Spiel ohne Grenzen

Interview mit Ulrich Seidl zu Import Export

Die Schonungslosigkeit, mit der sich Ulrich Seidl in seinen Dokumentationen menschlichen Abgründen in ihrer ganzen Hässlichkeit widmet, sorgte in der Vergangenheit mehrfach für Kontroversen. Im Laufe der zahlreichen dokumentarischen Arbeiten wie Mit Verlust ist zu rechnen und Good News wurde die Inszenierung von Authentizität immer weiter ausgereizt und befand sich mit Models auf einem Höhepunkt. Konsequenterweise drehte Seidl mit Hundstage anschließend seinen ersten Spielfilm. In Import Export, der zweiten fiktionalen Arbeit, verbindet Seidl erneut ungewöhnliche Originalschauplätze mit einer fiktiven Handlung und lässt wie selbstverständlich Laiendarsteller neben professionellen Schauspielern wie Georg Friedrich und Maria Hofstätter agieren. critic.de traf den Regisseur anlässlich der deutschen Erstaufführung von Import Export auf dem Filmfest München zum Gespräch.

critic.de: Im deutschsprachigen Raum wurde Ihnen häufig vorgeworfen, dass ihre Filme sozialpornografisch seien. Haben Sie solche Reaktionen auch im Ausland erlebt?
Ulrich Seidl: Das war jetzt in Cannes eigentlich überhaupt nicht so. Ich glaube, der Vorwurf der Sozialpornographie kommt schon aus früheren Jahren. Das hat sich jetzt die letzten Jahre wieder anders entwickelt. Schon mit Hundstage war die Kritik ganz anders, und die Filme sind auch anders gesehen worden.

Hundstage arbeitet bewusst mit den Motiven Sommer und Hitze und macht sie für den Zuschauer geradezu spürbar. War es eine bewusste Entscheidung, etwas Ähnliches mit Winter und Kälte bei Import Export zu machen?
Ja, das war eine bewusste Entscheidung, und ich habe für diese Entscheidung auch leiden müssen, weil geplant war, dass wir nur einen Winter drehen und es dann länger gedauert hat als angenommen. Dadurch habe ich Zeit verloren und musste den ganzen Sommer lang pausieren, um im nächsten Winter den Film fertig zu drehen. 

In Hundstage und Import Export gibt es eine relativ ähnliche Szene mit zwei Männern und einer Frau in einem Zimmer, bei der sich ein Geflecht aus sexuellen Machtspielen entwickelt. Gibt es an dieser Situation etwas, das Sie besonders interessiert?
Mit Sicherheit war es nicht so, dass ich mir gedacht habe, ich möchte etwas Ähnliches machen. Das hat sich einfach durch die Konstellation dieser beiden Männer und der Prostituierten ergeben. Ich habe natürlich gehofft, dass die Ähnlichkeit hier nicht so störend sein würde. Was immer wieder bei meinen Filmen vorkommt, da haben Sie schon recht, ist, dass ich zeige, wie es in Beziehungen und bei sexuellen Obsessionen Machtspiele und Unterdrückungen gibt, und wie das dann auch in der Sexualität eingesetzt wird: Dass die Macht die Sexualität auslöst.

Was braucht ein Laiendarsteller, um in einem Film von Ihnen mitspielen zu können?
Er muss authentisch vor der Kamera sein. Er muss in irgendeiner Form echt sein. Er muss interessant sein. Er muss einen Film tragen können. Das ist eigentlich alles. Und ich muss in irgendeiner Form eine Verbindung zu ihm haben, ich muss ihn mögen, ich muss ihn zum Teil verstehen.

Und wie reagieren Laiendarsteller, wenn sie den fertigen Film sehen, insbesondere die beiden Hauptdarsteller bei Import Export?
Die beiden reagieren so, dass es für sie der Höhepunkt ihres Lebens ist, dieser Premiere beizuwohnen. Die sind überglücklich.
 
