16. Hofbauerkongress: Obskure Filme, die Großes mit uns vorhaben

Männer, die nach Schweiß und Leder riechen, Frauen, die niemand verdient, und der grindigste dirty talk ever. Mit einer Reihe von Gastautoren haben wir Erinnerungen an drei Nächte in Nürnberg zu einer Text-Collage versammelt, die sich, ganz dem Geist des Kongresses entsprechend, der Maßlosigkeit hingibt.


Wunder und Scheußlichkeiten

Verbotene Spiele auf der Schulbank 3

Mit nichts auf der Welt haben die Hofbauerkongresse weniger am Hut als mit ironisch gebrochenem Abfeiern von Schlechtem – die frohe Botschaft wurde mir schon lange vor meinem ersten Besuch überliefert. Tatsächlich wurde während der Aufführungen viel gelacht, und oft an den Stellen, an denen auch Ironiker lachen würden – hier aber war das kein abgezockter Spott, sondern Ausdruck ungläubigen Staunens in einer von Staunensbereitschaft erfüllten Luft. Während ich Pressevorführungen auch deshalb nicht mag, weil der Film meist noch nicht mal angefangen hat, bevor ich in den Reihen vor oder hinter mir die ersten Anzeichen von Abgeklärtheit und Abgebrühtheit aufschnappe – vom Elend also, das jeder Neugier ein Ende macht –, wurde ich in den KommKino-Sälen sofort von der Erwartung angesteckt, jederzeit einem Wunder begegnen zu können. Auch wenn ich dann gar nicht selten auf Scheußlichkeiten traf. Aber auch ihnen kann, allein weil es sie gibt – weil auf irgendeine Weise, an irgendeinem Ort ein unverwechselbarer Blick auf die Welt seinen Weg aufs Zelluloid gefunden hat und weil er hier und jetzt als Teil der Filmgeschichte ans Licht kommt – etwas Wundersames anhaften.

Scheußlich, das ist für die Bilder der alten Bundesrepublik, die von Jürgen Enz’ Blick festgehalten wurden, ein eher zu mildes Wort – in diesen Wohnzimmern, Klassenzimmern, Lehrerzimmern ist jeder Funke eines Glücksversprechens ausgetrieben, in der Eisdiele ist’s auch nicht besser (kein Wunder, dass die meisten der Schüler erst gar nichts bestellen; „wir gehen gleich wieder“), und wenn die sonst sedierten Figuren auf einmal Sex haben, wird es eher noch schlimmer. (Die in Nürnberg gezeigte Hardcore-Fassung von Verbotene Spiele auf der Schulbank (1980) mag den Eindruck noch verstärken; der grindigste dirty talk ever, Zitate könnten Löcher in den Bildschirm brennen.) Eine unter Enz-Exegeten so heiß diskutierte wie ungeklärte Frage ist, mit welcher Absicht das alles so inszeniert wurde. Es ist eine unverwechselbare Handschrift, und doch scheint es fast unmöglich, ein Autorensubjekt zu fassen, einen Standpunkt zu identifizieren, von dem aus man die Welt so sehen könnte, wie sie hier gezeigt wird. Der eines Erotikers passt so wenig wie der eines Komödianten – die Szenen, die komisch oder erotisch sein sollen, scheinen selbst kaum daran zu glauben, dass jemand sie lustig respektive antörnend finden könnte. Etwas Resigniertes haftet ihnen an, vielleicht auch eine leise Traurigkeit darüber, einen eindeutigen Vertrag mit dem Publikum einhalten zu müssen.

In Nürnberg aber macht es etwas mit dem Film, dass er aus dem Vertrag entlassen wird und dafür auf neugierige und emphatische Blicke trifft – vielleicht auch auf solidarische, wenn auch bestimmt nicht auf affirmative. Denn dass das alles eigentlich gar nicht klargeht, wie diese schmierigen Lehrer hier bar jedes Problembewusstseins – oder überhaupt irgendeines Bewusstseins – „verbotene Spiele“ mit ihren Schülerinnen treiben, daran dürfte, anders als der Film, niemand im Saal zweifeln. „Aber sieh dir die Typen an“, sagt dann jemand später beim Rauchen auf der Dachterrasse, „die wären auch lieber woanders.“ Und bei der ausgedehnten Schulausflugsequenz, wenn Schülerinnen, Schüler und Lehrer, in Kleingruppen eingeteilt und entlang der Blickachsen montiert, am Teich hocken und sich bei bekifftem Gitarrengeklimper taxieren – ein langes, sehnsuchtsvolles Innehalten in Anbahnung der Schlussorgie –, murmelt hinter mir jemand etwas von „Märchen“ und „Magie“, und für einen Moment scheint das wirklich zu passen.

