Zwischen uns das Paradies

Die Bosnierin Jasmila Žbanic  will in ihrem zweiten Film eigentlich von der Liebe in den Wirren der Nachkriegszeit erzählen. Weil ihr das aber nicht reicht, problematisiert sie nebenher noch ein wenig den Islam.

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Eine Tochter weckt ihre Mutter, beginnt sie zu kitzeln. Die Mutter tut, als spüre sie nichts, dann springt sie auf einmal aus dem Bett und verfolgt ihre Tochter durch die Wohnung, bis beide lachend auf dem Boden liegen. Doch als die Tochter sich über die Mutter beugt und ihre Hände auf den Boden drückt, wird diese auffällig ernst und beendet das Spiel. Später erfahren wir den Grund: Die Mutter ist während des Balkankriegs vergewaltigt worden. Esmas Geheimnis (Grbavica, 2006) von Jasmila Žbanic  hat vor vier Jahren den Goldenen Bären gewonnen, und in dieser Anfangsszene ist bereits ein Teil der Formel für erfolgreiche Berlinale-Filme verwirklicht: die Verbindung einer privaten Geschichte mit einer politisch brisanten Thematik.

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Žbanic s zweiter Film, der seine Premiere erneut auf der Berlinale feierte, beginnt sehr ähnlich. Wieder tauchen wir in die scheinbar glückliche Beziehung zweier Menschen ein, dieses Mal in das Leben von Luna (Zrinka Cvitesic) und Amar (Leon Lucev), einem jungen Pärchen, das angekommen ist im modernen Bosnien. Zwar ist auch hier nicht alles in Ordnung: Die beiden haben Probleme mit dem Kinderkriegen, Amar neigt zum Alkoholismus und wird nach einem verkaterten Arbeitstag ein halbes Jahr vom Fluglotsen-Dienst suspendiert. Doch wie das innige Band zwischen Mutter und Tochter in Esmas Geheimnis scheint auch die Liebe zwischen Luna und Amar trotz dieser Widrigkeiten unzerstörbar. Die Exposition von Zwischen uns das Paradies ist ein schönes und vor allem stark gespieltes Porträt dieser beiden Menschen, das leider bald vom wuchtigen Hauptmotiv des Films beendet wird.

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Ein absurder Autounfall führt Amar mit seinem ehemaligen Mitsoldaten Bahrija (Ermin Bravo) zusammen, der mittlerweile zum Wahabiten konvertiert ist. Amar tut Bahrija einen Gefallen und unterrichtet für zwei Wochen in einer von der Außenwelt abgeschlossenen Wahabiten-Gemeinde. Nach seiner Rückkehr ist er wie ausgewechselt und hält die radikale Unterordnung des Alltags unter die Imperative des Islam für seinen neuen Lebenssinn. Luna, die – wie zuvor auch Amar –einer aufgeklärten Schicht von Muslimen angehört, steht dem harten Wandel ihres Geliebten ratlos gegenüber und beginnt den Kampf um ihre Beziehung. Zu diesem Zeitpunkt hat Žbanic  die eher fragmentarische Stuktur der Einführung längst über Bord geworfen und macht in fast jeder Szene den Fehler, der ansatzweise auch schon bei Esmas Geheimnis zu erkennen war: Sie wird in allen Belangen überdeutlich.

Nun ist das Interesse an diesem kontroversen Thema nicht einfach Ausdruck von Gier nach Aufmerksamkeit durch politische Brisanz. Der wieder erstarkende Islam und die wachsende Radikalisierung eines Teils der islamischen Gemeinde sind innerhalb der bosnischen Gesellschaft tatsächlich ein Thema. Doch es scheint, als wüsste Žbanic  nicht um die Schwierigkeiten bei der Darstellung einer der kompliziertesten Kontroversen unserer Zeit. Wenn sie erklärt, in ihrem Film gehe es nicht primär um den Islam, sondern um die Orientierungslosigkeit der Nachkriegszeit und um die Folgen von Amars Konversion für seine Beziehung zu Luna, dann zeugt das durchaus von Naivität. Religiöser Fanatismus ist mittlerweile ein zu mächtiges Thema, als dass es innerhalb eines Liebesdramas bloß funktionell verwendet werden sollte.

