Der Himmel wird sich aufklären

Interview mit Souleymane Cissé

Ein Gespräch mit Souleymane Cissé (siehe Special) über seine Zeit beim Fernsehen, französische Koproduzenten und die Zukunft des malischen Kinos.

critic.de: Sie haben Ihre Regielaufbahn beim malischen Fernsehen begonnen. Wie sah Ihre Arbeit dort aus?

Souleymane Cissé: Nachdem ich 1969 mein Filmstudium in Moskau beendet hatte, wurde ich Mitarbeiter des malischen Informationsministeriums. Man muss sich in die damalige Zeit zurückversetzen. Es gab keinerlei Strukturen. Wir hatten nur nur zwei Arriflex-Kameras und die waren nicht voll funktionsfähig. Ein weiteres Problem bestand darin, dass es nur bedingt Material gab und ich häufig keinen Zugang zu neuen Filmrollen hatte. Mit diesen bescheidenen Mitteln habe ich schließlich Reportagen für Nachrichtensendungen gemacht, aber auch Dokumentarfilme. Einige Themen waren vorgegeben, andere habe ich selbst recherchiert.

Souleymane Cisse Portrait

Was waren das für Themen?

Einen Beitrag habe ich beispielsweise über ein Mädchen gedreht, das 1971 an der Jugendbiennale teilgenommen hat. Ich wollte zeigen, was es für sie bedeutet, bei dieser Veranstaltung dabei zu sein, wie sie sich in diesem Rahmen bewegt und was ihre Wünsche und Träume sind.

Gab es Konflikte zwischen der Fernsehanstalt und Ihren Ambitionen als Regisseur?

Nachdem ich in den ersten beiden Jahren nur Reportagen gemacht hatte, stellte ich mir die Frage, warum ich eigentlich neun Jahre auf einer Filmschule verbracht habe, wenn ich mein Wissen nicht umsetzen kann. Deshalb begann ich, erste Drehbücher zu schreiben, die jedoch nie realisiert wurden. Als ich schließlich am Drehbuch für meinen ersten Kurzfilm Five Days in A Life (Cinq jours d'une vie, 1973) arbeitete, wurde ich ins Büro des Fernsehdirektors bestellt. Er hatte von meinen Plänen gehört und fragte mich, ob ich denn glaubte, in Hollywood zu sein. Das war das erste Mal, dass ich von Seiten des Senders zu einem Filmprojekt befragt wurde.

Finye 1

Ihre frühen Filme sind von einem starken Realismus geprägt. Ist das ein Resultat dieser dokumentarischen Arbeit?

Ich kann das im Nachhinein schwer beurteilen. Ich glaube aber, dass es mehr mit dem italienischen Neorealismus zu tun hat, der mich nachhaltig geprägt hat. Seine Filmsprache, die zur Essenz vorgedrungen ist, war mir immer wichtig. Ich wollte alltägliche Themen aufgreifen und dabei nah am Menschen sein. Es hat aber sicherlich auch mit meinem Filmstudium in Moskau zu tun. Auch dort ging es ständig darum, Themen zu finden, die aus der Bevölkerung kommen.

Ein späterer Film wie Yeelen (1987) sieht dagegen ganz anders aus. Die Erzählweise ist mythischer und abstrakter. Was hat Sie dazu bewegt, sich vom Realismus abzuwenden?

Ich hatte vor zehn Jahren ein interessantes Erlebnis, als ich Five Days in a Life wieder gesehen habe: Mir wurde klar, dass meine Themen und sogar die Formsprache schon in diesem frühen Kurzfilm angelegt sind. Ich sehe diese stilistischen Veränderungen jedenfalls nicht als Bruch, sondern als eine kontinuierliche Entwicklung, bei der ich selbst nicht weiß, wohin sie mich in Zukunft noch führen wird.

Finye 4

Wie wurden Ihre Filme in Mali aufgenommen?

Sehr positiv. Man muss bedenken, dass meine ersten vier Filme den Beginn der malischen Filmproduktion darstellen. Deswegen war auch das Interesse natürlich groß, zu sehen, was einer von den eigenen Regisseuren auf die Leinwand gebracht hat.