Maurice Lahde

Venus international – Fünf Filmfrauen auf dem 16. Hofbauerkongress (1): Itu

Wer hat  der hat 2

Doña Nair (göttlich: Consuelo Leandro, mit ihrem füllig weichen Angorakatzengesicht à la Simone Signoret) ist die genüsslich lüsterne Anführerin einer Bande mannstoller, spitzfingriger Feministinnen und Society Ladies. Das sind so lackierte und toupierte, ausgekochte High Class Bitches wie aus Dallas oder Denver, aber gammeliger und verrückter als ihre perfektionistischeren US-Schwestern. Dona chauffiert mit einer von ihnen über das brasilianische Land, auf der Jagd nach Antiquitäten. Am Straßenrand erblickt sie den jungen Lírio. „Schau, ein Einheimischer! Lass ihn uns als Führer engagieren. Dieses Naturkind kennt sich sicherlich hier aus.“ Was sie nicht wissen: Lírio ist gerade auf der Flucht vor den Mädchen aus seinem Heimatdorf Itu, die dem armen Kerl nachstellen, denn, im Kontrast zu seiner naiven Verlegenheit und scheuen Unschuld, hat Lírio einen sehr, sehr großen Schwanz. Den zeigt uns die Kamera zwar nicht, aber fünf Hosen muss der Junge übereinander anziehen, um ihn im Zaum zu halten, und wann immer er sich regt, erklingen Glocken, Elefanten trompeten, Hunde fallen um wie tot, und wenn er einen Orgasmus bringt: Erdbeben; du gehst nachher tagelang am Stock. José Miziaras Verflixt nochmal … wer hat, der hat (O Bem Dotado – O Honem de Itu, 1978) ist eine Commedia all’italiana, eine Opera buffa, und Lírio ist da so jemand wie Adriano Celentano oder „Gigi L’Amoroso“ aus dem Dalida-Chanson. Da er der Schützling eines Pfarrers ist, kauft Dona ihn ihm ab, gegen eine großzügige Spende in die Kirchenkasse. Und dann treiben die Frauen in der Stadt allerhand unzüchtiges Allotria mit ihm, das ihm allerdings immer mehr gefällt. Der Pfarrer hat ihm etwas Falsches erzählt: Sex ist gar keine Sünde, alle machen es, und zwar am liebsten immer, und die erfahrensten, aufgedonnertsten Frauen bedrängen ihn und liegen ihm zu Füßen. – Als ich mich hernach frisch machen ging, kam ich mir vor wie die Frauen aus dem Film und konnte ihre exaltierte, übermütige weiberkarnevalistische Attitüde nicht mehr ablegen; hysterisch umarmte ich unter spitzen Schreien und gekünsteltem Gefuchtel meine Kolleginnen auf der Toilette und war fasziniert, was das für einen Spaß macht. In dieser Richtung muss ich mich unbedingt weiter erforschen.

Silvia Szymanski

Wer verbraucht hier wen?

Dirty Love 3

Mit der Cola in der Hand steht Terry in der Sonne, oder besser: vor einer versengten Brache. Den Zug ins neue Leben hat sie in den ersten Minuten von Dirty Love (1988) verpasst. Ihr Freund hatte im Auto ein Treuebekenntnis von ihr verlangt. Was für ein Träumer. Nun walzen in der Stadtrandödnis die monolithischen Laster an ihr vorbei. Knackig, kross, crisp ist das irgendwie; staubtrocken, aber frisch. Verwirrend. Das Wasser läuft einem im Mund zusammen, wenn Terry an ihrem Strohhalm saugt. Sie aber wirft die Dose desinteressiert weg. Eine rücksichtslose Geste, die ihre viertklassige Umwelt absolut verdient hat. Niemand verdient Terry, die in dem Tanzfilm die mitreißendste Choreografie abliefert, wenn sie sich nicht rührt. Sitzt sie neben einem Lasterfahrer, scheint sie sich an den Blicken zu nähren. Wie bei fast jedem anderen Mann im Film bleibt in ihrer Nähe nur eine schlaffe, grabschende Hülle zurück. Der schnauzbärtige Lüstling wirft Terry nach ihrer Abfuhr zurück auf die Straße. Die Frage darf erlaubt sein, wer hier wen verbraucht hat.

Jenny Jecke

Als stünde die Welt still

Nackte Eva 2

Nackte Eva (Eva Nara, 1976) hat mich eiskalt erwischt. Anlässlich seiner DVD-Veröffentlichung vor ein paar Jahren habe ich ihn zum ersten Mal gesehen, da fand ich ihn eher langweilig und nebensächlich. Jetzt, nach dem Hofbauerkongress, muss ich diese Meinung revidieren. Der Film ist einer der besten in der an Meisterlichkeiten nicht gerade armen Filmografie Joe D’Amatos. Es kommt selten vor, dass in D’Amato-Filmen geträumt wird. Meistens ist der Sex „real“. In Nackte Eva dauert es keine zehn Minuten, bis Laura Gemser sich ins Bett legt, nachdem sie gerade in einer Bar ihrer besten Freundin nähergekommen ist (und Jack Palances Aufmerksamkeit erregt hat). D’Amato zelebriert diesen Moment, in dem sie ihr Nachthemd anlegt und sehnsuchtsvoll zur Decke blickt. Im ersten Traum sieht man Laura, mit einer riesigen Schlange um ihren Leib gewunden, halbnackt vor rotem Hintergrund tanzen. Langsam gleitet ihre Hand ihren Körper hinunter, und ein zweiter Traum beginnt, in dem sich Laura mit ihrer Freundin vor strahlend hellem Hintergrund vergnügt. Für ein paar Minuten ist es so, als stünde die Welt still: Wie die drei Ebenen ineinander verschmelzen, das unwirkliche Licht die Körper liebkost, die Musik von Piero Umiliani (eigentlich aus dem unbedingt wiederzuentdeckenden La ragazza dalla pelle di luna (1972) von Luigi Scattini, einem anderen Meister des erotischen Films) sich in immer höhere Ekstasen schraubt … Die Szene ist das erste große Denkmal, das D’Amato seiner Muse gesetzt hat – und sie ist absolut magisch.

