Spaß an der Polemik

Interview mit Michael Haneke zu Funny Games U.S.

Der österreichische Regisseur Michael Haneke hat sich mit seinem schonungslos analytischen Blick als einer der bekanntesten Vertreter des europäischen Autorenkinos etabliert. In seiner Trilogie über die emotionale Vergletscherung der modernen Gesellschaft (Der siebente Kontinent, 1989; Benny’s Video, 1992; 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls, 1994) widmete sich Haneke mit kühlem Formalismus und unverhohlenem Moralismus den Abgründen des Bürgertums. In den folgenden Jahren arbeitete er vor allem in Frankreich mit höheren Budgets und hochkarätigen Darstellern. Dabei blieb er seinen Themenkomplexen treu, entwickelte jedoch eine subtilere filmische Erzählweise. In den USA drehte Haneke mit Funny Games U.S. ein shot-by-shot-Remake seines medienkritischen Thrillers aus dem Jahr 1997. critic.de traf den Regisseur in Berlin zum Gespräch.
 

Funny Games U.S.

critic.de: Was stört Sie an der im Kino üblichen Darstellungsweise von Gewalt?
Michael Haneke: Dass sie dort ein Konsumartikel ist. In den meisten Medien wird Gewalt immer als konsumierbar dargestellt. Ob das jetzt in der dokumentierten Form der Nachrichten ist oder im Spielfilm, wo es tausend Möglichkeiten des Konsumierbarmachens, vom Humor bis zur Übertreibung, gibt. Das ist eine relativ gefährliche Situation, weil die Gewalt dadurch selbstverständlich wird. Wir haben uns an sie gewöhnt, und sie ist dauernd in unserem Bewusstsein.
Es geht nicht darum, dass man Gewalt nicht zeigen darf, sondern darum, wie man Gewalt zeigt. Es steht außer Frage, dass Gewalt in der Welt existiert. Die Frage ist nur, wie ich sie im Medium Film angemessen darstelle. Angemessen heißt, wie gebe ich ihr jenen fürchterlichen Schrecken wieder, den sie in Wirklichkeit hat? Ich kenne nur einen einzigen Film, nämlich Pasolinis Salò [Die 120 Tage von Sodom, 1975], der Gewalt so darstellt, wie man es müsste. Man soll ihr gleichzeitig die Banalität und den Schrecken und damit ihren Realitätswert zurückgeben, und das ist sehr schwer in einem Medium, das auf den Effekt aus ist.

Funny Games U.S.

Aber jemand, der sich gerne sadistische Horrorfilme ansieht, könnte durchaus Gefallen an Funny Games finden. Schließlich geht es auch hier darum, Menschen beim Leiden zuzusehen.
Zugegeben, gegen Missverständnisse ist kein Kraut gewachsen. Egal, wozu Sie sich in welcher Form äußern, es gibt die Gefahr, dass Sie irgendein Geisteskranker missversteht. Was ist die Alternative? Gar nichts zu sagen und das Feld denen zu überlassen, die das zynisch ausnutzen. Das ist nichts für mich. Ich kämpfe gerne. Mir macht es Spaß zu polemisieren. 

Warum haben Sie sich entschieden, Funny Games Einstellung für Einstellung nachzudrehen?
Der erste Film hat nicht das Publikum erreicht, das ich wollte. Das hat natürlich mit der Sprache zu tun. Wenn Sie mit einem deutschsprachigen Film irgendwo ins nichtdeutschsprachige Ausland gehen, wird er untertitelt und findet dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. 

Funny Games U.S.

Wie ist der Film in den USA aufgenommen worden?
Er ist nicht gut gelaufen, weil sich die wichtigen amerikanischen Kritiker unisono über den Film empört haben, und das hat sich leider auf den Besucherstrom ausgewirkt. Die Kritiker haben mir vorgeworfen, dass ich ihnen ihre Konsumhaltung vorhalte. Es gibt für diese Situation ein treffendes Bild: Der Film ist ja ein Katz-und-Maus-Spiel. Jemand sieht also, wie eine Katze zwanzig Minuten lang eine Maus quält. Der Zuschauer weiß, die Maus leidet furchtbar und am Schluss verreckt sie. Jetzt kommt plötzlich einer und fragt: „Warum schaust du dir das an?“. Und der Zuschauer wird sauer, weil er das gefragt wurde. So kommt mir das vor. Das ist eine seltsame Argumentation, denn wenn ich die selbstreflexiven Momente in dem Film weggelassen hätte, hätten alle gesagt: „Geil, spannender Thriller!“ Jetzt sagen die Kritiker: „Der Film ist so gewalttätig“, aber eigentlich regen sie sich darüber auf, dass er Gewalttätigkeit thematisiert. Ein Musterbeispiel eines misslungenen Films über Gewaltdarstellung war für mich Natural Born Killers (1994). Oliver Stone hat das sicher ganz ernst gemeint, aber man kann keinen antifaschistischen Film mit einer faschistoiden Ästhetik machen. 

