Wie die Werftarbeiter
Interview mit Volker Schlöndorff zu Strajk – Die Heldin von Danzig
In den sechziger Jahren begann Volker Schlöndorff mit der ersten Generation der deutschen Autorenfilmer seine Karriere, 1979 wurde Die Blechtrommel sein größter Erfolg. Sein Name steht seitdem für Geschichtsdramen, die in der heutigen Kinolandschaft oft als schwierige Stoffe gelten. Mit Strajk erzählt der Regisseur die bislang ungeschriebene Heldinnengeschichte einer polnischen Kranführerin, die zur Gründung der Solidarnosc beitrug. Zu Beginn des Interviews möchte Volker Schlöndorff wissen, welche Bedeutung Filmrezensionen im Netz inzwischen haben und erklärt: „Ich finde das ja prima. Ich glaube, in Zukunft wird Filmkritik nur noch über das Internet laufen. Welche Zuschauer lesen schon noch Zeitung?“
critic.de: Wir.
Volker Schlöndorff lacht.
critic.de: Kommen wir zum Film. Was war für Sie bei der Arbeit an Strajk die größte positive Überraschung?
Volker Schlöndorff: Ich wusste, dass die Kathi [Katharina Thalbach] eine tolle Schauspielerin und eine tolle Person ist, aber was sie da jeden Tag abgeliefert hat, das hat uns alle umgehauen. An so einen Film geht man ja mit gewissen Zweifeln ran – eine Arbeiterführerin und sowas, um Gottes Willen – das ist vermintes Gelände, wer will sich damit schon identifizieren? Aber Kathi war von Anfang an so überzeugend, so präsent, so humorvoll, so wunderbar, das hat einfach den ganzen Film mitgerissen. Sie hat das Team mitgerissen, sie hat die polnischen Schauspieler mitgerissen, deren eigene Geschichte das ja eigentlich war, aber trotzdem war am Drehort immer ganz klar, dass die Kathi der Mittelpunkt ist.
Und was war die größte Schwierigkeit?
Das war leider die Finanzierung. Wie oft ist das nochmal wieder aufgeschoben worden, und dann sind wieder die polnischen Koproduzenten abgesprungen, und es war dauernd eine Zitterpartie, wie es eigentlich weitergeht. Also hatte man das Gefühl, einen Film zu drehen, den niemand will. Und gleichzeitig glaubten wir so sehr an die Geschichte und an die Personen. Am Schluss mussten wir selbst dickköpfig werden und sagen: Dann machen wir es erst recht!
Wie verliefen die Dreharbeiten am Hauptschauplatz, der Werft in Danzig?
Wir sind jeden Tag wie die Arbeiter auf die Werft gegangen, nur ohne Stechuhr. Und das war ein toller Arbeitsplatz. Wir haben unsere Dekorationen in die leeren Hallen hineingegebaut, praktisch ist der ganze Film dort entstanden. Sogar die Straße, in der die Straßenschlacht stattfindet, ist Teil des Werftgeländes. Es war alles wie ein großer Studiokomplex. Und jeder einzelne von diesen Leuten, die heute noch auf der Werft arbeiten, war natürlich hochmotiviert, diese Geschichte zu erzählen. Denn erstens wurde gezeigt, wie sie arbeiten, wie ein Schiff gebaut wird, was das überhaupt für ein Beruf ist, und sie waren stolz, das darstellen zu können. Und zweitens konnten sie zeigen, wie man es damals gemacht hat: Sie haben von zu Hause ihre alten Klamotten wieder mitgebracht, zum Teil sogar ihre Schweißerhelme, die vorsintflutlich aussehen. Es gab also auf der einen Seite diesen Strom, der uns getragen hat, und das Gefühl, dass der Film sozusagen von innen her gemacht werden wollte. Und andererseits gab es von außen die Schwierigkeiten, dass man sagte: Ach, ein politischer Film, das interessiert doch niemanden mehr! Solidarnosc ist doch lange her. Das war das Unerfreuliche.
Wie kam es zur Besetzung von Katharina Thalbach?
Ich hatte noch keine zehn Seiten gelesen, da wusste ich: Sie ist es. Es war für mich übrigens der Auslöser für den Film, dass ich gedacht habe: Mensch, das ist ja eine Rolle für die Kathi Thalbach, das ist ja unglaublich! Erst dann habe ich nach und nach die Geschichte entdeckt. Und dann habe ich erkannt: Moment, den Film muss man ja in polnischer Sprache machen, mit polnischen Schauspielern, denn die Solidarnosc-Geschichte wollen wir ihnen ja nicht wegnehmen. Darüber habe ich mit Andrzej Wajda gesprochen. Er kennt die deutschen Schauspieler gut, weil er in Deutschland viel am Theater gearbeitet hat. Und Wajda sagte: Für diese Rolle kannst du in ganz Polen niemanden finden, der so gut wie die Katharina ist. Damit war der erste Ansatz bestätigt. Und gleichzeitig ist es schön gewesen, dass ich mit der Kathi schon vor 25 Jahren ungefähr zu der Zeit, als der Streik war, in Danzig gedreht habe. Und an demselben Strand, an dem sie jetzt zum Schluss als alte Frau entlanggeht, lag sie als 25jährige ausgebreitet und bekam das Brausepulver in die Hände gestreut. Das ist authentisch dieselbe Stelle.
Sie haben viele historische Stoffe inszeniert. Was ist das Besondere daran, Geschichte im Bild umzusetzen?
Wissen Sie, das ist gerade das Schwierige. Was mich an der Wirklichkeit reizt: Sie ist da, im Augenblick. Wenn ich durch die Stadt fahre, sehe ich dauernd Motive und überlege, welche Szene man da drehen könnte. Bei geschichtlichen Stoffen ist das oft sehr, sehr schwer, und es ist irrsinnig mühevoll, wiederherzustellen, was mal gewesen ist. Man fragt sich oft, was für einen überflüssigen Aufwand man da betreiben muss. Aber in diesem Fall war es ganz einfach, denn die Werft war fast vollkommen unverändert, und die Wohnungen der Arbeiter drumherum auch, so dass man wirklich sagen konnte: Der Schauplatz ist da. Man braucht nur ein paar Klamotten umzuziehen, und schon ist es fertig.
Interview von Sonja M. Schultz
Veröffentlicht am 08.03.2007
Fotos: © Sonja M. Schultz; Progress Film-Verleih
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