Florian Widegger

Venus international – Fünf Filmfrauen (2): Stuttgart

Verbotene Spiele auf der Schulbank 1

Deutsche Schulmädchen sind viel langsamer als brasilianische Hexen, und doch sind sie ihre heimlichen Schwestern. Auf einem idyllischen Schulausflug ins schwäbische Blesshuhnmoor rollen sie sich in Jürgen Enz’ Verbotene Spiele auf der Schulbank (Jürgen Enz, 1981) gemächlich vor den Augen ihrer Lehrer die Spaghettiträger von den runden Aprikosenschultern und lüpfen verführerisch die Hemdchen. Selbst die patente Biologielehrerin Frau Zeisig macht mit. Nora (Soraya Athigi), die täuschend stille „Neue“, löst die Schleifen ihres sonnenfarbenen Sonntagskleides und breitet sich auf einer Waldwiese aus wie ein großer, gelber Schmetterling. Vorsichtig, fast misstrauisch nähern sich die Lehrer aus drei Himmelsrichtungen, als spürten sie, dass es sie in ihrer Welt entmachten wird, wenn sie sich auf die weibliche Lust einlassen. Das Begehren wird sie ihrer Lehrerrollen entkleiden, sie vom Kathedersockel runterholen, die ganze alte Schule wird sich auflösen in Sex. Sie machen zögernd mit, verwundert, fast verdrossen, dass es ihnen dabei gut geht.

Silvia Szymanski

Kleiderklau und Keilerei

Syrtaki 2

Das ist schon fast eine Grundsituation des Kinos: Eine Figur nimmt in der freien Natur nackt ein Bad, eine andere schleicht sich an und klaut ihre am Ufer liegenden Kleider. Dass das Kino diese Anordnung immer wieder aufgreift, hat, glaube ich, damit zu tun, dass sie erotische und narrative Bedürfnisse gleichzeitig befriedigt, dass sie auf unseren Voyeurismus spekuliert und zugleich eine Geschichte in Gang setzt. Denn zumeist ist es ja so, dass der bekleidete Dieb und die nackte Bestohlene (seltener, aber schon auch gelegentlich taucht die Szene mit umgekehrter Geschlechterverteilung auf) sich im Anschluss auf die eine oder andere Art näher kommen.

Eine eher unangenehme rape-culture-Variante dieser Szene gab es in der brasilianischen Holzhammer/Stahlschwanz-Komödie Verflixt nochmal … wer hat, der hat (O Bem Dotado – O Honem de Itu, 1978) zu durchleiden. Ganz anders in einem der schönsten Kongressfilme, dem griechischen Melodrama Syrtaki – Erotik ohne Maske (To syrtaki tis amartias, 1966). Auch da nimmt die Hauptfigur Maro Stavrou früh im Film ein Bad. Und auch diesmal ist wieder ein Mann zur Stelle, der sich ihrer Kleidung bemächtigt. Dass gleich darauf ein zweiter Mann auftaucht, der sich auf den ersten stürzt, um ihre Ehre zu verteidigen, ist noch keine allzu außergewöhnliche Variation der Szene. Aber die unbedingte Entschlossenheit, mit der die beiden übereinander herfallen, wie sie sich ineinander verkeilen, wie sie einander mit regelrechten Hechtsprüngen attackieren, die Musik vor allem, die wie ein Blitz in die Szenerie hineinfährt, die den Kampf der Männer nicht untermalt, sondern erst hervorruft, regelrecht beschwört: All das verwandelt eine Szene, die man schon in Dutzenden Filmen gesehen zu haben meint, in einen magischen Kongressmoment. Da läuft also wieder einmal so ein völlig obskurer Film (neun IMDb-Votes) durch den Projektor, und er hat Großes mit uns vor.

Lukas Foerster

Venus international– Fünf Filmfrauen (3): Ein Ort am Meer in Griechenland

Syrtaki 5

Erst gegen Ende taucht in dem Film mit dem bitter sarkastischen Titel Syrtaki – Erotik ohne Maske (To syrtaki tis amartias, 1966) von Giorgos Papakostas die Ehefrau des einzig nett scheinenden Mannes hinter einer Wand auf und stellt sich seiner Geliebten, Maro, vor. Sie ist eine dunkle, statuettenhafte, kontrollierte Dame – wie eine dieser Schneiderpuppen, deren schwarze Bespannung am Rücken von Klammern festgehalten wird. Bis zu diesem Moment war sie von ihm und auch vom Film verschwiegen worden. Auch wenn von der ehelichen Liebe beider nicht mehr viel übrig zu sein scheint: Sie hat schon viele Maros kommen und gehen sehen und ist entschlossen, auch jetzt nicht aufzugeben. Ihr Mann will die Geliebte auch nicht fest, nicht wirklich. Er spielt für dieses männergepeinigte Mädchen, das ihm zugelaufen ist, die rettende Insel, aber sie ist für ihn nur eine Episode, für die er nicht sein gewachsenes, bewährtes Leben aufgeben will. Am Ende steht seine Witwe bei seinem Autowrack. Ihrer existentialistischen griechischen Tragödientrauer bleibt es überlassen, den Sack zuzumachen, den Faden abzubeißen und die letzten, harten Worte wie eine Schaufel Erde drauf zu werfen: Maro und ihr Mann seien schon zu Lebzeiten tot gewesen und das Leben eine Hölle. In dem sich immer mehr verfinsternden Film tanzen die Bilder auf einer großartig vielfältigen Musik zwischen wogender Sinfonik und abstraktem Beat mit schrillen Hexenschreien.

