„Film ist kein Werkzeug zur Geschichtsvermittlung“

Interview mit Pablo Larraín über Politik als Produkt, trügerische Erinnerungen und die Video-Ästhetik der 80er Jahre

Larrain Interview 02

Mit ¡NO! liefert Regisseur Pablo Larraín einen fulminanten Abschluss seiner Trilogie über Episoden aus Chiles Geschichte (Tony Manero, 2008; Post Mortem, 2010). In dem formal berauschenden Film gibt Gael García Bernal einen junggebliebenen, Skateboard fahrenden Publicity-Experten, der sich mit einer Werbekampagne 1988 für das Ende der Militärdiktatur Pinochets in Chile einsetzt. Mit einem ungewöhnlichen Kniff verbindet Larraín historisches Material der damaligen Werbekampagne mit dem Spielfilm über dessen Entstehung: Der gesamte Film erstrahlt im Video-Look des damaligen Fernsehens (siehe Filmkritik).

critic.de: In Ihrem Film drängt sich durch die Arbeit des PR-Beraters eine Parallele zwischen der Bewerbung von Konsumgütern und Politik auf. Kann man Politik als Produkt begreifen?

NO - Plakat

Pablo Larraín: Ich glaube nicht, dass Politik ein Produkt ist. Das Problem ist vielmehr, dass sie zum Produkt umgewertet, gleichsam als Produkt verkauft werden kann, wenn sich die politische Diskussion beispielsweise mit der Logik der Werbung und des Marketings vermischt. Manchmal kann das auch sehr nützlich sein, denn Werbung ist eine Technik, die es möglich macht, komplexe Zusammenhänge in kurzen Zeitspannen transparent zu machen. Wenn man diese Techniken auf positive Weise einsetzt, kann das sogar sehr hilfreich sein. Man denke an die Wahlkampfkampagne Obamas, die mit prägnanten Slogans wie „Yes we can“ oder „Hope“ agierte. Das sind ganz einfache Konzepte, die sehr viel aussagen können. Meistens ist es allerdings so, dass politische Werbekampagnen sehr gefährliche Methoden durchschimmern lassen, weil sie darauf zielen, etwas zu verkaufen, als würde man eben irgendein Produkt bewerben. Dabei geht es aber um das Schicksal eines Landes.

Ich finde es enorm interessant, dass Wörter von Tag zu Tag weniger bedeuten, und diese Entwicklung ist sicherlich auf die Werbung zurückzuführen. Durch die sozialen Netzwerke und die unzähligen Fernsehsender, die durchgehend Werbung transportieren, ist es heutzutage schwierig geworden, noch zu den Menschen durchzudringen. Die politischen Werbestrategien lassen häufig nichts unversucht, um entsprechend viele Wählerstimmen zu bekommen. Sie bedienen sich sämtlicher Mittel und Möglichkeiten der Werbung. Eine Anzeige verspricht beispielsweise, dass der Kauf eines Fernsehers dein Leben verändert. Du liest das und denkst nicht groß darüber nach, du gehst einfach daran vorbei. Bei politischen Werbeplakaten ist das nicht anders: Sie versprechen genauso, dass sie dein Leben verändern, und du gehst ebenso gleichgültig daran vorbei. Diese Wörter bedeuten nichts mehr. Es ist also eine große Herausforderung, mit einem Slogan noch Inhalte zu transportieren.

Sie sagen, dass Wörter immer mehr an Wert verlieren. Aber wie steht es um Bilder, die doch hilfreich dabei sein können, gewisse Dinge aus der Vergangenheit nicht zu vergessen?

