32. Kasseler Dokfest: Festivalnotizen (2) – Heitere Propaganda und Soldaten der Kunst

Das Kasseler Dokfest zeigt Monumente von Philosophen und Diktatoren aus freien und unterdrückten Welten.

Die Männer sehen in ihren mit Orden zugekleisterten Uniformen aus wie Generäle in einem Film der Zucker-Brüder, die Frauen in ihren betont bunten Gewändern wie Bollywood-Tänzerinnen. Sie alle wirken wie Figuren in modernen Videospielen: fast lebensecht und doch irgendwie entrückt. Es sind die Menschen, die Álvaro Longoria in Nordkorea trifft. Sie sind Teil der gewaltigen Fassade eines der restriktivsten Regimes der Welt, die eindeutig als solche zu erkennen ist. Vielleicht macht genau das Nordkorea zur Lieblingsfreakshow der internationalen Medienlandschaft. Meldungen über das erste Einhorn der Welt, das dort gesichtet wurde, über die Hinrichtung des Onkels Hyon Yong-chol, die angeblich von einer Meute hungriger Hunde vollzogen wurde, oder über den hohen Militäretat des Regimes stoßen immer wieder auf große Resonanz in der Weltpresse. Álvaro Longorias The Propaganda Game bereitet dieses Medienecho mal genüsslich, mal analytisch auf. Propaganda kommt von vielen Seiten, und die Wahrheit ist zwischen deren subtilen und grotesken Auswüchsen schwer, wenn überhaupt zu finden. Aber das Spiel von Propaganda und Gegenpropaganda hat auch eine vergnügliche Seite. The Propaganda Game findet seine Stärke in der Nonchalance, mit der Longoria das Spiel betrachtet. Als Sinnbild zeigt uns der Regisseur dazu Barack Obama, der an der südkoreanischen Grenze durch ein Fernglas gen Norden späht. Zurück schaut Kim Jong-il, wie sein Gegenpart umringt von zahlreichen Uniformträgern.

Rummelplatz des Regimes

Propaganda-Game

Longorias Einreise wurde ermöglicht von Alejandro Cao de Benós de Les y Pérez, dem in Barcelona geborenen Propagandaprinzen des Regimes, der 2002, laut Film als bisher einziger Europäer, nach Nordkorea emigrierte. Nun begleitet er die geführte Tour als Übersetzer und zusätzliche Stimme der Diktatur. Die Reise führt durch riesige Vergnügungsparks, gewaltige Museumsinstallationen und Skateparks. Orte, die mitunter genau deswegen existieren, weil einst behauptet wurde, es gebe sie in Nordkorea nicht. Der Versuch, das Regime zu entlarven, dreht sich, zumindest vor der Fassade, im Kreis. Die Vergnügungsparks wirken dabei in ihrer Künstlichkeit ebenso lächerlich wie die gelernten Antworten der Parteimitglieder. Aber sie wirken. Der Filmemacher selbst wird nach und nach von der omnipräsenten Desinformation zermürbt. Das Publikum bewahren die Talking Heads vor diesem Schicksal. Eine Reihe von Experten, die sich aus Amnesty-International-Mitarbeitern, Journalisten und Professoren aus aller Welt zusammensetzt, stellt die persönlichen Eindrücke Longorias in einen weltpolitischen Kontext und arbeitet sich dabei an diversen Gemeinplätzen ab. Das Herzstück von The Propaganda Game bleiben Longorias persönliche Begegnungen. Er will die Nordkoreaner, die ihm gegenüberstehen, nicht entlarven, er versucht ihnen das zu entlocken, was ihre Einheitskleidung zu verbergen scheint. Tatsächlich findet er Bilder, die an August Sanders Menschen des 20. Jahrhunderts erinnern. Bilder, die gerade in der so eindeutig inszenierten Umgebung die Menschen hinter den Uniformen finden. Er setzt den bronzenen Masken der Großmonumente des Regimes die Gesichter des Volkes entgegen.

