„Ich mag die Intensität, die durch Unschärfen entsteht“

Interview mit Philippe Grandrieux und Ariane Labed über Malgré la nuit

Auf der Woche der Kritik 2016 präsentierte Philippe Grandrieux seinen kontrovers diskutierten neuen Film. critic.de sprach mit dem Regisseur und der Hauptdarstellerin über Malgré la nuit, der im Vergleich zu Grandrieux’ vorigen Arbeiten relativ erzählerisch ist.

Ariane Labed Philippe Grandrieux 2

Im Jahr 2012 widmete critic.de dem französischen Experimentalfilmer Philippe Grandrieux ein Special. Vom Horrorfilm Sombre bis zur Videoarbeit White Epilepsy waren seine Werke zunehmend avantgardistischer geworden und hatten zugunsten der Formsprache immer mehr narrativen Ballast abgeworfen. In diesem Jahr nun präsentierte Grandrieux seinen neuen, sehr kontrovers diskutierten Film Malgré la nuit auf der Woche der Kritik und auf dem European Film Market der Berlinale. Im Vergleich zu Grandrieux’ vorherigen Filmen ist Malgré la nuit relativ stark erzählerisch geprägt und mit Ariane Labed (The Lobster), Roxane Mesquida (Rubber) und Sam Louwyck (La cinquième saison) auch recht hochkarätig besetzt. Unser Autor Martin Gobbin traf sich mit dem Regisseur und seiner Hauptdarstellerin Ariane Labed zum Interview.

critic.de: Philippe Grandrieux, in Malgré la nuit und Ihren vorherigen Filmen arbeiten Sie auffallend häufig mit out-of-focus-Einstellungen. Oft sind in diesen Szenen Hände zu sehen, deren Form durch die Unschärfe jedoch amorph wird – gerade in Un Lac entstehen dadurch sehr atmosphärische Gruselmomente. Was fasziniert Sie an Unschärfen und Händen?

Philippe Grandrieux: Diese Unschärfen passieren eigentlich unabsichtlich, indem sich die Kamera auf die Schauspieler zu- oder sich von ihnen wegbewegt. Insofern will ich mit der Unschärfe an sich nichts Bestimmtes aussagen – ich mag aber die Stimmung, die Intensität, die durch Unschärfen entsteht. Indem die Bilder abstrahiert werden, kann jeder Zuschauer seine eigenen Vorstellungen und Ängste in sie hineinprojizieren. Das Kino ist schließlich ein Universum der Projektionen. Ein Bild, das nicht genau erkennbar ist, ist häufig viel effektiver. Hände sind mir deshalb so wichtig, weil in ihnen unsere Seelen verborgen liegen.

Ariane Labed, welchen Film von Philippe Grandrieux haben Sie zuerst gesehen – und was hat Sie daran gepackt?

Ariane Labed: Der erste Film, den ich von Philippe gesehen habe, war Sombre. Es war wie ein Schock für mich. Sehr atmosphärisch, einzigartig – eine geradezu körperliche Erfahrung.

Wie waren die Dreharbeiten zu Malgré la nuit? Gab es ein detailliertes Skript, oder wurde viel improvisiert?

Malgre la nuit 01

Ariane Labed: Wir hatten ein sehr präzises Drehbuch. Damit sind wir in die jeweiligen Szenen eingestiegen. Mittendrin haben wir uns dann aber auf unsere Intuition verlassen und uns treiben lassen – es war also eine sehr organische Dynamik. Wir wussten zwar, wo wir hinwollen – den Weg dahin mussten wir aber erst entdecken und sind manchmal natürlich auch ganz woanders gelandet. Aber die Dialoge haben wir ziemlich komplett aus dem Drehbuch übernommen.

Philippe Grandrieux: Ich begreife Filmemachen als gemeinsames Arbeiten. Wir erschaffen zusammen etwas. Ich mache meinen Schauspielern keine Vorschriften, ich mag intuitives Arbeiten und das natürliche Entwickeln von Szenen.

In Malgré la nuit gibt es eine Szene, in der Ariane Labeds Figur Hélène in eine Art Folterkeller geführt wird. Dabei konzentriert sich die Kamera sehr auf ihre Schultern. War das als Referenz auf Attenberg gedacht, in dem es ebenfalls eine Szene gibt, die Arianes Schultern sehr prominent einsetzt? Und was interessiert Sie generell am Isolieren einzelner Körperteile, an der Fragmentierung des Körpers?

Philippe Grandrieux: Fragmentierung ist Kino. Die Fokussierung auf einzelne Elemente ist es, was den Blick im Kino vom Blick im Theater unterscheidet. Im Kern bestehen Filme doch aus Fragmenten von Licht, Ton, Bewegungen, Körpern. Diese Idee, dass es im Film nur um die Erzählung geht, ist ein Irrglaube – letztlich besteht das Kinoerlebnis aus Sinneserfahrungen.

In Ihren Filmen fragmentieren Sie Körper nicht nur, Sie machen daraus – gerade in White Epilepsy – auch abstrakte Landschaften. Aufgrund dieser Faszination für Körper werden Ihre Werke ja auch als „cinema du corps“ bezeichnet und zur körperfixierten Bewegung der New French Extremity gezählt. Ist das eine externe Zuschreibung, oder fühlen Sie sich mit dieser Tendenz des jüngeren französischen Kinos verbunden?

