100% europäisch – 2. Festival de cine de Sevilla

Sevilla ist ein Filmfestival wert – und eine Reise sowieso. Obwohl auch im zweiten Jahr nach der Umstellung vom kleinen Sportfilmfestival zum ambitionierten Feature-Festival der Umbruch noch an manchen Stellen zu spüren ist und die Präsentation der europäisch orientierten und global ausgerichteten Veranstaltung eher national anmutet, gerinnt ein positiver Eindruck. Es laufen gute Filme!

Im dichtgedrängten Festivalkalender einen weiteren Termin für die europäische Filmbranche zu etablieren ist das ehrgeizige Ziel, das sich die Stadt Sevilla gesetzt hat. Dafür soll auch noch mal am Termin gedreht werden, derzeit findet es parallel zum amerikanischen Filmfestival in Hollywood statt. Festivalleiter Manuel Grosso lädt dieses Jahr zum zweiten Mal dazu ein, in der andalusischen Hauptstadt einige der aktuell wichtigsten Filme Europas zu sehen. Die Argumente sprechen für sich: neben der Stadt selbst, die mit atemberaubender sowohl muslimisch als auch christlich geprägter Architektur überwiegend aus dem 16. und 17. Jahrhundert, und Sonne die Reise lohnenswert macht, lockt das Festival die Filmemacher mit hochdotierten Preisen. Insgesamt vergibt Sevilla 240.000 €. Eine Besonderheit dabei: Das Geld geht direkt an den spanischen Verleih, wenn er den Film innerhalb eines Jahres in die Kinos bringt. So sichert das Festival zugleich, dass das Preisgeld für den ausgezeichneten Film eingesetzt und nicht in andere Projekte gesteckt wird.

Wie auf kleineren Festivals üblich, gibt es keine internationale Premierenpflicht, so sind die hier gezeigten Filme keine Neuentdeckungen, sondern eher so etwas wie das „Best-Of“ der vergangenen Festivals. Jacques Audiards außergewöhnliches Remake Der wilde Schlag meines Herzens (De battre mon coeur s’est arrêté), der hier durch die von Michael Ballhaus präsidierte Jury mit dem goldenen Giraldillo und 60.000 € ausgezeichnet wurde, lief beispielsweise bereits im Februar auf der Berlinale, wo er allerdings überraschenderweise im ansonsten schwachen Wettbewerb nur mit dem Bär für die beste Filmmusik bedacht worden war.

Insgesamt scheint Manuel Grosso viel von der Filmauswahl der Berlinale zu halten: Alleine in der offiziellen Sektion laufen neben Audiards Film mit Crash Test Dummies, Accused (Anklaget), Hostage (Omiros), Live and Become (Va, vis et deviens) fünf auf der Berlinale uraufgeführte Filme (siehe unser Berlinale-Special).

Wer Berlinale sagt, sagt auch Cannes. Grossos zweite Station war offensichtlich das weltgrößte Filmfestival, seine Entdeckungen unter anderem: Das irritierende, zwischen Zynismus, Ironie und Untergangsstimmung pendelnde Musical Johanna (ausgezeichnet mit dem Spezialpreis der Jury im Wert von 30.000 €), über eine Ex-Drogenabhängige, die mit Sex Todkranke heilt, Falscher Bekenner, der kontemplative Zweite von Christoph Hochhäusler (Milchwald), der auch hier das Publikum entzweit, und Michael Hanekes neues Meisterwerk Caché, der ähnlich wie eben Genannte, von den dunklen Gefühlen, der Verstörung, Angst und Spannung lebt. Und wenn seine Nominierung für den Auslandsoscar schon abgelehnt wurde (ein österreichischer Film darf nicht auf Französisch gedreht werden), so kann Caché doch auf den Europäischen Filmpreis hoffen, dessen Nominierungen hier in Sevilla bekannt gegeben wurden. In Caché beschäftigt sich Michael Haneke erneut mit seinem Steckenpferd der Bourgeoisie und mit dem Einbruch der dunklen Vergangenheit des Protagonisten in das Leben seiner Pariser Familie. In Sevilla lief der Film allerdings nicht in der offiziellen Sektion, sondern in der nach dem Sponsor benannten „Eurimages“, die von dem Filmfond unterstützte Filme zeigt. Das ist nur eine von vielen willkürlich zusammengewürfelten Nebensektionen. So gibt es des Weiteren eine für Arte-Koproduktionen, eine für Filme mit „Shooting Stars“, eine Hauptnebensektion („Europa_Europa“) und eine Jugendfilmsektion („Generation Europe“).

