Das Kino muss wieder Fragen stellen!
Ken Loach über engagiertes Kino, filmisches Fastfood und die Wirtschaftskrise
Als Regisseur von Filmen wie Riff-Raff (1991), Just a Kiss (Ae Fond Kiss..., 2004) und The Wind That Shakes the Barley (2006) ist Ken Loach bekannt für sein sozialkritisches Kino. Mehrfach beschäftigte sich der aus einer englischen Arbeiterfamilie stammende Trotzkist mit der Linken in Krisenzeiten und gesellschaftlichen Umbrüchen. Ein wenig müde schaut der 72-jährige Brite aus dem kleinen Fenster unter dem Dach seiner Produktionsfirma Sixteen Films, die ihren Sitz in einem unauffälligen Klinker-Häuschen in Soho hat. Er befindet sich gerade in der Postproduktionsphase seines nächsten Kinofilms Looking for Eric, in dem der Fußballstar Eric Cantona mitgespielt hat.
critic.de: Mr. Loach, können Sie sich an einen Film erinnern, der in Ihnen den Wunsch erweckt hat, etwas an unserer Gesellschaft zu verändern?
Ken Loach: Natürlich gab es einige Filme, die mich wachgerüttelt haben. Dokumentarfilme aus und über Palästina zum Beispiel, oder die Dokumentationen von John Pilger. Und der italienische Neorealismus. Allerdings war ich bereits in den frühen sechziger Jahren politisch engagiert, und insofern ist es eher so, dass die engagierten Filme, die ich gesehen habe, gewissermaßen zu meiner eigenen politischen Aktivität gepasst haben. Ich würde also nicht sagen, dass das Kino meine politische Energie aktiviert hat. Viel eher konnte ich mit dem Kino und durch das Filmemachen meine politische Energie pflegen.
Wie funktioniert das genau, wenn das Kino politisiert ...
Ich denke, dass das vor allem über ein Solidaritätsgefühl der Zuschauer mit den Figuren eines Films – ganz gleich ob Dokumentation oder Fiktion – funktioniert. Die Zuschauer binden sich dann gewissermaßen an die Figuren der filmischen Realität und können über diese allmählich die Ideen des Films kennenlernen und sich darauf einlassen. Aber um das zu erwirken, darf ein Film seine Figuren eben nicht nur als Opfer oder mitleiderregende, tragische Helden präsentieren. Dann hat das Publikum zwar ein billiges, kathartisches Erlebnis, aber es wird durch eine solche Kinoerfahrung sicherlich nicht seine politische Haltung ändern. Das Publikum muss den Figuren nahe sein, um ihre Ideen zu begreifen. Mitleid schafft Distanz.
Wie kann man diese Nähe schaffen?
Ich denke, indem ein Film Fragen aufwirft, anstatt Antworten zu geben. Das Publikum muss mit Fragen um die Figuren und den Konflikt einer Geschichte konfrontiert werden, um sich mit dem Thema des Films zu beschäftigen. Wenn man dem Publikum zu viele Antworten liefert, dann erstarrt es.
Was macht Ihrer Meinung nach einen engagierten Film aus?
Zunächst einmal ist es ja so, dass die meisten Filme, die ein großes Budget haben und die als kommerzielles Produkt möglichst großen Profit erwirtschaften sollen, ideologisch von der Rechten kommen. Ich meine, ein Großteil des amerikanischen Kommerzkinos ist rechts gesinnt. Es geht in diesen Filmen meistens darum, über eine Knarre Gerechtigkeit zu schaffen. Es geht da nicht mehr um Klassenkampf oder Solidarität im Volk. Insofern würde ich sagen, dass sich ein engagiertes, linkes Kino mit dem Kapital auseinandersetzt, die Widersprüche von Reichtum, Armut, Ausbeutung darstellt und dass es einen Ansatz von gesellschaftlicher Analyse gibt.
Das klingt für viele sehr dogmatisch ...
Ein Vorwurf, der mir oft gemacht wurde. Aber ich denke, dass auf der Rechten sehr viel mehr Dogmatismus existiert. Wenn man beispielsweise an die ganzen Filme über den Kalten Krieg denkt, dann grenzt das schon an Propaganda. Die Russen sind immer die Bösen gewesen, so wie jetzt die Menschen aus dem Nahen Osten die Bösen sind.
Wo würden Sie die Unterscheidung von Propaganda und engagiertem Kino sehen?
Propaganda versucht, das Publikum auf einfachste Weise zu manipulieren. Und Propaganda hat in der Regel das Ziel, Ideen aufzudrängen. Engagiertes Kino sollte meiner Meinung nach eher diskursiv funktionieren. Es sollte Dinge in Frage stellen und dabei beide Seiten zu Wort kommen lassen, sich nicht nur auf einen Helden oder Anti-Helden konzentrieren und seine Ansichten reproduzieren.
Warum haben Sie sich das Kino als Medium für Ihr politisches Engagement ausgewählt?
Ich habe mir das Kino nicht wirklich ausgewählt. Ich bin mehr oder weniger hineingefallen. Ich habe in den 60ern als Schauspieler am Theater und dann als Journalist bei der BBC gearbeitet. Irgendwie war der Film dann die logische Konsequenz. Denn ich habe beim Fernsehen nicht wirklich das machen können, was ich wollte.
