32. Kasseler Dokfest: Festivalnotizen (1) – Das Leiden der Anderen

Die Schrecken des Krieges werden erst dann real, wenn es Bilder von ihnen gibt, schrieb Susan Sontag in ihrem Essay Das Leiden anderer betrachten. Zwei Filme auf dem Kasseler Dokfest nähern sich Kriegswunden, die noch Generationen entstellen werden – und wissen nicht, ob diese überhaupt werden heilen können.

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Während sich Afghanistan fast 40 Jahre im Krieg befindet, leben die Menschen in Ruanda seit 20 Jahren mit dem Vermächtnis des Völkermords. In hundert Tagen starben dort eine Million Menschen. Nicht durch Bombardements oder moderne Vernichtungsinstrumente, mit Macheten wurden die Angehörigen der Tutsi-Minderheit abgeschlachtet. Lukas Augustins Film Unversöhnt fragt, ob es möglich ist, den Tätern zu vergeben. Eine Frage, die nur die Opfer der Gräuel beantworten können. Opfer wie Innocent, dessen Gesicht und Körper von tiefen Scharten der Macheten übersät sind. Eine dieser Macheten liegt Wellars auf dem Schoß. Er ist einer der Täter. Damals verstümmelte er seinen früheren Freund Innocent mit einer solchen Waffe. Heute wirkt sie in seinen Händen wie etwas Fremdes, ein Werkzeug, das er nicht kennt, mit dem er nicht umzugehen weiß.

Ein Zugang mit Schranke

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Augustin führt Täter und Opfer des Genozids zusammen. Ganz dem Titel des Films zuwider gibt es sie dann aber zuhauf, die Bilder der Versöhnung. Wellars und Innocent essen vom gleichen Teller, ihre Familien pflegen gemeinsam eine Kuh, deren Milch die Männer immer wieder teilen. Fast wirken sie wie entfernte, in einen intimen Raum gedrängte Verwandte, die sich kaum näherkommen können. Die Aufnahmen der Männer entstammen jedoch keinem Alltag. Schon die Inszenierung des gemeinsamen Essens, die Augustin mit klassischem Schuss-Gegenschuss und Master Shot wie eine klassische Dialogszene im Spielfilm aufbereitet, verrät, dass die Männer gezielt auf diese Szene vorbereitet wurden. Die Verantwortung dafür trägt die Organisation CARSA (Christian Action for Reconciliation and Social Assistance), an deren Versöhnungs-Programm Wellars und Innocent teilnehmen. Für Lukas Augustin bedeutet das CARSA-Programm einen Zugang zu der Welt, die der Völkermord hinterließ, und gleichzeitig auch eine Schranke für seinen Film. Die Einblicke, die Unversöhnt gewährt, entziehen sich nie der Perspektive von CARSA. Die Deutungshoheit über die Versöhnung kommt Christophe zu, einem der Sprecher der Organisation. Dieser begleitet Opfer und Täter durch viele der Aufnahmen. Ist er einmal nicht anwesend, überschreibt ihm Augustin, in Form von Kommentaren und Analysen zu den gezeigten Bildern, seine Souveränität.

Klimax der Vergebung

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Dieses Problem begleitet auch den zweiten Handlungsstrang von Unversöhnt.  Hier geht es um Claudine, die mit ansehen musste, wie ihr Bruder gefoltert und ihre Familie lebendig begraben wurde. Ihre Tochter, deren Vater Claudine vergewaltigte, leidet an Posttraumatischer Belastungsstörung. Nun soll Claudine Ananias – einem der Mittäter von damals, der acht Menschen eigenhändig ermordete – zum ersten Mal unter die Augen treten. Er wird ihr seine Schuld gestehen und um Vergebung bitten. Die Szene baut Augustin zum Höhepunkt seines Films auf. Der Lichtschein fällt in die sonst dunkle Hütte, wir sehen Claudine, ihr gegenüber die noch einsam im Raum stehende Bank. Insekten huschen durch den Raum. Es ist wieder Spielfilmzeit. Dann erscheint Ananias. Das folgende Geständnis moderiert wieder ein CARSA-Mitarbeiter. Und er ist der Einzige, der Täter und Opfer in dieser Begegnung nahe gekommen ist. Augustin und der Zuschauer bleiben distanzierte Beobachter, das Schicksal von Claudine und Ananias ein von außen betrachtetes Konstrukt, das dem von CARSA entworfenen Versöhnungsprogramm folgt, die Schrecken des Völkermords ein mehrfach gefiltertes Bild.

Wie schnell die Opfer eines Konfliktes aus der Öffentlichkeit verschwinden, zeigt der Afghanistankrieg, der, nachdem die Sicherheitsverantwortung 2013 wieder an die afghanische Regierung zurückgegeben wurde, ein vergessener Schauplatz ist. Für die westliche Öffentlichkeit ist der Krieg de facto beendet. Von der afghanischen Realität, in der dieser Krieg unerbitterlich zwischen der Nationalarmee und den Taliban weiterläuft, erzählt die Dokumentation Tell Spring Not to Come This Year. Michael McEvoy, der selbst in der britischen Armee in Afghanistan kämpfte, begleitet gemeinsam mit seinem Kameramann Saeed Taji Farouky die jungen Soldaten der afghanischen Armee an die Front.  In den Interviews, die als Voice-over den Film begleiten, spricht kaum jemand von einer Perspektive auf ein späteres Leben. Viele haben nur für den Sold angeheuert. Ihre Arbeit haben die meisten durch den Krieg verloren, der jetzt ihr Krieg geworden ist. Die Existenz der jungen Männer findet zwischen Kampfeinsatz und Fronturlaub statt.

Gesichter der Front

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Tell Spring Not to Come This Year zeigt die Gesichter junger Paschtunen, Tadschiken und Usbeken, in die die Angst sich als unverkennbare Gemeinsamkeit gegraben hat. Es ist das Antlitz der Front, das McEvoy und Farouky uns vorhalten. Vor der archaischen Schönheit der afghanischen Wüstenlandschaft sehen wir blutverschmierten Körper im Staub liegen; einen Verwundeten, der schwer atmend die Hand eines Kameraden umklammert; andere, die auf einen unsichtbaren Feind schießen, und immer wieder die geisterhaften Gesichter der ausgelaugten Frontkämpfer. Doch selbst in die bizarre Realität des Frontalltags drängt sich eine kurze Erinnerung an das so ferne Leben ohne Krieg. Ein Vogel gesellt sich zur Einheit. Er klettert auf den Arm eines Soldaten, schnappt nach seinem Finger, will nicht von ihm lassen. Wir sehen ein kurzes Lächeln des jungen Afghanen. Dann rollt der Abspann über den Bildschirm. Wir lesen die Namen der Gefallenen. Das Klagelied geht weiter.

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