„Danach waren alle fix und fertig“

Interview mit Regisseur Matthias Glasner und Jürgen Vogel zu Der freie Wille

Auf der diesjährigen Berlinale mischten sich schon in den Premierenapplaus vereinzelte Buhrufe: Der freie Wille ist ein Film, der so brutal beginnt wie er endet, und der mit seiner möglichst realistisch inszenierten Gewalt schockieren kann. Hauptdarsteller Jürgen Vogel erhielt unter anderem für seine Darstellung des Vergewaltigers Theo den Silbernen Bären. Critic.de traf Regisseur und Schauspieler, die beide am Drehbuch arbeiteten und ko-produzierten, in Hamburg zum Interview.

critic.de: Herr Glasner, Sie haben bei diesem Film viel selbst gemacht: Drehbuch, Kamera, Regie ...
Matthias Glasner: Es war schwer, es so durchzusetzen, weil alle Fernsehsender und Filmförderer die Augenbrauen heben, wenn der Regisseur selber Kamera machen will. Aber es war klar, dass ich einen Film machen wollte, bei dem es in erster Linie um Intimität geht, um eine größtmögliche Nähe zwischen den Menschen auf der Leinwand und den Menschen davor. Und das geht am besten, wenn möglichst wenig dazwischen ist.

Wie stellt man das her?
Matthias Glasner: Normalerweise steht in einem Raum, in dem wir filmen, ein Team von vierzig Leuten. Natürlich schafft das eine Aura von Distanz. Während wir so gedreht haben: Da waren nur ich und Sabine [Sabine Timoteo, die Darstellerin der Nettie] und Jürgen. Das fühlte sich für die Schauspieler gar nicht an, als ob wir drehen. Wir haben gelacht, geredet, dann habe ich die Kamera angemacht, und wir flossen so in die Szene rein.

Was passiert dabei mit den Zuschauern?
Matthias Glasner: Der Zuschauer erlebt das ganze nicht so sehr wie einen normalen Kinofilm, in dem ihm eine Geschichte erzählt wird, sondern er lebt mit diesen Figuren für zwei und eine dreiviertel Stunde mit. Das ist, als ob man im Leben Menschen kennenlernt, mit denen man Zeit verbringt. Und das sind zufälligerweise sehr extreme Menschen.

Wie ist denn die Wahl auf diese Figuren gefallen? Dass sich ein Vergewaltiger und eine mutmaßlich missbrauchte Frau lieben lernen, ist schon ein sehr extremer Fall.
Matthias Glasner: Das sind zwei Menschen, für die es sehr schwer ist, Nähe herzustellen. Und das ist genau der Grund, warum die beiden miteinander können. Nettie sagt irgendwann: Das hat keinen Zweck, ich mag keine Männer. Darauf antwortet Theo: Das trifft sich gut, ich mag Frauen auch nicht besonders. Genau da ist der Moment, wo die beiden eine Chance haben. Denn er will nicht bedrängt werden von der Sexualität von Frauen, das macht ihm Angst. Sie will nicht bedrängt werden von diesem Machtanspruch der Männer. Beide wollen nichts voneinander. Dadurch können sie sich öffnen, deshalb sind die auch gut füreinander.

Es gibt viele Szenen, in denen Theo Klimmzüge macht, Kampfsport betreibt. Es wirkt, als wappne er sich für den nächsten Kampf.
Jürgen Vogel: Es sollte kein Thriller-Element sein, keine Aufrüstung im Kampf gegen die Frau. Sondern unsere Recherche hat ergeben, dass dieses Männlichkeitsritual oder diese Suche nach Männlichkeit ein großes Thema ist. Aber auch der Selbstkampf: Etwas bis zur Erschöpfung tun und das Gefühl haben, dass das eigentlich nichts hilft. Und der Versuch, sich zu disziplinieren, Gewalt unter Kontrolle zu bringen.