Waren die Filme nur in großen Städten wie Bamako zu sehen oder auch in der Provinz?

Sie sind im ganzen Land gezeigt worden. Damals gab es noch in allen Provinzen Kinosäle, aber auch Wanderkinos, die in kleine Ortschaften gefahren sind. 1992, nach dem Militärputsch, wurden dann alle verkauft und geschlossen.

Nicht nur das Kino als Ort stirbt, sondern auch der Film als Material. Stimmt es Sie traurig, dass Ihre Filme irgendwann nur noch digital erhalten sein werden?

Daran kann man nichts ändern, das ist nun mal der Lauf der Dinge. Ich arbeite selbst schon seit 2002 digital. Bei meinem letzten Film Tell Me Who You Are (Min Ye, 2009) habe ich 80.000 Euro ausgegeben, um ihn auf 35mm zu transferieren – aus Treue zum alten Material. Früher oder später wird der analoge Film aber verschwinden und nur in einigen Nischen überleben. Heute kann sich das ja auch kaum jemand mehr leisten, gerade bei uns.

Finye 5

Viele Ihrer Arbeiten sind französische Koproduktionen. Sehen Sie die Unterstützung durch ausländische Gelder als Bereicherung oder ist das auch ein Abhängigkeitsverhältnis?

Das ist eine Frage, die mir schon oft gestellt wurde. Ich muss Ihnen aber sagen, dass meine Erfahrungen mit Koproduktionen durchweg positiv sind. Wenn ich Drehbücher eingereicht habe, ist niemals auch nur ein Komma verändert worden. Es wurde immer akzeptiert, wie ich meine Filme drehen will, und die Beziehungen zu meinen ausländischen Geschäftspartnern waren immer sehr ehrlich. Ich kann mich nur bei ihnen bedanken, dass sie mich mit ihrem Engagement unterstützt haben.

Ihre Tochter Soussaba Cissé hat mit Kriegsgerüchte (N'gunu N'gunu Kan) gerade ihren ersten eigenen Film fertiggestellt. Wie schätzen Sie die Zukunft des malischen Kinos ein?

Ich bin von Natur aus optimistisch, manchmal vielleicht zu sehr. Mir ist klar, dass die momentane Situation des Landes sehr schwierig ist, auch was die Lage der Filmproduktion angeht. Aber das war früher auch schon so, und wir haben die Schwierigkeiten trotzdem überwunden. Wenn ich mir ansehe, wie engagiert die jungen Filmemacher sind, glaube ich, dass wir an der Schwelle zu einer neuen Ära des malischen Kinos stehen. Der Himmel wird sich aufklären.

Yeelen 5

Warum sind Ihre Filme nicht bei VOD-Plattformen erhältlich?

Ich habe mich bisher immer dagegen entschieden, weil ich befürchte, dass ich dadurch die Kontrolle über den Vertrieb verliere. Ich plane allerdings gerade, meine eigene Videoseite zu gründen. Und bei den Filmen, die man heute im Internet findet, hat mich natürlich niemand gefragt. Das ist einfach Piraterie.

Wenn Ihre Filme auf einer Seite wie YouTube verfügbar sind, ist das natürlich ärgerlich, weil es für Sie einen finanziellen Verlust bedeutet. Hat es aber vielleicht auch etwas Gutes, weil Sie auf diese Weise ein Publikum erreichen, das Ihre Filme ansonsten nicht sehen würde?

Yeelen 6

Für mich ist das durchaus ein Konflikt. Es hat natürlich keinen Sinn, Filme auf Halde zu produzieren. Ich verstehe Kino als eine Öffnung und möchte somit auch, dass möglichst viele Menschen auf der Welt meine Arbeit sehen. Aber das sollte auf korrekte Art und Weise geschehen.

Souleymane Cissé war auf Einladung des Auswärtigen Amts in Deutschland. Auf den Filmtagen in Tübingen präsentierte er die hierzulande erste Werkschau seiner Filme. 

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