Sommer vorm Balkon
Andreas Dresen setzt dem Berliner Helmholtzplatz ein Denkmal. Unterstützt von Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase und einer brillanten Schauspielcrew zeichnet der Regisseur leichter Hand das pointierte Portrait der intensiven Freundschaft zweier ganz normal starker und zerbrechlicher Frauen.

In der urig versifften Altberliner Eckkneipe am Helmholtzplatz ist der forsche und drahtige LKW-Fahrer Ronald (Andreas Schmidt) durchaus so etwas wie ein Womanizer. Nicht nur die Bardame Tina (Stefanie Schönfeld), auch die befreundeten Nike (Nadja Uhl) und Katrin (Inka Friedrich) buhlen um seine Gunst. Nike zieht vorübergehend das vermeintlich große Los und weiß schließlich irgendwann zu berichten, er sei wirklich gar nicht so verkehrt, der verkappte Agrartechniker, auch wenn man ihn nun wirklich nicht als „verbalen Ficker“ bezeichnen könne. Nur mit seinem Namen ist das so eine Sache – wer kann schon Ronald und Roland auseinanderhalten?
Andreas Dresen hat ein Händchen für gute Stoffe. Nach Christoph Heins Willenbrock (2005) nimmt er sich nun eines Drehbuchs der DEFA-Ikone Wolfgang Kohlhaase (Solo Sunny, 1980) an.

Mit Halbe Treppe (2002) hatte der Regisseur sein Konzept des bereits im Fernsehfilm Die Polizistin (2000) entwickelten semidokumentarisch anmutenden Handvideokamera-Stils bis ins Extrem ausgelotet. Ähnlich wie bei Der Sohn (Le Fils, 2002) der belgischen Regiebrüder Dardenne wirkte es zum Teil, als stießen die Schauspieler jeden Moment an die Kamera; reale Settings, eine Mischung aus Schauspielern und Laiendarstellern, zum Teil improvisierte Szenen und das technische Material vermittelten den Eindruck erstaunlicher Authentizität. Mit L’enfant (2005) blieben die Dardennes ihrem Stil treu, und dennoch entwickelten sie ihre Filmsprache weiter, noch extremer wurden Schnitte inmitten einzelner Handlungssequenzen vermieden. Nach dem Zwischenschritt Willenbrock, einer auf Film gedrehten Tragikomödie, die die Intensität der frühen Filme in einer allerdings stärker choreographierten Szenerie beibehielt, folgt Dresen nun, den Dardennes ähnlich, in seinem neuesten Film den Schauspielern an realen Schauplätzen und erzeugt somit ein besonderes Lokalkolorit. Die Kamera bleibt nah an den Figuren, wirkt jedoch distanzierter, da sie eher außerhalb als innerhalb des Handlungsraums platziert ist.
Herr Neumann sitzt apathisch in seinem Bett, die Windeln müssen gewechselt werden. Der Greis meint, zur Schule gehen zu müssen. Auch Helene, die Akkordeonspielerin, hat nicht nur ihre Macken, sondern zusätzlich noch eine nervend quengelnde Tochter. Und Oskar sucht ständig den Kaffee, wenn er nicht gerade konzentriert im Bad beim Urinieren die Motorik zu kontrollieren sucht. Dieser Tristesse widmet sich Nike tagtäglich mit einer gesunden Mischung aus Fürsorge und Distanz. Ihre Sommerabende verbringt sie mit Freundin Katrin auf dem Balkon, der eine wunderbare Aussicht über den Helmholtzplatz bietet. Während sich in diesem Teil des Prenzlauer Bergs, dem Gebiet mit dem höchsten Schwangerenanteil der Nation, vor allem Künstler und Neureiche heimisch fühlen, stellt Nike als bescheiden lebende Urostberlinerin eine Art Überbleibsel dar. Mit ihrer vor Jahren aus Freiburg hinzugezogenen Freundin verbindet sie ein schlichtes Gemüt mit dem ebenso schlichten Wunsch, beizeiten etwas Gutes zu tun und vor allem auch selbst einmal vom Glück geküsst zu werden. Bleibt dies aus, muss der Alkohol am Abend die trostlose Realität verkleiden.