Silvia Szymanski

Die Möglichkeit einer Erlösung

Lustvoll eine Schlange streicheln 1

Eine Frau steht nachts an einem Spielplatz. Mit einem Unterton der Verzweiflung bietet sie einem vorbeilaufenden Mann Streichhölzer an – sie verkauft sie für 50 Yen das Stück, ein Pfennigbetrag. Der Mann wirkt widerwillig, lässt sich trotzdem breitschlagen und kauft schließlich gleich zwei.

In der Dunkelheit am Rand des Spielplatzes werden wir kurz darauf Zeuge einer ungewöhnlichen Transaktion: Als der Kunde sein gerade erworbenes Streichholz entzündet, hebt die Frau den Rock und gibt so den Blick auf die eigentliche Ware frei – von Geschlechtskrankheiten gezeichnet, kann sie nur mehr für die flüchtige Brenndauer eines Streichholzes angeschaut, nicht mehr berührt oder anderweitig „benutzt“ werden.

Die Episode markiert beinahe den Endpunkt einer tristen Karriere, die gleichzeitig der gescheiterte Versuch eines gesellschaftlichen Aufstiegs war. Einer favela-artigen Barackenstadt entstammend, als Jugendliche vom Stiefvater beinahe vergewaltigt und vom Hunger in die Prostitution getrieben, hat sich unsere Protagonistin durch die gnadenlose Ausbeutung ihrer körperlichen Reize zwischenzeitlich zur Wirtin einer Bar im Vergnügungsviertel hochgearbeitet.

Doch es ist ihr nicht vergönnt, die Früchte ihres Erfolgs zu genießen: Von den Entbehrungen der Jugend verhärtet, führt sie hinter dem Tresen ein strenges, freudloses Regime; misstrauisch wacht sie über jeden eingenommenen Yen, während ihr Hallodri von einem Mann – ehemals ihr Zuhälter – hinter ihrem Rücken das Geld veruntreut und sich eine der Bedienungen anlacht. Selbst dass ihr Beinahe-Vergewaltiger von einst schließlich als Putzkraft bei ihr anheuert, nimmt sie unbewegt zur Kenntnis. Zwar kommandiert sie den ehemaligen Peiniger, der in seiner neuen Rolle als büßender Untergebener voll aufzugehen scheint, eine Weile kalt herum, gewinnt jedoch selbst keinerlei erkennbaren Genuss aus dieser Umkehrung der Machtverhältnisse.

Nachdem ihr Mann schließlich mit Erspartem und Geliebter durchgebrannt und die Bar wieder verloren ist, erscheint der Suizid als einziger Ausweg. Doch unverhofft blitzt dann noch einmal kurz so etwas wie die Möglichkeit einer Erlösung auf: Ein junger Mann zieht sie von den Gleisen, bevor der heranrasende Zug sie erfassen kann. Um diesem von einer nicht näher definierten, offenbar unheilbaren Krankheit geschwächten weißen Ritter die Krankenhauskosten zu bezahlen, prostituiert sie sich erneut – und das, obwohl sie sich selbst bald darauf durch eine zweifelsohne von einem Freier eingefangene Infektion mit der bevorstehenden Berufsunfähigkeit konfrontiert sieht.

Womit sich der Kreis schließt und wir wieder bei den Streichhölzern angekommen wären.

In seiner formalen Konsequenz, die kein bisschen unschuldiger Lust, keinen noch so kurzlebigen heiteren Kontrapunkt zum überaus kunstvoll in hartem Schwarz-Weiß und Cinemascope kadrierten Elend zulässt, ist Hiroshi Mukais Film Lustvoll eine Schlange streicheln (Boko shojo nikki, 1968) eigentlich ziemlich unerträglich. Im Metadiskurs des Kongresses schärft sein erbarmungsloses Ins-Bild-Rücken der seelischen Folgen sexueller (Selbst)ausbeutung jedoch den Blick für die oft nicht weniger verheerende Körper- und Geschlechterpolitik, die durch die vermeintlich spaßigeren frivolen Komödien und Sexploitation-Kracher geistert, für deren Wiederentdeckung und filmhistorische Einordnung das Hofbauer-Kommando nach außen vor allem bekannt ist. Es sind die Hofbauerkongresse eben kein rein affirmatives Feiern der filmischen Fleischeslust, sondern auch eine Einladung zur kritischen Auseinandersetzung mit den Zuständen, die da auf der Leinwand ihre Abbildung finden.

Till Kleinert

Das Bad macht den Mann friedfertig und appetitlich

Das Bad auf der Tenne 6

Eigentlich dürfte es niemanden überraschen, dass die vorbildlichen Cinephilen, die seit Jahren in Nürnberg ihre außerordentlichen Kongresse feiern, im tiefsten Innern sich zur Literatur mindestens ebenso hingezogen fühlen wie zum Kino. Denn wo auf der Welt würde zum Beispiel die Kunstform des Ankündigungstextes mit mehr Sorgfalt und Inbrunst gepflegt. Und wo wäre es denkbar, dass ein Vorleser aus den Reihen des Publikums hervortritt und zur Überbrückung einer aus technischen Gründen notwendigen Wartezeit mit seelenruhiger Stimme aus einem Werk vorliest, das vorzüglich ausgewählt aufs bevorstehende Filmvergnügen einzustimmen vermag: „Es gab eine Zeit, da war das Ideal aller Knaben der harte und ungepflegte Mann, der nach Schweiß und Leder roch und sein Haar nicht kämmte.“ Wie die Männer aber von den Frauen umerzogen wurden, davon kündete die Sittengeschichte der Badewanne, ein Taschenbuch von 1966. Und auch die Agfa-Color-Frivolität Das Bad auf der Tenne aus dem Jahr 1943 erzählte davon. „Das Bad machte den Mann friedfertig und appetitlich, und darin darf man, wenn man an den Urmenschen und den Urmann denkt, das überraschendste und zugleich wichtigste Ereignis am Beginn unserer Zivilisation erblicken.“ Der fleißige Autor Herrmann Schreiber gab seinen Memoiren übrigens den schönen Titel Bücher, Frauen, Bücher.

