Diese deutsche Schwere
Interview zu Auge in Auge – Eine deutsche Filmgeschichte mit Michael Althen und Hans Helmut Prinzler
Am Anfang stand die Idee des Produzenten Joachim Schroeder, eine zehnteilige Serie über die deutsche Filmgeschichte zu gestalten. Da aber eine intensive Auseinandersetzung mit dem Kino und dem eigenen Bilderbe im heutigen Fernsehen kaum mehr Platz hat, überrascht es nicht, dass sich kein interessierter Sender fand. Mit der Zeit verwandelte sich das Projekt in eine Kinoproduktion und konnte nun mithilfe dreier Förderungen in Angriff genommen werden. Der Filmkritiker Michael Althen (FAZ) und der Filmhistoriker Hans Helmut Prinzler (ehemaliger Leiter der Deutschen Kinemathek und des Filmmuseum Berlin) übernahmen die Aufgabe, die Geschichte des deutschen Kinos in 100 Minuten zu erzählen – ein ebenso schwieriges wie reizvolles Unterfangen. critic.de traf die Regisseure in Berlin.
critic.de: Haben Sie dem deutschen Film jemals so lange und so tief in die Augen geschaut wie in der vergangenen Zeit?
Michael Althen: Ich sicher nicht. Was bei mir daran liegt, dass ich in einer Zeit aufgewachsen bin, als der deutsche Film für Jugendliche nicht so viel bereit hielt. Ich bin eher mit französischen und amerikanischen Filmen aufgewachsen. (Zu Hans Helmut Prinzler) Ich glaube aber, du hast schon aus biografischen Gründen der deutschen Filmgeschichte tiefer ins Auge geblickt.
Hans Helmut Prinzler: In meiner Jugend schon. Denn in den 50er Jahren dominierte der deutsche Film in der Bundesrepublik sehr stark. Das hat mich immer sehr interessiert – auch die trivialen Genres vom Heimat- bis zum Schlagerfilm. Aber so intensiv über einen langen Zeitraum, sozusagen lebensfüllend, habe ich mich mit deutscher Filmgeschichte nicht beschäftigt. Doch ... einmal: Ich habe Mitte der 90er Jahre ein Buch gemacht, die „Chronik des deutschen Films“. Das war für dieses Projekt vielleicht auch keine nutzlose Vorbereitung. Und das andere ist: Unsere Arbeitsteilung war so, dass ich in der Vorbereitung mehr Filme gesehen habe, um sie auf die Motive hin zu untersuchen.
Den Teil der Motivmontagen haben also Sie übernommen?
Hans Helmut Prinzler: Wir lassen uns ja nicht auseinanderdividieren, weil das unser gemeinsamer Film ist. Aber in der Tat war da meine Recherche intensiver, weil ich das alles auf DVD an meinem Computer geguckt und dann immer Bilder rausgezogen habe. Aber nachher in der Montage kamen von Michael noch viele Hinweise, die diese Motivketten erweitert haben.
Haben Sie bei der Arbeit an Auge in Auge auch etwas komplett Neues entdeckt?
Hans Helmut Prinzler: Es gab auf Seiten der Paten ein paar Überraschungsfilme. Rocker von Klaus Lemke ist für uns eine Überraschung gewesen. Auf den wären wir, verdammt noch mal, nicht gekommen. Weil der ganz konträr lag zu dem, was heute als Kanon oder Bedeutungsfilm gilt. Es gab ja eine ganze Menge Vorschläge von uns, die jetzt nicht mehr als Patenfilme vorkommen wie Die Mörder sind unter uns oder Die Blechtrommel. Aber Dominik Graf hat eine Art von Widerstand gegen unsere Vorgaben gezeigt und vollzogen. Wir mussten erst ein bißchen schlucken, dann haben wir aber kapiert, dass dies eine Öffnung ist, die für das Ganze gut ist. Auf bestimmte Filme wie Nosferatu oder M richtet sich der Blick immer wieder. Auf einen Film wie Rocker würde man eher nicht kommen.
