13. Hofbauerkongress

Von Olivia Pascals puffy nipples bis zum irren Grinsen Roy Blacks. Erinnerungen an schwüle Kongressnächte in der Frankenmetropole.

Wang Yung – Stahlharte Hongkong-Killer (Jing cha, 1973) von Chang Cheh

Wang Yung - Stahlharte Hongkong-Killer

Ein offensichtlich sehr schnell runtergedrehter Martial-Arts-Reißer aus dem Hause Shaw Brothers, der nur so vor Energie strotzt. Wang Yung ist Körperkino erster Güte. Hier befinden sich nicht nur die drahtigen, stets kampfbereiten Darsteller in ständiger Bewegung, auch die Bilder wechseln abrupt zwischen Nähe und Distanz, zwischen Intimität und Übersichtlichkeit. Jeder der zahlreichen Zooms hat die Intensität eines Faustschlags und trotzdem auch etwas Unbestimmtes, als würde sich der Kameramann erst im letzten Augenblick überlegen, auf welche Attraktion er seinen Blick als Nächstes richtet. Zusammengehalten wird der Film von einer Rachegeschichte, die einen ungewöhnlichen Umweg einschlägt. Anstatt den Tod seines besten Freundes sofort zu rächen, macht der Protagonist erst einmal eine Polizeiausbildung. Als er dem Mörder dann endlich gegenübersteht, hindert ihn sein berufliches Pflichtgefühl daran, den Abzug zu drücken. Die fein choreografierten Kloppereien gipfeln in einer Hampelmann-Parade von Polizisten in kurzen Hosen, an deren Höhepunkt der Held einen phallischen Schlagstock überreicht bekommt.

Vanessa (1977) von Hubert Frank

Vanessa

Im Gegensatz zu Chang Cheh, der sich für die verschiedenen Gesichter der ehemaligen britischen Kronkolonie interessiert, weiß der österreichische Regisseur Hubert Frank, abgesehen von einem tollwütigen Frauenpuff, nur wenig mit dem Schauplatz Hongkong anzufangen. Die exotische Ferne drückt sich eher durch ihre Wirkung auf die Figuren aus, oder wie einmal sinngemäß gesagt wird: Das Klima presst einem die Beine auseinander. Auch wenn man sich manchmal den vielversprechenden Prolog zurückwünscht, in dem die Titelheldin mit ihrer Lebensfreude in einem drakonischen Klosterinternat aneckt, befreit sich Frank immer wieder mit denkwürdigen Momenten aus dem Sumpf geschmackvoller Softerotik. Dabei gibt es fantastische Momente mit einem glubschäugigen Magier, eigenwillige Verführungsszenen und einprägsame Dialoge („Ein Mann ohne Peitsche ist nur ein halber Mann“). Mit seiner charmanten Unbekümmertheit versucht der Film erst gar nicht, die Nacktheit seiner Darstellerinnen zu legitimieren. Wer schön ist, soll sich auch ausziehen, ob für ein Voodoo-Ritual oder einen Slow-Motion-Balztanz im Reisregen. Hauptdarstellerin Olivia Pascal weiß sich nicht zuletzt wegen ihrer etwas unförmigen puffy nipples inmitten ihrer Schauspielkolleginnen zu behaupten.

Holiday in St. Tropez (1964) von Ernst Hofbauer

Holiday St. Tropez

Die fehlende Klimaanlage im Kinosaal drückt mir zwar nicht die Schenkel auseinander, dafür klebt mir aber nach jeder Vorführung mein schweißnasses T-Shirt am Körper. Besser könnten die Voraussetzungen für einen leichten, sich immer wieder in seinen Nummern und Einfällen verlierenden Sommerfilm gar nicht sein. Meine erste bewusste Begegnung mit dem Namensgeber des Kongresses im Januar war eine eher traumatische Begegnung mit miefiger Frivolität. In Holiday in St. Tropez hat das alles deutlich mehr Schwung. Angesiedelt in einem fiktiven Ferienort, der an der kroatischen Küste italienische Kellner und französische Polizisten vereint, streut Hofbauer immer wieder herrlich alberne Gesangseinlagen ein. Einen kleinen anarchischen Ausbruch inmitten der doch reichlich spießigen Ferienkolonie gönnt der Film Margitta Scherr, die ein Töchterchen aus gutem Hause spielt, das sich als verruchtes Beatnik-Mädchen verkleidet und in einem „Matrosen-Bums“ wild auf dem Tisch tanzt.

