Sin City
Mit konsequenter Ästhetik will Sin City eine moralische Geschichte erzählen, in der alles schwärzer ist als im Film Noir. Das Blut fließt reichlich, aber in schwarz und weiß, nur selten gelb oder rot.

Aus der Masse der in den letzten Jahren immer zahlreicher werdenden Comicverfilmungen, die meisten, von Spiderman (2002) über Elektra (2005) bis hin zum neuen Batman Begins (2005), auf Superhelden-Geschichten basierend, ragen Versuche heraus, die die Ästhetik anspruchsvoller Comics nahezu ohne Abstriche auf die Leinwand zu transferieren versuchen.
Für dieses Unterfangen sind die Möglichkeiten entscheidend, die computergenerierte Bilder neuerdings eröffnen. Mit Immortal (2004) versuchte sich jüngst Comiczeichner und Regisseur Enki Bilal daran und hatte zumindest in der Hinsicht Erfolg, dass sich die Bilder des Films ohne Probleme als Panels aus seinen Comics vorstellen ließen.
Auch an der hauptsächlich von Robert Rodriguez verantworteten Verfilmung des Comics Sin City wurde Autor und Zeichner Frank Miller selbst als Mitregisseur hinzugezogen. Das soll wohl den gelungenen Transfer der Comicvorlage in den Film sichern, dem Projekt aber vor allem die Aura größerer Authentizität geben.
Die Comics der Sin City-Reihe erschienen zwischen 1991 und 2000; Rodriguez und Miller haben aus den darin enthaltenen kurzen und längeren Geschichten für den Film drei Episoden herausdestilliert, die in einzelnen Szenen und Momenten nur lose miteinander verschränkt sind.
Marv (Mickey Rourke), ein Schrank von einem Mann, sucht in Basin City, dem Handlungsort des Films, nach dem Mörder der einzigen Frau, die ihm jemals Zuneigung entgegen gebracht hat, und stößt dabei auf einen bestialischen Frauenmörder. Der Polizist John Hartigan (Bruce Willis) hält einen Psychopathen davon ab, ein kleines Mädchen zu ermorden, eine Intrige zwingt ihn dann aber ins Gefängnis. Als er entlassen wird, macht er sich auf die Suche nach der inzwischen erwachsenen Nancy (Jessica Alba), bringt sie damit aber ebenso wie sich selbst in große Gefahr. Dwight (Clive Owen) kämpft mit der Prostituierten Gail (Rosario Dawson) gegen einen Polizisten (Benicio del Toro) und schließlich die Angriffe der Mafia.
Die Welt von Sin City ist schmutzig, von sadistischen Mördern und Perversen bewohnt; ein wenig Hoffnung und Licht ist nur gegen große Opfer zu gewinnen. Millers Comics beziehen sich in ihrer strengen Schwarz-Weiß-Ästhetik und ihrem lakonischen Sprachduktus auf den Film Noir, färben die dort ohnehin schon negative Weltsicht aber noch düsterer; insbesondere ist Sin City äußerst und explizit brutal. Die Bösen sind in diesem Universum so abgründig und jenseits aller Moralvorstellungen – sehr schön ist dabei Elijah Wood als stummer Frauenmörder und Kannibale gegen den Strich gecastet –, dass das nur kaum weniger brutale Morden der Guten wie eine Reinwaschung vom Bösen erscheinen soll. Sin City will so ein morality tale mit den ästhetischen Mitteln des Splatterfilms sein, nur mit weniger Rot.
Eine der wenigen Gewissheiten scheint in dieser Welt zu sein, dass starke Männer gebraucht werden, um die Schwachen zu schützen, und die sind vor allem weiblich. Anders als im Film Noir sind die vermeintlich schwachen Frauen hier tatsächlich schwach – dann zugleich sind sie „Engel“, also unschuldig, blond und schön. Oder sie sind Prostituierte, die aber in der Welt von Sin City einen ganzen Stadtteil zu ihrem eigenen Territorium gemacht haben, das sie mit Schwert und Maschinenpistole zu verteidigen wissen; schön und edel sind sie dennoch.
Dass es sinnvoll sei, wenn sich ein alter Mann für eine junge Frau opfert, scheint noch die konsequenteste Haltung zu sein, die in Sin City vertreten wird; statt Ethik liefert der Film aber nur eine konsequente Ästhetik ab. Die Filmbilder entstanden fast vollständig am Computer, die Schauspieler agierten weitgehend vor leeren Wänden, die Bilder von Basin City wurden nachträglich eingefügt.
Der Film wurde dann fast komplett in Schwarzweißbilder übersetzt. Diese Farbwahl soll nicht nur die Nähe zum Comic herstellen, der sich in zahlreichen Einstellungen immer wieder zitiert findet, sondern natürlich auch den Rückbezug zum Film Noir. Diese ästhetische Haltung genügt aber nicht, um den Film zu tragen; das doch sehr ungewöhnliche Schwarzweißbild verweist zudem immer wieder darauf, wie sehr es künstlich hergestellt wurde – ein Eindruck, der in den wenigen Momenten noch verstärkt wird, in denen das Grau von leuchtenden Farbtupfern durchbrochen wird: den blauen Augen einer Frau, einem roten Kleid. Gelegentlich kippt Sin City auch ins bemüht Komische, wenn etwa ein Auto wie in einem alten Cartoon etwas zu albern über eine Kuppe springt. So recht will sich das nicht ins Gesamtgefüge des Films einpassen.
Dieses postmoderne Spiel mit der Sichtbarkeit der eigenen Produktionsmittel ist sicher gewollt, verweist doch Rodriguez mit zahlreichen Elementen ebenso wie der Episodenstruktur des Films auf seinen Mentor und Freund Quentin Tarantino, der auch als Co-Regisseur einer Szene in Erscheinung tritt.