Gab es den Gedanken, vielleicht noch mehr Unkonventionelles mit unterzubringen, zum Beispiel deutsche Schmuddelfilme oder andere abseitige Kapitel?
Michael Althen: Sicherlich gab es da einen Moment, in dem wir uns die Frage stellten, ob man nicht noch mehr unbekannte Filme reinnehmen sollte. Aber es gab dafür nur zehn Plätze. Entweder wäre der Film länger geworden oder die Kapitel kürzer. Und das wäre für jede Art von Publikum unbefriedigend. Das war auch gar nicht das Thema – unerforschte Kapitel der deutschen Filmgeschichte zu zeigen. Klar, wir beide beschäftigen uns seit Jahrzehnten mit dem deutschen Kino. Natürlich hätten wir einen noch etwas spezielleren Geschmack anzubieten, als er sich in diesem Film abbildet. Aber man muss die Leute dort auffangen, wo wahrscheinlich die meisten zu finden sind. Der Reiz besteht darin, dann auch ein paar Bilder einzustreuen, die nicht so geläufig sind. Vielleicht macht Auge in Auge ja irgendwem Lust, einen Film über all jene Filme zu machen, die nur ganz wenige kennen.
Warum ist Heimat von 1984 der letzte der Patenfilme? Gab es nicht auch die Idee, eine Brücke zur Gegenwart zu schlagen?
Michael Althen: Wir fanden, dass es schon genügt, wenn die Gegenwart des deutschen Kinos in den Motivketten vorkommt und auf diese Weise mit der Vergangenheit in Dialog tritt. Und dass es, was diese zehn einzeln hervorgehobenen Filme angeht, nicht weiterhilft, wenn da etwas drin ist, was die Leute ohnehin noch präsent haben. Es war uns auch ein Anliegen, dass diese Filme eine gewisse historische Distanz zwischen sich und uns gelegt haben und so beweisen, dass sie nicht ohne Grund noch geläufig sind.
Hans Helmut Prinzler: Die Gegenwart repräsentieren ja auch die Filmemacher selbst wie Tom Tykwer oder Andreas Dresen, die über Filmgeschichte reden. Doch ob es nun Good Bye Lenin! oder Halbe Treppe ist – diese Filme sind alle in Ausschnitten präsent.
Wie kam es zur Erzählstruktur in drei Ebenen: den Interviews, den Themenblöcken und den spielerischen Assoziationsmontagen?
Michael Althen: Die Montagen haben wir entwickelt, weil wir die gesamte deutsche Filmgeschichte in einen Dialog mit sich selbst bringen wollten, indem Gegenwart und Vergangenheit durcheinandergewürfelt werden. Es war aber auch wichtig zu zeigen, dass es in der deutschen Filmgeschichte im Unterschied zu anderen Ländern zwei Einschnitte gibt, die, wenn man sie einfach überginge, den ganzen Film irgendwie frivol wirken ließen. Denn natürlich sind unter den Assoziationsmontagen auch Frauenblicke aus dem „Dritten Reich“. Durch die Themenblöcke konnte erwähnt werden, dass das „Dritte Reich“ ein Sonderfall war, der Karrieren beendet hat, wo ganz andere Schicksale stattgefunden haben. Und dasselbe gilt für das Kapitel über den Film der DDR. Nicht nur in der Bundesrepublik hat mit Abschied von gestern ein Aufbruch stattgefunden, den hat es in der DDR auch gegeben. Nur wurde er eben sofort unterbunden.
In den Interviews ist mehrmals von der deutschen Schwere und Ernsthaftigkeit die Rede – spüren Sie die heute noch im deutschen Film?
Michael Althen: Das kann man nicht leugnen. Natürlich gibt es eine Schwere, eine Schwerblütigkeit, eine mangelnde Bereitschaft, sich auf die Wirklichkeit einzulassen, genau hinzugucken und der Realität etwas abzugewinnen. Deswegen ist ja Unter den Brücken so speziell, auch in seiner Zeit. Ich glaube, dass die Filme, die unsere Paten ausgewählt haben, schon für eine bestimmte Art von Kino stehen, das nicht zu sehr zur Schwere tendiert.
