„Irgendwie mussten wir auch Geld verdienen”

Interview mit Radley Metzger

Radley Metzger hat sich in seiner filmischen Laufbahn verschiedener Genres bedient, in erster Linie zählt er aber zu den großen Regisseuren des erotischen Films. Dabei ging es Metzger nie darum, Sex einfach nur abzufilmen, sondern auf ästhetische und elegante Weise in Szene zu setzen.

Radley Metzger

Mit aufwändiger Kameraarbeit und opulenten Dekors zelebrieren die meisten Filme Metzgers die sinnlichen Aspekte des Lebens (siehe auch unser Special zur Radley-Metzger-Retrospektive). Dabei hat sich die Darstellung sexueller Handlungen immer der aktuellen Mode angepasst: Von eher metaphorischen Darstellungen aus den frühen Filmen (z.B. Carmen Baby, Carmen, Baby, 1967) über simulierte Sexszenen (Camille 2000, 1969) bis zu den Hardcore-Sequenzen aus den Mitte der 1970er Jahre entstandenen Pornofilmen. 1984 hat sich Metzger aus dem Filmgeschäft zurückgezogen. critic.de sprach mit Radley Metzger anlässlich einer Retrospektive seiner Filme auf dem Filmfest Oldenburg.

Radley Metzger und Produzent Richard Gordon

critic.de: Wann haben Sie angefangen, sich für Film zu interessieren?

Radley Metzger:
Ich hatte als Kind eine lebhafte Fantasie und war schon immer interessiert an einer alternativen Realität. Da ich damals auf viele Sachen allergisch war, hatte ich eine sehr isolierte Kindheit. Gegen den Juckreiz half am besten Kühlung, und die einzigen Orte, an denen es damals schon Klimaanlagen gab, waren Kinos. Deshalb habe ich dort die meiste Zeit verbracht und täglich bis zu fünf Filmen gesehen. Ich war mir anfangs noch unsicher, ob ich zum Theater oder zum Film wollte. Für Film habe ich mich entschieden, weil Theater vergänglich ist, während Film bestehen bleibt. Das glaubte ich damals zumindest. Später musste ich meine Meinung revidieren. Auch ein Film ändert sich jedes Mal, wenn man ihn sieht. In The Lickerish Quartet [1970] wollte ich das aufgreifen. Dort gibt es einen Film, der sich mit jedem Sehen verändert. Ich kann da allerdings nichts über meine eigenen Filme sagen, weil ich mir die aus Prinzip nicht ansehe. Gestern, bei der Vorführung von Therese and Isabell [Therese and Isabelle, 1968] habe ich allerdings einmal kurz durch den Vorhang gespäht.

Wie sind Sie schließlich dazu gekommen, selbst Filme zu machen?

Als ich während des Koreakrieges in der US Air Force war, habe ich in der Filmabteilung gearbeitet und mich an der Entstehung von Propagandafilmen beteiligt. Das war eine tolle Zeit, weil man noch experimentieren und Fehler machen konnte. Später habe ich dann als Cutter gearbeitet und für einen Verleih Trailer europäischer Filme geschnitten, alles, was Rang und Namen hatte: Bergman, Antonioni, Truffaut. Kurz darauf habe ich dann meinen ersten Film Dark Odyssey [1961] gemacht, der wie fast alle meine Filme bei seinem Erscheinen schlechte Kritiken bekommen hat.

Radley Metzger Therese And Isabelle

Hat das europäische Kunstkino eine wichtige Rolle für Sie gespielt? In The Lickerish Quartet gibt es etwa Parallelen zu Pier Paolo Pasolinis Teorema – Geometrie der Liebe [Teorema, 1968], Therese and Isabell erinnert teilweise an Alain Resnais’ Letztes Jahr in Marienbad [L’anée dernière à Marienbad, 1961].

