„Ich bin nicht für das Wohlergehen der Zuschauer zuständig.“

Interview mit Ulrich Seidl

Das Heimspiel Filmfest Regensburg widmet dem österreichischen Regisseur Ulrich Seidl eine Werkschau. Im Interview spricht er über seinen Werdegang als Regisseur, seine Haltung zu Figuren und Publikum sowie die notwendige Sehnsucht nach der unmöglichen Freiheit.

Sie haben einmal sinngemäß gesagt, Kunst habe nichts mit Demokratie zu tun. Wie viel Autorität brauchen Sie als Regisseur?

Ulrich Seidl Interview Teaser

Ein Filmprozess kann kein demokratischer Prozess sein, genauso wenig wie das Theatermachen. Natürlich arbeiten unterschiedliche Leute im besten Sinne für das, was dabei herauskommt, aber letztendlich muss einer Entscheidungen treffen. Das hat mit Autorität im negativen Sinne nichts zu tun, es ist einfach eine Tatsache. Man hört das nur nicht gern, weil heutzutage ja alles demokratisch sein muss. Vielleicht kann man auch in einer Gemeinschaft den einen oder anderen Film machen, aber für mich kommt das nicht in Frage.

Welches Verhältnis haben sie dann zu Schauspielern? Sie wirken auf mich nicht wie jemand, der bereit ist, Eitelkeiten und Animositäten seitens Ihrer Schauspieler hinzunehmen.

Da haben Sie ganz Recht. So etwas ist von Schauspielern wirklich unangebracht. Ich verlange von meinen Schauspielern, dass sie bereit sind, das alles hinter sich zu lassen. Es geht darum, dass man als Schauspieler auch die Hosen herunterlässt. Und sich selber als Mensch in eine Rolle einbringt. Das versuche ich selber auch, in Verbindung mit Laienschauspielern: dass man nicht nur seine Profession mitbringt, sondern sein ganzes Sein in eine Rolle hineinlegt. Da hat Eitelkeit nichts zu suchen, ganz einfach.

In Ihren Filmen gibt es keine comfort zone, keinen Bereich, in dem sich der Zuschauende einrichten kann, den er sich zu eigen machen kann. Man ist nackt, ausgeliefert und kann nicht wegsehen. Denken Sie beim Drehen oder Schneiden darüber nach, wie sich Ihre zukünftigen Zuschauer fühlen?

Paradies Hoffnung 02

Nein. Wie soll man sich in ein anonymes Publikum hineinversetzen? Man kann sich noch nicht einmal in einen nächsten Menschen hineinversetzen, und jeder sieht Filme ja auch anders, jeder Mensch im Publikum sieht einen anderen Film. Ob mich diese oder jene Szene mitnimmt, ob sie mich verstört, ob ich sie abstoßend oder lustig finde, das hat immer mit mir selbst zu tun. Ich kann deshalb nicht an ein Publikum denken. Ich arbeite mit meinen Sinnen und meinen Gefühlen und bin der erste Zuschauer meines Films. Und diese Einfühlsamkeit braucht es, sonst würden die Filme nicht funktionieren.

Einfühlsam ist vielleicht ein gutes Stichwort, denn ich finde, Ihre Filme haben auch ein sehr soziales Moment. Sie verzichten auf Fremdbilder, auf viele gewohnte visuelle Klischees und stellen den Menschen in all seiner Uneindeutigkeit vor die Kamera. Dadurch entsteht auch eine starke Empathie.

Ich bin am Menschen interessiert, sonst könnte ich meine Filme auch gar nicht durchstehen. Es ist oberflächlich, wenn manche Leute meinen, ich hätte einen kalten Blick. Das Gegenteil ist der Fall. Ich bereite die Filme sehr lange vor, ich beschäftige mich mit den Schicksalen, mit den Milieus und nehme daran wirklich teil, sonst könnte ich das danach gar nicht umsetzen. Aber ich versuche, sie nicht zu bewerten. Wenn man einen Menschen vor sich hat, egal ob mit Kamera oder ohne, findet man immer manche Dinge sympathisch, manche nicht, das ist nie eindeutig. Und wenn ich zum Beispiel den Herren im Nazikeller vor mir habe, dann habe ich auch ein gerades Verhältnis mit ihm. Ich habe im Vorfeld oft mit ihm in seinem Keller gesessen, mit ihm getrunken und geplaudert. Der hat sympathische Seiten, das kann auch mein Filmteam bestätigen. Aber trotzdem ist das, was er tut, höchst fragwürdig, und jeder, der den Film sieht, findet das entweder abstoßend oder nicht.

Entsteht für Sie das Leben immer aus einem Kampf oder zumindest einem Konflikt? Und wenn ja, gilt das auch für Ihre Filme?

Im Keller 03

Jegliche Art von Kunst beschäftigt sich mit Konflikten, seien es die eigenen Konflikte, die der anderen oder zwischenmenschliche Konflikte. Das gibt der Kunst ihren Sinn. Man schaut mit seinem eigenen Blick darauf und gibt diesen weiter, damit andere damit etwas anfangen können. Es muss um etwas gehen, mich interessiert es nicht, wenn es um nichts geht.

Haben Sie deshalb so eine große Angst vor Romantik, Kitsch und all diesen Dingen?

Sagen wir, ich bin dafür nicht zuständig (lacht). Und ich bin auch nicht dafür zuständig, dass sich der Zuschauer im Kino wohlfühlt. Abgesehen davon, dass meine Filme – das weiß ich ja auch – mitunter sehr lustig sind, soll es nicht so sein, dass man ins Kino geht, konsumiert, wieder rausgeht und gleich alles vergessen hat. Es gibt sowieso schon zu viele Dinge, die einfach nur konsumiert werden. Es fehlt an Filmen und anderen Dingen, bei denen der Mensch auch gefordert wird.