Gehören für Sie Kunst und Politik zusammen?
Ganz klar. Und zwar nicht nur für mich. Kunst und Politik gehören immer zusammen – ganz gleich, ob uns das gefällt oder nicht. Jeder Schriftsteller, Filmemacher oder Künstler hat einen bestimmten sozialen Hintergrund. Und dieser schlägt sich in der Arbeit und der Kunst nieder. Insofern stellt Kunst – sei sie noch so subjektiv und individuell – immer auch die Gesellschaft aus.
Sind Sie vom Fernsehen zum Kino gegangen, weil das Kino eine größere Macht hat?
Ökonomisch gesehen, hat es das natürlich nicht. Aber ich denke, dass wir das eigentliche Potenzial des Kinos leider oft übersehen. Wir betrachten Film hauptsächlich als kommerzielle Unternehmung. Das Kino ist für die meisten Menschen doch ein Ort, an dem sie Geld bezahlen, um unterhalten zu werden, den Film als Produkt zu konsumieren und dann wieder nach Hause zu gehen – ein bisschen wie in einem Fastfood-Restaurant. Und dieser Mechanismus wird diesem wunderbaren Medium nicht gerecht. Das ist so, wie wenn alle Kunstgalerien in London nur zeitgenössische, amerikanische Kunst-Reproduktionen verkaufen würden. Ich denke, dass das Kino durchaus vielfältiger sein müsste. Das ist eine ganz zentrale Frage für die junge, nachwachsende Generation von Filmemachern. Wie kann das Kino von diesem Kommerzapparat großer Produktionsfirmen gerettet werden? Und diese Frage müssen sich nicht nur die Filmemacher stellen, sondern vor allem die Verleihe, die Festivals, die Förderungsanstalten ...
Ihre Filme funktionieren besser in Frankreich, Italien und Deutschland als in Großbritannien und den USA ...
Das liegt daran, dass es in Europa eine intellektuelle Kinokultur gibt. Das, was in Amerika als Filmgeschichte bezeichnet werden könnte, ist letzen Endes die Filmgeschichte europäischer Immigranten. Das heutige amerikanische Kino ist nur darauf aus, im Moment erfolgreich zu sein, sich von Monat zu Monat am Box Office zu beweisen. Und das ist ein System, das funktioniert. Aber es ist auch ein System, das die Kinokultur gefährdet. Wir müssen das europäische Kino vom amerikanischen Produktionsapparat retten.
Wurde das Kino amerikanisiert in den letzten vierzig Jahren Ihres Schaffens?
Es wurde kapitalisiert und konzentriert sich zunehmend auf Kommerz, ja. Es gibt unglaublich viele Kommerzfilme und nur noch sehr wenig Autorenfilme. Aber so funktioniert der Kapitalismus eben. Das ist im Grunde ganz ähnlich wie in der Autobranche, in der es immer weniger Autohersteller gibt und sich die unterschiedlichen Wagen immer stärker ähneln. Das kommerzielle Kino konzentriert sich auch auf zwei oder drei Geschichten, die dann mit unterschiedlichen Figuren, Kostümen und Locations bekleidet werden.
Sie erleben hier in England ganz besonders gravierend die Wirtschaftskrise und ihre Auswirkungen. Worin besteht in dieser Zeit die Aufgabe des Kinos?
Das gesamte neoliberale Projekt ist augenblicklich in Frage gestellt. Wir haben dreißig oder mehr Jahre aggressiven Kapitalismus erlebt. In dieser Zeit haben die einen Vermögen angehäuft und die anderen unter der Armutsgrenze gelebt. Dieses System kollabiert nun, die Arbeitslosenzahl steigt, und auch die Reichen beginnen ihr Geld zu verlieren. Die rechte Propaganda proklamiert, dass dieser Prozess ein natürlicher sei. Und dass wir das über uns ergehen lassen müssen. Aber wir Filmemacher, Schriftsteller und Philosophen sollten uns mit dieser Begründung nicht zufrieden geben. Die augenblickliche Krise ist keiner natürlichen Kraft geschuldet, sondern die Konsequenz eines bestimmten sozioökonomischen Modells. Und genau dieses Modell muss erst recht jetzt in Frage gestellt und natürlich auch verändert werden.
Können Filme gesellschaftliche Umstände verändern?
(Lacht) Nein. Filme sind eben nur Filme. Sie können und sollten Fragen stellen, aber sie bleiben im Kinosaal gefangen oder behütet. Es gab in der amerikanischen Linken den Slogan: „Agitate, Educate, Organize“. Filme können vielleicht agitieren oder wachrütteln, sie können aber nur schwer erziehen, und sie können sicherlich nichts organisieren oder institutionell verändern. Insofern versuche ich auch weiterhin, den Menschen die Augen zu öffnen. Aber wenn die Zuschauer dann aus dem Kino kommen, müssen sie die Dinge verdammt noch mal selbst in die Hand nehmen!
Interview von Felix von Boehm
Veröffentlicht am 04.03.2009
Fotos: © Sixteen Films
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Kommentare zu Das Kino muss wieder Fragen stellen!
mone 04.03.2009 17:43
tolles interview. gute fragen interessanter gesprächspartner u antworten
danke!
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