Probleme mit dem anderen Geschlecht, dem wenigen Geld, der Arbeitsstelle, Familie und Gesundheit. Die Frauen durchleben in diesem Sommer so ziemlich das, was einem jeden Ottonormalverbraucher ständig widerfährt. Gerade der Wiedererkennungswert in den klischeefrei entwickelten Szenen trägt zum Charme dieses Filmes bei. Dresen, als gebürtiger Geraner und durch die Wahl seiner Drehorte zum Teil als so etwas wie das Sprachrohr Ostdeutscher Befindlichkeit betitelt, verbindet meisterhaft Tragik und Komik im Banalalltäglichen. Wenn Katrin das wichtige Lebensmotto „don’t dial drunk“ vernachlässigt und ihren Exmann am Telefon beschimpft, hat das für sie und den Zuschauer durchaus Witz. Doch schnell schlagen diese Momente um und portraitieren eine Frau, die den Nöten und Schmerzen ihrer Existenz immer häufiger nicht gewachsen ist.
Die bereits in Willenbrock bestechende Inka Friedrich trägt diesen von scheinbar leichter Hand aber mit faszinierender Präzision geschriebenen und inszenierten Stoff mühelos selbst. Ihr Portrait der 39 1/2 jährigen muss sich selbst vor solch Ausnahmedarstellungen wie Gena Rowlands’ A Woman under the Influence (1974) nicht verstecken. Mit einem offen männlichen Blick setzt Dresen auch ihre Attraktivität ins Licht, was in der Kombination mit einigen Kamerablicken auf die Figur Nadja Uhls einen Bruch zu seinen früheren, auch äußerlichen Durchschnittsfiguren darstellt. So wirkt vor allem die bildhübsche Blondine manchmal gewollt in ihre Schicksenklamotten- und Umgebung platziert, was der penetrante einstudierte Berliner Dialekt noch unterstützt.

Der vor allem durch Dresens Filme bekannt gewordene Mime Axel Prahl zeigt sich diesmal nur in einem Cameo-Auftritt, wird aber unnachahmlich durch Andreas Schmidt ersetzt. Schon als Strombergs alter Kumpel und Musikpromoter Theo verhalf Schmidt der gleichnamigen Fernsehserie zu einer ihrer besten Folgen. Hier gelingt es ihm, mit seinem Ronald den nuanciert gezeichneten und intensiv verkörperten Frauenfiguren in nichts nachzustehen. Sein aus proletarischer Polemik, Don Juanschem Augenzwinkern, klassischem Machismo und bauernschlau-hintergründigem Witz bestehender Humor verleiht diesem vielschichtigen Werk eine ausdrucksstarke Stimme mit Nachhall.
Kritik von Sascha Keilholz
Fotos: © X-Verleih
Veröffentlicht am 21.12.2005
Film-Angaben:
Titel: Sommer vorm Balkon (Sommer vorm Balkon)
Deutschland 2005
Laufzeit: 110 Minuten
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase
Produktion: Peter Rommel
Darsteller: Inka Friedrich, Nadja Uhl, Andreas Schmidt, Stefanie Schönfeld, Christel Peters, Kurt Radeke
Kinostart: 05.01.2006
Verwandte Filme:
- Whisky mit Wodka - Deutschland 2009; Regie: Andreas Dresen
- Wolke 9 - Deutschland 2008; Regie: Andreas Dresen
- Willenbrock - Deutschland 2005; Regie: Andreas Dresen
DVD-Angaben:
Titel: Sommer vorm Balkon
Vertrieb: Warner Home Video
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 0 Minuten
Extras: Biografien
Verleih ab: 25.08.2006
Verkauf ab: 25.08.2006
Kommentare
Chris
Dienstag, 31-07-07 00:24
Christoph Stolzenberger
Dienstag, 18-04-06 13:49
Toller Film! Alleine Ronald/Roland... und seine Begründung, warum er drei Kinder hat, dass ist ein "Monolog" für die Ewigkeit.