So repräsentativ für Westeuropa die Beschäftigung in Caché mit der Bourgeoisie scheint, so emblematisch wirkt für Osteuropa der rumänische Wettbewerbsbeitrag The death of Mr. Lazarescu (Moartea domnului Lazarescu), der ebenfalls für den Europäischen Filmpreis nominiert ist. Cristi Puius Film fängt mit einer komplett am Spiel orientierten Kamera die soziale Misere eines sterbenden Mannes ein und zeichnet dabei eine Nacht im ausweglosen Kampf auf der Suche nach medizinischer Hilfe fast in Realzeit nach.

Viele Filme bekannterer europäischer Regisseure liefen in der Nebensektion „Europa_Europa“, so beispielsweise Lars von Triers Manderlay, der neue François Ozon Le temps qui reste, Dani Levys Alles auf Zucker und Wim Wenders Don’t Come Knocking. Allerdings merkt man dem Festival gerade bei der Auswahl dieser Filme – trotz aller Bemühungen die europäische Filmbranche anzusprechen – die Orientierung auf ein spanisches Publikum an. Auf europäischer Ebene sind diese Filme bereits altes Eisen.

Auch einige der Filme aus der Dokumentarsektion sind in Deutschland bereits angelaufen, wie unter anderem Crossing the Bridge, Die große Stille, Horst Buchholz … mein Papa. Interessanterweise läuft im gleichen Segment außerdem der inszenierte deutsch-mongolische Film Die Höhle des gelben Hundes. Der mit dem goldenen Girardillo für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnete dänische Film My Granddad’s Murderer (Min morfars morder) erzählt von der Auseinandersetzung des Filmemachers und seiner Mutter mit dem Mörder seines unter dem Nazi-Regime getöteten Großvaters.

In diesem Jahr widmen sich neben der Hommage an Patrice Chéreau zwei eher unbekannten Regisseuren Retrospektiven: Der Dokumentarfilmerin Sonia Herman Dolz – deren Film über ihre Mutter Portrait of Dora Dolz (Retrato de Dora Dolz) in Sevilla zudem Premiere feierte –, und dem ungarischen Regisseur Béla Tarr.

Nachdem 2004 Deutschland eine Spezial-Sektion gewidmet wurde, ist in diesem Jahr eine starke französische Präsenz bemerkbar. Etwa ein Drittel der Filme, Hommage und Spezial-Sektion inbegriffen, haben eine französische Beteiligung und in der offiziellen Sektion laufen gleich sechs französische Filme. Sevilla zeigt damit einige der besten Produktionen des Jahres, wie zum Beispiel André Téchinés Les temps qui changent, der das Traumpaar Gérard Depardieu und Catherine Deneuve wieder vereint, und Hanekes Caché mit den nicht minder großartigen Juliette Binoche und Daniel Auteuil. Letzterer wusste auch in dem Eröffnungsfilm Peindre ou faire l’amour der Brüder Larrieu zu überzeugen. Mit seinem ersten Kinofilm La moustache überraschte der Drehbuchautor und Kritiker Emmanuel Carrère. In dessen Werk über Erinnerung, Zeit und Wahrheit steht die philosophische Frage „Hatte ich einen Schnauzbart, ja oder nein?“ im Mittelpunkt.

