Eine Entscheidung, vor Jahrzehnten getroffen

Interview mit Yasemin und Nesrin Samdereli

Die Samdereli-Schwestern über die Sarrazin-Debatte, Männer ohne Schnauzer und abschreckende Gastarbeiterfilme

Die Berlinale zeigt Almanya, den neuen Spielfilm von Yasemin und Nesrin Samdereli, außer Konkurrenz. Die beiden in Dortmund geborenen Schwestern arbeiten oft im Team, auch wenn sie Wert darauf legen, dass sie eigenständige Künstlerinnen mit jeweils eigenen Karrieren sind. Yasemin (38) führt Regie, Nesrin (32) ist Drehbuchautorin. Am Script von Almanya arbeiteten sie gemeinsam mehrere Jahre lang. Eines ihrer ersten Projekte war die ProSieben-Komödie Alles getürkt (2003). Allerdings möchten sie nicht nur auf Multi-Kulti-Themen festgelegt werden. So gehören beide auch zum Autorenteam der urdeutschen Hörspielserie Hui Buh.

Samderelischwestern

critic.de: Während Sie 2010 mit Almanya im Schneideraum sitzen, bricht über Deutschland die Sarrazin-Debatte um „Kopftuchmädchen“ und genetisch inferiore Türken herein. Wie ging es Ihnen dabei?

Nesrin: Wir waren schockiert, vor allem darüber, wie viel Raum die Diskussion gefunden hat. Zu dem Zeitpunkt waren wir fast mit dem Schnitt fertig und haben uns natürlich schon gefragt, wie sich das auf unseren Film auswirken würde. Sind die Leute jetzt total übersättigt von dem Thema? Im Nachhinein fühlt es sich aber so an, als wäre die Debatte doch fruchtbarer verlaufen als befürchtet. Das Interesse an Almanya, der sich dem Thema ja ganz anders nähert, als man das bisher im deutschen Film kennt, ist zumindest da.

Yasemin: Ich bin froh, dass wir gerade jetzt mit Almanya kommen. Denn es mehren sich die Stimmen, die sagen: Dass mit der Integration alles schief gelaufen ist, stimmt ja nicht. Wir fügen der Debatte damit einen positiven Aspekt hinzu.

Dennoch: Dass so viele Deutsche so taten, als werde von Sarrazin nun endlich eine Wahrheit ausgesprochen, die lange unterdrückt wurde, muss schmerzen. Es scheint nicht so, als hätte sich an der Einstellung vieler Deutscher vor allem Türken gegenüber seit Beginn der Einwanderung in den späten 1950ern viel geändert …

Nesrin: Das niedrige Niveau der Diskussion war zum Teil erschreckend. Plötzlich schien es wieder salonfähig zu sein, rassistisch oder biologistisch zu argumentieren. Dass das hier in Deutschland noch so möglich ist, hat mich überrascht.

Yasemin: Dazu kommt, dass die Debatte ausländischen Mitbürgern sehr geschadet hat. Ich habe erlebt, wie Frauen, die ein Kopftuch tragen, angepöbelt werden. Das hat stark zugenommen und vielen Menschen sehr weh getan.

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Kommt einem Film in dieser vergifteten Atmosphäre auch eine gesellschaftliche Aufgabe zu? Und besteht nicht gleichzeitig die Gefahr, dass ihn nur Menschen sehen, deren Grundeinstellung ohnehin von Offenheit geprägt ist?

Nesrin: Jemand, der glaubt, dass Menschen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft minderwertig sind, wird unserem Film sicher nichts abgewinnen können. Ich glaube und hoffe aber, dass das eine Minderheit ist. Ich habe schon das Gefühl, dass ein großer Teil der deutschen Bevölkerung das Thema endlich auch nicht mehr nur negativ besetzt sehen will. Es ist komplex, und es ist auch viel schief gelaufen, aber jetzt gibt es eine Chance, aufeinander zuzugehen. Wir wollen mit Almanya die Gemeinsamkeiten betonen. Ein wenig vermitteln kann er sicher.

Yasemin: Wobei man deutlich sagen muss: Wir machen Filme aus der Leidenschaft heraus, Geschichten zu erzählen. Sicher hat das auch eine gesellschaftliche Dimension, aber man darf einem Film auch nicht zu viel aufbürden. Ich freue mich auch über positive Reaktionen des Publikums. Aber letztendlich bleibt Almanya ein Film. Wir können und wollen nicht als Sprachrohr verstanden werden. Die Türken in Deutschland sind keine homogene Masse, genauso wenig wie die Deutschen. Man muss aufpassen, dass man in einer solchen Situation nicht instrumentalisiert wird. Unsere Geschichte ist bewusst sehr subjektiv erzählt. Wir sind mit keinem erzieherischen Impetus angetreten. Als wir vor acht Jahren mit der Arbeit am Drehbuch begannen, wollten wir einfach etwas erzählen, was wir witzig und berührend fanden.

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Acht Jahre und 50 Drehbuchfassungen – Sie haben anscheinend sehr mit dem Stoff gerungen. Wie unterscheiden sich die frühen Drehbuchfassungen von späteren?

