„Es gibt viele schlechte Menschen da draußen“
Interview mit Mark Wahlberg zu Max Payne
Über den Drang nach Rache, Waffenbesitz und den Glauben an Gott
Die Zeit, in der Mark Wahlberg ein Rapmusiker, Unterhosen-Model und Teenie-Idol war, ist lange vorbei. Spätestens mit seiner Rolle als Pornostar Dirk Diggler in Paul Thomas Andersons Boogie Nights (1997) begann sein Aufstieg als Schauspieler. Bisheriger Höhepunkt: die Oscarnominierung als bester Nebendarsteller in The Departed (2006). Der 37-Jährige, der zuletzt in The Happening und Helden der Nacht (We Own the Night, beide 2007) zu sehen war, blickt auf eine wilde kriminelle Jugend in Boston zurück und saß wegen Körperverletzung im Gefängnis. Heute führt er als gläubiger Katholik und Familienmensch zusammen mit Frau und drei Kindern ein, wie er sagt, „ruhiges Leben“. Am Donnerstag läuft Max Payne in Deutschland an, die Verfilmung eines Videospiels. Mark Wahlberg spielt darin einen Polizisten, der den Mord an seiner Frau rächen will. critic.de hat den Schauspieler in Köln zum Interview getroffen.
critic.de: Nach Shooter und The Departed spielen Sie in Max Payne wieder eine Figur, die Rache nimmt. Mögen Sie Rachefilme?
Mark Wahlberg: Max Payne hat Elemente von Ein Mann sieht Rot (Death Wish, 1974) und auch von Dirty Harry (1971). Der Stil mit seinen Noir-Elementen sieht sehr nach Sin City (2005) aus. Ein Mann sieht Rot war immer schon einer meiner Lieblings-Rachefilme. Es gefällt mir, Charles Bronson zu sehen, wie er durchdreht. Wissen Sie, wenn der Familie etwas angetan wird, dann ist es in Ordnung, wenn im Film alles versucht wird, um Rache zu nehmen, und zwar an allen, die es verdienen. Solche Figuren feuere ich immer innerlich an.
Wie weit würden Sie selbst gehen?
So weit ich müsste. Das ist eine Frage, mit der ich im wirklichen Leben niemals konfrontiert werden will. Ich bin ein Katholik und glaube an Vergebung. Aber nicht, wenn unschuldige Menschen verletzt werden. Menschen, die sich nicht verteidigen können. Da ist für mich die Grenze.
Sie haben schon oft über Ihren Glauben gesprochen. Max Payne ist zwar ein Actionfilm, aber es fällt auf, dass er mit religiösen Bildern aufgeladen ist. Es gibt die Dämonen, die offensichtlich aus der Hölle kommen, es gibt – wenn man so will – eine Art Taufe und Wiederauferstehung, es gibt Max' tote Frau ganz in Weiß, eine Art Kampf am Schluss zwischen Himmel und Hölle. „Ich glaube nicht an den Himmel“, heißt es am Anfang, am Schluss hat sich das geändert. Kann es sein, dass Sie an diesen christlichen Elementen im Drehbuch mehr interessiert waren als an der Action?
Ja, es gibt dieses Element des Glaubens und der Hoffnung in dem Film; die Unfähigkeit, zur Ruhe zu kommen, solange die Verantwortlichen nicht zur Strecke gebracht werden. Da sind viele verschiedene Ebenen enthalten, und je komplexer ein Charakter ist, desto attraktiver ist es für mich, ihn zu spielen. Aber ich mag auch die Action.
Sie würden also nicht sagen, dass Payne Ihre am wenigsten komplexe Rolle bisher ist?
Nein, das würde ich nicht sagen. Da gab es viele andere, die eine Zeitverschwendung waren.
Der Film beruht immerhin auf einem Videospiel.
Ja, das stimmt, und ich war am Anfang etwas besorgt deswegen. Als ich das Drehbuch las, mochte ich es, und erst dann wurde mir gesagt, es basiere auf einem Videospiel. Die Spiele, mit denen ich aufgewachsen bin, hatten keine Story, keinerlei Inhalt. Ich meine, man kann ja keinen Film aus Pac-Man machen. Aber Computerspiele haben sich stark verändert. Max Payne hat eine komplexe Handlung und ist auch als Spiel schon sehr filmisch, sehr unterhaltsam. Ich würde aber nie zulassen, dass meine Kinder es spielen.
