Hard Candy
Ein scheinbar harmloser Internetflirt endet fatal für alle Beteiligten. David Slade nähert sich in seinem Regiedebüt dem schwierigen Thema Pädophilie mit dem Vorschlaghammer.

Grafische Gewalt wird nie im Bildkader gezeigt, sondern in den Offscreen-Bereich gedrängt. Im ganzen Film ist keine nackte Frauenbrust zu sehen. David Slades Erstlingswerk verzichtet auf viele Elemente, die den berüchtigten Klassikern des Revenge-Genres (Death Wish 1 – 5 (1974-1994); Ich spuck’ auf Dein Grab, I Spit on Your Grave, 1978) zu ihrem zweifelhaften Ruf verhalfen. Dennoch ist Hard Candy ein spekulativer, undifferenzierter Exploitationfilm. Und zwar einer der widerlichsten Sorte.
Hayley Stark (Ellen Page) ist eine burschikose Vierzehnjährige, die Zadie Smith liest und Indiepop hört. Zumindest erzählt sie dies ihrer Internetbekanntschaft Jeff, einem Fotografen in den Dreißigern, bei ihrer ersten Begegnung. Hayley begleitet Jeff in dessen Anwesen, obwohl dieser, wie sie selbst sagt, ihr Vater sein könnte. Sie mixt ihm alkoholhaltige Drinks und bietet ihrem Gastgeber an, für ihn als Modell zu posieren. Während des Shootings gerät die Situation außer Kontrolle – zumindest für Jeff.

Im Hintergrund des Cafés, in welchem die beiden sich zunächst treffen, ist das Foto eines seit Monaten vermissten Mädchens zu sehen. Hard Candy ist ein Film über Kindesmissbrauch – oder behauptet dies zumindest. Hayley zu Jeff: „Ich bin jedes Mädchen, das Du jemals missbraucht hast.“ Der politische Anspruch des Plots ist überdeutlich und äußert sich in quälend langen Dialogpassagen, die einem Handbuch einer Hilfsorganisation über Pädophilie entnommen zu sein scheinen. Leider hat der Film über sein Thema darüber hinaus rein gar nichts zu erzählen und nutzt die Problematik ausschließlich dazu, Sadismus in allen Formen zu zelebrieren. Dass die eigentlichen Exzesse meist außerhalb des Bildrahmens stattfinden, erleichtert das Zuschauen nicht. Ganz im Gegenteil, ein wenig Grand Guignol hätte dieser Abfolge von Widerwärtigkeiten als Auflockerung durchaus gut getan.
David Slade ist gelernter Werbefilmer und versteht sein Handwerk. Die Fahrt Jeffs und Hayleys vom Café in das abseits der Stadt gelegene Landhaus sieht aus, als sei sie einer Autoreklame entsprungen. Auch ansonsten ist der Film hervorragend fotografiert. Doch das visuelle Ambiente wird an ein überambitioniertes Drehbuch verschenkt. Hard Candy wäre, dies merkt man dem Film zu jeder Sekunde an, liebend gern eine düstere Charakterstudie, ein Psychothriller oder ein nervenaufreibendes Schauspielerduell und bleibt doch nur von der ersten bis zur letzten Minute eine unreflektierte, stellenweise offen faschistoide Rachefantasie. Exploitationkino ist eben immer dann am Schlechtesten, wenn es sich selbst zu wichtig nimmt.
Kritik von Lukas Foerster
Fotos: © Senator
Veröffentlicht am 19.06.2006
Film-Angaben:
Titel: Hard Candy (Hard Candy)
USA 2005
Laufzeit: 103 Minuten
Regie: David Slade
Drehbuch: Brian Nelson
Produktion: Michael Caldwell, David Higgins, Richard Hutton, Jodie Patton
Darsteller: Ellen Page, Patrick Wilson
Kinostart: 29.06.2006
DVD-Angaben:
Titel: Hard Candy
Vertrieb: Universum Film
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1, DTS 5.1)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: keine Angabe
Spieldauer: 0 Minuten
Extras: Audiokommentar des Regisseurs und des Autors; Audiokommentar der beiden Darsteller
Die Kauf-DVD enthält zwei Discs und folgende zusätzliche Extras: Filmdokumentation (ca. 52 Minuten); Deleted Scenes (ca. 6 Minuten); Featurette (ca. 9 Minuten); Kinotrailer (ca. 3 Minuten); Werbetrailer
Verleih ab: 06.12.2006
Verkauf ab: 08.01.2007
Kommentare
halligalli
Sonntag, 21-06-09 23:59
Uschim aus Berlin
Sonntag, 16-11-08 20:16
Ich finde den Film gut. Er ist nicht zu übertrieben dargestellt und unrealistisch. Natürlich ist er krank was zu einem guten Thriller auch dazu gehört. Aber man zeigt in undeutenden Schritten den Sinn des Filmes. und das ist gut!
