16. Filmfest Hamburg 2008

„Vielfalt und Einheit“ lautete passend zum Tag der deutschen Einheit der Themenschwerpunkt des 16. Hamburger Filmfestes. Nach acht Tagen endete es gestern Abend mit der Deutschlandpremiere des belgisch-französischen Roadmovies Eldorado (2008) in Anwesenheit des Regisseurs Bouli Lanners. 35.000 Zuschauer verzeichnete das größte Filmfestival des Nordens, bei dem dieses Jahr 134 Spiel- und Dokumentarfilme aus 53 Ländern über die Kinoleinwände flimmerten.

Filmfest Hamburg

Nach David Cronenberg (Tödliche Versprechen, Eastern Promises, 2007) wurde am 27. September der zweite kanadische Regisseur in Folge mit dem Douglas-Sirk-Preis geehrt: Atom Egoyan (Wahre Lügen, Where the Truth Lies, 2005) erhielt die Auszeichnung nach einer Laudatio seines Freundes Wim Wenders (Palermo Shooting, 2008), anlässlich der Deutschlandpremiere seines Familiendramas Adoration (2008).

Wie einige weitere Beiträge des Filmfestes beschäftigt sich auch Egoyans neuestes Werk unter anderem mit dem Thema des Terrorismus nach den Anschlägen des 11. September. Die Geschichte eines Waisenjungen, der anlässlich einer Schulaufgabe vorgibt, der Sohn eines Flugzeugattentäters zu sein, meditiert auf verschiedenen Zeit- und Realitätsebenen über die Manipulation von Wahrheit und den daraus resultierenden Vorurteilen, Identitätsverlusten und Mythenbildungen. Die Themen Trauer und Traumata spielen wie in den meisten von Egoyans Dramen, darunter Exotica (1994) und The Sweet Hereafter (Das süße Jenseits, 1997), erneut eine zentrale Rolle. Allerdings übernimmt sich der Kanadier diesmal etwas mit der Vielfalt und Schwere der zahlreichen angeschnittenen, aber letztlich zu oberflächlich ausgearbeiteten Motive von Adoration. Der beeindruckende Hauptdarsteller Devon Bostick und eine Reihe atmosphärisch aufgeladener Szenen können zudem nicht für die mitunter peinliche Überdeutlichkeit mancher Dialogpassagen entschädigen. Das Resultat sind mehrere unausgegorene Melodramen mit stimmungsvollem Soundtrack zum Preis von einem, das nicht an Egoyans frühe Werke heranreichen kann.

Der Preis der Hamburger Filmkritik ging an das Frauendrama Frozen River (2008), das beim Sundance-Filmfestival geehrte Langfilmdebüt der US-Regisseurin Courtney Hunt.

Der mit 30.000 Euro dotierte TV-Produzentenpreis wurde an die Bavaria Fernsehproduktion (Produzentin: Astrid Kahmke) für die ProSieben-Komödie Machen wir’s auf Finnisch (2008) von Marco Petry verliehen.

Srdjan Vuletic: It’s Hard to Be Nice

Der mit 10.000 Euro dotierte „Montblanc-Drehbuchpreis“ ging an Srdjan Vuletic für sein Drehbuch zu dem Film It’s Hard to Be Nice (Tesko je biti fin, 2007), bei dem er auch Regie führte.

Dieses Jahr neu ist der mit 5.000 Euro dotierte Nachwuchspreis „Die Elfe“. Er ging an Johnny Mad Dog (2008) von Jean-Stéphane Sauvaire.

Den mit 5.000 Euro dotierte Publikumspreis, um den sieben europäische Filme im Wettbewerb stritten, erhielt der französische Überraschungshit Willkommen bei den Sch'tis (Bienvenue chez les Ch`tis, 2008) von Regisseur Dany Boon. In Frankreich lockte die Culture-Clash-Komödie um einen strafversetzten Postbeamten über 20 Millionen Zuschauer in die Kinos. In Deutschland startet der Film am 30. Oktober 2008.

Vom Free-TV Sender „Das Vierte“ wurde der „micromovie-Award“ vergeben. Aus den eingeschickten Ideen wurden die zehn Besten umgesetzt. Fernsehzuschauer und Filmfest-Publikum wählten den Film Gewonnen. Der Ideengeber Jan Schwarze erhält 4.444 Euro und nimmt an einem exklusiven Drehbuch-Workshop teil.