Im Nachspann sind viele Pistolen in Großaufnahme und Zeitlupe zu sehen, fast so, als hätte man einen Fetisch inszenieren wollen. Wie stehen Sie zu der Diskussion um Waffenbesitz in den USA?
Es wäre gut, wenn wir all die Waffen wegwerfen könnten. Ich glaube nicht, dass mit Waffen etwas Gutes getan werden kann. Aber wenn man bedenkt, dass es viele gefährliche Menschen gibt, dann brauchen wir ehrliche Leute, die fähig sind, die Unschuldigen zu beschützen. So ist es nun einmal.
Das Recht, Waffen zu besitzen, ist o.k. für Sie?
Als ein verurteilter Straftäter darf ich unglücklicherweise keine Waffen besitzen. Aber wenn das nicht so wäre, würde ich mein Heim und meine Familie beschützen. Es gibt viele schlechte Menschen da draußen.
Als Fernsehproduzent, so konnte man lesen, sind Sie gerade an der Entwicklung einer Comedy-Serie über die Welt der Hedgefonds beteiligt. Was soll daran lustig sein?
Nun, das Projekt ist gerade in der Warteschleife. Es geht dabei nicht so sehr um die Fonds, sondern mehr um eine Gruppe von Freunden, die in dieser Welt arbeiten. Ein bisschen so wie Entourage [Eine Fernsehserie des US-Pay-TV-Kanals HBO um junge Leute in Hollywood, die locker auf Wahlbergs eigenen Erlebnissen aufbaut. Seit 2004 von ihm und seinem Partner Stephen Levinson produziert. Anm. d. Red.].
Die Idee war nicht von der aktuellen Finanzmarktkrise inspiriert?
Nein, gar nicht.
Ihr nächster Film ist The Lovely Bones (dt. In meinem Himmel) von Peter Jackson …
Ja, die Dreharbeiten sind schon abgeschlossen, in ungefähr zwei Wochen werde ich zum ersten Mal den fertigen Film sehen. Mit Jackson zu arbeiten war für mich als Schauspieler eine fantastische Erfahrung. Einen großen Teil der Aufnahmen habe ich bereits gesehen. Ich muss sagen, The Lovely Bones wird wahrscheinlich der beste Film, an dem ich je beteiligt war. Er ist sehr bewegend.
Auch ein Rachefilm?
Nein.
Aber die Hauptfigur verliert ihre Familie, oder?
Nicht ganz. Der Mann, den ich spiele, verliert seine Tochter. Sie wird vergewaltigt und umgebracht. Er ist aber ein Buchhalter, kein Polizist. Die Handlung ist sehr erbaulich, was für viele eine Überraschung sein dürfte, wenn man bedenkt, worum es geht. Der Film gibt den Menschen viel Hoffnung, dass es einen besseren Ort gibt.
Womit wir wieder bei Ihrer Religiosität sind. Sie haben viele unterschiedliche Rollen in sehr unterschiedlichen Filmen gespielt – vom Pornostar über den Cop und den Scharfschützen bis zum Lehrer im Pullunder. Was Sie noch nicht gedreht haben, ist ein Film über das Christentum, zum Beispiel wie Ihr Kollege Mel Gibson, der ebenfalls sehr auf seinen Glauben bedacht ist.
Es gibt einige wenige Filme, bei denen ich gern mitgemacht hätte, wenn man mir die Möglichkeit dazu gegeben hätte. Gibsons Die Passion Christi (The Passion of the Christ, 2004) ist absolut einer davon.
Welche Rolle hätten Sie denn darin spielen wollen?
Da gibt es nur eine: Jesus Christus, das wäre die Rolle (grinst). Es tat mir so leid, was danach mit Gibson passiert ist – Sie erinnern sich, die Verhaftung wegen Trunkenheit am Steuer. Als wenn er in Ungnade gefallen wäre, nachdem er etwas so Großartiges geschaffen hatte. Deshalb muss man jeden Tag stark sein und der Versuchung widerstehen. Drogen und Alkohol machen niemals etwas Gutes aus dir. Aber als ich Die Passion Christi zum ersten Mal sah, gab es nichts als Tränen der Freude.
Interview von Thorsten Funke
Veröffentlicht am 17.11.2008
Fotos: © 20th Century Fox
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