Viele Filmklassiker habe ich mir erst gar nicht angeschaut, weil ich Angst hatte, sie unbewusst zu kopieren. Aus diesem Grund habe ich auch nie Teorema gesehen, obwohl ich Silvana Mangano damals wirklich verehrt habe. Zu dem Zeitpunkt, als ich Therese und Isabell gemacht habe, war ich aber ein großer Fan von Resnais. Wenn Sie also sagen, dass Sie der Film an Letztes Jahr in Marienbad erinnert, fühle ich mich geschmeichelt. Meine größte Angst bei Therese und Isabell war immer, dass die Leute sagen könnten, es wäre eine verwässerte Version von Resnais.

Als Sie dann Mitte der 1970er Jahre anfingen, Hardcore-Pornos zu drehen, war das eine bewusste Entscheidung, oder hat sich das einfach so ergeben?

Wir waren uns Anfang der 1970er Jahre, als Pornos mit Deep Throat [1972] immer populärer wurden, noch zu gut dafür. Wir sahen uns als Künstler, die Erotik machten, aber keine Pornografie. Zwei Jahre später, als wir mit Audobon Films [Metzgers Verleihfirma] kein Geld mehr hatten, waren wir uns zwar immer noch zu gut dafür, aber irgendwie mussten wir auch Geld verdienen. Die Leute interessierten sich plötzlich nicht mehr für Eleganz und Musik, sie wollten ganz einfach Sex sehen.

Camille 2000

Inwiefern hat sich Ihre Arbeitsweise in den Hardcore-Filmen geändert?

Ich habe bei meinen Pornos eigentlich nichts anderes gemacht als bei meinen anderen Filmen. Es gab dieselbe Vorgeschichte, dieselbe Figurenzeichnung, nur anstatt beim Kuss abzublenden, zeigst du den Sexakt länger und expliziter. Unsere Filme waren sehr aufwändig und wurden nicht wie die meisten Pornos in einem Keller gedreht. Für The Opening of Misty Beethoven [1975] waren wir in Rom, Paris und New Jersey. Wir haben sogar in den früheren RKO-Studios eigene Sets gebaut. Wegen der Wirtschaftskrise gab es dort die Möglichkeit, sich zu einem vernünftigen Preis einzumieten. Als ich meinen ersten Hardcore-Film [The Private Afternoons of Pamela Mann, 1974] drehte, hatte ich bereits zehn Filme gemacht. Kein Pornoregisseur hatte derart viel Erfahrung. Und selbst mittelmäßige Regisseure konnten bessere Filme machen als die, die zu dieser Zeit im Umlauf waren.

Bewerten Sie Ihre Pornos anders als Ihre früheren Filme?

Ich mag meine Hardcore-Filme genauso wie meine anderen. Ich mache da keinen Unterschied. So sehr ich die Filme aber mag und mir das Drehen Spaß gemacht hat, wollte ich nach fünf Filmen auch endlich wieder etwas anderes machen.

The Opening of Misty Beethoven

Warum sind Ihre Hardcore-Filme unter dem Pseudonym Henry Paris entstanden?

Es war damals rufschädigend, wenn man Pornos gemacht hat. Ich kannte einen Kritiker bei „Variety“, der wusste, dass ich Henry Paris war. Ich habe ihn angefleht, meine Identität nicht zu verraten, weil es mich ruinieren würde. Zwei Jahre später war Henry Paris bekannter als Radley Metzger. Die Zeiten haben sich dann auch geändert. Man nahm die Pornos damals anders war, als es heute der Fall ist. The Opening of Misty Beethoven entstand etwa in einem sehr besonderen Zeitabschnitt von ungefähr zwei Jahren, in dem Pornos plötzlich schick und trendy wurden. Schauspieler mussten sich nicht dafür schämen, wenn sie in einem Hardcore-Film mitgespielt haben. Das Mädchen, das die Rolle der Geraldine in Misty Beethoven spielt [Jaqueline Beudant], war zum Beispiel eine reguläre Schauspielerin. Das änderte sich aber in den achtziger Jahren, als sich alles auf den Videomarkt verlagerte und eine völlig neue Industrie entstand. Das hatte mit dem, was wir damals gemacht haben, nichts mehr zu tun.

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