Wenn existenzielle Prozesse nicht mehr funktionieren
Interview mit Regisseur Florian Borchmeyer zu Havanna – die neue Kunst, Ruinen zu bauen
In seiner Dokumentation Havanna – Die neue Kunst, Ruinen zu bauen zeigt der Regisseur Florian Borchmeyer die kubanische Hauptstadt im Zustand des Zerfalls und zeichnet ein eigenwilliges Porträt der Stadt wie der Menschen, die zwischen den Bauskeletten leben. critic.de sprach mit ihm über den Film und dessen Hintergründe, insbesondere die Schwierigkeiten seines Entstehungsprozesses auf Kuba.
critic.de: Herr Borchmeyer, wir sitzen hier vor dem Berliner Kino Central, im Haus Schwarzenberg, das als besetztes Haus und Kulturzentrum eine lange Geschichte hat. Es ist eines der wenigen noch unsanierten Gebäude des Viertels. Auch hier blättert der Putz von den Wänden wie in den Ruinen, die sie in Ihrem Film Havanna – die neue Kunst, Ruinen zu bauen zeigen. Hätten Sie Ihren Film auch über Berlin machen können?
Florian Borchmeyer: Es gibt viele Parallelen. Hier wächst das neue Berlin in den Himmel. Die Idee zu dem Film entstand schon vor fast zehn Jahren hier in Berlin. Wir haben mit der Konzeption angefangen, noch bevor es den Potsdamer Platz gab. Das völlig Ruinöse verschwindet hier mehr und mehr. Wir wollten dieses Havanna filmen, bevor – metaphorisch gesprochen – der Schriftzug „vegetarisches Speisenhaus“ übertüncht worden ist.
Sie zeigen die Stadt Havanna im Zustand des Verfalls. Die Kamera tastet fast wollüstig die skelettierten Ruinen ehemals herrschaftlicher Häuser ab. Dazwischen sind Archiv-Szenen in Schwarz-Weiß mit Tanz und Vergnügungen des Bürgertums vor der Zeit der Revolution geschnitten. Wollen Sie sagen, dass vor Fidel Castro in Kuba alles besser war?
Mir ist klar, dass einige Leute den Film so deuten werden. Vor allem die Exilkubaner in Miami wollen den Film systemkritisch sehen. Das Fernsehen in Miami hat Matthias Hentschler, den Mitautor und Produzenten des Films, und mich sogar in eine Talkshow eingeladen. Wir haben die Einladung dankend angenommen, aber wir haben uns geweigert, dort die Einpeitscher gegen Castro zu spielen, die sie erwartet haben. Denn eine konterrevolutionäre Deutung des Films ist eine zu einfache Lesart. Mir geht es eher um die Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Wandel, mit dem Verschwinden einer Epoche. Viele der Menschen im Film erzählen zum Beispiel Erinnerungsblitze aus einer Zeit, die sie selbst gar nicht erlebt haben.
Sie zeigen das alte Teatro Campoamor, einen Palast des vorrevolutionären Bürgertums, das heute eher dem römischen Colosseum als einem Theater gleicht und in dem haufenweise Steine von der Decke fallen. Begünstigen Sie mit der Auswahl der „abgewracktesten“ Gebäude nicht genau die Lesart, gegen die sie sich wehren?
Nicht alle Gebäude des Films sind so zerstört wie dieses Theater. Wir haben verschiedene Gebäude in verschiedenen Phasen des Ruinenzustands ausgewählt, die die Ruine als graduellen Prozess zeigen. Eine Ruine ist dann eine Ruine, wenn ganz existenzielle Prozesse nicht mehr funktionieren. Das „Arbos“ ist ein typisches Mietshaus. Es gibt viele solche Häuser, die schon eingestürzt sind oder sich auf dem Weg zur Ruine befinden. Uns ging es um eine filmische Kohärenz, keine politische. Natürlich gibt es auch sanierte Gebäude in Havanna. Aber das Thema des Films sind die Ruinen, nicht die Funktionärswohnungen.
Der kubanische Schriftsteller Antonio José Ponte spielt eine sehr zentrale Rolle in Ihrem Film. Er liefert als „Ruinologe“ den philosophischen Überbau. Wie sind Sie zueinander gekommen?
Ich habe lange in Kuba gelebt, und wir kannten uns schon einige Jahre. Es gibt eine Erzählung von Ponte Un arte de hacer ruinas, auf Deutsch Eine Kunst, Ruinen zu bauen, ein fantastischer Text. Der Film bezieht sich in vielen Passagen darauf. Wir haben daraus die „neue Kunst, Ruinen zu bauen“ gemacht. Das lehnt sich an die barocke, poetologische Schrift von Lope de Vega über das Theater, Arte nuevo de hacer comedias, Neue Kunst der Komödiendichtung (1609) an.
