17. Filmfest Hamburg 2009

Auf „Pulsierende Metropolen“, junges türkisches Kino und Filmklassiker aus Neuseeland hatte das 17. Hamburger Filmfest seinen diesjährigen Fokus gerichtet.

In zehn statt bisher nur acht Tagen gab es vom 24. September bis zum 3. Oktober 142 Spiel-, Dokumentar- und TV-Filme aus 42 Ländern zu sehen, darunter Neues von Woody Allen, Sam Mendes und Werner Herzog.

Soul Kitchen

In Fatih Akins Eröffnungsfilm Soul Kitchen war seine Heimatstadt Hamburg eine der insgesamt elf „pulsierenden“ Großstädte des Festivalprogramms. Nachdem die erste Komödie des Altonaer Regisseurs bereits in Venedig den Spezialpreis der Jury erhielt, wurde sie gestern außerdem mit dem 5.000 Euro dotierten „Art Cinema Award des internationalen Verbands der Filmkunsttheater“ ausgezeichnet. Die Geschichte eines Restaurantbesitzers, der sich mit Liebeskummer, chronischen Rückenschmerzen und einem divenhaften Koch herumschlagen muss, kommt bei uns am 25. Dezember in den Kinos. Nach dem Drama Auf der anderen Seite (2007) und seinem Beitrag zum Omnibusfilm Deutschland 09  - 13 kurze Filme zur Lage der Nation (2009) tischt Akin dem Publikum mit seinem sechsten Spielfilm ungewohnt leichte Kost auf.

Min dÎt – The Children of Diyarbakir

Alles andere als leichte Töne schlägt dagegen der Debütfilm des deutsch-kurdischen Regisseurs Miraz Bezar an, der den mit 5.000 Euro dotierten Nachwuchspreis „Die Elfe“ erhielt. Die von Fatih Akin koproduzierte politische Parabel Min dÎt – The Children of Diyarbakir, die in Hamburg unter dem Arbeitstitel Before My Eyes lief, beschreibt aus der Perspektive zweier Straßenkinder im kurdischen Diyarbakir, deren Eltern von einem paramilitärischen Kommando erschossen werden, den Kurdenkonflikt in der Türkei in den 1990er Jahren. Min dÎt ist der erste Film aus der Türkei, der in kurdischer Sprache gedreht wurde, und gewann beim Filmfestival von San Sebastian bereits den „Gaztea Youth Award“.

Pandora’s Box

Die Tragikomödie Pandora’s Box (Pandora’nin kutusu) der türkischen Regisseurin Yešim Ustao?lu wurde ebenfalls in San Sebastian preisgekrönt (bester Film, beste Darstellerin), ging in Hamburg aber leer aus. Mit einem ruhigen Erzählrhythmus und einer liebevollen Figurenzeichnung beleuchtet das Familiendrama die Veränderungen im Alltag einer Alzheimer-Patientin. Während sich ihre Töchter mit der schwierigen Situation überfordert fühlen und die Mutter schließlich in ein Pflegeheim geben, entwickelt ihr Enkel überraschend Familiensinn und Verantwortungsgefühl, befreit die alte Frau aus dem Heim und begleitet sie zurück in ihr Heimatdorf am Schwarzen Meer. Herz der Handlung ist die französische Hauptdarstellerin Tsilla Chelton, die für die Dreharbeiten mit fast 90 Jahren extra Türkisch lernte, und die im Film noch ein letztes Mal auf einen geliebten Berg steigen möchte, bevor sie es wie vieles weitere vergisst.

I Killed My Mother

Mit einem ganz anderen Mutter-Konflikt befasst sich der Kanadier Xavier Dolan in seinem semibiografischen Spielfilmdebüt I Killed My Mother (J'ai tué ma mère). Der erst 20-jährige Hauptdarsteller, Regisseur, Drehbuchautor und Produzent ist darin als heftig pubertierender, homosexueller Teenager extrem genervt von seiner allein erziehenden Mutter, die er sich wiederholt als Tote vorstellt. Dolans in Cannes dreifach ausgezeichnetes Erstlingswerk verbindet mit erstaunlich souveräner Hand und viel Fantasie ernste und komische Momente und demonstriert neben pointierten Dialogen – oder vielmehr großartigen Schreianfällen – eine bemerkenswerte Stilsicherheit und Experimentierfreude in Sachen Bildkompositionen und Soundtrack.