Gab es nicht einmal jemanden, der sich falsch dargestellt sah?
Das ist ja der Irrglaube. Die Frage ist immer wieder gekommen, wobei die Frage für diesen Film auch nicht ganz gerechtfertigt ist, weil man nicht vergessen darf, dass die Schauspieler, auch wenn sie Laienschauspieler sind, eine Rolle spielen. Die spielen sich nicht selbst. Die werden nicht in ihrem eigenen Zuhause gefilmt, in ihren eigenen vier Wänden, mit ihrer eigenen Frau und ihrem eigenen Hund. Die spielen eine Rolle. Insofern geht es gar nicht darum, dass sie sich selber erkennen.
Bei früheren Filmen, in denen Menschen wirklich sich selber darstellen hat sich keiner jemals falsch dargestellt gesehen. Der Vorwurf ist immer von außen gekommen, weil man sich das gar nicht vorstellen kann, wenn man das Milieu nicht kennt. Also sagt man, „Na, des gibts ned. Des is falsch“.

Gerade bei einem Film wie Tierische Liebe könnte man meinen, dass sich einige Darsteller im Nachhinein vorgeführt gefühlt haben.
Überhaupt nicht. Das ist ein Problem des Zuschauers. Ich weiß, dass man Menschen im Dokumentarischen, wenn es stimmen soll – und stimmen muss es, damit es glaubhaft auf der Leinwand ist –, nicht zu etwas zwingen kann, was sie nicht sind. Man kann sie nicht etwas machen lassen, was ihnen widerstrebt. Sie machen etwas, was ihnen geläufig ist, was sie sich vorstellen können, was sie schon einmal gemacht haben. Insofern gibt es dann, wenn sie das sehen, nicht die Kritik daran: „Das bin ich nicht“. Natürlich sind sie das.

Wie ist das mit professionellen Schauspielern? Gerade jemand wie Georg Friedrich verkörpert in Filmen vorwiegend proletarische Charaktere mit einem hohen Authentizitätsgehalt. Ist das eine Voraussetzung, die ein Schauspieler in Ihren Filmen erfüllen muss?
Nein, das ist nicht unbedingt ein Kriterium. Das Kriterium ist, dass sich ein professioneller Schauspieler ähnlich auf die Methode und die Inszenierung einlässt wie ein nichtprofessioneller Schauspieler. Das heißt, er muss improvisieren können, er muss sich in seiner Rolle ohne Beschränkungen ausbreiten können, und er muss sich auf ein Spiel einlassen mit nichtprofessionellen Darstellern, wo es oftmals keine Grenze gibt. Wo es kein abgekartetes Spiel ist, sondern wo man sich in eine Situation hineinwirft und mal schaut, wo sie hinführt.

Ihre Figuren stammen häufig aus einem einfachen Milieu. Würde es Sie auch einmal interessieren, einen Film zu machen, der in einem bildungsbürgerlicheren oder finanziell besser gestellten Milieu angesiedelt ist?
Ganz so einfach ist das nicht. Ich weiß schon, was Sie meinen, aber auch in Import Export gibt es verschiedene Menschen, die da vorkommen. Das ist nicht nur ein Milieu. Für mich ist das eher eine Frage, was mich interessiert, welche Menschen mich interessieren als die Frage, in welchem Milieu möchte ich etwas ansiedeln. Das wäre also durchaus möglich. 

Als Regisseur ist es für gewöhnlich schwieriger, in einem anderen Land zu drehen, weil man dort nicht eingelebt ist und sich leichter bestimmter Klischees bedient. Wie haben Sie sich für die Dreharbeiten in der Ukraine bei Import Export vorbereitet?
Was generell zu sagen ist: Es ist natürlich meine Begabung als Regisseur, dass ich die Menschen authentisch zeige. Egal, ob das jetzt Österreich ist oder die Ukraine. Natürlich muss ich mehr Arbeit leisten, wenn ich in der Ukraine drehe, weil mir die Leute dort fremd sind, weil ich die Sprache nicht verstehe, weil ich mich darum bemühen muss, sie richtig darzustellen. Genauso wie ein anderer Regisseur, der von dort kommt. Da muss ich mich drauf einlassen. Ich muss das beobachten und versuchen, die Menschen zu verstehen, damit es funktioniert. Das bedeutet eine sehr lange und intensive Vorbereitungszeit.

Arbeiten Sie schon an einem nächsten Projekt?
Ja. Ich arbeite im Kopf gleichzeitig immer an vielen Projekten. Um es kurz zu sagen: Ich plane einen Film zum Thema Tourismus, wobei mich die Flucht von Menschen aus unseren Breiten, in die Sonne, in Staaten der Dritten Welt interessiert.

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