„Ich schneide bereits beim Schreiben.“

Interview mit Regisseur Radu Mihaileanu zu Geh und Lebe

Erneut punktet Radu Mihaileanu beim Festivalpublikum. Bereits 1998 feierte er mit Zug des Lebens (Train de vie) Erfolge, einem Film, der zumeist im selben Atemzug mit Das Leben ist schön (La vita è bella, 1997) von Benigni genannt wird, weil er, zur gleichen Zeit entstanden, ebenfalls den Holocaust in eine humorvolle Geschichte bettet. Nun kommt Geh und Lebe, nach acht Publikumspreisen, ins Kino. critic.de traf den Regisseur zum Gespräch.

critic.de: Ihr Film feierte 2005 auf der Berlinale Premiere. Was ist seitdem geschehen?
Radu Mihaileanu: Ich bin mit dem Film quer durch die Welt gereist. Es ist schon unglaublich. Der Film, den wir anfangs für klein hielten, ist groß geworden. Dank des Films habe ich großartige Menschen kennen gelernt, die mir und Sirak, dem Darsteller des erwachsenen Schlomo, wie Brüdern ihr Leben erzählt haben. Es ist in gewissem Sinne eine Fortsetzung der Geschichte des Films. Geh und Lebe war ein Bindeglied zwischen den Leuten und uns.

Wie ist der Film in Israel aufgenommen worden?
Beim israelischen Publikum ist der Film sehr gut angekommen. Die meisten wussten sehr wenig über die Geschichte der äthiopischen Juden und haben sie durch den Film auf etwas komplexere Art kennen gelernt. Die Kritik war gespalten. Die Hälfte hat den Film sehr gelobt. Bei den negativen Kritiken konnte ich manche nachvollziehen und andere weniger. Einige haben die polemische Frage gestellt, wieso ein Franzose sich in die israelische Gegenwart einmische. Ich würde die Gesellschaft nicht gut genug kennen. Aber auch das ist Demokratie. Zum Glück haben nicht alle den Film geschätzt.

Wann haben Sie die Geschichte der Falashas zum ersten Mal bewusst wahrgenommen und wie kam es dann zur Entwicklung des Films?
Erstmalig habe ich 1999 einen äthiopischen Juden in Los Angeles getroffen, der mir sein Leben und das seiner Gemeinde erzählt hat und auch die Umstände seiner Flucht. Das hat bei mir ein enormes Interesse geweckt. Ich habe dann angefangen, mich über die Falashas zu informieren, und erst nach vier Jahren, in 2003, habe ich mit dem Schreiben des Drehbuchs tatsächlich begonnen.

Der Film umfasst einen Zeitraum von zwanzig Jahren. Was waren bei der Umsetzung für Sie die besonderen Herausforderungen?
Die Geschichte hat wegen ihrer Komplexität viel Recherchearbeit gefordert. Der Film umfasst zwanzig Jahre israelischer Geschichte, einen Teil afrikanischer Geschichte, und auch die ganzen westlichen Einflüsse auf die Operation „Moses“ und die Geschichte des mittleren Ostens spielen eine Rolle. Ein besonderer Umstand war, dass die ganze Welt denkt, sie wüsste über die Situation im mittleren Osten Bescheid, denn jeden Abend wird in den Nachrichten über Israel, Palästina, den Irak berichtet. Deswegen mussten wir noch präziser sein und haben auch den historischen Hintergrund wie den ersten Irakkrieg und das Friedensabkommen zwischen Yitzhak Rabin und Yasser Arafat einfließen lassen.
Die Schwierigkeit bei der Inszenierung war, die drei sehr verschiedenen Epochen, die Achtziger, die Neunziger und Heute, akkurat darzustellen. In den achtziger Jahren sind die Autos andere, genauso die Kleidung, die Frisuren, die Verkehrszeichen, usw. In den neunziger Jahren ändert sich wiederum alles. Die Computer, die Hi-Fi-Anlagen, die Fernseher sind andere. Die Disko-Musik beginnt, und Michael-Jackson-Frisuren kommen in Mode.
Für den Schnitt war es wichtig ein Gleichgewicht zu finden. Manche haben mir gesagt, ich soll dies oder jenes kürzen, und ich habe es versucht, aber das ging nur bis zu einem gewissen Punkt, weil der Film sonst in der Gewichtung des politischen Diskurses nicht mehr gestimmt hätte.

Sie gewichten die verschiedenen Epochen auf unterschiedliche Weise. Schlomos Integration und sein erstes Verliebtsein werden in detaillierten Szenen gezeigt, andere Phasen wie sein Studium oder seine Arbeit als Arzt werden nur ganz kurz angerissen. War diese Gewichtung von Anfang an vorgesehen?
Das war schon im Drehbuch so angelegt. Manche Leute sagen mir, sechs Jahre Studium in Paris, das vergeht aber ganz schön schnell. Bei Schlomos Studienjahren hat mich nur interessiert zu zeigen, dass er in Frankreich ist, erneut im Exil, noch ferner von dem Mond, sprich seiner Mutter, und dass er Medizin studiert. Mehr nicht. Weder inhaltlich noch dramaturgisch wäre es sinnvoll gewesen hier auszuführen, wie er sich mit Freunden trifft, in Cafés geht, wie er wohnt oder Ähnliches. Selbst wenn das einige stört, weil es sehr schnell geht, ich bin da gnadenlos und schneide. Das tue ich aber bereits beim Schreiben.
An der Filmhochschule habe ich als Schnittassistent begonnen. Das war eigentlich meine wirkliche Drehbuchschule. Wir haben nach der Methode des Ausschneidens und Einfügens gearbeitet, und so schreibe ich auch. Als Cutter muss man sich immer in die Position des Zuschauers versetzen und nicht als sentimentaler Regisseur arbeiten. Ich stelle mir selbst die Frage, was mich interessiert und konzentriere mich darauf, selbst wenn es große Ellipsen zur Folge hat. Nach zweieinviertel Stunden geht es nur noch um zwei Fragen: Wird Schlomo Sarah heiraten, und wird er seine Mutter wieder sehen? Das sind die Fragen, die sich die Zuschauer stellen. Daher muss der Film schnell auf sie zusteuern.

In einer bestimmten Auslegung des Judentums wird als Jude derjenige definiert, dessen Mutter Jüdin ist. In Ihrem Film unterstützen Sie und relativieren Sie zugleich diese Definition. Was bedeutet es für Sie, jüdisch zu sein?
Man sagt das Judentum wird durch die Mutter weitergegeben, weil man sicher ist, dass die Gebärerin auch die Erzeugerin ist. Es ist aber eine weitreichende Frage. Ich stelle mir diese Frage seit langem, und hoffe sie mir noch lange zu stellen. Für mich ist jüdisch derjenige, der keine Antworten aber viele Fragen hat. Ich sehe Schlomo als Juden an, weil er sich viele Fragen stellt und sich auch jüdisch fühlt.
Ich will Ihnen dazu kurz eine metaphorische Geschichte erzählen. Als die Juden Ägypten verlassen haben und nach Israel gegangen sind, haben sie vierzig Jahre lang die Wüste durchquert. Jeden Tag haben sie darauf gewartet, dass Gott ihnen Matze schickt. Matze bedeutet auf hebräisch „Warum“. So haben sie vierzig Jahre lang jeden Tag Fragen gegessen. Wenn manche das Brot behalten haben, aus Angst kein neues zu bekommen, war es am nächsten Tag verfault. Daraus lässt sich folgern, dass man jeden Tag neue Fragen stellen muss. Vielleicht heißt es das, Jude zu sein.

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