Rainer Knepperges

Der parfümierte Volkskörper

Das Bad auf der Tenne 2

Ein hedonistisch-weltgewandter Kaufmann (Richard Häussler) reist durch das Flandern des ausgehenden 17. Jahrhundert und versetzt ein Dorf in Aufregung. Zum einen wegen seines schwarzen Dieners Bombolo (James Bachert), der Objekt permanenter rassistischer Praxen und Zuschreibungen wird, bei denen sich aus heutiger Sicht schwer sagen lässt, was davon historisch rekonstruiert sein soll und was der Film von 1943 gern austeilt an Herabsetzung. Zum anderen wegen der Badewanne, die der Kaufmann hinterlässt und die zum Sinnbild von Modernisierung, Zivilisierung, Emanzipation, vor allem aber Erotisierung im Dorf wird. Bilder von badenden Frauen, ein nackter Hintern, Brüste im Schattenriss hinter einer Leinwand, die von den Männern des Dorfs durch Gucklöcher gesehen wird wie später Sexfilme in Peepshows. Volker von Collandes Das Bad auf der Tenne mit Will Dohm und Heli Finkenzeller, den Eltern von Schwarzwaldklinik-Legende Gaby Dohm, als Bürgermeisterpaar, ist ein widersprüchlicher, fast unschuldiger früher Sexualitätsfilm. Das Bad ermöglicht ein Gespräch über Gleichberechtigung und Hygiene, die den Volkskörper eher parfümiert als imprägniert. Das Dorf einigt sich zwar gegen die Wanne als Gegenstand sittlich prekärer neuer Zeit, aber was aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, fürs Zusammenhalten geopfert wird, ist eben nur ein Gegenstand, kein Mensch, keine Gruppe. Wer knutscht, soll heiraten, damit die Moral stimmt, zugleich wispert der Bürgermeister der Gattin am Schluss ins Ohr, eine neue Wanne bauen zu lassen, in die man mal zusammen springen könne. Und der schlüpfrige Kaufmann, der in 25, 30, 35 Jahre jüngeren

Hofbauerkongress-Beiträgen ein zudringlicher, gewalttätiger Lumich wäre, der von seiner Macht natürlich Gebrauch machte, insistiert nicht aufs Eintreiben der Gewinne aus dem präprostitutiven Investment. Er lächelt. Eine in viele Richtungen offene Männer-Figur.

Matthias Dell

Aufklärung ohne sozialpädagogisches Geschwätz

Der Liebe auf der Spur 3

Ich mag am Hofbauerkongress, dass man hier auch in Bereiche der Filmgeschichte vordringt, in denen das Kino keinen Kunstanspruch erfüllen will, sondern, zumindest auf den ersten Blick, sehr funktional ist. Das schließt Produktionen ein, die offensiv auf Schauwerte wie Sex und Gewalt setzen und damit auf das, was die Leute anscheinend sehen wollen, aber zum Beispiel auch auf die Filme des FWU (Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht), die in den letzten Jahren zu einem Fixpunkt im Kongressprogramm geworden sind und es sich zur Aufgabe gemacht haben, ein bisschen Ordnung in das arg unordentliche Leben pubertierender Jugendlicher zu bringen. Schön wird es, wenn sich diese Filme dann von ihrem didaktischen Schema befreien und einen Blick in die etwas piefige und sehr deutsche Lebenswelt junger Menschen gewähren – so wie die mäandernd erzählte Milieustudie Der Liebe auf der Spur (1988). Glaubt man den Internetkommentaren in einem TV-Forum, wird die achtteilige Serie über adoleszente Unsicherheiten immer noch in manchen Schulen gezeigt.

Obwohl wir uns hier in einer Welt befinden, die von den großen Themen des Dr.-Sommer-Teams gerahmt wird (die erste Periode, der mühselige Kontakt mit dem anderen Geschlecht, das reuevolle Wichsen mit dem besten Freund ...), gelingt es Der Liebe auf der Spur, die Umbruchzeit im Leben verschiedener Teenager auf sehr plastische Weise darzustellen; die überfordernden emotionalen Herausforderungen, die schwer kontrollierbare Lust und dann noch diesen seltsam deformierten Körper, der erst mal ein paar Jahre braucht, bis er wieder normal aussieht. Das unbestrittene Gesicht dieses Unbehagens ist Sven (verkörpert vom heutigen Theaterschauspieler Jens Harzer) – ein Spätentwickler mit spackigen Bewegungen, einer Mimik, die immer ein bisschen nach Grimasse aussieht, und einer sonderbar nöligen Stimme, die nach Opfer klingt, aber dann doch immer wieder erstaunlich aufsässig ist.

Zwei sehr unterschiedliche Kameraschwenks, die von Sven wegführen, sind mir besonders im Gedächtnis geblieben. Während er einmal zwischen den Verhütungsmitteln seiner Eltern herumwühlt und wir nicht sicher sein können, ob er überhaupt weiß, was das ist, schwenkt die Kamera unbarmherzig von den Kondomen aufs elterliche Hochzeitfoto und zum krönenden Abschluss aufs Ehebett. Grausamer kann man die Erkenntnis, dass auch die eigenen Eltern Sex haben, wohl kaum darstellen. Einen sehr viel zärtlicheren Schwenk gibt es im Freibad zu sehen. Dort beobachtet Sven neugierig einen schon etwas älteren, ordentlich durchtrainierten Jungen, der sich mit einem coolen Handgriff seiner roten Badehose entledigt und selbstbewusst seinen nackten Körper präsentiert. Als Sven es ihm dann gleichtun will, klaut ihm sein bester Freund die Badehose und sorgt für einen von vielen megapeinlichen Momenten, deren Drastik sich vor keiner amerikanischen Nerdkomödie zu verstecken braucht.

