„Ich beneide Uncle Boonmee“

Apichatpong Weerasethakul über seinen neuen Film und das große Bedürfnis nach Erinnerung.

In seinen Filmen lässt Apichatpong Weerasethakul die Zuschauer auf seinen sehr persönlichen Erinnerungspfaden folgen, die immer wieder durch das Dickicht des Dschungels seiner thailändischen Heimat führen. In seinem neuen Film Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben (Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives, 2010), mit dem er in diesem Jahr die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat, erzählt er von einem Mann, der sich noch besser als er selbst erinnern kann. Mit critic.de hat Apichatpong Weerasethakul über sein großes Bedürfnis nach Erinnerung gesprochen.

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critic.de: Was ist Ihre erste Erinnerung an das Kino?
Apichatpong Weerasethakul: Ich erinnere mich vor allem noch an diesen großen Vorhang im Kino in Khon Kaen, der vor jeder Vorstellung ganz langsam aufgezogen wurde. Das war schon an sich ein großes Ereignis für mich als Kind. Als betrete man einen Traum.

Haben Sie noch Erinnerungen an die ersten Filme, die Sie gesehen haben?
Ich erinnere mich weder an den Titel noch an die Handlung des Films, aber ich sehe noch sehr genau dieses Bild vor mir von einem Helikopter über dem Meer, der Geldscheine verliert. Das war unglaublich schön, diese kleinen Papierscheine wie Vögel über den Himmel und das Meer fliegen zu sehen.

Ohne natürlich zu wissen, was Geld überhaupt bedeutet ...
Natürlich nicht! (lacht)

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Wie erinnern Sie sich überhaupt an Filme?
Ich erinnere mich nur sehr selten an den Plot. Es sind bestimmte Szenen, einzelne Versatzstücke, an die ich mich erinnern kann.

Kann das ein Grund dafür sein, warum Ihre eigenen Filme oftmals auch wie die Abfolge einzelner Erinnerungen erscheinen? Plot driven sind sie nicht gerade ...
Ja, das kann schon sein. Ich möchte bestimmte Gedankenketten sichtbar werden lassen. Und manchmal sind diese weniger, manchmal stärker linear. Aber ich interessiere mich wahrscheinlich tatsächlich stärker für Multiversen als für Universen. In Uncle Boonmee gibt es ja auch sehr unterschiedliche Zeitebenen.

Die auch auf sechs unterschiedliche Filmrollen belichtet wurden ...
Dafür habe ich mich einerseits entschieden, um dem Zelluloid Tribut zu zollen, und andererseits eben, um den Film in verschiedene Zeiteinheiten einzuteilen: Die erste Filmrolle entspricht am ehesten meiner bisherigen Arbeitsweise. Man sieht lange Einstellungen im Wald, an der Dialysemaschine und dann eine Autofahrt. Die zweite Filmrolle ist eine Hommage an die alten thailändischen Fernsehfilme meiner Kindheit. Die dritte Filmrolle ist eher dokumentarischer Natur. Die vierte Rolle lehnt sich an die Kostümfilme des alten thailändischen Kinos an. Die fünfte Filmrolle zeigt den Dschungel und erinnert eher an die Abenteuer- und Comicbücher meiner Jugend. Im Hotelzimmer auf der sechsten Rolle wird die Zeit dann wieder nahezu dokumentarisch behandelt. Für mich laufen alle sechs Rollen parallel zueinander.

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Jede der Rollen erinnert also auch an eine bestimmte Art und Weise, Filme zu machen ...
Ja, ich wollte meine eigenen Kinoerinnerungen zusammenführen. Natürlich sind da bestimmte Referenzen zum Avantgardekino enthalten, etwa zu Chris Marker oder Antonioni. Aber auch Erinnerungen aus meinen eigenen Kinofilmen kommen hier zusammen, wenn einzelne Figuren wieder auftauchen. Oder aber es ist vielleicht umgekehrt, und Uncle Boonmee wird von den vorherigen Filmen erinnert. Es geht mir eigentlich um einen sehr einfachen Gedanken: dass Film eine Zeitmaschine ist. So einfach ist das!

