Intelligentes Gefühlskino

Interview mit Marco Kreuzpaintner zu seinem neuen Film Sommersturm

Marco Kreuzpaintner hat mit nur 27 Jahren geschafft, was viele selbst mit einer Ausbildung an einer renommierten Filmhochschule nicht schaffen: er hat bereits seinen zweiten Kinofilm abgeschlossen. Sommersturm, ab 2.09.2004 im Kino, wurde von Claussen+Wöbke produziert, einer Produktionsfirma die für Erfolge wie Crazy (2000) und Jenseits der Stille (1996) steht und vom aufstrebenden X Verleih jetzt in die Kinos gebracht wird. In Sommersturm erzählt Kreuzpaintner eine sehr persönliche Coming-Out-Geschichte, macht daraus aber keinen Spartenfilm. (Siehe Kritik)

critic.de: Sommersturm ist Ihr zweiter Spielfilm. Nicht selten ist der zweite Film eines Regisseurs autobiographisch. So auch ihr Film. Wie kam es dazu?
Marco Kreuzpaintner:
Das hängt damit zusammen, dass man sich nach dem ersten Film sicherer fühlt. Nach dem ersten Spielfilm hat man bereits Erfahrung mit einer Dramaturgie, die über 90 Minuten hält und ich hatte die Lust eine persönlichere Geschichte zu erzählen.

Sie haben dafür mit einem Koautor, Thomas Bahmann, gearbeitet. Wodurch hat sich diese Zusammenarbeit ausgezeichnet?
Thomas Bahmann ist heterosexuell. Im Laufe der Arbeit hatten wir dadurch die Möglichkeit unsere Klischees und Vorstellungen miteinander zu vergleichen. Die Reise, die das Publikum im Kino mitmacht, konnten wir so am Schreibtisch schon miteinander vollziehen.

Hatten Sie beim Schreiben bereits Vorstellungen, mit wem Sie gerne drehen würden?
Klar war eigentlich nur von Anfang an, dass ich wieder mit Hanno Koffler arbeiten werde, der Malte gespielt hat. Mit ihm habe ich in Ganz und gar und auch davor schon zusammen gearbeitet. Hanno ist zum ersten Mal in einem meiner Filme vor der Kamera gestanden und da hat sich natürlich eine Freundschaft daraus entwickelt.
Alle anderen wurden durchs Casting gefunden, bis auf Robert [Stadlober, AdR]. Das war eine Idee meiner Produzenten, nachdem wir lange nach eher unbekannten Leuten gesucht hatten, die aber diese emotionale Gradwanderung nicht vollziehen konnten. Da ich auch schon mit Robert befreundet war und er den Tobi unbedingt spielen wollte, war es dann abwegig ihn nicht dafür zu besetzen.

Hanno Koffler spielt eine bemerkenswerte Rolle: den muskulösen und extrovertierten „Heten-Knacker“. Wie haben Sie die Rolle für ihn ausgesucht?
Eigentlich passt die Rolle gar nicht zu ihm. Er ist ein weicher, ruhigerer Typ, der überhaupt keine Muskelmasse vor dem Film hatte. Von daher war das eher eine kreative Entscheidung, Hanno damit zu besetzen. Ich wusste er wird das herstellen können. Er ist dann auch wochenlang ins Fitness-Studio gegangen und hat sich diese Rolle wirklich erarbeiten müssen. Das hat er ganz wunderbar vollbracht.

Sommersturm zeigt auch Menschen wie Achim oder Georg, die Angst davor haben, dass ein Schwuler sich in sie verlieben könnte. Ist das eine Einstellung, die Ihnen häufiger begegnet?
Jungs sind zwar meistens die, die Mädchen anmachen, sind es aber nicht gewohnt, dass einer auf sie zukommt, und sie plötzlich selbst Objekt der Begierde sind. Ich glaube dass es vielen Männern so geht, dass sie das natürlich verunsichern kann. Das ist mit in Sommersturm thematisiert, aber es geht ja noch um viele andere Aspekte. Es geht auch um die Schwierigkeiten von Jungs mit Mädchen überhaupt erstmal klarzukommen: das andere Geschlecht zu entdecken und sich in dieses einzufühlen. Außerdem kennt wohl jeder das Gefühl sich schon mal in jemanden verliebt zu haben, bei dem es nicht funktionieren kann oder darf. Das ist ein ganz archaisches Gefühl.