Svens weibliches Gegenstück ist die nicht weniger sonderbare Chrissie. Aufgedonnert, als käme sie gerade vom Baby-Strich, flirtet sie den ohnehin schon maulfaulen Biker Zebo derart offensiv an, dass ihm darauf gleich gar nichts mehr einfällt. Hinter dieser Aggression verbirgt sich eine Sehnsucht nach Anerkennung, die Liebe auf der Spur jedoch nicht zu therapieren versucht. Als Chrissies Nachhilfelehrerin die Hobby-Psychologin raushängen lässt und das Mädchen tröstend in den Arm nimmt, wird sie von ihr mit einem rüden Spruch („Ey, sag mal, bist du lesbisch?“) abgewiesen. Das ist denn auch die Qualität der Serie: dass sie zwar aufklären und Sicherheit bieten will, dabei aber wie Chrissie nicht allzu viel auf sozialpädagogisches Geschwätz gibt.

Michael Kienzl

Venus international – Fünf Filmfrauen (4): Richmond

Dirty Love 1

Die Tanzschülerin Terry (Valentine Demy) übt allein in einem Loft, dessen großes Fenster auf ein sonntäglich leeres, geil tristes Stadtviertel in Virginia blickt. In Joe D’Amatos Dirty Love (1988) ordnet und nordet sie sich zwischen den Ereignissen, indem sie Spagat, Gelenkigkeit, Kraft und Balance trainiert. Sie ist ganz bei sich, doch hart zu sich, unbestechlich; sie trifft schwierige Entscheidungen. Nur manchmal begegnet sie beim Rein- oder Rausgehen zufällig einem Nachbarjungen, der Street Dance macht. Dann tanzen sie sich an, spontan, ganz ohne Einleitung und Worte; das ist ihr verrücktes, kleines Freundschaftsritual. Als Terry auszieht, schenkt er ihr sein Fahrrad, mit schaumstoffgepolsterten Lenkstangen, mit dem sie ungeschickt davonfährt.

Ich glaube, es bedeutet etwas, dass die Frauen bei D’Amato so leicht, stolz und selbstbewusst die Straßen entlanggehen und dass die Kamera die Zeit vergisst, indem sie ihnen dabei zuschaut. Ihr Eigenwille drückt sich darin aus. Jede von ihnen ist ein Lied. Im sanften Timing einer inneren Melodie lenken sie ihre Wege durch die melancholische, gegebene Wirklichkeit.

Silvia Szymanski

Wo kommen diese Sektflaschen her?

Wer hat  der hat 3

Eine Damengesellschaft sitzt in einem Garten an einem u-förmigen Tisch und geht ihrer distinguierten Feier nach. Wir befinden uns in einer Komödie, und so ist klar, dass dieses Bild der edlen Damen genüsslich zerstört werden wird. Zum Glück befinden wir uns in einer Komödie, die bis jetzt noch jeden Kalauer mitgenommen hat und immer mal wieder vor Wahnwitz sprühte. Und zum Glück befinden wir uns in einem Film, in dem der riesige Penis eines Landeis bei den Frauen, die angesichts dieses außergewöhnlichen Merkmals jede Zurückhaltung vergessen*, buchstäblich für Erdbeben sorgt: mit wackelnder Kamera, eruptiven Geräuschen und irritierten Blicken der Leute, die nicht wissen, was sich gerade ereignete. Jedes Mal das i-Tüpfelchen der schamlosen, anzüglichen Flausen von Verflixt nochmal … wer hat, der hat (O Bem Dotado – O Honem de Itu, 1978). Als also die Damen der besseren Gesellschaft ihr Zusammensein genießen, schläft gerade besagter Herr mit der Tochter des Hauses. Und vor den Damen stehen monumental große Sektflaschen.

Was passieren wird, lässt sich an einem Finger abzählen. Doch weder kommt das mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks auftretende Erdbeben, noch ploppen die Flaschen auf und ergießen sich im wilden Schwall über die Frauen. Wenig später stehen die Flaschen wie zum Hohn immer noch auf den verwaisten Tischen und bespritzen auch nicht den immer noch versteinert dastehenden tuckigen Diener, der ob des nackten Mannes seinen Verstand verloren zu haben scheint. Es ist unfassbar, wie die Pointe verschenkt wird, möglichweise mutwillig ausgelassen. Das war der Moment beim 16. außerordentlichen Kongress des Hofbauer-Kommandos, wo mir wieder klar wurde, dass hier immer noch alles passieren kann. Dass es nach einer Vielzahl von Kongressen immer noch unmöglich ist, auf der sicheren Seite zu sein. Und dass immer wieder diese Dinge geschehen werden, die mich sprachlos zurücklassen werden. Dass mir Szenen noch wochenlang durch den Kopf geistern werden, sei es, weil sie mich total überforderten, weil mein Verstand aushakte, weil ich so was noch nie gesehen habe oder weil der Höhepunkt nicht kommen wollte (und so die Lust kein Ende nahm). Das Ungewisse, das Aufregende. Und ich verstehe es immer noch nicht. Wie kamen die Flaschen in den Film? Aber wenigstens rannten sämtliche Frauen, als der Mann wenig später nackt vor ihnen landet, geschlossen hinter ihm her, um sich diesen unglaublichen Schwengel einzuverleiben. Das hat sich Verflixt nochmal dann doch nicht nehmen lassen.