Wollen Sie, indem Sie diese Bezüge zu anderen und den eigenen Filmen herstellen, die Erinnerung des Zuschauers aktivieren?
Nein. Ich möchte mich selbst erinnern können (lacht). Aber natürlich ist es schön, wenn der Zuschauer selbst sich an einzelne Figuren erinnert und sich in diesem Universum auszukennen beginnt. Im Grunde sind diese Referenzen aber für mich selbst da.

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Godard sagte: „Ohne das Kino hätte ich keine Geschichte gehabt.“
Das sehe ich ähnlich. Wir können mit dem Kino Geschichte schreiben. Aber nicht so sehr im historischen Sinne, sondern viel eher so, dass wir Parallelwelten eröffnen. Ich war und bin ein sehr introvertierter, scheuer Mensch. Durch die Kameraaugen aber kann ich Kontakt zur Welt aufnehmen und überhaupt erst ins Sein kommen.

Machen Sie Kinofilme, um sich besser erinnern zu können?
Wahrscheinlich schon. Ich glaube, ich will mit meinen Filmen Erinnerungen nachahmen, simulieren. Deswegen beneide ich Uncle Boonmee wirklich, der behauptet, sich an seine unterschiedlichen Leben über den Zeitraum von Jahrhunderten erinnern zu können. Unser Geist ist nicht so stark, unsere Fähigkeit, uns zu erinnern, ist viel geringer.

Wie kann das Kino dabei helfen?
Wir benutzen das Kino, um Träume und Erinnerungen zu konstruieren, die aber natürlich alle von der Realität ausgehen. Das gibt uns auch die Möglichkeit, sehr genau auszuwählen, woran wir uns erinnern wollen und woran nicht. Was dabei herauskommt, ist im Idealfall eine sehr subjektive Erinnerung. Vielleicht könnte man sogar von einem parallelen Leben sprechen, das sich teils aus Fiktion, teils aus wahrhaftigen Erfahrungen zusammensetzt.

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Inwiefern unterscheiden sich Traum und Erinnerung voneinander?
Träume suchen uns auf, wenn wir uns in einem unbewussten Zustand befinden. Diese Träume können wir nicht kontrollieren. Das Erinnern hingegen ist ein ganz aktiver Vorgang. Wir versuchen ganz bewusst, uns an bestimmte Dinge zu erinnern, oder unterdrücken jene Erinnerungen, die wir lieber nicht hochkommen lassen wollen. Manchmal kommen diese unterdrückten Erinnerungen dann wiederum in einem Traum zu uns.

Gabriel Garcia Marquez sagte: „Meine Erinnerung ist vollkommen klar, aber sie kann unmöglich wahr sein.“
... ja, genau so funktioniert das Kino doch! Und genau deswegen hat unser Erinnerungsvermögen auch etwas mit dem Kino zu tun. Unsere erste Erinnerung an unseren Freund oder unsere Freundin zum Beispiel ist doch immer eine kinematische. Wir erinnern uns in Zeitlupe an die Hand oder die Geste, wie er oder sie die Brille vom Nachtisch aufhebt. In meinen Filmen versuche ich eigentlich beides ineinander zu spiegeln: die Erinnerungen zu Filmen werden zu lassen und mit dem Kino über das Erinnern nachzudenken.

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Hilft Meditation dabei, der Erinnerung näher zu kommen?
Ich denke schon. Über das Meditieren können wir mit der Erinnerung umgehen lernen. David Lynch kann dazu sicher mehr erzählen (lacht). Generell wird Meditation unterschätzt. Wir gehen jeden Tag unter die Dusche, aber wir vergessen oft, unseren Geist und unsere Seele reinzuwaschen.

Gibt es Dinge, an die Sie sich nicht erinnern wollen? Und ist es überhaupt möglich, zu vergessen?
Ich möchte mich immer erinnern können. Ich glaube, dass in dem Moment, wo wir uns nicht an Dinge erinnern wollen, die Erinnerung verschwindet. Und daran will ich mich nicht erinnern können! (lacht)

Video-Interview bei Cine-Fils.com

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