Das Handwerk des Tätowierers ist das Filmemachen

Interview mit Oliver Ruts und Andrea Schuler zu Flammend’ Herz

 

Hört man Tattoo, denkt man zunächst einmal an junge, Trends erhaschende Menschen. Wie um dieser Tendenz des Jugendwahns entgegen zu wirken, entsteht in Flammend’ Herz von Andrea Schuler und Oliver Ruts ein Portrait, dem man die Liebe zu seinen Protagonisten und ihre(n) Geschichte(n) ansehen kann. Die Jugend ist aber gar nicht das Thema, der Film konzentriert sich ganz auf drei ältere tätowierte Herren – denen man gerne zuhört und zusieht. Sowohl die Wahl des Themas, als auch der poetische Stil des Films, der dem herkömmlichen Blick auf Tattoos und tätowierte Männer widerspricht, zeugen von Mut und Originalität. Das Ergebnis ist ein einfacher Film, der über Essentielles nachdenken lässt.

critic.de traf die Regisseure Andrea Schuler und Oliver Ruts zum Interview. Sie erzählen von Finanzierungsproblemen und ihrer Berlinale-Auszeichnung, von der Arbeit mit den drei Männern und ihrer Verantwortung.

 

Auf der Berlinale 2004 überzeugte der Dokumentarfilm Flammend' Herz sowohl die Jury des deutsch-französischen Jugendpreises „Dialogue en Perspective“, als auch das Publikum – alle drei Vorstellungen waren ausverkauft. Andrea Schuler und Oliver Ruts, die Regisseure von Flammend’ Herz, haben einen ungewöhnlichen, poetischen Film über drei Männer um die 90 geschaffen, die ihrer Leidenschaft, dem Tätowieren, trotz gesellschaftlicher Ächtung, immer nachgegangen und auf ihrem Gebiet zu Künstlern geworden sind. (Siehe Kritik) Zum Interview treffen wir die Regisseure in Oliver Ruts Tattoostudio im Berliner Prenzlauer Berg, wo er auch während des Interviews seinem Beruf, dem Tätowieren, nachgeht.

Andrea Schuler: Eines der größten Probleme, die wir am Anfang hatten, war dieses Klischee: „Oh Gott, ein Film über alte Leute, wer guckt sich das an? Das lässt sich nie verkaufen.“ Und dann haben wir auf der Berlinale den Preis „Dialogue en Perspective“ gewonnen. Im Wettbewerb waren fast nur Spielfilme, die sich mit den Befindlichkeiten der Zwanzig- bis Dreißigjährigen auseinandersetzen. Ich hatte das Gefühl, dass wir völlig außer Konkurrenz laufen.

critic.de: Wie sind Sie auf das Thema von Flammend’ Herz gekommen?
Oliver Ruts: Ich wollte einfach jemanden treffen, der quasi mein Vorgänger war. Ich habe weltweit versucht, die alten Tätowierer ausfindig zu machen, bekannte und weniger bekannte, nur für mich persönlich.
Schuler: Es ging ihm um die Geschichte seines Handwerks.
Ruts: Im Zuge dessen haben wir auch Herbert kennen gelernt.
Schuler: Herbert war in den 60er und 70er Jahren sehr bekannt in Deutschland, weil er die Älteste Tätowierstube führte. Anfang der 80er änderte sich die Stimmung in der Tattoo-Szene. Es gab auf einmal mehr Biker-Läden. Herbert fühlte sich völlig abgeschnitten. Es interessierte sich niemand mehr für das, was man vor 20, 30 Jahren gemacht hat. Als wir ihn aufsuchten war er begeistert, dass sich jemand wieder für die Geschichte interessierte. Wir haben uns angefreundet. Dann haben wir Herberts Archiv gesehen und daraufhin haben wir in Zusammenarbeit mit ihm zwei Bücher veröffentlicht [Anm. d. Red: Herbert Hoffmann: Motivtafeln, 2001; Bilderbuchmenschen, 2002]. Wir wollten, dass sie besonders hochwertig werden, wie auch der Film. Der Name unseres Verlags, „Memoria Pulp“, ist dabei auch ein bisschen Programm: „Memoria“ steht für das Bewahren von bestimmten Dingen, die vielleicht verschüttet worden sind, aber es steht auch für ein Konzept von Hochkultur. „Pulp“ heißt Wegwerfware. Diese Verbindung hat uns immer gereizt. Wir wollten aber nicht im Trash verhaftet bleiben, sondern es auf eine andere Ebene transportieren.

critic.de: Wie haben Sie dann Albert und Karlmann kennen gelernt?
Schuler: Herbert Hoffmann hat uns irgendwann erzählt, dass es noch zwei Tätowierer in Hamburg gibt. Er hat uns aber nicht gesagt, dass er mit den beiden gut befreundet war und dass sie sich jetzt nichts mehr zu sagen haben. Er hat uns einfach hingeschickt. Wir haben dann bei Herbert das alte Videomaterial gesehen, das auch im Film vorkommt. Das ist inzwischen auch schon zwanzig Jahre alt. Wir hatten den Wunsch, noch einmal so eine Situation zu schaffen: Die Drei zusammen zu führen.