Diktatur der Kunst

Thomas Hirschhorn - Gramsci Monument 1

Monumente aus Bronze wird es in der Kunst Thomas Hirschhorns nie geben. Kartonagen, Paletten, Sperrholz und das Klebeband, das die Welt zusammenhält, sind der Rohstoff seiner Kunst. Alltägliches Material, das nichts Ideologisches trägt, das nicht einschüchtert. So widmete der Schweizer Künstler dem marxistischen Philosophen Antonio Gramsci sein viertes Monument, das er mitten in eine Sozialbausiedlung in der South Bronx, New York, einem der ärmsten Stadtteile der Vereinigten Staaten, baute. Thomas Hirschhorn: Gramsci Monument begleitet den Aufbau und Abbau von Hirschhorns „Gramsci-Huus“.

Natürlich geht es hier in erster Linie um die Kunst. Kunst muss gemacht werden, ohne Emotion, nur mit Liebe. Ohne Twitter, Facebook, das Internet und den ganzen Scheiß, aber eben auch mit einer Webseite. Widersprüche interessieren hier nicht, es muss gemacht werden. Und Hirschhorn macht. Er sägt sein Holz zurecht, wickelt Möbel in Tape, dirigiert sein Konstruktions- und Sicherheitsteam, trägt Paletten und findet die Zeit, einer alten Dame im Garten zu helfen. Er ist der Soldat der Kunst, bis ein Filmteam dazwischenkommt. Dann wird der einfache Soldat zum General. Die tägliche Planungssitzung wird zu Hirschhorns Podium im Feldzug gegen alle, die der Kunst entgegenstehen. Nicht die Filmcrew sei wichtig, sondern das Monument. „This is Art! Fuck!“, schreit Hirschhorn seinen Arbeitern in breitem Akzent entgegen, die seiner plötzlichen, affektierten Theatralik etwas ratlos gegenüberstehen. Hier prallt Hirschhorns Anspruch das erste Mal direkt auf das soziale Umfeld, in das er sich selbst hineinbegeben hat.

Zwischen Kunst und Leben

Thomas Hirschhorn - Gramsci Monument 2

„Jeder ist ein Intellektueller“, heißt es in Gramscis Gefängnisheften. Aber es ist eben nicht jeder gewillt, diese Position auch einzunehmen. Hirschhorns Arbeiter scheinen vielmehr an den 2800 Dollar, die es monatlich für die Arbeit am Monument gibt, interessiert. Den Künstler wiederum tangieren Moral und Einsatz seiner Arbeiterschaft herzlich wenig. Er überwacht nicht, wer wann arbeitet, zu spät kommt oder lange Pausen macht. Hirschhorn ist nicht Arbeitgeber, sondern Künstler. Den Kapitalismus wälzt er folgerichtig auf Erik Farmer, den Vorsitzenden des Mieterverbands, ab, mit dessen Hilfe er die Arbeiter rekrutieren konnte und diese nun disziplinieren und ermutigen muss. Regisseur Angelo Lüdin zentriert Thomas Hirschhorn: Gramsci Monument um diese Diskrepanz zwischen Kunstanspruch und Arbeitsrealität, die auch seinen eigenen Film miteinschließt. Es ist eben auch ein Werk, das den beschwerlichen Weg seiner eigenen Entstehung thematisiert. Nach Abbau des Monuments fragt der Filmemacher den Künstler, was er aus der Arbeit an diesem Projekt gelernt habe. „Dass diese Menschen eine Würde haben“, antwortet Hirschhorn flüchtig. Er hat keine wirkliche Antwort. Zwei alte Damen aus der Nachbarschaft nehmen sie ihm ab. Sie werden als Einzige Erinnerungsstücke vom Monument mitnehmen. Sie wollen ihren Enkeln davon erzählen. Aus freiem Willen.

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