„Generation Europe“

Hinter dem Titel „Generation Europe“ verstecken sich „junge“ europäische Filme. Jung ist dabei vornehmlich das Zielpublikum, prinzipiell auch die Protagonisten und bei den Regisseuren handelt es sich größtenteils um Debütanten oder Filmemacher mit bislang geringer Erfahrung. Assoziiert man jung mit frisch, ideenreich und eventuell gar unkonventionell, dann trifft das allerdings auf die wenigsten der hier gezeigten zehn Filme zu. Anno Sauls Kebab Connection, der Gewinner dieser Sektion, wurde für seine Kombination von Selbstfindungsgeschichte, Peter-Pan-Syndrom, Problemen der zweiten Immigrantengeneration in Deutschland und Kung-Fu-Einlagen zu Recht Originalität in der Laudatio bescheinigt. Das von Fatih Akin verfasste Drehbuch trifft den Ton und die Inszenierung ist souverän. Vor allem aber war Kebab Connection der unterhaltsamste Film in seinem Segment.

Mit dem politischen Subthema lag dieser deutsche Beitrag voll im Trend. Der in einigen Passagen an Musikvideos erinnernde, aber durch das Spiel mit Tiefenschärfen und Weitwinkelobjektiven bildlich interessante Love + Hate von Dominic Savage beschreibt die Probleme eines jungen palästinensisch-britischen Liebespaares in einer von Vorurteilen dominierten nordenglischen Stadt. L’esquive observiert mit präzisem Auge die Sozialisierungs- und Kommunikationsversuche Pariser Jugendlicher in der Vorstadt. Trotz einiger Längen und einer recht penetranten Theatermetaphorik gehört Abdel Kechiches im vergangenen Jahr produzierter Film zu den eigenständigsten und originellsten Beiträgen der „Generation Europe“.

Als technisch innovativster Film dieser Sparte hingegen erwies sich The District (Nyöcker), eine ungarische Mischung aus Animation, Comic und realen Figuren, die manchmal an Robert Linklaters Waking Life (2001) erinnerte und sich – na eben – dem Leben Jugendlicher in der korrupten Großstadt widmet. Der radikalste Beitrag war sicherlich Hardcore, die Geschichte zweier minderjähriger Prostituierter in Griechenland. Regisseur Dennos Illiadis erzählt über eine Stunde lang von der körperlichen Ausbeutung im Milieu der käuflichen Liebe, ehe er dieselben Strukturen auf das Showbusiness überträgt. Das verleiht dem Film einige extrem starke Momente, etwa eine Karikatur der 90er Jahre-Fernsehästhetik im Sinne von Beverly Hills 90210, bricht aber auch dessen Rhythmus und Stimmung.

Deutschland war quantitativ am stärksten bei der Generation Europa vertreten. Cyril Tuschis Sommerhundesöhne schickt Fabian Busch und Stipe Erceg nach Marokko, wo die beiden erstmal zu sich selbst finden müssen. Dramaturgisch unkonventionell erzählt, entwickelt sich ein Road Movie mit gleichsam witzigen wie dramatischen Momenten. Einen platten Fernsehfilm in bester deutscher Tradition enthielt das Festival den Zuschauern auch nicht vor: das bemühte Inzest-Drama Liebeskind der Filmhochschul-Absolventin Jeanette Wagner.

Insgesamt ist das Konzept des Festivalleiters Manuel Grosso, vermeintlich einfach konsumierbare Filme für ein junges Publikum auszuwählen, damit sich diesem eine Alternative zum amerikanischen Popcornkino biete, durchaus zweifelhaft. Zudem ist auch Jugendlichen und jungen Erwachsenen sicherlich zuzutrauen, dass sie sich nicht nur mit Inhalt, sondern auch mit Form auseinandersetzen können.

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