Wegen Verführung Minderjähriger (1960) von Hermann Leitner

Wegen Verfuehrung Minderjaehriger

Ein sehr schöner Sittenfilm, in dem es am Ende nur Verlierer gibt. Nachdem eine 17-jährige Schülerin bei einem Autounfall ihre Eltern verloren hat, zieht sie bei der Familie ihres verständnisvollen Lehrers ein. Bald schon bringen Gefühle, die sich nicht ziemen, die Ordnung durcheinander. Die Schmierigkeit, die immer wieder hinter den guten Manieren des väterlichen Lehrers hervordringt, ist toll, auch die Hartnäckigkeit, mit der die junge Waise – die sich natürlich von Nabokovs Lolita inspirieren lässt – ihr Ziel verfolgt. Die Nebenfiguren sind dagegen derart missgünstig und bösartig, dass man sich automatisch auf die Seite der unglücklich Liebenden schlägt. Die Moral von der Geschicht ist überraschenderweise gar nicht verlogen. Schuld an dem Dilemma ist niemand, am ehesten noch die Justiz mit ihren beschränkten Vorstellungen davon, wer in der Liebe Verantwortung übernehmen kann und wer nicht. Die sexuelle Begierde, die sich hier zeitbedingt überwiegend in lüsternen Blicken und Anspielungen ausdrückt, entlädt sich einmal in einer spritzigen Darbietung des Schlagersängers Tony Sandler, der wahrscheinlich nur vordergründig von Kokosnüssen singt: „Alle nennen mich Coco. Meine Nüsse, die schmecken so gut.

Das Strandhaus (Deep Inside, 1968) von Joseph W. Sarno

Das Strandhaus

Ein Haus am Strand, in dem sich einige befreundete Paare und Singles einfinden. Während die immer gleichen Rituale den Alltag strukturieren – die steifen Tanz-Eskapaden, das Kartenspielen, das Trinken –, herrscht bei den zwischenmenschlichen Beziehungen eine ziemliche Unordnung. Erotik und Melancholie sind in diesem Mikrokosmos eng miteinander verknüpft. Manchmal stehen die Frauen vor der Kamera, schauen traurig auf den Boden und ziehen dann ihre Oberteile aus. Was nackte Haut angeht, nimmt sich Sarno, der ab 1973 auch Hardcore-Filme gedreht hat, allerdings noch zurück. Obszön ist hier nicht die Nacktheit, sondern das genüssliche Saugen an Pfirsichen.

Eis am Stiel (Eskimo Limon, 1978) von Boaz Davidson

Eis am Stiel

Ein Wiedersehen mit dem ersten Teil einer Filmreihe, die wahrscheinlich meinen vorpubertären Einstieg ins Sexkino markiert. In losen, nicht immer gelungenen Episoden folgt Eis am Stiel, wie so viele amerikanische Highschool-Komödien nach ihm, drei Freunden und ihrer Suche nach sexuellen Abenteuern. Dabei findet der israelische Regisseur Boaz Davidson, der später auch in den USA Filme drehen sollte, bemerkenswert explizite oder triste Szenen für die männliche Adoleszenz, etwa wenn sich beim verspielten Schwänzemessen die Ständer durch die weißen Jockey-Unterhosen drücken oder wenn der Besuch bei einer abgeklärten Prostituierten zur ernüchternden Pflichtübung wird. Ärgerlich ist dagegen, wie der Film mit Außenseitern umgeht. Der dicke Zachi Noy – der später bei der Heimatserie Ein Schloß am Wörthersee (1990-93) landete – und sein weibliches Gegenstück müssen für einen doch immer recht gehässigen comic relief herhalten. Etwas penetrant ist auch der Einsatz der Songs, der jede Gefühlsregung mit einer bekannten Liedzeile unterstreichen muss. In der letzten halben Stunde kriegt mich der Film dann doch noch, ausgerechnet in jenem Teil, den ich früher immer langweilig fand. Der schüchterne Benny verabschiedet sich hier von seinem Stolz, verkauft sein Fahrrad, um der schönen Nili (toller Schlafzimmerblick: Anat Atzmon) die Abtreibung zu bezahlen, schenkt ihr seine bedingungslose Liebe und wird am Ende doch zurückgewiesen. Dem deutschen Verleih war dieses Ende anscheinend zu erschütternd. Wenn Benny in der Schlussszene weinend eine Straße entlangläuft, kommt ein Einspieler, dass es bald mit dem zweiten Teil der Reihe weitergeht.