Joachim Stein
Montag, 17-04-06 00:23
Beim Lesen der Kommentare überkommt MICH Unverständnis. Der Film hat sicherlich nie vorgehabt, tiefgründig zu sein. Wir platzen hinein in das volle Leben der Protagonisten und - wie der Zwischentitel "Und so weiter..." gegen Ende deutlich macht - verlassen diese Figuren einfach wieder. Dazwischen habe ich mit den Menschen und den Situation ebenso viel gelacht wie mir Tränen in den Augen standen. mehr ...
Stefan Fendrich
Dienstag, 31-01-06 10:51
Sommer vorm Balkon Der Film von Andreas Dresen beginnt mit einer Szene, die den Zuschauer sofort mitten hinein nimmt in den Alltag des neuen Jahrtausends. Katrin, gespielt von Inka Friedrich, sitzt einem mittelalten Mann gegenüber, der sie über ihre Stärken und Schwächen befragt: ein Vorstellungsgespräch. Katrin agiert äußerst unsicher und nervös. Die Kamera geht in die Totale und der Zuschauer mehr ...
birgit
Dienstag, 24-01-06 10:25
mit komödie hat das nichts zu tun, spuren von flachem humor vorhanden. würde es eher als ein oberflächliches drama bezeichnen, mit einer anhäufung möglichst vieler, nicht zwingend zusammenhängender einzelsituationen. absolutes unverständnis über die positiven kritiken.
Niena
Donnerstag, 19-01-06 01:56
Ich habe so meine Problemchen bei den ganzen "Maga-Kracher-Komödien" herzhaft zu lachen, bei Sommer vorm Balkon konnte ich es! Ein sehr unterhaltsamer Film mit wirklich guten Schaupielern!
as
Sonntag, 15-01-06 11:21
Nach dem Verlassen des Kinos: völliges Unverständnis über die guten Kritiken!!! Der Film ist belanglos, unpoetisch, langweilig und nun wahrlich überhaupt nicht komisch. Das muß ein grundsätzliches Problem in der Wahrnehmung mancher Kinobesucher sein, der auch dazu führt, dass Urheber schlechter Kritiken in manchen Foren als Hollywood-versaute Mc Doof Konsumenten verwünscht werden. Ärgerlich mehr ...
Shib
Samstag, 14-01-06 03:00
Leider löst dieser film in meinen augen nur verwunderung aus. die charactere mögen zwar gut gespielt wurden sein, aber ich finde die story zu klischeehaft (oder spielt sie deswegen auch in berlin?), und überladen. es war eine nette idee mit den laiennebenschauspielern, aber der einzigste glanzpunkt war hier wohl christel peters als helene.
Caroline
Dienstag, 10-01-06 13:20
Wider meinen Erwartungen Gott-sei-Dank keine deutsche Komödie, sondern ein ‚echter’ Film, klug beobachtet, menschlich erzählt, mitfühlend im besten Sinne (compassionate). Und vor allem absolut fantastische Schauspielleistungen von allen. Relevanter und einfach ‚echter’ als noch ein bemühter Drittes Reich Aufarbeitungsfilm mit Katja Riemann und der anderen dunkellockigen.
Ellen
Dienstag, 10-01-06 08:35
Ich bin regelrecht depressiv geworden beim zuschauen. Wie kann man diesen Film als Komödie bezeichnen?
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Viele Filme regen zum nachdenken an. Dieser auch, wie ich finde! Das Verhalten und der Respekt gegenüber älteren Menschen, der Umgang mit Alkohol, mit Kindern, in der Großstadt leben, neue Partner,.....dieser Film hat es getan! Ich fand ihn gut.