„Ich glaube nicht an ein nationales Kino“

Interview mit Apichatpong Weerasethakul

Mit seinem neuen Film Cemetery of Splendour hat der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul wieder bewiesen, dass er zu den spannendsten Stimmen im Weltkino zählt. Im Interview sprechen wir mit ihm über seine Arbeitsweise, das schwierige Verhältnis zu seiner Heimat und die erotische Anziehungskraft von Uniformen.


Michael Kienzl: Vor ein paar Jahren war ich in Thailand. Wenn dort im Gespräch mit Einheimischen Ihr Name fiel, reagierten sie auf sehr ähnliche Weise: Es war einerseits eine Art von Stolz und Respekt, andererseits aber auch Unsicherheit, wie man mit Ihren Filmen umgehen soll. Ist das repräsentativ dafür, wie Ihre Arbeit in Thailand wahrgenommen wird?

Apichatpong Weerasethakul

Apichatpong Weerasethakul: Ich denke, es gibt dort – wie anderswo auch – unterschiedliche Reaktionen. Über die Jahre wurden meine Filme in Thailand aber immer besser aufgenommen. Das liegt vielleicht daran, dass sie eine gewisse Erfahrung voraussetzen. Je mehr Filme man gesehen hat, desto besser. Es gibt darin Kontinuitäten bei den Gesichtern und bei einer bestimmten Art der Erzählung oder Nicht-Erzählung. Daran müssen sich die Leute erst gewöhnen. Oft lernen sie meine Filme dann auch mehr zu schätzen.

Werden Ihre Filme in Thailand gezeigt?

Ja. Sie werden offiziell vorgeführt, sind aber auch als Raubkopien verfügbar. Mein Neuester, Cemetery of Splendour, aber noch nicht.

Wollen Sie ihn noch zeigen?

Nein. Seit Thailand im letzten Jahr von einer Militärdiktatur regiert wird, möchte ich nicht mehr Teil dieser kulturellen Landschaft sein.

Denken Sie, dass der Film dort als Provokation aufgefasst wird?

Das ist schwer zu sagen. Manchmal hat die Zensur nichts mit dem Inhalt zu tun. Es kann schon reichen, wenn man nicht innerhalb des Studiosystems arbeitet oder Teil des Mainstreams ist. Es ist sehr willkürlich.

Das heißt, als unabhängiger Filmemacher ist man automatisch verdächtig?

Ja, wobei auch das langsam besser wird. Man muss aber immer noch durch die Zensurbehörde im Kultusministerium kommen. Damit habe ich ein Problem. Ich weigere mich einfach, diese Regierung zu akzeptieren.

Sie betreiben mit einigen Kollegen die Produktionsfirma Kick the Machine, mit der Sie sich vor allem auf Ihre eigenen Filme spezialisiert haben. Fühlen Sie sich dem thailändischen Kino oder einer bestimmten Szene zugehörig?

Syndromes and a Century 1

Kick the Machine ist mein persönliches Raumschiff, aber wir haben auch noch eine andere Firma, die Mosquito Films heißt und mit der wir Independent-Filme veröffentlichen. Ich fühle auf jeden Fall eine Verbundenheit mit unabhängigen oder auch originellen Filmen aus meiner Heimat. Was die Studios produzieren, finde ich dagegen nicht interessant. Das ist immer dieselbe Formel. Ich verstehe meine Filme zwar nicht als explizit thailändisch, aber wenn ich eine Studioproduktion sehe, wirkt das auf mich wie ein ausländischer Film: Es ist das Vokabular Hollywoods, nur die Leute sehen anders aus und sprechen anders. Manchmal nehme ich das richtig persönlich und denke mir: „Wie könnt ihr es wagen!“ Zugleich glaube ich aber nicht an ein nationales Kino. Wir sollten Filme nicht wie Sport behandeln, sondern sie so nehmen, wie sie sind.

In den letzten Jahren hat man auf Festivals immer wieder Filme zu sehen bekommen, die offensichtlich von Ihrem Stil beeinflusst sind. Das schlägt sich mal in der traumähnlichen Stimmung nieder, mal in einem mystischen Zugang zur Natur. Nervt Sie so was?

Nein, ganz im Gegenteil. Mir ist das gar nicht aufgefallen, aber das ist toll. Ich habe mich auch erst von anderen inspirieren lassen und erst später meine eigene Stimme gefunden.

Es ist auch interessant zu beobachten, dass es zwar formale Gemeinsamkeiten gibt, die Textur aber eine andere ist. Sehr prägnant in Ihren Filme finde ich zum Beispiel die Tonspur. Da tauchen oft sehr alltägliche Geräusche auf – wie das Rauschen des Windes oder das Brummen eines Ventilators –, die aber einen sehr eigenen und komplexen Klang haben. Beschäftigen Sie sich intensiv mit solchen Sounds?