critic.de: War es schwer Herbert, Karlmann und Albert wieder zusammen zu bringen?
Ruts: Zu Anfang ging es, aber gegen Ende wurde es schwieriger.
Schuler: Das hängt damit zusammen, dass es zwischen den Dreien nie wirklich zum Streit kam. Herbert hat seinem Neffen das Geschäft überlassen und gedacht, er könne noch Einfluss ausüben. Der Neffe wollte das nicht und irgendwann haben sie sich zerstritten. Dass seine beiden Freunde dort noch hingehen und mit ihm noch reden, hat er Albert und Karlmann nie verziehen. Er hat sich dann einfach zurückgezogen. Der Kontakt brach immer mehr ab. Ich weiß, dass Herbert eine gewisse Absicht mit dem Film verfolgt hat. Ich glaube auch, seine Hoffnungen wurden enttäuscht.

critic.de: Haben Sie eine Verantwortung den drei Männern gegenüber gespürt, was deren Darstellung im Film angeht?
Schuler: Natürlich, aber das ist wohl bei jedem Dokumentarfilm so. Die Kamera lügt nicht. Manchmal nimmt man erst im Schnitt wahr, dass sich jemand entlarvt. Aber wir wollten niemanden in die Pfanne hauen. Man kann uns vielleicht vorwerfen, dass wir zu milde waren. Ich denke aber, dass die Leben an sich schon so hart sind, ohne dass man die Details erzählen muss. Auch dadurch, dass die Drei so stark tätowiert sind, war es für uns wichtig, gerade dieses Liebenswerte zu zeigen.

critic.de: Wie haben Sie es denn geschafft, die Geldgeber von dem Projekt zu überzeugen?
Schuler: Wir mussten erst verstehen, dass wir nicht das Thema Tätowieren in den Vordergrund stellen, sondern die außergewöhnlichen Charaktere. Das ist uns selber erst im Zuge der Entwicklung des Films bewusst geworden. Der zweite Punkt war, dass wir nur erzählt haben von den tollen Protagonisten. Aber das sagt jeder, der Geld will. Wir haben lange nur erzählt und geschrieben, Lebensgeschichten, Interviews, Exposés, Szenen. Es war immer so gut, dass keiner gesagt hat, das wollen wir nicht, aber nicht gut genug, dass man uns das Geld gleich geben wollte. Dann haben wir den Kameramann getroffen. Er hat sofort seine Kamera genommen und gesagt: „Wir drehen jetzt. Ich habe noch ein paar alte Filmrollen. Wir gehen sofort dahin und reden gar nicht darüber.“ Er hat mit uns dann Probeaufnahmen gemacht und unser Produzent hat uns dann ermöglicht, eine Woche zu schneiden. Das haben wir dann noch mal vorgelegt. Und dann lief es eigentlich.

 

critic.de: Wie hat sich der Film beim Schnitt entwickelt?
Schuler: Wir hatten wenig Material gedreht, nur 100 Rollen im Drehverhältnis von 1:10, aber wir hatten eine sehr gute Cutterin. Wir saßen da mit dem sehr heterogenen Material und haben uns gefragt, wie daraus jemals ein Film werden soll. Aber es hat sich in drei Monaten Schnitt gut entwickelt. Eigentlich wollten wir auch erzählen, dass es in den 20er und 30er Jahren viele tätowierte Arbeiter in Deutschland gab. Tattoos waren eine Art Klassenzugehörigkeitszeichen. Karlmann und Herbert hatten noch diese tätowierten männlichen Arbeiter in ihrer Erinnerung. Viele hatten kommunistische Symbole auf der Haut. Die Nazis haben sie dann in KZs abtransportiert und nach dem Krieg waren sie alle verschwunden. Tätowieren wurde als nicht passend für die deutsche Volkshygiene angesehen. Das ist der Grund, warum es für Karlmann und Herbert solange dauerte bis sie ihr erstes Tattoo bekamen: Am Anfang waren sie zu jung und später gab es keine Tätowierer mehr. Aber diesen soziologisch-kulturellen Hintergrund kann so ein Film gar nicht leisten. Wir haben uns dann ganz auf die Personen konzentriert.

critic.de: Sie haben Flammend’ Herz erst kurz vor der Berlinale fertig gestellt.
Schuler: Wir konnten gar nicht loslassen, also hat der Produzent die Entscheidung getroffen. Heute bin ich froh, dass er sie getroffen hat. Ich wollte gar nicht aufhören. Aber dann hätten wir natürlich auch nie die Chance gehabt, auf das Festival zu kommen und nie den Preis gewonnen. Die letzten Tage vor Abgabe haben wir dann einfach mit dem Gerüst gearbeitet. 

critic.de: Wie würden Sie den Film in einem Satz beschreiben?
Ruts: Ein Ausflug in eine außergewöhnliche Welt.
Schuler: Ein Film über drei Menschen, die es geschafft haben, ihren Traum zu leben.

Externe Links:

Memoria Pulp: der Verlag von Andrea Schuler und Oliver Ruts

Infos zum Soundtrack von den Death Brothers

Kommentare zu „Das Handwerk des Tätowierers ist das Filmemachen“

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