Der Subtext des Western

Interview mit Ang Lee zu seinem Film Brokeback Mountain

Interview mit Ang Lee zu seinem Film Brokeback Mountain.

 

Selten gab es ein so geschlossenes Bild: neben Kritikern und Filmschaffenden konnte der mit dem für Hollywood-Verhältnisse bescheidenen Budget von knapp 15 Millionen Dollar produzierte Brokeback Mountain auch das Publikum begeistern und spielte alleine in den USA bisher mehr als das Fünffache seiner Produktionskosten ein. Es zeigt sich, dass ein Countryfilm mit dem Thema Homosexualität ein Massenpublikum erreichen kann. Thomas Abeltshauser sprach für critic.de mit dem Regisseur Ang Lee über seinen Film, der die ausgesparte Hälfte im Mythos des Westens auf die Leinwand bannt.

 

critic.de: Mr. Lee, Ihre Filmografie ist kaum auf einen Nenner zu bringen. Sie scheinen sich mit jedem Film neu zu erfinden, ebenso wie das Genre, das Sie sich jeweils vornehmen.
Ang Lee: Eigentlich versuche ich Genres zu vermeiden, aber ich muss mich jedes Mal für eins entscheiden, um mit dem Publikum klar zu kommen. Davor graut es mir, weil es mich einschränkt. Ich habe jedes Mal den Drang, aus diesen Konventionen auszubrechen. Deshalb weiche ich in jedem Fall ein wenig vom Genre ab. Dieser spielerische Umgang mit den Genres ist es, was es dann wieder zum Vergnügen macht.

Sind diese Genrewechsel bewusste Entscheidungen?
Nein, nicht wirklich. Ich verfalle eher einem Genre. Bei Hulk hatte ich zum Beispiel gar nicht vor, einen Comicfilm zu drehen, sondern eher einen Horrorfilm. Auch bei Eissturm hatte ich eher ein Familiendrama oder eine Sozialsatire im Kopf, doch am Ende wurde ein Katastrophenfilm daraus. Ich hätte es auch „Disaster hits home“ nennen können, schließlich war 1973 das Jahr der Katastrophenfilme.

Ist diese Wandelfähigkeit in Ihrer Persönlichkeit begründet?
Es hat eher mit der jeweiligen Lebensphase zu tun, in der ich mich befinde. Der Stoff besteht zu Beginn meist aus Dingen, die ich nicht verstehe und für die ich mir ein, zwei Jahre Zeit lassen kann, um ihnen auf den Grund zu gehen. Zum Glück muss ich währenddessen nicht so tun, als wüsste ich Bescheid. Außerdem will ich nicht dauernd denselben Film machen. Zuhause liebe ich Alltag und Routine, bin gern immer am selben Ort. Beim Filmen will ich das genaue Gegenteil davon.

Wie hat sich Ihre Filmsprache im Laufe der Jahre verändert?
Früher war ich sicher experimenteller, meine künstlerischen Anstrengungen waren größer. Das war bei Brokeback Mountain nicht so. Ich wollte schlicht den amerikanischen Westen so darstellen, wie ihn Annie Proulx in ihrer Kurzgeschichte beschreibt. Das mag eine Regression sein, aber ich nehme die Dinge mittlerweile leichter. Und das Unprätentiöse scheint es ja gerade zu sein, was an dem Film geschätzt wird.

Es ist bereits Ihr zweiter Film über ein schwules Paar.
Ja, aber sie sind grundverschieden, auch wenn beide von Tabus handeln. Das Hochzeitsbankett ist ein traditionelles asiatisches Familiendrama, der andere ein epischer Western. Die Idee zu Das Hochzeitsbankett kam mir beim Duschen, das Drehbuch habe ich selbst geschrieben und es beinhaltet viel meiner eigenen Welt, etwa die Elternfiguren. Brokeback ist das krasse Gegenteil: Meine Lebenserfahrung könnte gar nicht weiter entfernt sein vom Dasein schwuler Rancher in Wyoming. Mich hat Annie Proulxs Kurzgeschichte so berührt, dass ich gar nicht anders konnte, als sie mir zu schnappen.

Basiert der Westernmythos am Ende auf verdrängter Homosexualität?
Der Westen wird nicht umsonst „wild“ genannt. Es ist eine äußerst raue Machowelt, in der man sich durchkämpfen muss, will man dort Fuß fassen und überleben. Soweit der Mythos. Aber für mich musste es auch die andere Seite geben, schließlich bin ich mit der Lehre von Yin und Yang aufgewachsen.

In dieser Welt gibt es für Cowboys nur die Tiere – und andere Cowboys.
Ja, aber sie reden kaum miteinander, es herrscht eine sehr nonverbale Kultur. Nur mit ihren Tieren reden sie, die sie umsorgen – im Grunde eine sehr feminine Tätigkeit. Aber das wird auf der Leinwand kaum gezeigt. Natürlich war verdrängte Homosexualität schon immer der Subtext des Western. Vielleicht braucht man einen Einwanderer, um hinter die Fassade zu blicken.

Sie leben seit fast 30 Jahren in den USA. Ist Ihre Herkunft auch der Grund Ihrer Sympathie für Außenseiterfiguren?
Es gibt einen Teil von mir, der nie ein echter Amerikaner sein will und ein anderer, der nicht mehr Chinese sein will. Ich war mein Leben lang ein Fremder. Während des Bürgerkriegs flüchteten meine Eltern von China nach Taiwan. Dort war ich ein Fremder wie ich es jetzt in den USA bin. Und wenn ich nach China komme, bin ich dort der taiwanesische Amerikaner. Ich bin in einer Umgebung aufgewachsen, die vom chinesischen Kommunismus geschlagen worden war. Deswegen fällt es mir vielleicht leichter, mich mit Menschen zu identifizieren, die nicht in gewohnte Muster passen, die keine festen kulturellen Wurzeln haben und trotzdem an bestimmten Vorstellungen festhalten.

Versteht jemand, der in einer asiatischen Gesellschaft aufgewachsen ist, soziale Regeln und Verpflichtungen besser als Amerikaner oder Westeuropäer?
Ganz ohne Zweifel. Vor Jahren wurde ich gefragt: Wie kann ein Asiat Jane Austen verfilmen? Nun, für einen chinesischen Regisseur ist es nicht schwer, einen Film über unterdrückte Engländer zu machen – wir wissen, was Unterdrückung bedeutet. Außenseiter erkennen die Regeln einer Gesellschaft deutlicher. Aus dem Weltall erkennt man, dass die Erde eine Kugel ist. Von hier aus sieht man das nicht.

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