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Es gibt eine Szene, die exemplarisch für das vergebene Potenzial dieses Films stehen kann. Kurz nach Amars Rückkehr in seine alte Umgebung feiert Lunas Familie das islamische Zuckerfest. Amar hatte noch wenige Tage zuvor einer faszinierenden Zeremonie in der Wahabiten-Gemeinde beigewohnt. Jetzt kann er nicht mehr mitmachen bei der verlogenen Frömmigkeit des offiziellen Feiertages. Die Religion ist für ihn ein ernstes Thema geworden und kein Grund mehr zum Feiern. Diese Nachdenklichkeit kann man selbst als „Ungläubiger“ nachvollziehen. Doch die Szene weist auch ansatzweise auf die jener Toleranz innewohnenden Problematik hin: Während wir den Reiz der meditativen Atmosphäre der Wahabiten-Zeremonie nachfühlen können, wissen wir, dass diese Zeremonie innerhalb einer repressiven Gemeinde stattfindet, in der Männer und Frauen auf verschiedenen Seiten einer hohen Mauer leben.

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Žbanic belässt es nun nicht bei der Nachdenklichkeit. Nach einem Streit mit der Schwiegermutter verlässt Amar das Fest und verschließt sich von nun an immer stärker in seinem wiedergewonnenen Glauben. Dieser Prozess trägt teilweise absurde Züge und beutet jedes vorstellbare Islam-Klischee aus. Amars radikale Konversion kommt so irrational daher, dass wir uns die Wahabiten-Gemeinde tatsächlich als eine organisierte Gehirnwäsche vorstellen, Amars Konversion als eine Geisteskrankheit. Diese Art der Darstellung dämonisiert die einzelnen Gläubigen, wie es das strukturelle Problem des Fundamentalismus verharmlost. Innerhalb der Handlung verfehlt das Motiv zudem seine Wirkung als Beziehungsprobe für Luna und Amar, weil es ständig von ihnen ablenkt. Žbanic  will das Fundamentalismus-Problem benutzen, es der Liebesgeschichte unterordnen, will es darstellen, ohne wirklich etwas darüber zu sagen. Doch mit dem Auftritt Bahrijas und seiner Burka tragenden Frau steht der Islamismus im Mittelpunkt und lässt sich nicht mehr zurückdrängen. Amars Auto trägt von dem Unfall nur eine Delle davon, der Film erleidet einen Totalschaden.

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Kommentare


M. Imamovic

Na ja, das sehe ich nicht so. Ich denke, dass Sie sich ein wenig in problematik der in Bosnien lebenden Muslime einfühlen müssen.

Ich bin selber Muslime aus Bosnien und bin wie Sie sagen "aufgeklärt". Es läßt sich aber nicht abstreiten, dass selbst für uns Muslime in oder aus Bosnien die Wahabitenbewegung befremdlich und angsteinflössend ist. Bis Ende der neunziger Jahre wussten weniger als 20% der bosnischen Muslime, was Wahabiten sind. Da diese Bewegung jetzt aber aktueller wird, finde ich die Präzision von Jasmila Zbanic auch angebracht. Nur wer die Details kennt, kann sich eine Meinung bilden. Man sollte solche ernsten Themen nicht nur oberflächlich behandelt, und schnell ein Urteil fällen. Ich finde schon, dass der Film auch eine aufklärende und abschreckende Funktion einnimmt. Ich persönlich fühle mich von diesem Fanatismus angewidert. Es zeigt, dass Menschen in Notlagen, psychisch angeschlagene oder mit einfacher Schulbildung, die besten Opfer für jegliche Sekten, radikale Gruppierungen, Dealer etc. sind. Ich fühle mich unwohl wenn mir solche Leute auf der Strasse begegnen. Der Film zeigt einfach nur die Angst und Befremdlichkeit der Bosnier, welche durch diese aufkeimenden Gruppierungen aufkommt. Deshalb Auto mit Beule, aber Jasmila hat gezeigt was sie kann und daher kein Totalschaden.