Sin City ist als ästhetisches Experiment durchaus sehr sehenswert. Das Spiel mit Filmgenres, Gewaltszenen und den Konventionen machohafter Männlichkeit ist in Tarantinos Filmen jedoch origineller, und so kann sich Sin City nie ganz davon lösen, wie ein teurer Epigone von Pulp Fiction (1994) zu wirken.
Kritik von Rochus Wolff
Fotos: © Buena Vista
Veröffentlicht am 17.07.2005
Film-Angaben:
Titel: Sin City (Sin City)
USA 2005
Laufzeit: 124 Minuten
Regie: Robert Rodriguez, Frank Miller, Quentin Tarantino
Drehbuch: Frank Miller
Produktion: Robert Rodriguez, Frank Miller, Elizabeth Avellán
Darsteller: Bruce Willis, Jessica Alba, Clive Owen, Nick Stahl, Rosario Dawson, Benicio del Toro, Elijah Wood, Devon Aoki, Michael Madsen
Kinostart: 11.08.2005
Verwandte Filme:
- The Spirit - USA 2008; Regie: Frank Miller
- Inglourious Basterds - Deutschland, USA, Frankreich 2009; Regie: Quentin Tarantino
- Death Proof - Todsicher - USA 2007; Regie: Quentin Tarantino
- Planet Terror - USA 2007; Regie: Robert Rodriguez
- Das Geheimnis des Regenbogensteins - USA, Vereinigte Arabische Emirate 2009; Regie: Robert Rodriguez
DVD-Angaben:
Titel: Sin City
Vertrieb: Miramax, Buena Vista
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Französisch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1), Spanisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Englisch für Hörgeschädigte, Italienisch, Griechisch
Altersfreigabe: keine Jugendfreigabe
Spieldauer: 119 Minuten
Extras: Making of; Blick hinter die Kulissen
Verleih ab: 15.12.2005
Verkauf ab: 15.12.2005
Kommentare
4artssake
Dienstag, 26-05-09 23:38
Rochus Wolff
Montag, 24-11-08 01:04
Einigermaßen seriöse Quellen vermuten den Start von "Sin City 2", der derzeit als "in production" gelistet wird, nicht vor 2010. Sicher werden wir uns also noch ein Weilchen gedulden müssen.
Andreas Rolver
Montag, 24-11-08 00:47
Weiß schon jemand, wann der neue Sin City 2 rauskommt? Die Geüchteküche ist riesig zu diesem Thema. Auf Youtube gibt es schon einige Fake-Trailer. Teilweise sogar richtig gute. Einfach mal bei youtube nach sin city 2 suchen.
wolf
Dienstag, 27-05-08 13:18
Hallo X?? Bezeichnend dass Du Deinen Namen nicht nennst. Geht es Dir jetzt besser großer möchtegern Lehrmeister. Leute nehmt Ihn nicht allzu ernst! Solche Leute sind im wahren Leben voller Komplexe...aber hier im Net kann man ja den "Dicken" machen*...ggg*
zzzzzzz
Samstag, 23-02-08 22:38
Na ja, was den Film angeht.... ich war von dem Film begeistert. Ich hatte mir danach einen der Comicbücher gekauft und bemerkte sehr schnell, dass die Verfilmung sehr eng an die Bücher gebunden war. Aber nicht nur die Texte sondern auch die Kameraperspektiven entsprechen dem der Bücher. Selbst die Schauspieler, die ja alle sehr bekannt sind, stellen perfekte Kopien der Charaktere des Buches dar. Was mehr ...
Mensch
Donnerstag, 07-02-08 21:18
Man kann das alles auch wirklich übertreiben.
x
Montag, 04-02-08 05:01
Bitte, Kinder, bevor ihr euch hier als Filmkritiker aufspielt und eure ach-so-wichtige, hochprofessionelle Meinung darlegt, LERNT SCHREIBEN! Substantive (ja, Sarah, "Gewaltfilme" ist ein Substantiv) und das erste Wort eines Satzes werden groß geschrieben. Und jeder, der englische und deutsche Begriffe aus dem fast-Fachjargon beliebig vermischt, tut gut daran, beide Entsprechungen zu kennen (Also mehr ...
Sarah Kupczyk
Samstag, 01-12-07 10:37
hallo! ich bin jemand, der gewaltfilme grungsätzlich nicht mag. als mir meine freundin erzählt hat, wir müssen den unbedingt schauen, hab ich mich ihr zu liebe dazu erbarmt. zum glück! der film ist einfach genial, vor allem spielen gute schauspieler mit...lg
Jonas
Dienstag, 13-11-07 19:36
Zum letzten Satz der Kritik .. Sin City und Pulp Fiction sind zu vergleichen wie Dschungelbuch und ein Arnold Schwarzenegger Aktionfilm. Absurd
Max Payne
Sonntag, 14-10-07 14:05
Der Film Sin City war gut gemacht auch die Effekte waren sehr gut dargestellt. Aber der große Haken war die Story! Der Film wird in 3 Storys erzählt aber die Storys haben keinen zusammenhang sie gehen nicht ineinander über. Dies fand ich schade auch das der Film nur in Schwarzweiß ( ab und zu mal ein paar farben ) zusehen ist , ist auch blöd! Der Soundtrack war auch derart miserabel da hat mehr ...
Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen Sie unseren Regeln zu.
- Die besten Filme des Jahrzehnts
- Abstimmung: Bester Film des Jahrzehnts
- Top Ten 2009
- Top Ten 2008
- Einführung








großartige Kritik...auf den Punkt gebracht und ohne schnörkel wichtige Zusammenhänge aufgezeigt! Ich werde nun öfters vorbeischauen