Nesrin: Wir haben mit vielen Figuren jongliert und viel ausprobiert. Den Enkel in unserer Gastarbeiterfamilie zum Beispiel gab es anfangs gar nicht. Ihn brauchten wir aber, um die jüngste Stufe der Integration zu zeigen. Auch die Rahmenhandlung hat stark variiert. Die Reise in die Türkei gab es in den ersten Drehbuchversionen gar nicht. Dass es so lange gedauert hat, lag aber auch daran, dass wir die Finanzierung lange nicht zusammenbekamen. Als es dann endlich so weit war, kam gerade Solino (2002, Fatih Akin) heraus. Da winkte natürlich jeder ab und sagte: Danke, wir haben schon einen Gastarbeiterfilm. Dabei gingen wir das Thema ganz anders an. Die typische Erzählstrategie bei Gastarbeiterfilmen hatte immer etwas Abschreckendes, wie zum Beispiel bei Yasemin (1988, Hark Bohm) oder 40 Quadratmeter Deutschland (1985, Tevfik Başer). Da konnten die Deutschen dramatisch seufzen und denken: Ja ja, so schrecklich ist das bei den Türken. Die Filme gaben ihnen ein Überlegenheitsgefühl. Wir wollten dagegen unsere subjektive Perspektive erzählen.

Wie drückt die sich in Almanya aus?

Nesrin: Wir zeichnen zunächst einmal ein komplexes Bild einer türkischen Familie, die seit Jahrzehnten in Deutschland lebt. Eine Familie, die viele Stufen der Integration in sich trägt: vom kleinen Enkel mit deutscher Mutter, der kein Wort türkisch mehr spricht, bis zum Opa, der als Erster kam. Wir zeigen alle Facetten des Türkischseins, die wir selbst kennen. Gleichzeitig handelt es sich um eine Familiengeschichte, deren Konflikte auch universell verstanden werden können.

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Yasemin: Wir wollten zeigen, wie das ist, wenn man Weihnachten feiern will, aber nicht weiß, wie. Wenn Männer keinen Schnauzbart tragen und einem das komisch vorkommt, weil das doch schließlich jeder anständige Mann tun sollte. Wenn man eine fremde Kultur nicht einordnen kann. Diese Perspektive fanden wir sehr charmant. Subjektiv ist der Stoff nicht nur, weil er aus unserer eigenen Erfahrung und unserer Familiengeschichte entstand, sondern weil er uns selbst einfach sehr gut gefällt.

Sie beginnen mit einem leichten, heiteren Erzählton, werden im Verlauf des Films aber immer ernster. Wie entwickelte sich das?

Yasemin: Interessanterweise erst beim Schreibprozess. Irgendwann drängte sich die Frage auf: Wie wirkt sich diese Sehnsucht des Großvaters nach der Heimat aus? So entstand auch die Rahmenhandlung mit der Reise in die Türkei. Und da wurde uns irgendwann klar, dass diese Figur sterben muss. Beim Schreiben spürt man zunächst eine Stimmung, und irgendwann materialisiert die sich auf der Erzählebene.

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Nesrin: Der Großvater wollte eigentlich nie wirklich in Deutschland ankommen. Seine Familie lebt zwar dort, aber er tut sich schwer damit, das zu akzeptieren. Er will seine Heimat noch einmal sehen, bezweckt aber eigentlich damit, dass seine Familie, die er selbst verpflanzt hat, sie auch kennenlernt. Er führt sie bewusst dorthin, an ihre Wurzeln. Damit hat er seine Aufgabe dramaturgisch erfüllt. Er kann sich verabschieden.

Yasemin: Kurz zuvor war auch unser eigener Opa gestorben. Auch hier wurde die Erzählung also wieder durch eigenes Erleben gespeist. So ergeht es unserer ganzen Generation, denn die Generation der ersten Einwanderer verstirbt langsam. Was für ein Verhältnis haben wir zu unseren Großeltern, die unser Leben maßgeblich durch eine Entscheidung geprägt haben, die sie vor Jahrzehnten trafen? Wie würde unser Leben aussehen, wären sie damals nicht nach Deutschland gekommen?

Dramaturgisch interessant ist, dass in der Geschichte Vergangenheit und Gegenwart parallel verlaufen, die Zeitebenen am Ende aber in einem Bild zusammenfinden …

Nesrin: Dieses Bild fasst zusammen, was wir sagen wollten, aber nicht mit Worten ausdrücken können. Wir haben bewusst entschieden, an diesem Punkt in die Metaphysik zu gehen. Hier trifft sich alles, und alles ist eins. Wir wollten filmisch ausdrücken, dass wir als das Ganze mehr sind als die Summe aller Teile.

Yasemin: Auch im Hinblick auf den kleinen Jungen ist das wichtig. Er sieht in seinen Verwandten jetzt auch das Andere, Fremde, das aus der Türkei stammt. Auf diese Verknüpfung am Ende haben wir schon früh hingearbeitet.

Wie sehen Sie Ihre eigene Situation als Kulturschaffende in Deutschland? Fühlen Sie sich durch Ihre türkischen Wurzeln auch eingeengt?

Nesrin: So komplex und aufwändig wie in Almanya werden wir das Thema sicher nicht noch einmal aufnehmen. Wir wollen uns nun anderen Themen zuwenden. Die Herkunft ist ja nur ein Aspekt unserer kulturellen Identität.

Haben Sie trotzdem das Gefühl, von außen auf das Türkischsein festgelegt zu werden?

Yasemin: Häufig leider ja. Wir würden uns schon freuen über eine Anfrage zu einem Tatort mit rein deutschem Thema. Natürlich wollen wir als Filmemacherinnen und Geschichtenerzählerinnen wahrgenommen werden – egal, ob von einem deutschen, türkischen oder italienischen Stoff.

Kommentare zu „Eine Entscheidung, vor Jahrzehnten getroffen“


hopek

Danke für die vielen guten, erklärenden Worte und den wirklich sehr guten Film






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