Zwei Leben

Nazizeit. Stasizeit. Familie. Wenn das erlogene Leben das echte wird.

Zwei Leben 03

Jede Diktatur sorgt sich besonders um ihre Kinder. Der noch formbare Nachwuchs wird als Menschenmaterial begriffen, das im Dienste einer Ideologie herangezüchtet und manipuliert werden soll – durch Zuwendung plus Propaganda, kontrollierte Aufmerksamkeit oder Gewalt. Das System der Beeinflussung war im Nationalsozialismus perfektioniert. Hier galt es auch, nach Kräften möglichst viele Kinder zu zeugen, die dem Fetisch-Fantasiebild des „Ariers“ entsprachen – oder entsprechend passend gemacht wurden. Ein Instrument dieser Bevölkerungspolitik war der von Heinrich Himmler eingerichtete Verein Lebensborn. Die NS-Wohlfahrtseinrichtung sollte werdende Mütter und ihre Säuglinge unterstützen, darunter auch unverheiratete Schwangere oder Frauen aus den besetzten Gebieten, die das Kind eines deutschen Soldaten erwarteten. Einige dieser Kinder wurden zwecks „Germanisierung“ nach Deutschland verschleppt. Sie wuchsen bei neuen Familien oder in Heimen auf, oft erfuhren sie nie ihre wirkliche Herkunft. Als ob das nicht schon Identitätskonflikt genug wäre, gerieten manche Lebensborn-Kinder später in Ostdeutschland ins Visier der Stasi. Wieder sollten sie neue Biografien erhalten, wieder Träger einer Ideologie werden. Wie lässt sich da ein selbstbestimmtes Leben leben? Wie viel Lüge erträgt die eigene Geschichte? Das ist der Hintergrund von Zwei Leben.

Zwei Leben 02

Der Film spielt in Norwegen, im Mittelpunkt steht die Familie von Katrine (Juliane Köhler) und Bjarte (Sven Nordin). Es gibt eine leicht überforderte alleinerziehende Tochter (Julia Bache-Wiig) mit Baby und eine gutherzige Oma (Liv Ullmann). Der Umgang miteinander ist liebevoll, das Zuhause an der zerklüfteten Küste idyllisch-schön: warme Farben, ein Holzhaus in der weiten Felslandschaft, Sonnenlicht über den Wellen. Doch die deutsche Wiedervereinigung hat auch hier ihre komplexen Auswirkungen, als ein Anwalt (Ken Duken) die Familie aufsucht. Er will eine Wiedergutmachungsklage ehemaliger Lebensborn-Kinder vor den Europäischen Gerichtshof bringen. Und Katrine war so ein Kind. Sie wird plötzlich abweisend, sagt, sie will mit dieser Vergangenheit nichts mehr zu tun haben. Doch dass etwas nicht stimmt, ist den Zuschauern schon ganz am Anfang klar geworden. Denn Zwei Leben ist zum einen ein mit Zeitsprüngen und grobkörnigen Rückblenden erzählter Thriller, der als klassischer Genrefilm mit einer geheimen Reise beginnt, mit Verkleidung und Täuschung. Und zum anderen das Drama einer Frau, die ihre Lügen braucht - eigene, fremde -, um nicht wieder eine Identität und inzwischen auch eine Familie zu zerstören.

Zwei Leben 04

Mit Zwei Leben ist dem Team um Regisseur Georg Maas (Neufundland, 2003) ein spannender, differenzierter Film über deutsche Geschichte und korrumpierte Biografien gelungen. Was ist am Ende „wahr“ und was ist „falsch“ am eigenen Ich? Wer will darüber urteilen? Und wem gilt die Liebe, wenn die geliebte Person nicht ist, wer sie zu sein scheint? Kamerafrau Judith Kaufmann (Vier Minuten, 2006; Wer wenn nicht wir, 2011) findet dafür Bilder, die ab und an auch ihr gewisses Eigenleben haben, sich bewegen, leicht kippen. Georg Maas hat das Drehbuch gemeinsam mit Kaufmann, Christoph Tölle und Ståle Stein Berg geschrieben. Die Vorlage stammt von Hannelore Hippe, die auch weitere Recherchen zum Schicksal der Lebensborn-Kinder in Norwegen beisteuerte. Die gründliche Vorbereitung ist dem Buch genauso anzumerken wie - Gott sei Dank - der Wunsch, nicht alles auszubuchstabieren, einzuordnen und rundzuschleifen. Die widersprüchlichen Emotionen ihrer Figur auf dem Gesicht Juliane Köhlers zu beobachten, ist ein Ereignis. Nach und nach werden ihre Geheimnisse aufgedeckt, doch ein großer unverstandener Rest bleibt zurück. Fesselnder noch als der Fortgang des dramatischen Plots sind die Andeutungen auf die gewaltige Einsamkeit einer mehrfach zerrissenen Biografie – und der verzweifelte Wille, etwas Gutes daraus zu behalten. Die Rolle ist ein Glücksfall für Köhler, und die Schauspielerin ist ein großes Glück für Zwei Leben.

Zwei Leben 01

Das verzwickte Geflecht aus Staatsideologie und Kontrolle, persönlicher Loyalität, Liebe und Selbstbehauptung in der letzten deutschen Diktatur hatte zuletzt Christian Petzold mit Barbara (2012) in Szene gesetzt. In Zwei Leben schwappt der verseuchte Schatten der Geschichte bis ins Europa nach der Wiedervereinigung. Wo er immer noch zu finden ist.

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Kommentare


Katharina Sartor

Die Story ist unvorstellbar und noch unvorstellbarer, da auf Tatsachen beruhend.
Was für ein Filmstoff !!! Was hätte man daraus machen können??!!!
Leider ist nichts daraus geworden. Die Filmmusik ist nahezu unerträglich, ständig wird der Zuschauer mit ansteigender Lautstärke auf einen vermeintlichen Höhepunkt vorbereitet. Das ermüdet. Kaum ein Dialog wirkt authentisch. Nicht eine einzige Szene in der man sich wiederfinden. Mich hat der Film an keiner Stelle berührt. Ich habe die Gefühle der Protagonisten nicht gespürt. Auch die düstere Atmosphäre des hohen Nordens könnte mir dabei nicht helfen. Die Akteure haben ihr allerbestes gegeben, aber auch das macht aus einem gefühlsarmen, humorlosen ,unemphatischen , unauthentischen Drehbuch keinen guten Film. Nicht die Darbietung hat mich traurig und wütend gemacht, sondern die ärmliche Umsetzung dieses genialen Stoffes. Schade. Falls es dennoch zu einer Oskar Nominierung kommt, dann sicherlich wegen der Ehrerbietung an Liv Ullmann . Es ist zu befürchten, dass es der letzte Film dieser großartigen Schauspielerin war. Nazi Filme laufen sowieso gut in Hollywood und jetzt auch noch gekoppelt mit Stasi.
Nochmals. Das Thema ist wichtig, die Schrecken waren grauenhaft und wirken bis in die heutige Zeit nach. Man kann das nicht oft genug zeigen. Umso trauriger, dass es nicht gelungen ist hieraus einen Film zu machen der berührt und nachdenklich macht.






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