Gab es bei der Darstellung der Vergewaltigungsszenen so etwas wie schauspielerische blinde Flecken? Das ist ja etwas, was über das hinausgeht, vermute ich, was man ganz normal aus sich selbst schöpfen kann.
Jürgen Vogel: Ich mache mir nicht vorher über den Kopf Gedanken: Wie macht diese Figur das? Sondern ich stelle mir vor: Das ist mein Raum, in dem ich mich bewege, also tue ich das jetzt. Und dann gibt es nicht soviel Kopf, sondern einfach das Machen. Und da kann ich nicht sagen, dass es blinde Flecken gab, sondern einfach: Da bin ich mit dieser Figur zusammen diesen Weg gegangen. Um Zugang zu finden, brauche ich was anderes als die Tat. Ich kann ja nicht sagen, wenn mich jemand fragt: Was spielst du da? - Ich spiel' einen Vergewaltiger! Sondern: Ich spiele Theo Stoer. Das ist ein Mensch.

Wie muss man sich die Vergewaltigungsszene praktisch vorstellen?
Jürgen Vogel: Euch interessiert das aber auch extrem!

Ja, natürlich - die war schockierend.
Jürgen Vogel: Ja, die war schockierend. Ich habe gar kein Problem, drüber zu reden. Ich merke nur so einen extremen Fokus. ... Es war schlimm. Es war schwierig und schlimm, und wir haben Regeln dafür gefunden, wo wir gesagt haben: Wie machen wir das, dass wir während dieses Drehs nicht wirklich bestimmte Grenzen überschreiten? Jemanden psychisch verletzen vor allem. Ich habe gesagt: Pass auf, wenn ich irgend etwas mache, was du nicht willst, dann lass uns ein Wort finden, wo ich weiß, jetzt höre ich auf. Bei so einer Situation kannst du nicht sagen: Hör auf! - Das bringt gar nichts. Also haben wir uns so was wie "Osterhase" überlegt. Und das funktionierte gut. Anna [die Darstellerin Anna Brass] wusste, worauf sie sich da eingelassen hatte, und sie wollte das auch.

War die Entscheidung chronologisch zu drehen vorher schon Konzept?
Matthias Glasner: Sehr bald. Weil es so viele offene Fragen gab. Ich habe noch nie einen Film gemacht, in dem es so sehr um Sachen geht, die ich nicht wirklich verstehe, die ich auch nicht analysieren kann. Wo ich dachte: Wir können nur versuchen, das zu durchleben und zu gucken, was es mit einem macht. Ich wusste während des ganzen Drehbuchschreibens nie genau, wie es ist, wenn man vergewaltigt hat. Ich wusste auch nie, wie es sich als Zuschauer anfühlt, wie diese Sequenz wohl aussehen würde. Kann man danach überhaupt noch was erzählen? Oder macht der Zuschauer so zu, dass gar nichts mehr geht? Davor hatte ich große Angst. Deswegen habe ich gedacht, wir müssen die Szene zuerst drehen, ich muss sie mir erst angucken, und dann kann ich weitermachen.

Herr Vogel, wenn man chronologisch dreht, gerät man stark in die Geschichte hinein. Konnte man da abends wieder herauskommen?
Jürgen Vogel: Das geht mit so einem Vertrauen. Dieses Team war sehr klein: fünfzehn Leute am Set und zwei im Büro. Die sind alle als Menschen durchgegangen, nicht als "Kamera", "Regie", "Schauspieler"... Es ist wahnsinnig viel an Gesprächen entstanden. Auch wenn man das nicht denkt: Mit diesem Team waren die wildesten, schönsten Partymomente meines Lebens. Man hat sich als eine Truppe gesehen, die gemeinsam auf eine Reise geht. Da kam automatisch auch die Entspannung, und dass man abends noch mal gesessen hat, gelacht hat und wusste: Am nächsten Tag machen wir weiter an diesem Projekt, wo jeder seinen speziellen Grund hat, mitzumachen. Welcher das war, ist auch für jeden anders gewesen. Es waren zum Beispiel wahnsinnig viele Frauen im Team.

