Kein Zeichen von Dekadenz

Interview mit Hans Weingartner zu Die fetten Jahre sind vorbei

Wie hält man den Untergang des Abendlandes auf? Jeder, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, etwas zu bewirken, steht immer wieder vor der Frage, ob man als Einzelner tatsächlich etwas verändern kann. Auch Hans Weingartner stellt sich und uns diese Frage in seinem zweiten Spielfilm Die fetten Jahre sind vorbei. Die Suche nach Möglichkeiten zur Veränderung und politischer Einflussnahme kleidet der Regisseur und Drehbuchautor dabei in eine Komödie (siehe Kritik) – und wurde für seinen mutigen Vorstoß auch belohnt: Wie hinlänglich bekannt, wurde – wie seit elf Jahren nicht mehr! – für einen deutschsprachigen Film in Südfrankreich der rote Teppich ausgerollt. critic.de traf Hans Weingartner in Berlin zum Interview.

critic.de: Im Vergleich zum weißen rauschen, das ein eher schweres Drama war, ist Die fetten Jahre sind vorbei eine amüsante und trotzdem politische Komödie.
Hans Weingartner: Der Hauptgrund, warum ich wollte, dass der Film eine optimistische Grundstimmung hat und auch die Komik des Lebens widerspiegelt, war, dass ich keinen klassischen politischen Film machen wollte. Ich wollte ein bisschen aus der Tradition ausbrechen. Nicht, dass man aus dem Kino kommt und sagt: O Gott, alles ist furchtbar. Und dann bestellt man sich ein Bier und noch eins und noch eins und noch eins...

Der Film erzählt zwei große Geschichten, die auch am Handlungsort festgemacht werden können. Was stand am Anfang des Drehbuchschreibens?
Am Anfang stand eine Liebesgeschichte, witzigerweise. Es gab parallel diese politische Geschichte, zu der ich noch nie so den Zugang gefunden hatte. Wie macht man heute noch einen politischen Film, ohne sich zu wiederholen, sich anzubiedern und peinlich zu werden? Dann habe ich diese Geschichte von dem französischen Arzt gelesen, der in Paris 20 Jahre lang Villen ausgeräumt hat und niemand wusste davon. Er hat die Sachen einfach in seinem Keller gebunkert. Das fand ich so eine sympathische Form der persönlichen Revolte, völlig sinnlos. Auch Jan und Peters Revolte könnte man auf den ersten Blick vorwerfen, ihr befriedigt da eure persönlichen Leidenschaften und macht das nur, um eure Wut loszuwerden und kommt euch noch als coole Einbrecher vor. Aber so ist der Vorwurf nicht fair. Sie haben ja ein wirkliches Anliegen und ihre Revolte ist letztendlich auch gesellschaftlich. Sie sagen ja auch: „Vielleicht haben wir eines Tages Nachahmungstäter und die besten Ideen setzen sich durch“ und am Ende des Films führen sie das Ganze noch auf eine höhere Ebene.

Wie waren die Produktionsbedingen von Die fetten Jahre sind vorbei?
Es gab gewisse Dinge aus dem weißen rauschen, die ich übernehmen wollte. Das unabhängige Produzieren; mit wenig Geld einen kleinen Film machen und dadurch einfach frei arbeiten können. Diese digitale Arbeitsweise, wo man sehr schnell und flexibel reagieren kann und auch mal am Set sagen kann: lass uns doch noch mal eben von da vorne filmen oder zum Bach runtergehen und da was drehen. Ich muss am Set stehen, um mir eine Szene wirklich bis ins Detail vorstellen zu können. Die besten Ideen kommen mir beim Drehen. Aber bei Die fetten Jahre sind vorbei wurde schon weniger als beim weißen rauschen improvisiert, weil es eine komplexere Geschichte ist und gewisse Sätze einfach gesprochen und gewisse Sachen getan werden mussten. Wichtig ist auf jeden Fall bei mir immer, dass dieser Geist der Freiheit über dem Set schwebt.