moe
Dienstag, 24-06-08 03:46
@jeannie19: Lern lesen! Er spricht nicht über die Kritik sondern über den Spoiler von Oliver. Der Film war einer der Schlechtesten die ich mit Ausnahme einiger Veit-Harland-Werke je gesehen habe. Faschistoid und krank, sonst nichts.
MoeDaHool
Montag, 24-12-07 01:24
Unabhängig davon, ob politischer Anspruch oder dem Zelebrieren von Sadismus, ist dieser Film aus meiner Sicht sehr geil gemacht. Ich bin wirklich einiges gewohnt, vom platten, blutgetränkten Horrorschinken bis hin zu wirklich intelligent gemachten Horror- oder Psychofilmen. Hard Candy hat es geschafft, dass ich mehrere Anläufe brauchte, um diesen Film zu beenden. Das haben vorher keine drei anderen mehr ...
jeannie19
Montag, 19-11-07 20:18
Ich fand den Film am Anfang echt gut und auch immer interessanter, nur nach ner Zeit dacht ich " was kommt jetzt noch?". es war alles schön gemacht, aba der Höhepunkt kam nicht ganz.es wurde immer wieder bis dahin gearbeitet, jedoch war ja einfach nix zu sehen. ich persönlich steh auch nicht so drauf alles zu zeigen, aba irgendwie war mir das ganze doch zu sehr damit verbunden, sich die Kastration mehr ...
unkown
Dienstag, 16-10-07 19:06
Hier nunmal ein Kommentar von jemandem der leider zugeben muss dass er sich in die Rolle des mänlichen Protagonisten aus eigener Erfahrung hineindenken kann. Ich habe mir den Film aufgrund der Thematik angesehn und fand ihn ziemlich gut. Ich kann allerdings nachvollziehen dass einige den Film nicht verstanden haben. vor allem das ende. da es hier ja bereits preisgegeben wurde kann ich ja hier jetzt mehr ...
Feenfleisch
Mittwoch, 15-08-07 23:49
Wenn du noch einmal das Wort Exploitation-Film (ist einfach chic das man ihn runterbringen muss oder?)im Bezug auf "Hard Candy" in dem Mund nimmt platz ich. Scheinbar hast du sehr unter Russ Meyer gelitten, irgendwie aber auch verständlich? Wenn ich lesen: "Leider hat der Film über sein Thema darüber hinaus rein gar nichts zu erzählen und nutzt die Problematik ausschließlich dazu, Sadismus in mehr ...
sarah
Samstag, 04-08-07 14:15
Ich find sie (ellen page) einfach genial...und nicht den film undifferenziert, sondern die kritik oben....öhm, wenn das thema des films pädophilie ist, was bitte will denn der herr foerster dann noch für themen haben..."der film hat darüber hinaus nichts zu erzählen"....soll er das denn? toc..toc.... und widerwärtig ist ja eher das, was wir uns vorstellen, das, was sich in unseren köpfen mehr ...
Daniel
Donnerstag, 02-08-07 20:25
@oliver: Vielen Dank du Idiot. Wenn man das Ende von einem Film in einem Kommentar verraten muss, dann sollte man vorher wenigstens darauf hinweisen. Dann hätte ich nämlich nicht weiter gelesen.
oliver
Sonntag, 24-06-07 14:29
naja, ist ganz ok der film. ABER: ein 32 jähriger Mann verliert 2 x im Kampf mit einem 14 jährigen Mädchen? Ne ! Und warum hat der sich jetzt umgebracht? Schade das ich zu dumm bin um diesen Film wirklich zu verstehen, sonst wäre der Film ziemlich gut. Aber so.......ne
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hallo.. wer noch fragen hat: SPOILER!!!! warum sollte der typ sich umbringen wenn er das mädl nich getötet hat und ne weiße weste hat?... haley ist einfach nur genial und die schauspielerin perfekt gewählt. die dialoge sollen platt sein? dass ich nicht lache..sind sehr tiefgründig ob man ihn gut oder schlecht findet ist mir egal, ich will nur dass ihr ihn versteht. man merkt die psychische mehr ...