War das Ende so geplant?
Matthias Glasner: Nein. Das Ende stand auch so nicht im Drehbuch. Jürgen wollte das. Ich hätte gern ein offenes Ende gehabt. Aber am Schluss sagte Jürgen: Ich kann nicht mehr.

Theo sagte das.
Matthias Glasner: Jürgen-Theo - da gibt es eine große Gemeinsamkeit zwischen den beiden. Sabine hat das erst einen Tag, bevor wir den Schluss gedreht haben, erfahren. Sie hat sich furchtbar aufgeregt, hat gesagt: Das kannst du nicht machen, Matthias! Ich setz' mich nicht daneben, wenn er sich die Pulsadern aufschneidet! - Sie hat mich gehauen. Da habe ich gesagt: Dann geh' halt. Sie weiß ganz genau, dass sie ihn auch nicht mehr retten kann, dass sie die Kraft nicht hat. Und deswegen sitzt sie dann neben ihm, weglaufen konnte sie nicht. Weil sie ihn liebt. Das ist furchtbar. Das war für Sabine unglaublich - diese Schreie, die sie am Schluss ausstößt, die sind echt. Das ist der Ausdruck fundamentalen Nicht-Handeln-Könnens. Das haben wir nur einmal gedreht. Danach waren alle fix und fertig.

Hat man beim Drehen auch die Überlegung, wie der Film nachher moralisch beurteilt wird? Oder wie löst man sich davon?
Matthias Glasner: Indem man sich immer wieder sagt: Wir machen hier einen Film über zwei Menschen, nicht über ein Thema. Und wir machen keine generellen Aussagen über etwas. Der ganze Film ist kein Problemfilm, kein sozialkritischer Film. Niemand muss einem sagen, dass es schlimm ist, wenn man vergewaltigt. Das muss ich nicht betonen.

Ich hatte das Gefühl, Der freie Wille wurde teilweise sehr emotional aufgenommen. Und die Leute haben das, was sie selbst erlebt haben, auf den Film projiziert.
Matthias Glasner: Ganz genau. Das ist ein Thema, zu dem wir alle Gefühle und Haltungen mitbringen. Manche sind verdeckt. Es gibt auch Leute, vor allem Frauen, die den Film ablehnen, weil sie sagen: Warum muss man so etwas drehen? Wieso beschäftigt der sich überhaupt so lange damit? Da merkt man immer noch ganz viel Angst davor, sich dem anzunähern. Interessant ist nur, warum diese Menschen trotzdem reingehen. In Mannheim kam auch von einer Frau die Frage: Warum muss ich mir das angucken? Ich sagte: Mich würde interessieren, warum sie heute hergekommen sind.
Jürgen Vogel: Dieser Film macht nur Sinn für Leute, die über dieses Thema überhaupt etwas hören wollen. Die das lesen und sagen: Das möchte ich jetzt sehen! Es kann sein, dass es mich wahnsinnig anstrengt. Es kann aber auch sein, dass es mich wahnsinnig berührt.

Herr Glasner, Sie haben sich sieben Jahre lang mit dem Thema beschäftigt. Gab es einen Punkt, an dem Sie gedacht haben, das geht alles gar nicht?
Matthias Glasner: Immer wieder. Das macht einfach keinen Spaß. Man beschäftigt sich ständig mit diesem unendlich furchtbaren Thema Vergewaltigung. Ich wollte das zwischendurch immer wieder wegschmeißen und habe gesagt: Ich will schöne Filme machen! Ich kam aus Lost in Translation, ich fand den Film ganz wunderbar, wahnsinnig berührend. Ich habe zu meiner Freundin gesagt: Ich schwöre dir, ich schmeiße noch heute Abend das Drehbuch in den Papierkorb! Aber es ging nicht. Es lässt einen nicht los.

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