Ich habe mir heute Vormittag Ihren Film Paradies: Hoffnung angeschaut und mir ist ein Begriff nicht aus dem Kopf gegangen, und zwar der Begriff der Disziplin. Was verbinden Sie damit?

Paradies Hoffnung 03

Bei diesem Film hat das natürlich inhaltliche Gründe. Man weiß, dass eine Therapiemethode für süchtige Menschen darin besteht, sie in einem bestimmten Rahmen irgendwohin zu verfrachten und mit härtester Disziplin zu versuchen, sie zu therapieren. Ansonsten bin ich selbst ein sehr disziplinierter Mensch. Ich habe Disziplin in Internatsschulen gelernt und in meinem Elternhaus. Das war keine leichte Schule, aber jetzt hilft es mir im Leben. Aber viele Leute wollen davon nichts hören. Es ist ein Begriff, der auch in Verruf ist, und das zu Recht. Aber wenn man wirklich etwas verfolgt, als Künstler oder als Musiker, wenn man es wirklich zu etwas bringen will, dann hilft nur Disziplin. Die Begabung allein, das reicht nicht. Aus seinem Talent etwas zu machen, ist harte Arbeit. Hinter jedem Schriftsteller und Künstler steckt eiserne Disziplin. Das gilt für alle Berufe.

Ihre Filme zeigen meist völlig ohne Wertung, was Menschen anderen Menschen antun, im Guten wie im Grausamen. Können Filme solche Realitäten besonders gut vermitteln?

Der Film ist dafür ein geeignetes Medium, weil er sehr nah an der Realität sein kann und mit ganz unterschiedlichen Mitteln arbeitet. Das kann die Fotografie zum Beispiel nicht, die deckt dann nur ein Spektrum ab, nur einen Moment. Ich sehe auch viel aus einem fotografischen Blickwinkel, aber wenn man ein Foto betrachtet, dann ist das doch sofort etwas Vergangenes. Da fehlt mir das Gefühl, dass das alles jetzt gerade passiert. Obwohl das beim Film ja auch nicht stimmt. Aber man hat wenigstens den Eindruck, unmittelbar dabei zu sein.

Gerade in Ihren Filmen hat man diesen Eindruck sehr häufig. Und die Figuren bewegen sich oft wie in einem Käfig, sie treten auf der Stelle, kreisen um sich selbst, allein wie in der Gruppe. Dann kommt vielleicht ein Ausbruch oder ein Zusammenbruch. Glauben Sie, dass diese Sehnsucht nach einem anderen Leben, nach Freiheit, eine Illusion ist?

Im Keller 04

Man muss daran glauben. Wenn man leben will, wenn man seinem Leben auch eine Würde geben will, dann muss man gegen das Unmögliche kämpfen, und das Scheitern ist immer da. Aber man braucht die Illusion. So wie man die Liebe braucht, nach der man sich sehnt, aber auch immer wieder daran scheitert. Es bleibt einem nichts anderes übrig.

Nun sind Sie zu Gast in Regensburg beim Heimspiel Filmfest, das ihnen dieses Jahr eine Werkschau widmet. Was hat sich in Ihrem Leben rückblickend am meisten verändert seit sie Filme drehen? Denn das tun Sie ja mittlerweile seit über 30 Jahren.

Die Akzeptanz hat sich sicher verändert. Ansonsten war es ein sehr schwieriger, aber konsequenter Weg mit vielen Enttäuschungen. Das war schon zu Beginn so. Ich habe sehr lange gebraucht, bis ich mir zugestehen konnte, diesen Beruf zu ergreifen und es zu versuchen. Dann habe ich die Wiener Filmschule nach zwei Jahren abgebrochen, man könnte auch sagen, ich bin hinausgeflogen. Und dann hat es wieder sieben Jahre gedauert, bis ich meinen ersten Kinofilm machen konnte. Die ersten Filme waren zwar international sofort ein Durchbruch, andererseits wurde ich lange angefeindet. Da hat sich mittlerweile viel verändert. Es hat eine Zeit gegeben, da wollten Leute mir das Handwerk legen. Da wurde mir prophezeit, dass ich in diesem Land keine Filme machen werde. Und heute ist es umgekehrt. Man muss auch viel Glück haben. Es gibt viele sehr wertvolle Filme, die keinen Erfolg haben. Andererseits gibt es genug Filme, die man gar nicht braucht, nicht? (lacht)

Welches Thema treibt Sie momentan am meisten um?

Im Keller 06

Ich bin ein Mensch, der in diesen Bahnen von Nachrichten lebt. Und was man da so tagtäglich aufnimmt, da kann man eh schon fast nicht mehr leben. Es sind so viele Umwälzungen im Gange, dass man sich wirklich fragt, wie das halbwegs gut ausgehen soll.

Apropos halbwegs gut ausgehen: Ich würde Ihnen gerne eine letzte persönliche Frage stellen. Hat sich Josef Bierbichler nach ihrer Tour durch Kiew eigentlich noch mal bei Ihnen gemeldet?

Ja, ich habe ihn danach mal besucht in seinem Haus am See. Das hat eine lange Geschichte, es ist das Haus seiner Eltern und der Achternbusch hat dort lange mit der Schwester vom Bierbichler gelebt, mit der er ja zusammen war. Das beschreibt Bierbichler auch alles sehr schön in seinem Roman Verfluchtes Fleisch. Also ich mag ihn sehr, wir sehen uns leider nicht so oft.

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