In Anwesenheit des Schirmherren Jürgen Vogel gab die siebenköpfige Jury des Kinder- und Jungenfilmfestes ihre Entscheidung bekannt: Mit Hey Hey, hier Esther Blueburger (Hey Hey it`s Esther Blueberger, 2008) von Cathy Randall erhielt ein Film aus Australien den Regiepreis „Michel“. Lobende Erwähnungen gingen an den kanadischen Beitrag Home Run (Un été sans point ni coup sûr, 2008) von Francis Leclerc und an die schwedisch-finnische Co-Produktion Schmetterlinge (Pirret, 2007) von  Kjell-Åke Andersson, der außerdem den Publikumspreis der Kinder- und Jugendsektion gewann.

Zum ersten Mal in diesem Jahr wurde der „Art Cinema Award“ des internationalen Verbandes der Filmkunsttheater vergeben. Der Preis ging an 35 Rum (35 Rhums, 2008) der französischen Regisseurin Claire Denis (The Intruder, L’ Intrus, 2004). Mit Ruhe und Gespür für Details und Gesten widmet sich die warmherzige und humorvolle deutsch-französisch-belgische Co-Produktion einer liebevollen Vater-Tochter-Beziehung und erzählt mit einsichtiger und einfühlsamer Melancholie vom Älterwerden und Abschiednehmen. Inszenatorischer Höhepunkt ist eine äußerst intensive Tanzszene zum Song „Nightshift“ von „The Commodores“ in einer nächtlichen Bar, während der sich die Hauptfiguren jede Menge bedeutungsvolle Blicke zuwerfen.

Claire Denis: 35 Rum

Ein überhaupt nicht harmonisches Familiengeflecht durchleuchtet hingegen Kiyoshi Kurosawa in Tokyo Sonata (Tôkyô sonata, 2008), der in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde, in Hamburg aber erstaunlicherweise leer ausging. Tragisch, gesellschaftskritisch und mit Sinn für subtilen Humor entwirft der japanische Regisseur, der vor allem für seine Horrorstreifen Cure (Kyua, 1997) und Pulse (Kairo, 2001) bekannt ist, die Abwärtsspirale einer Mittelstandsfamilie nach der plötzlichen Entlassung des Vaters. Anstatt seiner Frau und den zwei Söhnen von seiner Arbeitslosigkeit zu berichten, bemüht sich der gedemütigte Mann darum, eine intakte Alltagsfassade aufrecht zu erhalten und den Schein der Normalität zu wahren. Anrührend verkörpert wird er von Teruyki Kagawa, der noch bei einem weiteren Film mitwirkte, der Japans Metropole zum Schauplatz wählte.

Im letzten und gelungensten Segment des dreiteiligen Episodenfilms Tokyo! (2008) mimt Kagawa unter der Regie von Bong Joon-ho (The Host, Gwoemul, 2006) einen Agoraphobiker, der sich seit Jahren in seiner Wohnung verschanzt und sich dann ausgelöst durch ein Erdbeben unerwartet in eine Pizzalieferantin verliebt. Das junge Mädchen hat an ihrem Körper eintätowierte Gefühlsknöpfe für Traurigkeit, Angst und zum Glück auch einen für die Liebe. Michel Gondrys (Science of Sleep – Anleitung zum Träumen, La science des rêves, 2006) erster Teil von Tokyo! entwirft dagegen ein weniger optimistisches Bild von der Liebe. In seinem charmant-versponnenen Beitrag über ein junges Paar mit unterschiedlichen Ambitionen leidet die Beziehung zunehmend unter ihrer Unausgeglichenheit, woraufhin sich die Frau schließlich in einen Holzstuhl verwandelt und sich somit erstmals in ihrem Leben „richtig nützlich fühlt“. Der zweite und schwächste Beitrag des Franzosen Leos Carax (Pola X, 1999) über einen obskuren Kobold, der Tokios Einwohner mit Handgranaten bewirft, Blumen und Bargeld futtert und eine unverständliche Sprache brabbelt, kommt als plumpe und bemüht abgedrehte Allegorie über Terrorismus daher, ist dabei aber in erster Linie ein Anschlag auf die Nerven des Zuschauers.

Das 17. Filmfest Hamburg findet vom 24. September – 3. Oktober 2009 statt.

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