Larrain Interview 03

Denken wir nochmal an den US-Wahlkampf letztes Jahr. Viele hatten den Eindruck, Romney sei souveräner gewesen. Obama war nervös und unsicher. Aber wie steht es um die Ideen dahinter? Niemand hat sich wirklich damit auseinandergesetzt. Das ist genau die Gefahr, die von der Werbung ausgeht, dass man nämlich zu viel Wert auf das Visuelle legt und zu wenig auf das Inhaltliche. Die Logik des Werbebildes will ein Produkt verkaufen, und wenn wir Wahlkampfbilder unter dieser Logik lesen, wenn wir uns fragen, welche Hautfarbe hat ein Kandidat, ist er groß oder klein, kommt er aus der Oberschicht oder nicht, könnte er homosexuell sein, dann geraten wir auf die falsche Bahn.

Gibt es Unterschiede oder Gemeinsamkeiten zwischen Politikern und Schauspielern?

Die Aufgabe für uns Wähler ist die, genau zu erfassen, wer einfach nur etwas verkaufen will und wer ein wirklich seriöses politisches Programm vertritt. Dieses Problem sollten Politiker in den Griff bekommen, aber meistens kümmern sie sich nicht darum, denn wenn es um Wählerstimmen geht, ist oft jedes Mittel recht. Die Verantwortung liegt also beim Wähler selbst. Mein Film soll zeigen, wie wichtig ein politisches Bewusstsein ist. Die Verantwortung abzugeben, andere für sich wählen zu lassen und nicht an der Demokratie teilzunehmen, ist in höchstem Maße gefährlich.

In vielen Interviews sprechen Sie davon, sich in die Geschichte hineinzugraben. Ist der Film ein Mittel, diese Metapher zum Leben zu erwecken?

Larrain Interview 04

Ich habe drei Filme gemacht, die das versuchen, ¡NO! ist der letzte. Ich wollte eine Atmosphäre schaffen, durch die die Vergangenheit wieder spürbar wird, und ich glaube, der Film ist dazu auf jeden Fall imstande. Wenn meine Filme ins Kino kommen, fragen sich die Leute oft, warum ich diese oder jene Perspektive gewählt habe oder warum mich dieses oder jenes Thema interessiert und andere unberührt bleiben. Das hat damit zu tun, dass jeder seine eigene Vorstellung von der Vergangenheit hat, aber genau das finde ich interessant. Problematisch wird es, wenn die Menschen ihre Perspektiven über die Vergangenheit in einem Film bestätigt sehen wollen. Ein Film ist ein Kunstwerk, das aus persönlichen Ansichten und Erinnerungen entsteht. Er ist eine subjektive, arbiträre Kunst, und er kann immer nur die Reflexion des Filmemachers enthalten. Kein Film, der ein historisches Thema wählt, könnte jemals lehrreich sein. Ich glaube, wir Filmemacher bewegen uns mehr in einem allegorischen oder metaphorischen Bereich, insofern ist der Film kein Werkzeug, um Geschichtliches zu vermitteln.

Es geht also darum, die Geschichte neu zu überdenken, sie für die Zukunft produktiv zu machen oder aus der Vergangenheit heraus zu retten?

No 01

Genau! Wenn ich versuche, eine Situation zu rekonstruieren, die 25 Jahre entfernt liegt, versuche ich darüber nachzudenken, was die Menschen damals dachten, fühlten oder träumten. Diese Form des Wiederauflebens der Geschichte finde ich wunderschön. Intellektuelle Argumente interessieren mich nicht, mir geht es darum, zu fragen, warum die Menschen dieses taten und jenes dachten. ¡NO! sollte so etwas wie ein Spiegel sein, nicht, weil er die Realität vorführt, wie sie war, sondern vielmehr begriffen als Zerrbild.

Ist also das Filmemachen in der Lage, die Vergangenheit zu reaktivieren?