Assembly Line (1962) von Mort Heilig

Assembly Line

Kindheitserinnerung Teil 2. Während meiner Schulzeit gab es noch Filme des Instituts für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU) zu sehen. Oft waren das stumme 8mm-Projektionen im Biologie-Unterricht, manchmal aber auch narrative Filme, die ein bestimmtes Problem aus der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen behandelten. Während draußen schon die Morgendämmerung einsetzt, läuft ein Programm mit mehreren dieser Filme, etwa ein Experiment mit vertauschten Geschlechterrollen (Typisch Weiber), eine Coming-of-Age-Geschichte über Gruppenzwang (Dir muss er ja nicht gefallen) oder einfach nur abgefilmter Sexualkundeunterricht, vermutlich für jene Lehrer, die sich mit diesem Thema selbst nicht vor ihre Klasse stellen wollten. Ausgerechnet bei dem interessantesten Film döse ich immer wieder weg. Assembly Line ist eine amerikanische Produktion, die von der FWU nur vertrieben wurde. Es geht um einen jungen Fabrikarbeiter, der den Versuchungen der Nacht erliegt. Ein sehr schön fotografierter Film, aber auch unheimlich deprimierend. Während die anderen FWU-Beiträge mit ihrer Botschaft nicht hinterm Berg halten, fragt man sich bei diesem Film schon, was die Kinder hier lernen sollen. Dass man sich in der Schule anstrengen muss, weil man sonst am Fließband landet? Oder wollte man sie auf das trostlose Leben der Erwachsenen vorbereiten, das sie nach der Schule erwartet?

Atemlos vor Liebe (1970) von Dietrich Krausser

Atemlos vor Liebe

Eine brutale Eröffnungs-Szene führt uns in ein düsteres Krimi-Szenario: Drei maskierte Männer brechen in das Schlafgemach eines Ehepaares ein, reißen der Frau die Kleider vom Leib und peitschen den Mann so lange aus, bis sein Rücken von blutigen Striemen überzogen ist. Regisseur Dietrich Krausser offenbart dabei eine große Faszination für das abgrundtief Böse, die sich besonders in zwei Figuren niederschlägt: der notorisch miesepetrigen und moralisch skrupellosen Monika Zinnenberg und dem groben Gang-Anführer Hans Peter Hallwachs, der mit seinem breiten Schnauzer ziemlich sexy aussieht. Erstaunlich ist, wo Atemlos vor Liebe letztlich hinführt, nämlich zu seinem genauen Gegenteil, einer bürgerlichen Paarbeziehung zwischen zwei grundanständigen Menschen (als der Mann von der Gang gefragt wird, ob er bei ihnen einsteigen möchte, sagt er, das gehe nicht, er müsse erst noch sein Studium beenden). Aber sogar das spießige Pärchen bringt die Leinwand mit seiner Leidenschaft zum Strahlen. Sie sind nicht lustfeindlich, sie genießen einfach nur. Sehr behutsam nähern sie sich dem Sex an, erforschen den nackten Körper des anderen und hören dann mittendrin auf, um sich noch etwas fürs nächste Mal aufzusparen. Bis die abenteuerliche Handlung von A nach B gekommen ist, lässt Krausser Figuren und Erzählstränge einfach so verschwinden und pfeift mit fast avantgardistischen Montageexperimenten auf herkömmliche Kontinuität.

Scopitones

Scopitones

Scopitones kamen aus Frankreich und waren Jukeboxen mit integriertem 16mm-Projektor. Ab 1959 konnte man also nicht nur Musik hören, sondern auch die recht aufwändig und fantasievoll inszenierten Vorläufer der Musikvideos bestaunen. Bernd Brehmer vom Werkstattkino München präsentierte eine erlesene Auswahl dieser kompakten Musikfilme. Neben irrsinnigen Einfällen – einmal singt Dalida vom Zweiten Weltkrieg und räkelt sich dazu im Schützengraben – sind es vor allem die Tanzeinlagen, die mir besonders gut gefallen haben, als wäre der Körper ständig hin- und hergerissen zwischen Kontrolle und Exzess.

Grün ist die Heide (1972) von Harald Reinl

Gruen ist die Heide

Wenn Roy Black debil in die Kamera grinst, öffnen sich die Pforten der Schlagerhölle. Auch der Heimatfilm wollte mal modern sein, und Grün ist die Heide ist ein gutes Beispiel dafür, wie das in die Hose gehen kann. Am Ende geht es doch wieder in erster Linie um Paarbindungen und die Liebe zur Heimat („Ich bin verrückt genug, um die Heide zu lieben, und mutig genug, um es zuzugeben“). Als Camp funktioniert der Film allerdings erstaunlich gut. Unter den Witzen befinden sich so viele Rohrkrepierer, dass man das Drehbuch eigentlich in Buchform herausbringen müsste.

Kommentare zu „13. Hofbauerkongress“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.