* In Umkehrung des den 16. Außerordentlichen Kongresses des Hofbauer-Kommandos durchziehenden Motivs von Männern, die im Angesicht eines heißen Fegers auf unterschiedlichste Weise Opfer ihre unbezwingbaren Libido werden. Was dies zu einem der bedenklichsten und am wenigsten düsteren Filme des Wochenendes machte.

Robert Wagner

Venus international – Fünf Filmfrauen (5): Hongkong

Nackte Eva 4

Eva (Laura Gemser) in Nackte Eva (Joe D’Amato, 1976) ist noch einsamer als Terry in Dirty Love (1988). Es ist, als hätte sie ihre Seele verloren. Als Kind schlief sie beschützt in ihrem Heimatdorf auf dem Boden einer Hütte. Nun, in der fernen, mondänen Handelsmetropole, sind Schlangen – ihr Name legt es nah – ihre einzigen Verbündeten. Wie innere Organe winden sie sich um sie, wenn sie in einem Nachtclub tanzt. Es ist, als verkörperten sie Evas eigene, zurückgehaltene, reglose Gefährlichkeit und Autonomie. Sie geht viel mit älteren Bewunderern essen (mein hungriger Sitznachbar wurde ganz wibbelig, weil in dem Film so viel diniert wird). Immer graziös, fein lächelnd, in eleganten, extravaganten Gewändern, ist sie doch immer unnahbar, verschlossen, unheilbar isoliert. Auch ihr reicher, kontaktscheuer; amerikanischer Gönner (Jack Palance, der hier den schillernden Namen Judas trägt) „mag“ Schlangen. Das heißt, er hält sie, isoliert, gefangen, in ansonsten völlig leeren Terrarien. Das macht er auch mit Eva. Doch der Mann aus Die Verachtung (Le Mépris, 1963) ist auch hier, auf seine Weise, generös. Eva muss nicht mit ihm schlafen, nur seine Einsamkeit vertreiben, dekorativ sein. Ob sie überhaupt etwas anderes könne oder wolle, bezweifelt er, sagt er auf einer Party; sie gräbt das in sich ein. Zorn sammelt sich in ihr wie Gift.

Eine Schlange frisst eine weiße Maus. Man sieht ihr rosiges Mäulchen lautlos schreien.

Judas hat einen jüngeren Bruder, Jules, der Eva belauert und sie zur Geliebten will, und sie lässt es geschehen.

Laura Gemser hat in diesem Film ein besonders weiches, offenes Gesicht. Zugleich erinnert sie in ihrer natürlichen Überschlankheit an ihre Lieblingsschlange, eine zierliche, smaragdgrüne Mamba.

Eines Tages begegnet Eva einem Mädchen, das fast so ist wie sie: Gerri (Michele Starck), die, wie Sven Safarow in seiner schönen Einführung auf dem Kongress zu dem Film bemerkte, Chloë Sevigny ziemlich ähnlich sieht. Schneeweißchen und Rosenrot. Mit Gerri sieht Eva plötzlich ganz lebendig aus. Als fühlte sie sich wohl in ihrem Leben und könnte sich gut leiden (in der FWU-Serie Der Liebe auf der Spur (1988), die auch auf dem Kongress lief, sagte ein anderes Mädchen diesen seltenen Satz über sich). Sie verlieben sich, bummeln herum und schauen einem Straßenkoch zu, der, erschreckend geschickt, eine Schlange häutet, zerhackt und brät, ein Nervenkitzel für Touristen. In Märchen lernt man die Sprache der Tiere, indem man eine Schlange isst, und die beiden schönen Mädchen tun das. Wenn sie miteinander im Bett liegen und sich bei den Händen halten, wirken sie wie eins. Jules ist eifersüchtig. Eines Nachts lässt er die grüne Mamba in Evas Zimmer, und Gerri stirbt an ihrem Biss. Eva weiß, nur Jules kann der Mörder sein, aber sie rührt sich nicht. Sie bittet ihn, mit ihr zu ihrer Heimatinsel zu fahren. Sie nehmen einen ihrer einheimischen Freunde als Diener mit. Am Strand spielt der Diener eine traurige Weise auf der Gitarre, ein Freund von ihm küsst Evas Rücken, mit einer Zärtlichkeit, die nicht ihn freuen will, sondern sie. Jules übernimmt, besitzergreifend, die Liebkosung. Auf Evas Zeichen überwältigen die Freunde ihn. Sie sieht auf ihn herab. „Wir werden nun eine Schlange in dich einführen. Sie ist nicht giftig. Aber sie wird sich durch deinen Körper fressen und dabei alles, was in dir böse ist, vertilgen. Das ist ihr Drang nach Freiheit. Es wird nicht mehr viel übrig bleiben von dir, Jules.“ Und wirklich ziehen sie ihm die Hose runter, man sieht den nackten Po … was er getan hat, war so unverzeihlich grausam, dass ich Evas Rache, zumindest in diesem Moment, verstehen kann.