Nur zur Verständlichkeit: Ein Aussenstehender ausserhalb des Balkans versteht den Humor und viele Intentionen nicht. Daher bitte bevor solche Kritiken zusammengefasst werden einen coach zur Seite ziehen. Dann kommen sachlicher Kritiken und mehr Verständnis auf. Ich habe den Eindruck, Sie haben den Film nicht verstanden.

Gruß


Till Kadritzke

Erstmal danke für die Kritik, weil sie sicherlich nicht unangebracht ist und eine wichtige Ergänzung zum Text darstellt. Dennoch eine kurze Verteidigung.

Als Filmkritiker Werke aus gänzlich unterschiedlichen Ländern und Kulturen vom eigenen immergleichen Standpunkt aus beurteilen zu müssen, ist eine grundsätzliche Herausforderung, die mal besser und mal schlechter gemeistert werden kann. Ihre Vorstellung eines „Coaches“, also eines Insiders, der sich in der jeweiligen Kultur besser auskennt und die Entstehung einer Kritik begleitet, ist sicherlich ein schönes Ideal, aber nicht realisierbar und vielleicht nicht mal wünschenswert. Denn erstens wäre auch hier immer ein Standpunkt im Spiel, die gewonnene Erkenntnis über Fremdes also ebenfalls durch eine bestimmte Sichtweise gefiltert. Zwar mag so ein „Coach“ ein deutlich größeres Wissen über die jeweilige Kultur haben als ich, ob er aber auch ähnliche Maßstäbe hat, nach denen er ein gesellschaftliches Thema beurteilt, kann ich nicht wissen. Und zweitens kommt dieser Film jetzt in Deutschland in die Kinos und wird daher von einem deutschen Publikum angesehen, das ebensowenig wie ich über Ihre Innenansicht verfügt.

Angesichts zunehmender Islamfeindlichkeit hierzulande und der gebotenen Sensibilität bei diesem Thema, ist mir besonders der letzte Teil dieses Films deutlich zu plakativ geraten, weil er gängige Klischees bedient, die Gesellschaft letztendlich in einen guten und bösen Islam einteilt und den Übergang von einem zum anderen nur als radikalen und irrationalen Bruch darstellen kann. Dies war zumindest mein Eindruck. Sicherlich kann der Film auf eine/n Bosnier/in ganz anders wirken und sogar Aufklärungspotenzial besitzen. Aber dies kann nicht unser Hauptkriterium bei der Beurteilung eines filmischen Werks sein. Ich kritisiere nicht die von Zbanic in ihrem eigenen Land angestrebte Wirkung, sondern die (meines Erachtens zu schlichten) filmischen Mittel, mit denen sie diese erreichen will und die daraus entstehende Wirkung innerhalb anderer Kontexte.

Ich stimmte Ihnen durchaus zu, dass man die Details kennen sollte, um sich über ein Thema eine „Meinung zu bilden.“ Über die Problematik der Wahabiten in Bosnien habe ich dies auch nicht getan, sondern nur über diesen Film. Und diesen kritisiere ich gerade deshalb, weil er mir nicht dabei hilft, eine Meinung zu seinem Thema zu bilden.

Wie gesagt: Ich danke trotzdem für die Kritik und Innenansicht. Die allgemeine Relevanz von guter Recherche würde ich auch betonnen, beim „Coach“ wäre ich hingegen skeptisch.


Claudia

Leider hat mich dieser Film nicht berührt. Mein größter Kritikpunkt ist, dass die Kamera viel zu verliebt in die - zugegeben sehr hübsche Hauptdarstellerin - ist. Ständig machte sich bei mir der Gedanke breit "Sie ist wirklich hübsch". Was dazu führte, dass sich die Handlung immer mehr verwischte. In den letzten Einstellungen war der Eyecatcher Lunas superschicke Jacke. Aus meiner Sicht muss man sich als Regisseur entscheiden, ob man eine Schauspielerin groß herausbringen möchte, oder eine relevante Geschichte zu erzählen hat.






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