Die Spielweise der Darsteller in den beiden Versionen unterscheidet sich stark voneinander. War das eine natürliche Entwicklung oder beabsichtigt?
Das ist dort einfach eine andere Art zu spielen. Das ist naturalistischer, während die deutschen Schauspieler eher stilisiert spielen. Aber das war klar, und das ist auch das Spannende dabei. Das Lustige bei der Arbeit an einem Film sind immer die Schauspieler, alles andere ist nur Stress. Ich hab’ auch beim Theater dieselbe Inszenierung in verschiedenen Städten gemacht, und das ist auch nicht fad, denn man begegnet jedes Mal anderen Leuten. In der Oper ist das noch krasser. Da macht ein Regisseur auf der ganzen Welt die gleiche Inszenierung, jeweils mit anderen Sängern, aber es bleibt spannend, weil immer etwas anderes passiert.

Funny Games U.S.

Noch eine Frage zur Musik: In früheren Filmen haben Sie öfters Bach als Gegenpol zu Gewalt und emotionaler Kälte eingesetzt. Können Sie etwas zu dem extremen Kontrast in Funny Games zwischen Händel und Mozart auf der einen und dem brachialen Free Jazz von John Zorn auf der anderen Seite sagen?
Wenn die Familie am Anfang im Auto Musikquiz spielt, ist das ja eine Idylle. Die fahren bei schönem Wetter durch die Gegend, und dann kommt sozusagen die Ankündigung des Genres mit der Musik [John Zorn] und den roten Titeln. Es gibt eigentlich in keinem meiner Filme eine Filmmusik. Musik findet immer originär statt und ist in diesem Sinne realistisch. Funny Games ist jedoch nur begrenzt ein realistischer Film. Es ist die Parodie eines Genrefilms. John Zorn macht auch keine wirkliche Heavy-Metal-Musik, sondern deren Parodie. Das war sozusagen das ironische Augenzwinkern zum Thema Genre.

Kommentare zu „Spaß an der Polemik“


Pyri

So so, dann sind Menschen wie ich für Herrn Haneke jetzt wohl schon taxfrei "Geisteskranke". Weit ist er da ja gekommen mit Vorstellungen moralischer Überlegenheit und das ist schon interessant, aber Sarkasmus ist wohl seine Sache ebenfalls nicht - bloß gegen objektive "Lügen" einen subjektiven Realismus stellen. Und dann noch gegen vermeintlich zynischen "Konsum" auftreten.
Aber immer schön die Ästhetik idyllischer Sauberkeit als Ideal präsentieren...
Alles andere (Natural Born Killers?) wär ja "faschistoid"... Möcht ich jetzt mal den Diktator spielen könnt ich zum Beispiel ja noch erwähnen - was Faschismus betrifft -, wie wunderbar sich einst Brathendl, Bäche und Mozart darin integrieren ließen. Und wie schnell Jazz, sowie gewöhnlicher Heavy Metal - wenn es den denn schon früher gegeben hätte -, tatsächlich verboten waren - im Faschismus.

Selten ein verlogeneres und fremdenfeindlicheres Interview mit ihm gelesen, und das will was heißen, aber wenigstens über konservativ daherkommenden Faschismus, der noch ganz aufklärerisch tut, erspar ich mir hier jetzt einen Kommentar. Mein Beitrag zum Reduktionismus


mein lieber herr gesangsverein

pyri scheint viel reden zu müssen um nichts zu sagen..


Leander

Haneke ist ein handwerklich virtuoser ... Troll. Daß er gegen derbe Auswüchse unserer Gesellschaft trollt, und daß seine etwas besser verträglichen, virtuos gefilmten Werke Preise erhalten, ändert nichts daran. Er hat keine neuen Ideen, er ist nur kontra (bzw. pro hässlich). Wenn Haneke wirklich etwas verändern wollte, müsste er seine Zuschauer für seine Wertvorstellungen BEGEISTERN. Zum Beispiel konnte mich der Film "7 Psychos" begeistern, Gewaltlosigkeit cool zu finden. Das konnte kein Film von Haneke. Wenn mich heute einer zum Fight auffordern würde, würde ich sagen, nö, da glaub ich nicht dran. Also sollte Herr Haneke entweder die hohe Kunst des BEGEISTERNS erlernen, oder er gesteht sich ein, daß er gerne, auf gehobenen Niveau, seine Zuschauer piesakt. Beides kann dem Zuschauer Spaß machen und Wirkung erzielen, ohne die lästige Moralkeule. Auch nicht die Nachbesprechungs-Moralkeule.






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