Uncle Boonmee erinnert sich an seine fru  heren Leben

Ja, schon. Vor zehn Jahren habe ich aufgehört, Musik zu hören. Ich hatte Schwierigkeiten, mich länger darauf zu konzentrieren. Stattdessen genieße ich lieber die Geräusche in der Umgebung, so wie hier in diesem Café. Ich glaube, dass das ein Resultat meiner Meditationspraxis ist. Sie schärft die Aufmerksamkeit für solche Kleinigkeiten. Und ich habe auch einen wirklich guten Sound-Designer, mit dem ich schon lange zusammenarbeite. Ich kenne mich nicht so gut mit diesen Pro-Tools-Programmen aus, aber er weiß, dass ich bestimmte Wellenlängen und Frequenzen mag. Ich habe auch selbst mehrere Field Recorder zu Hause, mit denen ich Geräusche sammle, bin da aber nicht so obsessiv.

Wie wichtig ist es für Sie, die Bilder für die Filme auszuwählen?

Das ist bei jedem Projekt anders. Bei Cemetery of Splendour hatte ich die Bilder bereits vorher im Kopf. Wir haben auf sehr kontrollierte Weise gearbeitet: Mein Kameramann und ich haben Locations gesucht und ein Storyboard erstellt. Diese präzise Arbeitsweise hat vermutlich damit zu tun, dass es sich bei dem Schauplatz – dem nordthailändischen Khon Kaen – um meine Heimatstadt handelt. Es war für mich so, als müsste ich nur einen Traum verwirklichen, den ich schon mal hatte.

In Ihren Kunst-Installationen haben Sie schon öfters mit Video gearbeitet. Cemetery of Splendour ist nun der erste Spielfilm, der auch digital gedreht wurde. Was denken Sie darüber?

Cemetery of Splendour 1

Es ist ziemlich hässlich. Bei Installationen ist das was anderes, da kann durch Video eine Art von Dringlichkeit und Unmittelbarkeit entstehen. Die Filme sind aber stärker darauf angelegt, im Gedächtnis zu bleiben. Ich war gerade auf einem Festival in Gijón, wo mir eine Retrospektive gewidmet wurde. Dort habe ich Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben und Tropical Malady auf 35mm gesehen, und ich muss sagen: Sie sehen einfach schön aus. Es zieht dich regelrecht in den Film hinein. Digitales Kino ist da ganz anders. Aber obwohl es hässlich ist, hat es auch sein eigenes Wesen. Man empfindet diese Entwicklung vielleicht ähnlich wie Menschen, die früher den Übergang vom Stumm- zum Tonfilm oder vom Schwarzweißfilm zum Farbfilm miterlebt haben. Immerhin waren das alles wichtige Veränderungen. Ich denke, auch wenn wir erst mal nicht so glücklich mit dieser Entwicklung sind, sollten wir sie feiern. Sie wird Teil der Geschichte sein.

Stimmt es, dass Sie Ihren nächsten Film außerhalb Thailands drehen wollen?

Mein Traum wäre es, in Südamerika zu drehen. Ich habe schon als Kind von Maya-Tempeln fantasiert. Durch meine Festivalreisen war ich später auch mehrmals dort, habe Freundschaften geschlossen und mich mit der Geschichte und auch der Brutalität dieser Länder beschäftigt. Das Schöne daran ist, dass ich dort auch über Thailand nachdenken kann, aber aus einer anderen Perspektive. Vielleicht werde ich auch einige meiner Schauspieler mitnehmen, wenn es so weit ist. Aber es ist noch zu früh, um darüber zu sprechen.

Können Sie von Ihren Filmen eigentlich leben?

Fever Room 1

Nicht von den Filmen, aber von meinen Arbeiten für den Kunstbetrieb. Ich bin in der glücklichen Position, beides machen zu können. Für mich sind die unterschiedlichen Disziplinen aber gleich wichtig, unabhängig vom Geld. Es sind natürlich verschiedene Formen, sich auszudrücken, auch wenn beide Bereiche etwas mit bewegten Bildern zu tun haben. Für mich ist es sehr interessant, die Unterschiede zwischen dem Kino, wo die Zuschauer sehr passiv sind, und Ausstellungen, wo sich das Publikum in einem wacheren Zustand befindet, sich frei im Raum bewegen kann und intellektuell stärker in das Werk integriert ist, zu beobachten. Da sich der Betrachter in meinen Installationen weniger auf die Narration verlassen kann, muss er mehr von seinen eigenen Erfahrungen einbringen, um ihren Code zu knacken.

Wie ist das mit anderen Disziplinen? Gerade haben Sie doch eine Theaterinszenierung gemacht?

Fever Room 2

Sie heißt Fever Room und hatte letzten September in Südkorea Premiere. Es ist eine Art Fortsetzung zu Cemetery of Splendour mit denselben beiden Hauptdarstellern. Sie teilen im Traum Bilder und tauschen sich über ihre vergangenen Leben aus. Die Performance besteht aus einer Projektion und Scheinwerfern. Es ist also ein zweidimensionaler Film, der sich in einem dreidimensionalen Raum fortsetzt. Die Schauspieler sind bei den Aufführungen aber nicht anwesend.