She, a Chinese

Auch eine Art Coming-of-Age-Geschichte erzählt die chinesische Autorin und Regisseurin Xiaolu Guo in She, a Chinese. In Locarno (siehe Festivalbericht) gewann das Drama den Goldenen Leoparden, in Hamburg den mit 10.000 dotierten „Montblanc Drehbuch-Preis“. Die Regisseurin verarbeitet in der überwiegend tragischen, aber auch witzigen Odyssee einer jungen Chinesin Stationen ihres eigenen Lebens und sieht ihre ebenso eigenwillige wie orientierungslose Protagonistin gleichzeitig als Stellvertreterin der jüngsten Generation Chinas. Diese geht nach einer Vergewaltigung aus der Provinz in die Großstadt und strandet schließlich in London. Auf der Suche nach Arbeit und Liebe gerät sie dabei von einer beruflichen und privaten Ausbeutung und Abhängigkeit zur nächsten, wodurch die Handlung nach einer Weile etwas auf der Stelle tritt. Fesselnd bleibt sie in erster Linie durch die Vielschichtigkeit der Hauptfigur, der die Schauspielerin Lu Huang mit wenig Worten eine berührende Verlorenheit und Trotzigkeit verleiht.

Cold Souls

Einen vollkommen anderen Tonfall, aber einen ebenfalls herausragenden Hauptdarsteller zeichnet die konsumkritische Tragikomödie Cold Souls aus, die den Preis der Hamburger Filmkritik erhielt. In dem skurrilen Spielfilmdebüt der US-Regisseurin Sophie Barthes ist Schauspieler Paul Giamatti, der meistens auf Nebenrollen abonniert ist (siehe Duplicity – Gemeinsame Geheimsache, Duplicity, 2009), nach American Splendor (2003) und Sideways (2004) endlich wieder in einer lohnenden Hauptrolle zu sehen. In Barthes Film, der sich an den Komödien von Drehbuchautor Charlie Kaufmann (Beeing John Malkovich, 1999; Vergiss mein nicht, Eternal Shunshine of the Spotless Mind, 2004) orientiert, mimt Giamatti einen neurotischen Schauspieler in der Existenzkrise, der sich die Seele eines russischen Dichters mietet, während seine eigene von Schwarzmarkthändlern nach St. Petersburg geschmuggelt wird und ausgerechnet bei einer Seifenoperdarstellerin landet. Giamattis unterhaltsame Jagd nach seiner lediglich erbsengroßen Seele taucht der erfahrene Kameramann Andrij Parekh in schöne Grau-Variationen, die passend das Innenleben der Charaktere bebildern.

Police Adjective

Zum ersten Mal in diesem Jahr verliehen vier Vertreter des Verbands der ausländischen Presse in Deutschland einen eigenen Preis. Der „Foreign Press Award“ ging an Police, Adjective (Politist, Adjectiv) des rumänischen Regisseurs Corneliu Porumboiu. „Für seine minimalistische, beeindruckende und geniale Regiearbeit, für die Exzellenz seiner Dialoge, für die hervorragende Leistung des Hauptdarstellers, sogar für die außerordentliche Wahl seiner Musik“, lautete die Begründung der Jury. Das Psychodrama gewann in Cannes den Jury-Preis in der Sektion „Un Certain Regard“ und  handelt von dem Gewissenskonflikt eines jungen Polizisten, der einen vermeintlich Drogen dealenden Schüler beschattet und zunehmend an seiner Arbeit zu zweifeln beginnt.

Meet the Elisabeths

Der Publikumspreis, um den sieben europäische Filme im Wettbewerb standen, ging an die französische Winterkomödie Meet the Elisabeths (La première étoile) des Regisseurs Lucien Jean-Baptiste, die in Frankreich mit 1,7 Millionen Zuschauern zum Überraschungshit wurde.

Das 7. Kinder- und Jugendfilmfest verlieh ihren Regiepreis „Michel“ an den schwedischen Beitrag Leuchtende Sterne (I taket lyser stjärnorna) von Regisseur Gunnar Almér. Die Geschichte einer 14-Jährigen, die sich mit der Krebserkrankung ihrer Mutter auseinander setzen muss, wurde mit einem Preisgeld von 5.000 Euro belohnt.

Den mit 30.000 Euro dotierten TV-Produzentenpreis erhielt die Produzentin Claudia Schröder von „Bremedia Filmproduktion GmbH“ für die ZDF-Auftragsproduktion Mörder auf Amrum von Regisseur Markus Imboden.

Der „Douglas-Sirk-Preis“, der in den letzten Jahren unter anderen an die kanadischen Regisseure David Cronenberg und Atom Egoyan ging, wurde erstmals nicht verliehen, da Festivalleiter Albert Wiederspiel und sein Team keinen würdigen Preisträger finden konnten, der bereit oder in der Lage gewesen wäre, die Auszeichnung in Hamburg persönlich entgegenzunehmen.

Das 18. Hamburger Filmfest findet vom 23. September bis zum 2. Oktober 2010 statt.

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