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Philippe Grandrieux: Das ist doch bloß ein Label! Ich weiß damit ehrlich gesagt nichts anzufangen. Klar, Gaspar Noé – um ein Beispiel zu nennen – dreht ebenfalls sehr körperliche Filme. Ich mag seine Werke, aber ich glaube nicht, dass er und ich dieselben Motive im Kopf haben. Ich mag solche Schubladen generell nicht. New French Extremity ebenso wenig wie Nouvelle Vague. Da werden Godard und Chabrol zusammengeschmissen, obwohl sie ganz unterschiedliche Filme machen. Das reduziert die Individualität des Filmemachers.

Was Ihre Filme und die von Gaspar Noé aber durchaus verbindet, ist die Vermischung von Sexualität und Gewalt. Sehen Sie zwischen diesen beiden Elementen einen Zusammenhang?

Philippe Grandrieux: Sexualität und Gewalt sind fundamental miteinander verbunden. Man darf die Gewalt in Malgré la nuit aber nicht als rein sexuell begreifen. Was Hélène macht, ist kein Sadomaso, denn Sadomaso ist eine soziale Aktivität, ein Miteinander. Hélène geht es aber nicht um ein Miteinander, sondern um sich selbst – sie will sich durch den ihr zugefügten Schmerz wieder selbst spüren können.

Ariane Labed, wie war es für Sie, diese teils doch sehr extremen Szenen zu drehen?

Ariane Labed: Es ist seltsam, aber obwohl es in dem Film um sehr düstere Dinge geht, verbinde ich mit dem Dreh vor allem warme Gefühle. Ich habe volles Vertrauen gehabt und mich sehr sicher gefühlt. Für mich war es eine der schönsten und zärtlichsten Erfahrungen in meiner Karriere als Schauspielerin. Es war also nicht schwierig, die drastischen Szenen zu verarbeiten.

In Ihrem Debüt, Attenberg, spielen Sie eine junge Frau, die gerade erst verspätet ihre Sexualität entdeckt. In Malgré la nuit stellen Sie nun eine Frau dar, die sich recht extremen Praktiken hingibt. Wie fügen sich diese beiden Erfahrungen für Sie zusammen?

Ariane Labed: Beide Frauen sind von ihrer Sexualität geprägt – wie sie sexuell handeln, sagt viel über sie als Menschen aus. Hélène setzt ihre Sexualität allerdings als Werkzeug ein: Ihr geht es weniger um die Lust als um eine Selbstbestrafung, aber auch eine Selbstbefreiung.

Sie haben vor Kurzem mit einem weiteren Experimentalfilmer zusammengearbeitet, mit Guy Maddin (The Forbidden Room). Wie würden Sie das Arbeiten mit ihm beschreiben im Vergleich zum Dreh mit Philippe Grandrieux?

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Ariane Labed: Guy Maddin ist viel verspielter, wie ein Kind, das von lauter Spielzeug umgeben ist. Bei Philippe geht es ernster zu. Mir haben beide Erfahrungen gefallen.

Philippe Grandrieux: Ich möchte nochmal auf den Begriff „experimentell“ zurückkommen. Das ist auch wieder so eine Schublade, eine Klassifizierung und Kategorisierung, die ich ablehne. Für mich gibt es nur gute und schlechte Filme. Das ist genau wie in der bildenden Kunst, wo in abstrakte und nicht-abstrakte Malerei unterteilt wird. Das ist doch Unsinn – es gibt nur gute und schlechte Malerei.

In Malgré la nuit gibt es eine Szene, in der Fische sehr prominent auftreten – diese Szene taucht etwas überraschend auf. Was hat es mit den Fischen auf sich?

Philippe Grandrieux: Tiere faszinieren mich, weil sie pures Sein repräsentieren. Sie reflektieren nicht, sind sich des Todes nicht bewusst. Sie sind einfach nur. Reine Existenz ohne Zweifel und Hinterfragen. Hélène will genau diesen Punkt erreichen, diese reine Körperlichkeit.

In Ihren Filmen tauchen viele Horrorelemente auf. Sie gehen aber meines Erachtens darüber hinaus und erschaffen etwas, was heute sonst kaum noch versucht wird: Grusel statt Horror, Gänsehaut statt Schocks, Atmosphäre statt schneller Umschnitte und lauter Soundeffekte. Welche Filme sind im Grusel- und Horrorgenre Ihre Vorbilder?

Philippe Grandrieux: Ich schaue ehrlich gesagt kaum Horrorfilme, die ängstigen mich zu sehr. Was ich in meinen Filmen mit diesen Elementen erreichen will, ist eine Art Urzustand des Menschen –die frühe Kindheit, in der es noch keine Sprache, sondern nur Sinneseindrücke gibt. Die Ängste aus dieser Zeit, die uns lebenslang unbewusst prägen, versuche ich zu evozieren, denn das ist genau jene Existenzform, die ich bei Tieren so bewundere: das reine physische Sein.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Philippe Grandrieux: Ich arbeite an einem Film namens Unrest, der gemeinsam mit White Epilepsy und Meurtrière eine Trilogie bildet, die als Installation in Museen gezeigt werden soll. In Unrest spielen Tänzer die Hauptrollen. Der Film dürfte im Herbst fertig sein.

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