Die Handlung spielt viel in der Natur, aber Sie setzen nur an ausgewählten Stellen handlungsfreie Naturaufnahmen ein. Was hat Sie dazu bewegt?
An diesen Stellen ist es so als ob die Natur den inneren Monolog der Figuren fortsetzen und ergänzen würde, und ein Spiegel des inneren Gemütszustands wäre. Ich habe mich dabei nur davon leiten lassen, wie ich mich als 17-Jähriger gefühlt habe. Ich habe den ganzen Pathos, Weltschmerz und Liebesschmerz, den man da empfindet, und dieses Gefühl, dass alles über einen herein bricht, wenn diese Liebe nicht zustande kommt, in der Natur fortgesetzt.

Welche Regisseure oder Autoren inspirieren sie?
Paul Thomas Anderson mit Sicherheit, Regisseur und Autor von Magnolia, Boogie Nights und Punch-Drunk Love, Andreas Dresen [Regisseur von Halbe Treppe 2002, AdR] und Ang Lee und auch alte deutsche Regisseure wie Peter Lilienthal und Edgar Reitz. Sie inspirieren mich was die Betrachtungsweise der Figuren betrifft, also dass man Filme von Menschen bestimmen lässt, so dass sich auch die filmischen Mittel allein aus den Figuren ergeben. Also ich habe gerade keine kunsthandwerklich-cineastische Herangehensweise, z.B. eine bestimmte Kamerafahrt müsste jetzt filmhistorisch weiterentwickelt werden.

Sie sagen, sie wollen mit einem Außenseiterthema direkt in die Mitte der Gesellschaft treffen. Was verstehen Sie persönlich unter Begriffen wie „Mainstream“ oder „kommerziell“?
Ich finde es ganz fatal, wenn Filmemacher, die den Anspruch haben emotional aufrichtiges Kino zu machen, das Mainstream-Kino oder den Unterhaltungsfilm ablehnen. Damit überlassen sie ihn denen, die eine schlechte Meinung vom Publikum haben und nur zynisch das geben, was angeblich das Publikum haben möchte. Die Leute, die Können und Talent haben, ziehen sich feuilletonistisch in eine Ecke zurück und erreichen damit nur die Leute, die es sowieso schon wissen. Dementsprechend liegt im Mainstream-Kino das eigentliche politische Potential. Das ist der Bereich in dem ich mich am wohlsten fühle. Da steht uns in Deutschland noch die große Aufgabe bevor, dass wir uns wieder trauen intelligentes Gefühlskino zu machen.

Muss man sich dafür anpassen?
Gar nicht. So wie ich die Filme mache, so mag ich die Filme selber. Das ist für mich das einzige Kriterium. Es gibt keinerlei Überlegungen, wir stricken irgendetwas so und so, damit irgendjemand das gut findet. Das entsteht mehr aus dem Bauch als aus dem Kopf. Der Kopf kommt dann als kritische Instanz erst hinzu.

Ihnen werden oft Fragen über Ihr Alter gestellt, z.B. ob Sie Probleme hätten ernst genommen zu werden. Welche Rolle spielt Ihr Alter bei Ihrer Arbeit?
Ich glaube, dass wenn man mit 27 jetzt seinen dritten Kinofilm machen kann, dann hat man eine größere Narrenfreiheit. Die Leute merken, da ist jemand der schon in so jungen Jahren so eine Verantwortung übernehmen kann und das mental und physisch durchsteht. Man wird dementsprechend dann durch die Arbeit ernst genommen. Das Alter selber bringt einem keine Vorteile, außer dass man vielleicht mehr Energie hat, am Abend vorher trotzdem noch saufen kann und am nächsten Tag aufrecht am Set steht.

Was machen Sie als nächstes?
Es wird nächstes Jahr mit Claussen+Wöbke einen Fantasyfilm geben, frei nach dem Märchen König Drosselbart von den Gebrüdern Grimm, den wir als Familienfilm, als anarchistisches Märchen, in Tschechien drehen werden. Dann gibt es noch einen politischen Film, den ich gerne machen würde, der hat mit einem Massaker an brasilianischen Straßenkindern zu tun, das Anfang der 90er Jahre von der brasilianischen Regierung geduldet, von der „policia touristica“ in Brasilien an Straßenkindern verübt wurde: Da sind in einer Nacht über 30 Straßenkinder erschossen worden, um die Strände für Touristen frei zu halten.

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