Das klingt eher nach einer Fortsetzung Ihrer Kunst-Installationen.

Schon irgendwie, aber es hat dieses seltsame Muster. Am Anfang gibt es eine Erzählung, die sich aber langsam auflöst. Und dann verschwindet die Leinwand, und es bleibt nur noch das Licht. Es ist eher wie ein Konzert, aber sehr abstrakt. Ich wollte damit zeigen, was in unserem Geist passiert, wie wir Informationen verarbeiten.

Wenn Sie nicht gerade auf einem Festival sind, Dreharbeiten haben oder eine Inszenierung vorbereiten, wie sieht Ihre tägliche Arbeitsroutine aus?

Blissfully Yours

Ich versuche, viel Zeit mit meinen Hunden zu verbringen. Ich habe drei schwarzweiße Boston Terrier, die Dracula, King Kong und Vampire heißen. Meistens läuft es so, dass ich ein paar Stunden am Morgen arbeite, dann meditiere, anschließend wieder ein bisschen arbeite und mich dann meinen Hunden widme. Gerade weil ich verschiedene Projekte am Laufen habe, brauch ich viel Selbstdisziplin. Aber ich liebe es zu arbeiten, wobei das nicht immer so war. Bei Tropical Malady ging es zum Beispiel zu wie auf einem Schlachtfeld. Da war ich sehr streng und habe ständig herumgeschrien. Früher war ich beim Drehen sehr gestresst. Erst mit der Zeit habe ich realisiert, dass das eigentlich der glücklichste Moment sein sollte. Heute versuche ich, ein Picknick daraus zu machen und es zu genießen. Cemetery of Splendour hat sich tatsächlich wie ein Urlaub angefühlt. Ich finde, man kann das auf alle Tätigkeiten übertragen: Man sollte mehr im Moment sein und versuchen, weniger vorauszuplanen.

Ich habe mich das gefragt, weil man die Figuren in Ihren Filmen fast nie beim Arbeiten sieht.

Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Es hat sicher mit meiner Erfahrung zu tun, dass ich die Leute lieber beim Mittagessen oder während ihrer Freizeit zeige. Ich arbeite meistens von zu Hause. Erst wenn ich abends rausgehe, habe ich mit anderen Leuten zu tun.

Warum arbeiten Sie hauptsächlich mit Laiendarstellern?

Weil sie billiger sind. (lacht) Nein, Scherz beiseite. Das Gute an ihnen ist, dass sie sich viel Zeit nehmen. Und ich brauche diese Zeit. Es geht dabei gar nicht nur um Proben, sondern darum, dass wir etwas zusammen erleben. Häufig formen solche Erfahrungen das Drehbuch. Was ich an diesen Leuten mag, ist, dass sie keine alternativen Identitäten in anderen Filmen haben. Ihr Leben ist schon für sich schön. Wenn ich Darsteller suche, brauche ich jemanden mit einer starken Persönlichkeit, aber auch mit Erfahrungen, die ich nicht habe. Das ist eine gute Voraussetzung, um etwas miteinander teilen zu können.

Immer wieder trifft man in Ihren Filmen Soldaten – Ihr Stammschauspieler Banlop Lomnoi zum Beispiel spielt einen in Tropical Malady und in Cemetery of Splendour. Dabei geht von diesen Figuren eine starke erotische Anziehungskraft aus. Bei vielen Schwulen stehen Uniformen ja hoch im Kurs, aber während diese Faszination bei den meisten Westeuropäern nichts mit dem eigenen Leben zu tun hat, leben Sie in einer Militärdiktatur.

Primitive

Ich habe dazu eine seltsame Beziehung. Das Militär ist bei uns eine wichtige Institution, die immer starken Einfluss auf das politische und gesellschaftliche Leben genommen hat. Zu Uniformen fühle ich mich hingezogen, weil sie für mich ein Symbol von Männlichkeit sind. Über die Jahre hat sich mein Interesse daran aber verändert. Bei meinem neuen Film habe ich das Gefühl, dass der Soldat gar nicht mehr so weit von mir entfernt ist. Vielleicht ist sogar ein Teil von mir in ihm.

Es ist auch auffällig, dass Ihre Soldaten in Ihren Filmen selten typische Soldaten-Sachen machen. Meistens hängen sie nur ab, spielen Fußball oder schlafen.

Ja. Sie sind eigentlich nur da, um Uniformen zu tragen. (lacht)

Am Sonntag, den 6.12. läuft Cemetery of Splendour noch einmal um 21:30 Uhr auf dem Berliner Festival In 14 Films Around the World. Am 14. Januar startet der Film dann in den deutschen Kinos. 

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