Musstest Du beim Drehbuch Kompromisse machen?
Es war eine Zusammenarbeit mit der kleinen ARD-Fernsehreihe „Debüt im Dritten“. Den Redakteuren konnte es gar nicht politisch genug sein. Dann, als wir schon drehten, gab es plötzlich von Seiten der Sendeleitung Bedenken, das RAF-Phantom wurde an die Wand gemalt. Wo ich dann sage: Leute, also Bitte, da wird einer entführt, na und? Im Tatort wird jeden Sonntag einer umgebracht. Das heißt ja noch lange nicht, dass ich das gut finde. Das wird im Film auch dargestellt: Ich finde in Wahrheit die Leute nicht cool, die Top-Manager entführen, denn sie sind wie alle anderen auch Gefangene des Systems. Das Problem sind die grundlegenden Prinzipien. Wir leben doch in dieser Massenpsychose von permanentem Wachstum. Da rollt etwas auf uns zu. Wenn man sich die Steigerungsraten von psychischen Erkrankungen ansieht, die sind explodiert in den letzten Jahren. Ich glaube nicht, dass es ein Zeichen von Dekadenz ist. Ich glaube, das ist ein Zeichen dafür, dass die Menschen den Stress nicht mehr packen.

Vor Deinem Filmstudium an der Kölner Kunsthochschule für Medien hast Du Gehirnforschung und Neurochirurgie studiert. Könntest Du Dir ein Zurück in die Wissenschaft vorstellen?
Ja, sie fehlt mir total. Gerade dieses Intellektuelle, die rein geistige Beschäftigung, diese Theorien, vor allem das Denken bis der Kopf raucht. Ich habe auch ein bisschen Angst, zu verblöden. Kunst ist nun mal hauptsächlich rechte Gehirnhälfte.

Neben Jan, Jule und Peter spielt der von ihnen entführte Unternehmer Hardenberg eine wichtige Rolle. Auf ihn beziehen sie sich mit dem Zettel: „Manche Menschen ändern sich nie“. Aber hat er das nicht doch? Schließlich war er mal 68er?
Ich glaube, er hat sich nie geändert. Er war immer nur Mitläufer. Er ist auf die Barrikaden gestiegen, weil es gerade hip war und als es dann vorbei war, ist er zurück nach dem Motto „last exit Bürgertum“.

Repräsentiert Hardenberg für Dich die 68er?
Das ist natürlich total überspitzt dargestellt. Es gibt dann doch sehr wenige 68er die tatsächlich in den absoluten Führungspositionen der Wirtschaft stehen. Wir haben ein paar 68er recherchiert, die jetzt Großunternehmer sind. Das ist teilweise richtig armselig, wenn sie behaupten, ihre Ideale noch nicht verraten zu haben. Meistens hört man von denen: „Die Welt ist sowieso im Arsch, jetzt schau ich halt, dass es mir gut geht. Es hat alles keinen Sinn.“ Die sagen mir dann: „Politischer Film, vergiss es!“ – in der Psychologie nennt man das Kognitive Dissonanz-Vermeidung.

In Die fetten Jahre sind vorbei spielen Utopien und Ideale eine große Rolle. Gibt es etwas an das Du glaubst?
Ich glaube, dass dieser natürliche dynamische Entwicklungsprozess einer Gesellschaft endlich wieder einsetzen muss. D.h., der junge Mensch kommt auf die Welt und sagt es ist alles scheiße und muss geändert werden und der alte Mensch sagt, nee es ist Tradition und muss so bleiben. Daraus entsteht ein Spannungsfeld, in dem die guten Dinge überleben und die schlechten Sachen reformiert werden. Aber ich habe das Gefühl, dass wir schon eine Weile auf der Stelle treten. Ich glaube, es gab seit den 68ern keine richtige Revolte mehr. Es gab viele Subkulturen, denen ich dann teilweise auch angehört habe. Eine Subkultur ist im Endeffekt aber auch nur ein Rückzug in eine Nische. Man sagt ja auch: Lebt ihr euer Leben, aber wir leben unseres.

Hast Du das Gefühl gegenüber der Gesellschaft eine Verantwortung zu haben?
Wahrscheinlich habe ich das. Aber ich versuche, mir vor lauter Verantwortungsdruck nicht meine künstlerische Freiheit rauben zu lassen. Ich glaube, in der Kunst sollte alles erlaubt sein. Ihre Funktion ist auch, über die Strenge zu schlagen. Ich kann keine reinen Unterhaltungsfilme machen, das wäre mir zu wenig. Dann hätte ich diesen Beruf nicht ergriffen. Und das meine ich wirklich ehrlich. Die Existenzberechtigung als Künstler holt man sich dadurch, dass man sagt, meine Arbeit bewegt oder verändert vielleicht etwas. Ich habe sowieso als Künstler manchmal das Problem, dass ich denke, was Du machst ist nur Schall und Rauch. Leute gehen rein ins Kino und wieder raus und das war’s. Das sind ja die schlimmsten Identitätskrisen.

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