Ponte spricht im Film von der Zensur, der er ausgesetzt ist. Wie kritisch ist seine Situation tatsächlich?
Es ist, wie Ponte es im Film schildert: Sie sperren einen nicht ein, aber sie machen einen „mundtot“. Seine Literatur ist nicht politisch. Aber er hat sich wiederholt öffentlich systemkritisch geäußert. Das wird ihm nicht verziehen. Er darf schreiben, aber in Kuba nicht publizieren. Darüber, welche Texte veröffentlicht werden, entscheidet die kubanische Schriftstellervereinigung, die UNEAC. Ponte gilt dort als „deaktiviert“.
Der Film wurde beim Filmfestival Havanna 2006 nicht zugelassen, angeblich, weil er die „Mindestqualitätsanforderungen“ nicht erfüllt habe. Das ist jedoch schwer zu glauben.
Wir haben den Film nicht selbst eingereicht, sondern die deutsche Botschaft hatte ihn für das Festival programmiert. Als es Schwierigkeiten gab, zog sie ihn zurück, um die gute Beziehung zwischen den Ländern nicht zu gefährden. Mehrere internationale Kuba-Solidaritätsgruppen warfen dem Film Lüge und Einseitigkeit vor. Insbesondere beanstandeten sie, dass der Film nicht thematisiere, dass das US-Embargo schuld an den Zuständen sei.
Es gibt sehr kritische Aussagen in dem Film, gegenüber Fidel Castro, gegenüber der kubanischen Gesellschaft, dazu die Bilder des immerwährenden Bröckelns der Fassaden. Wie war es überhaupt möglich, diesen Film zu drehen?
Matthias Hentschler und ich hatten schon zahlreiche kurze Beiträge über Kuba für das Fernsehen gemacht, unverfängliche Reportagen. Wir bereiteten uns lange vor und haben jahrelang Genehmigungen gesammelt. Während der fünfwöchigen Drehphase im Mai 2005 kam die Polizei jeden Tag. Wir haben dann mit all den Genehmigungen gewedelt, besonders ein Schreiben des Polizeipräsidenten hat Eindruck gemacht. Offiziell drehten wir einen Film über die Sanierung der Altstadt. Ständig haben wir die Drehpläne umgeschrieben. Man weiß: alles wird gefilzt. Ich weiß: mein Telefon wird abgehört. Das ist Alltag, und damit arrangiert man sich. Man schreibt für seine eigene Akte, wie in der DDR. Wolf Biermann hat mal gesagt: „Die Stasi ist mein Eckermann.“
Was kommt nach den Ruinen?
Entweder der Einsturz oder die Sanierung. Doch Kuba hat alle Theorien und Prognosen immer wieder über den Haufen geworfen. Bisher war die gängige Meinung immer: Erst stirbt Fidel, dann kommen die USA und übernehmen das Land. Niemand hat damit gerechnet, dass Fidel bereits zu Lebzeiten die Regierungsgeschäfte seinem Bruder übergibt. Fidel ist nicht gestorben, er verschwindet nur aus der Öffentlichkeit. Die Wende fängt unterschwellig schon an. Das letzte Bild des Films illustriert das. Wir sehen einen Mann auf einem Schwimmreifen im Meer. Wird er versuchen, wie die Balseros die Meerenge nach Miami zu durchqueren? Nein, er planscht mit den Beinen und packt seine Angel aus. Diese Leute sind echte Patrioten, mit denen lässt sich Zukunft machen. Deshalb sehe ich den Film nicht als Polemik gegen die Regierung. Die Leute bleiben und wollen ihre Zukunft gestalten.
Interview von Claudia Wente
Veröffentlicht am 06.04.2007
Foto: © Raros
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Kommentare zu Wenn existenzielle Prozesse nicht mehr funktionieren
Peter 09.10.2009 23:26
Seit Jahrzehnten lese ich immer wieder die Greuelgeschichten von den "bröckelnden Fassaden"Havannas und die damit einhergehende Indoktrination vom "ruinösen Regime"des zerfallenden Kommunismus,vom starrsinnigen Caudillo u.s.w.Daß die durch Einbau von Zwischendecken geschaffenen Massenquartiere in den alten Kolonialhäusern,die sogen."barbacoas"wegen der Überbelastung immer wieder einstürzen und daß die noch eine Hinterlassenschaft der früheren Mafia-Herrschaft sind, wird schlicht verschwiegen.Die seit mehr als 40 Jahren andauernde Blockade durch die USA hindert die Cubaner immer wieder an eine echte Sanierung ihres Baubestandes.Aber daran ist ja eine feindselige Propaganda ja nicht interessiert, nur evtl. an einer "feindseligen" Übernahme.
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