Zwischen Welten

Eindeutige Welten zu einfach gedacht.

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Und dann ist plötzlich alles gut. Nach ungefähr einer halben Stunde geht aus dem Nichts ein Zauber der Eintracht über die Handlungswelt von Feo Aladags (Die Fremde, 2010) neuem Film Zwischen Welten nieder. Die deutschen Soldaten um Jesper (Ronald Zehrfeld) und deren verbündete afghanische Miliz unter Kommandant Haroon (Abdul Salam Yosofzai) bereiten in ihrem provisorischen Checkpoint-Lager ein gemeinsames Essen zu, bei romantischer Sonnenuntergangsstimmung und melodischen Piano-Klängen wird unbeschwert zusammen gelacht. Die bis dahin angerissenen Konflikte und kaputten Psychen treten in einer indifferenten Geste der Harmonie zusammen. Ausgelöst scheint dieser Gleichtakt von einem nächtlichen Gespräch zwischen Jesper und seinem jungen Übersetzer Tarik (Mohsin Ahmady), in dessen Verlauf man sich gegenseitig seiner Traumata versichert und in Plattitüden über Sinn und Unsinn dieses Krieges sinniert. Mit Beginn dieses gruselig hölzernen Dialogs ist klar: Jetzt kommt die Zeit des Schablonen-Kinos.

Wenig Zeit für Dolmetscher-Diplomatie

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Dabei hatte es doch durchaus aussichtsreich angefangen. Gut, die prominent gesetzte Parallelität der Verlusterfahrungen hätte bereits misstrauisch machen können. Jesper hat seinen Bruder durch den Dienst in Afghanistan verloren, Tariks Vater wurde als Kollaborateur vor dessen Augen umgebracht – getoppt werden diese Schicksalsschläge später nur noch von Haroon, der gleich zwei Brüder im Krieg verloren hat. Trotzdem: Aladag bemüht sich zu Beginn um Uneindeutigkeit oder zumindest um eine vervielfachte Perspektivität: Nebenfiguren werden eingeführt, am prominentesten Tariks Schwester, die sich aus einer zu Beginn noch unergründlichen Ängstlichkeit jeden Tag vollständig verschleiert auf den Weg in die Universität macht. In streng komponierten Blickwechseln lässt Kamerafrau Judith Kaufmann zuerst die afghanische Bevölkerung, dann die deutschen Soldaten wie eine übrig gebliebene Kulisse in der Wüste rumstehen.

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Die Mitte bildet Tarik, und tatsächlich muss dieser die Distanz zwischen dem hochnervösen Jesper und Haroons Truppe erst einmal sehr konkret räumlich überbrücken, indem er nämlich andauernd hin und her schreitet. Als man sich dann im gemeinsamen Camp, von dem aus ein nahegelegenes Dorf vor feindlichen Übergriffen geschützt werden soll, gegenübersteht, ist Dolmetscher-Diplomatie gefragt. Tarik modifiziert die von gegenseitigem Misstrauen beherrschten Worte der beiden Anführer genau so weit, dass ein Konsens entstehen kann. Kurz wird dieses Sprachspiel, diese semantische Zwischenwelt durch eine präzise Untertitelung (der afghanischen Rede) für den Zuschauer greifbar, auch in ihrem Humor. Doch es bleibt keine Zeit für diese Idee des Übersetzers als eine Art drucksteuerndes Ventil, die Untertitelung wird einfach fallengelassen. Stattdessen schlägt das Schicksal (in Form einer Bombe) ein, und es ist vorbei mit jeglicher diffusen Leichtigkeit.

Gute Soldaten, höhere Gewalt

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Von einigen äußerst unmotivierten und irritierenden Plot Points einmal abgesehen, interessiert sich Zwischen Welten trotz der proklamierten individualpsychologischen Aufladungen auch kaum für seine Figuren. Warum etwa möchte Tarik unbedingt (gerade) nach Deutschland ausreisen? Welcher Art ist der Konflikt, dem Tariks Vater zum Opfer fiel und der nun auch ihn und seine Schwester bedroht? Allein schon der mir bisher fremde und im Film immer wieder benutzte Ausdruck „Arbaki“ als Bezeichnung für die Anti-Taliban-Milizen und die damit verbundene Geschichte des community policing etwa scheint genug interessanten Stoff zu bieten (und Aladag war lange Zeit vor Ort, hat an Originalschauplätzen gedreht). Zwischen Welten jedoch verteilt munter Sticker, mit Klischees und abgedroschenen Sprüchen drauf: „Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit.“ Dazu wird dann keinesfalls gelacht, sondern noch etwas bedeutungsvoller dreingeschaut. Es ist eben auch so verlockend, das Schema des guten Soldaten, der nur aufgrund höherer Gewalten – im Zweifelsfall jener der deutschen Bürokratie – zur schlimmen Tat gezwungen ist. Oder zum Helden wird.

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