Silvia Szymanski

Der feuchte Traum eines jeden 14-Jährigen

Delizia

Mindestens genauso wichtig wie die Filme ist beim Hofbauerkongress das Zusammentreffen mit Freunden und Bekannten. Die Filme sind ein schöner Anlass, gemeinsam zu feiern, sich auszutauschen und natürlich das ein oder andere alkoholische Getränk zu sich zu nehmen. Mein lieber Freund Sascha, seines Zeichens KommKino-Mitarbeiter, hatte für unser Wiedersehen nach fast einem Jahr entsprechend vorgesorgt: Schon zum ersten Film, Joe D’Amatos Dirty Love (1988), ließen wir uns Büffelgras-Wodka mit naturtrübem Apfelsaft schmecken, um danach auf Nürnberger Biere umzusteigen. Den Anstrengungen der Anreise und der Wirkung des Alkohols wirkte ich mit einem (nicht geplanten) Nickerchen bei der FWU-Serie Der Liebe auf der Spur (1988) entgegen, Rolf Olsens Humor-Prüfung Heubodengeflüster (1967) weckte danach die Lebensgeister, Delizia (1986), ebenfalls von D’Amato, war der idealer Absacker in den frühen Morgenstunden.

Verehrer des italienischen Filmbesessenen berichten oft (und zu Recht) von der bisweilen hypnotischen, einlullenden Wirkung seiner Filme, von dem warmen, verführerischen Flow, den sie entwickeln, und der Zustand des abklingenden Rauschs und der Übernächtigung ist nahezu perfekt, um sich diesem Fluss hinzugeben. Ich habe jede Minute von Delizia genossen, einem im Grunde genommen ziemlich rammdösigen Softerotikfilm um einen Jungen, der zu seiner Überraschung feststellt, dass die während der Ferien bei ihm einziehende Cousine der Star seiner Tittenheftchen ist. Es war schlicht der beste Film für jene Freitagnacht, auch wenn ich mich am nächsten Morgen nur noch sehr rudimentär an ihn erinnern konnte. Er war ein bisschen wie ein schöner Traum, dessen Details sich dem Zugriff entziehen, und wäre ich nicht im Besitz des Programmhefts, ich wäre mir nicht sicher, ob ich ihn mir nicht nur eingebildet habe. Aber etwas ist hängengeblieben: Der ganze Film kulminiert für mich in einer Szene, die ich gewiss nicht so schnell vergessen werde und die an einem an filmischen wie zwischenmenschlichen Höhepunkten nicht armen Wochenende heraussticht: Die schöne „Delight“, besagtes Nacktmodell mit Gardemaßen und etwas einfältigem Wesen, bekommt da in der Küche ihrer Gastgeber ein rohes Ei gereicht, dessen Proteine ja so gesund seien. Und was macht dieses holde Wesen daraufhin ganz folgerichtig? Es sticht ein Loch in dessen Schale, schließt die vollen Lippen seines Schmollmundes fest um seine sanften Rundungen und beginnt, das glibberige Innenleben mit großer Inbrunst und Pflichtbewusstsein auszusaugen, während ihr Verehrer, der arme Tropf, staunend und schluckend danebensteht. Von einer solchen Cousine hat wahrscheinlich jeder 14-Jährige geträumt: In Nürnberg, am 6. Februar 2017, kam man der Traumerfüllung ziemlich nah.

Oliver Nöding

Heaven is a place on earth

Nackte Eva 3

Der späte Abend des letzten Kongresstages, man entgleitet schon mal in den Schlaf im Saal, Joe D’Amatos betörend ambivalentes Geschlechtermärchen Nackte Eva (Eva Nara, 1976) ist ein schöner Rausch dazu. Ich kann schwer sagen, wie viel meine Erinnerung mit dem Film zu tun hat, wie das nach dem Träumen so ist – entrückte Details beim Aufwachen, ein trügerisches Vertrauen in das fiebrige Gefühl, das man eben noch hatte. Im Film fahren Laura Gemser und Michele Starck im hochroten Cabrio durch das hinter ihnen ins Unwirkliche verbleichende Hongkong der 1970er Jahre. Bald erliegt Starck dem Umwerbungsritual von Gemser, die schließlich Schlangentänzerin ist, und für eine Weile wähnt man das Paar sicher im selbstgewählten Exil, das sich ganz selbstverständlich vor den Augen der Welt vollzieht. Die folgerichtig keinen Zutritt hat, und die Männer haben schon gar keinen, so bleibt Gabriele Tinti nur, seinen Blick von außen durch den Türspalt auf die Liebenden im Schlafzimmer zu bohren. Diese wiederholte Störung erfüllt mich in Schüben mit albtraumhafter Panik. Nein, sein begehrender Blick ist weder meiner noch der des Rest des Films (glaube ich), ihm ist gewaltvoll eingeschrieben, was wir schon erahnten: neben der schwelgerischen Hingabe und Freiheit stehen längst Macht und Bedrohung. Hitze im kalten Kerker, Zärtlichkeit unter der Glasglocke, unweit der Terrarien von Schlangensammler Jack Palance. Dessen tödlichstes Exponat, die grüne Mamba, entsendet Tinti schließlich stellvertretend in die Sperrzone hinein. Starck stirbt schnell, gefühlt zu lange scharre ich aufgebracht, jetzt ganz wach, mit den Füßen, bis zum Ungeheuerlichen, das folgt. Danach mag ich keinen Film mehr sehen, trinke zu viel Schnaps, vertage so das Nachdenken über Gemsers finales Schicksal, und belle beglückt – nach diesem Film, nach diesen Tagen – „Heaven is a Place on Earth“ ins Karaokemikro.

Katharina Stumm

Kommentare zu „16. Hofbauerkongress: Obskure Filme, die Großes mit uns vorhaben“

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