagebuch-Voice-over?

Nach Wriezen 01

In den Festivalkinos Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz, Filmtheater am Friedrichshain und Passage Neukölln gibt es neben dem Spielfilm-Wettbewerb auch noch einige Kurzfilmprogramme und eine Retrospektive zu Darstellung von Kindheit und Jugend in Spielfilmen. Besonders lohnenswert präsentiert sich für gewöhnlich auch die Dokumentarfilm-Sektion. Hier sind wir besonders auf das Langzeitprojekt Nach Wriezen - Ein Film über das Leben nach der Haft (2012), der drei jugendliche Straftäter auf ihrem Weg zurück ins brandenburgische Leben über drei Jahre begleitete, und Tobias Lindners Film Orania (2012) über den verstörenden Nicht-Ort einer rein weißen Burensiedlung in der südafrikanischen Wüste, gespannt.

Kommentare zu „achtung berlin 2013“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.