Hans Helmut Prinzler: Was mich am deutschen Film immer geärgert hat – das liegt aber oft an den Drehbuchautoren, manchmal auch an den Regisseuren – ist, dass vieles, was man sieht, auch noch beredet wird. Dass immer noch ein Dialogsatz folgt, als ob nicht der Letzte schon alles verstanden hätte. Manchmal leidet der deutsche Film daran, dass er die Bilder und die Schauspieler nicht freier agieren lässt, sondern sie immer mit Texten diszipliniert. Es gibt viel zu wenig Ellipsen, viel zu wenig Spiele.
Woher kommt das eigentlich? Gab es mit dem Kriegsende einen Bruch?
Hans Helmut Prinzler: Ja, ich glaube schon. Nicht, dass der Nazifilm da frei von gewesen wäre, da begann eigentlich alles. Wahrscheinlich, wenn man dem Ganzen auf die Spur ginge, hat es mit dem Jahr 1933 zu tun. Und damit, dass die Autoren und Regisseure jüdischen Glaubens ins Exil mussten. Die wagten viel mehr. Die wagten etwas an Fallhöhe oder Komik, an Auslassung, und trauten den Zuschauern mehr zu. Und ab 33 wurden die Filme stärker kontrolliert, dann wollte man alles richtig machen, denn es war ja irgendwie Staatsfilm. Aber der wahre Bruch liegt im Verlust dieser ganzen Filmkünstler.
Godard nennt seine Histoire(s) du cinéma eine „Einführung in eine wirkliche Geschichte des Kinos, die einzige, die wahre“. Sie sagen in Ihrem Film: „Es geht nicht darum, was die Welt gesehen hat, sondern darum, was man selbst gesehen hat.“ Ist das ein erklärtes Gegenprogramm?
Michael Althen: Mit Godard würden wir uns natürlich nie messen wollen oder einen Gegenentwurf zu ihm wagen. Im Grunde ist unser Film aber nicht so weit von dem entfernt, was Godard damals gesagt hat. Denn die Einführung in die wirkliche Geschichte des Kinos besteht ja aus einer Reihe von Vorträgen, die er gehalten hat und die immer damit begannen, dass er zwei Filme hintereinander gezeigt hat, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Er hat die Leute dazu gebracht, beide zusammenzudenken, und gezeigt, dass 1 plus 1 in dem Fall 3 ergibt. Und das ist etwas, woran wir auch glauben: dass man verschiedene Dinge nur zusammenbringen muss, damit etwas Neues entsteht.
War der Film, der Sie beide in Ihren Leben am stärksten geprägt hat, ein deutscher Film?
(Beide verneinen.)
Welcher war es dann?
Hans Helmut Prinzler: Nur einen Film zu nennen, ist natürlich Terror. Aber ich stehe jetzt dazu, weil ich mich gerade wieder mit dem Regisseur beschäftigt habe: Die Reise nach Tokyo von Yasujiro Ozu. Das ist der schönste Film, den ich kenne.
Michael Althen: Es ist ja immer schwierig, welcher Film einen geprägt hat. Mein Einstieg in Film als etwas Gemachtes, als eine Kunst, ist bis heute einer meiner Lieblingsfilme: Der eiskalte Engel von Jean-Pierre Melville. Den habe ich mit 13 Jahren im Fernsehen gesehen, und dort tauchte dasselbe Tonband auf, das auch mein Vater hatte. Da wusste ich: Aha! – die nehmen Dinge aus der wirklichen Welt und erfinden etwas daraus. Dieser Umstand, dass ein Tonband, das bei uns zu Hause stand, in einem französischen Gangsterfilm als Abhörinstrument dient, der hat Film für mich geöffnet.
Interview von Sonja M. Schultz
Veröffentlicht am 27.06.2008
Fotos: © Zorro Film
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