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Ich glaube, die Vergangenheit existiert in dieser Form nicht. Manchmal fühlt es sich an, als gäbe es keinen Unterschied zwischen einem vergangenen Tag und 25 vergangenen Jahren. Wenn ich einen Film mache, denke ich nicht so sehr vom heutigen Standpunkt darüber nach, was gewesen ist, ich versuche mir selbst die Perspektive derer, die damals lebten, anzueignen. Ich möchte herausfinden, wie die Menschen damals dachten, und natürlich laufen alle diese Ideen durch den Filter der eigenen Sichtweise, dagegen kann man nichts machen. Manchmal gelingt es, einen speziellen Moment nachzuempfinden, und selbst wenn er nur eine Sekunde Wahrheit enthält, kann das schon wunderbar sein. Wir haben lange und oft mit den Menschen gesprochen, die damals die No-Kampagne gegen Pinochet gestartet haben, und es war sehr interessant, wie sie alle unterschiedliche Erinnerungen zu denselben historischen Begebenheiten hatten.

Es gibt ein schönes Zitat von Gabriel García Márquez, der gesagt hat: „Meine Erinnerung ist vollkommen klar, aber sie kann unmöglich wahr sein.“ Glauben Sie, dass die Erinnerung eher im Bereich der Fiktionen oder im Bereich der Realität zu fassen ist?

Ich glaube, Erinnerungen geben ständig vor, auf eine Weise real zu sein, aber dadurch, dass sie immer an die eigene Erfahrung und Perspektive gebunden sind, gehören sie für mich eher in den Bereich der Fiktionen. Wir Menschen können die Realität nicht eins zu eins abspeichern oder aufzeichnen. Für uns ist das immer etwas Emotionales, aber das ist doch gerade die Schönheit unseres Daseins. Sobald man versucht, sich an etwas so zu erinnern, wie es wirklich war, wird man sehr schnell in Schwierigkeiten geraten.

Heißt das, dass das Vergessen durchaus auch eine Stärke ist?

No 06

Ich glaube, die Erinnerung ist notwendig, um nicht zweimal den gleichen Fehler zu machen. Ich möchte Pinochet und die Leiden, die er verursacht hat, nicht vergessen, genauso, wie ihr in Deutschland auch das „Dritte Reich“ nicht vergessen wollt. Gesellschaften lernen durch diese Erinnerungen dazu, sie erkennen das, was niemals wieder vorfallen darf.

Zurück zu der Frage nach der Fiktion: Der Begriff der Geschichte ist ja durchaus zweideutig. Geschichte bedeutet sowohl Historie als auch Fiktion.

Dass diese beiden Bedeutungshorizonte des Begriffs „Geschichte“ sehr eng miteinander verwoben sind, sieht man ja beispielsweise an der Problematik der mündlichen Überlieferung. Immer wird etwas dazu gedichtet oder weggelassen. Als ¡NO! in die Kinos kam, war ich verblüfft über die unterschiedlichen Reaktionen. Jeder hat den Film auf der Grundlage seiner Erfahrung oder seines Wissens gesehen und dabei anders wahrgenommen. Es war faszinierend, wie die Menschen in Kuba vollkommen anders auf unseren Film reagiert haben als die Menschen in Mexiko, und natürlich hat das damit zu tun, dass sie jeweils immer die politischen Umstände im eigenen Land mitreflektieren.

Im Film verwenden Sie Videomaterial. Ist das auch eine Art historisches Bewusstsein?

Larrain Interview 01

Wir haben eine Menge unterschiedliches Material verwendet, dabei haben wir festgestellt, dass die Videoästhetik exakt zu dem passte, was wir ausdrücken wollten: die Art und Weise des Erinnerns. Man erinnert sich nicht einfach bloß an Fakten, sondern man erinnert sich an sie, indem man ihr Aussehen rekonstruiert. Als ich am Set diesen Videolook auf den Monitoren gesehen habe, raste mein Herz. Ich fühlte mich sofort zurückversetzt in die Ästhetik der 1980er Jahre. Ich war überwältigt davon, wie das Bild allein eine spezifische Erinnerung in sich trug. Ich bin gespannt, ob die Filmemacher in 50 Jahren versuchen werden, unsere heutige Gegenwart mit HD-Technologie zu rekonstruieren, obwohl es bereits ganz neue Formen der Aufnahme geben wird.

Übersetzung ins Deutsche: Lukas Stern

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